Zum Geleit

Franz Gölzenleuchter, Pfarrer und Dekan der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, geht in diesem Buch Spuren jüdischen Lebens nach, die vor Jahrzehnten im Rhein-LahnKreis ausgelöscht worden sind. Spuren, die auf ein jahrhundertealtes, einst blühendes Leben von Menschen jüdischen Glaubens in diesem Landstrich hinweisen. Diese Spuren führen vor allem zu Friedhöfen, Stätten, die an vergangenes Leben erinnern; Leben, das in den dreißiger Jahren zutiefst aufgeschreckt worden ist, dann auseinandergetrieben, der Vernichtung preisgegeben worden ist - damals, als die Juden zuerst diskriminiert wurden, dann vertrieben, die meisten schließlich ermordet.

Gölzenleuchters Band lebt von seinen Bildern. Schöne Bilder darunter, die zum Erinnern einladen, zum Nachdenken und Meditieren. Bilder, die in ihrer Schönheit traurig, melancholisch stimmen, die tief verunsichern und erschrecken lassen über das, was damals in der Mitte unseres Volkes geschehen ist. Da sind die Nachbarn und Mitschüler, der Kaufmann von nebenan, die Lehrerin oder der Bankangestellte ihrer Existenz beraubt worden, darunter viele Freunde, selbst Verwandte. Sie sind alle weg. Allerspätestens, als am 09./10. November 1938 die Synagogen, die jüdischen Gotteshäuser in Flammen standen, spätestens da hätte den Zeitgenossen bewußt werden müssen, worauf das Geschehen hinauszulaufen drohte, daß bald auch die Menschen brennen könnten. Die biblische Geschichte des Kain'schen Brudermords, auf gigantische Weise übersteigert, unsere Vorstellungskräfte an ihre Grenzen treibend.

Viele machen sich heute noch nicht klar, was damals wirklich geschehen ist: daß nämlich mit der Existenz der Juden und dessen, was zu ihrem Leben gehört hat, ein Teil der deutschen Identität mit vernichtet worden ist. Ein Teil der Vielfalt und des Reichtums des Landes, in dem wir leben, ist damals mit umgebracht worden.

In diesem Band sehen wir nur noch die Bilder, die daran erinnern. Schöne Bilder von schattigen Friedhöfen und alten Grabsteinen; von Stätten der Stille, oft mühsam dem Vergessen und Verkommen entrissen. Diese Bilder laden uns ein, auf die Geschichten zu hören, die sie erzählen. Geschichten von Menschen, die hier gelebt haben, jüdischen Glaubens waren, in Gemeinden und Synagogen zusammengekommen sind und ihre Traditionen gepflegt haben.

Diese Bilder gemahnen uns zugleich, um Gottes willen alles zu tun, daß Verbrechen, wie sie damals begangen wurden, sich nicht wiederholen, nicht bei uns und nicht andernorts. Sie laden uns ein, in Frieden mit den Menschen zusammenzuleben, die heute unsere Nachbarn oder Arbeitskollegen sind, aber anders als wir, fremd, mit eigenen Sitten und Gebräuchen.

Ich danke Franz Gölzenleuchter für dieses wertvolle Buch und wünsche diesem eine breite, aufmerksame und erinnerungsbereite Leserschaft.

Darmstadt im November 1997

Kirchenpräsident Prof. Dr. Peter Steinacker