| Landwirtschaft,
Obst- und Weinbau an der Lahnmündung von Herbert Roth Auch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebten in den beiden Lahnmündungsgemeinden noch viele Menschen von der Landwirtschaft; die meisten betrieben jedoch neben einer Kleinfelderwirtschaft Obst- und Weinbau im Nebenerwerb. Wie sehr die Lebensgewohnheiten noch von der Landwirtschaft geprägt waren, geht auch daraus hervor, daß das Lahnsteiner Anzeiger (später Tageblatt) jeden Monat die einschlägigen Bauernregeln abdruckte, Arbeits- und Pflegehinweise für Land- und Obstbau gab, die Wetterverhältnisse am Ort und im Umland - Gewitter, Hagelschlag, starke Hitze und Trockenheit, langanhaltenden Regen, Hochwasser - und besonders die Folgen für Acker-, Wein- und Obstbau beschrieb. Die stetig wachsende Bevölkerung verlangte eine verstärkte Versorgung mit Nahrungsmitteln - vor allem mit Kartoffeln und Brot -, die zu einem guten Teil aus der heimischen Produktion gedeckt wurde. 1866 lebten in Oberlahnstein 3363 und in Niederlahnstein 2709 Menschen. Im Jahre 1900 war die Bevölkerung in Oberlahnstein schon auf 7115 gestiegen, in Niederlahnstein wurde 1911 die Zahl 5000 überschritten. Die Erwerbsstruktur war in den beiden Gemeinden unterschiedlich. In Niederlahnstein arbeiteten viele Menschen in Handwerksbetrieben und in der sich dort gegen Ende des Jahrhunderts ansiedelnden Industrie. Im Jahre 1900 waren in den vier Großbetrieben - Chamottefabrik, Löhnberger Mühle, Drahtwerke und Walzenbetrieb - 586 Personen, zumeist Niederlahnsteiner, beschäftigt. Neben den - aus Tradition - immer noch in der Schiffahrt Tätigen gab es auch eine ansehnliche Zahl Obstbauern, die ihre Erzeugnisse schon seit Beginn des Jahrhunderts ins Ruhrgebiet versandt hatten, in nassauischer Zeit per Schiff, später dann auch mit der Eisenbahn. Bauernvereine, Obst- und Gartenbauvereine, die in beiden Städten gegründet wurden, betrieben Aufklärung über Anbau, Düngung, Verwertung und Versand der Erzeugnisse, vor allem für die Nebenerwerbsgärtner und -winzer. In Oberlahnstein war die Situation durch die Eisenbahn, besonders nach der Anlage des Verladebahnhofs und nach der Jahrhundertwende durch die Erweiterung des großen Güterbahnhofs ein wenig anders. Um 1900 gab es schon mehr als 900 bei der Eisenbahn Beschäftigte. Viele dieser in Oberlahnstein lebenden Eisenbahner besaßen kleine Felder auf den Uferstreifen zwischen den Bahnlinien und den Flüssen, auf denen sie Obst und Gemüse für den täglichen Bedarf und gelegentlichen Verkauf anbauten. Andere unterhielten Weinberge in der Gemarkung oder den Rheinseitentälern. Gerade der Weinbau war in Oberlahnstein ein willkommener Zuerwerb. Für Oberlahnstein weist das Gewerbesteuerkataster für das Jahr 1845 - noch vor dem Eisenbahnbau - 211 "Gutsbesitzer" auf, also Leute, die vorwiegend von der Landwirtschaft auf eigenem Grund und Boden lebten, davon waren 134 ohne Fuhr, d.h. ohne Gespann; im Jahre 1866 waren es immer noch 155, die meisten aber ohne Gespann und im Nebenerwerb. Auch die 138 verzeichneten "Weingutsbesitzer" waren zumeist Klein- und Kleinstwinzer im Nebenerwerb. Die wenigen Oberlahnsteiner Vollerwerbslandwirte, deren Anwesen in der Stadt lagen, hatte ihre Felder dagegen meist auf dem Gebirge, d.h. auf der Höhe hinter Lahneck, auf Todtenthal, am Kreuz, oder auf dem Schafstall. In Niederlahnstein dagegen gab es einen ausgedehnten Obstbau, vor allem in der Gemarkung rheinabwärts nach Horchheim hin. In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurden immer mehr Weinberge mit ihrer unsicheren Ernte, die sich bergabwärts bis in die Gemarkung erstreckt hatten, in Obstgärten und Gemüsefelder umgewandelt. Die Vollerwerbslandwirte hatten dort auch zumeist ihre Getreide-, Mais- und Rübenfelder. Auch die meisten Handwerker bewirtschafteten neben Obstgärten noch Gemüsefelder, denn der Nebenerwerb war nötig, weil der Verdienst aus dem Handwerk für die Familie, den Gesellen und den Lehrling häufig nicht ausreichte. Daß Gesellen und Lehrlinge dabei zur Hand gehen mußten, war selbstverständlich. Da zudem die Preise für Nahrungsmittel im Zeitraum von 1866 bis 1914 stetig stiegen, kam jeder Nebenerwerb aus der Landwirtschaft dem knappen häuslichen Budget zugute. Wenn der Ertrag unter den Obstbäumen nicht vielversprechend war, wurden dort Wiesen und Weiden für Schafe, Schweine und vor allem für die noch zahlreich gehaltenen Ziegen angelegt. Diese Wiesen dienten auch als Futterquelle für die in vielen Haushalten gezüchteten Kaninchen. Der Anbau von Getreide, Rüben und Kartoffeln durch die wenigen hauptberuflichen Landwirte war jedoch nicht sehr ausgeprägt, zumal seit 1878/79 die Kartoffelernte durch den Kartoffelkäfer - den aus Amerika eingeschleppten Coloradokäfer - so sehr bedroht schien, daß das Aufsuchen und Vernichten dieses Schädlings durch eine Polizeiverordnung geregelt werden mußte. Dennoch werden die Ernteergebnisse zumeist als gut beschrieben, wogegen die Erträge aus Wein- und Obstbau wegen der strengen Winter häufig sehr gering ausfielen. Aber auch die Landwirtschaft hatte in den Rheinniederungen ihren natürlichen Feind, das fast jährlich - mitunter zwei- und dreimal - wiederkehrende Hochwasser. 1882 klagte der Lahnsteiner Anzeiger, daß die Hochwasserkatastrophe 320 Morgen der besten Äcker überflutet habe. Die Wintersaat sei völlig vernichtet, die Ackerkrume größtenteils weggeschwemmt, Sand und Steine auf die Felder gespült. Mit einer Ernte sei nicht mehr zu rechnen. Deshalb sahen es die Obst- und Gartenbauvereine als ihre besondere Aufgabe an, die Bevölkerung über geeignete Anbau- und Düngemethoden zu unterrichten. Der Weinbaulehrer Schilling und der Landwirtschaftsdirektor Göthe aus Geisenheim hielten in den 90er Jahren in beiden Städten immer wieder Vorträge z.B. über die Verwertung der verschiedenen Gemüsesorten oder über die Düngung der Hackfrüchte mit Kunstdünger, weil durch Stalldünger allein Höchsterträge nicht zu erzielen seien. Dahinter standen allerdings auch die Interessen der chemischen Großindustrie, die sich in dieser Zeit gerade im Rhein-Main-Raum entwickelte. Für die Getreideernte kaufte der Niederlahnsteiner Ortsverband des Nassauischen Bauernvereins wegen des herrschenden Arbeitermangels, der sich ganz besonders in der Landwirthschaft fühlbar macht, bei der Firma Lanz in Mannheim eine Dampfdreschmaschine mit Selbstbinder und Trieur, einer Maschine zum Trennen von Getreidekörnern und Unkrautsamen, weil das durch den Trieur gereinigte Getreide leichter und zu einem höheren Preis verkäuflich war. Eine Dreschmaschinengesellschaft wurde gegründet, deren Mitglieder Vorzugspreise erhielten. Auch in Oberlahnstein hatte der Landwirt Gerhard Junker 1878 eine Göpelmaschine angeschafft, die er auch andere gegen mäßige Vergütung benutzen ließ. Die Maschine war so stark, daß an einem Tage mittelst derselben 2000 Garben ausgedroschen worden sind. Insgesamt zeigten die Ernteerträge jedoch, daß die Bauern, in alter Tradition verhaftet, vorwiegend für den eigenen Bedarf wirtschafteten. Für die Chancen, die ihnen ein weitläufiger allgemeiner Markt eröffnete, hatten sie noch kein Verständnis. Der Viehbestand war in beiden Gemeinden noch relativ groß, weil durch die Milchverwertung und die Hausschlachtungen die Ernährungssituation verbessert werden konnte. Bei der Viehzählung am 1.12.1900 wurden in Niederlahnstein in 202 Haushaltungen 412 Stück Vieh, darunter 37 Pferde, 104 Rinder, 80 Schweine und 186 Ziegen gezählt. Es wurden auch fast 1100 Hühner gehalten, weil die Eier guten Absatz fanden. 1910 gab es in den Oberlahnsteiner Haushalten 101 Pferde, 321 Rinder, 29 Schafe, 351 Schweine und 1800 Hühner. Seit 1863 wurden jährliche Viehmärkte abgehalten, für die in der weiteren Umgebung geworben wurde. Schon seit Mitte der 70er Jahre war der Viehbestand durch die Lungenseuche bei Rindern und die sogen. Rotzkrankheit bei Pferden und Maultieren bedroht. Die Lungenseuche bei Rindern war schon seit Jahrhunderten bekannt, trat aber seit den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts mit dem Aufschwung der Landwirtschaft in verstärktem Maße in Deutschland auf. Da die Krankheit erst in einem späteren Stadium erkennbar war, wo die Ansteckungsgefahr für die gesunden Tiere schon ein bedrohliches Ausmaß angenommen hatte, erschienen in der Tageszeitung immer wieder Aufrufe des Kgl. Landrates, wonach erkrankte Tiere umgehend zu melden und zu töten waren. Damit die Mittel für eine Entschädigung der Besitzer getöteter Tiere aufgebracht werden konnten, mußten alle Viehhalter eine entsprechende jährliche Abgabe an die Kasse des Communalverbandes leisten. Pro Rind waren 20 Pfg. und pro Pferd oder Maultier 30 Pfg. zu zahlen. Die Pflege der Gemeindebullen war wegen der Rinder- und Kälberzucht von besonderer Bedeutung. In jedem Jahr waren die Gemeinderäte mehrmals mit dem Ankauf, der Fütterung, Unterbringung und Pflege der Gemeindebullen, die auch als Faselochsen bezeichnet wurden, befaßt. In Oberlahnstein wurden die Bullen "Heinz" genannt, woher der Spitzname für die Oberlahnsteiner Bevölkerung stammen soll. Ältere, dienstunfähige Bullen wurden versteigert, Offerten für Neuanschaffungen - auf dem Westerwald oder in Kreuznach, wo es besonders geschätzte Rassen gab - eingeholt. Der Einkauf wurde von Gemeinderäten vorgenommen. Immer wieder kam es zu Klagen über Mangel an Bedienung beim Zuführen der Kühe. Als Grund dafür wurde zumeist die mangelhafte Haferfütterung durch den Halter angeführt, was wiederum Debatten über die Erhöhung des Futtergeldes nach sich zog. In Niederlahnstein betrug 1898 die jährliche Entschädigung für die Versorgung des Gemeindebullen 600 Mark (der Förster hatte ein Jahresgehalt von 900 Mark). Das Sprunggeld für die Benutzung des Bullen konnte allerdings wegen der mißlichen Lage in der Landwirthschaft nicht erhöht werden; es betrug weiterhin 3 Mark, so daß bei durchschnittlich 80 Kühen der Gemeinde ein Defizit von 325 Mark verblieb. In beiden Städten waren auch zwei Gemeindeziegenböcke an Pächter auf die Hand vergeben und das Sprunggeld für auswärtige Ziegen auf 1,50 Mark festgesetzt. Die Tätigkeit der Bullen und Ziegenböcke wurde in sogen. Ziegen- oder Bullen-Sprung-Registern festgehalten, die von den Haltern für die jeweils namentlich genannten Bullen - z.B. Holländer - und Böcke - z. B. Fritz und Friedel - geführt werden mußten. Die Register wurde von einem Tierarzt des Tierzuchtamtes der Landwirtschaftskammer für den Reg.-Bez. Wiesbaden jährlich kontrolliert, wobei es auch zu Beanstandungen kommen konnte. Im Jahre 1924 findet sich beispielsweise folgender Eintrag der Veterinäraztes: Die Böcke sind gleichmäßiger zu verteilen, ein Bock darf nicht mehr als 100 Ziegen springen, 163 ist zuviel. In Oberberlahnstein wurde der Faselochse von der Gemeinde unterhalten und vom Gemeindediener versorgt. Er war in einem Stall im Stadtgraben hinter der Salkellerei eingestellt, wo sich auch die Faselochsenwiese und der Heinzenbungert befanden. Obstbau Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts war der Obstanbau in der Niederlahnsteiner Gemarkung so ausgedehnt, daß das Obst ins Ruhrgebiet und nach Holland verschifft werden konnte. Das war auch am Ende des Jahrhunderts nicht anders. Die Kirschen z.B. wurden auf Schiffen nach dem Niederrhein und nach England verfrachtet, und zwar auf den Radkästen der Schiffe und in hunderten von Körben in eigens dafür hergerichteten Regalen. Hilfreiche Anweisungen für den Versand des Obstes wurden in der Zeitung veröffentlicht. Anstelle von Weinblättern sollten die Obstlagen in den Körben mit frischen Farrenblättern aus dem Wald abgedeckt werden, weil durch den Geruch Insekten ferngehalten und durch den hohen Salzgehalt Fäulnis verhindert werde. In den Gewerbesteuer-Katastern von 1830 bis 1845 werden für Niederlahnstein zwischen 45 und 55 Obsthändler aufgeführt; 1879 waren es noch 29. Aber auch viele Bauern bewirtschafteten Obstgärten oder hatten Obstbäume auf ihren Wiesen und Weiden angepflanzt. Daß daraus dem Fortschritt in der Landwirtschaft auch Schaden entstehen könnte, weil der rationelle Einsatz von landwirtschaftlichen Maschinen behindert werde, ist damals von den Bauern nicht erkannt worden. Auch die meisten Handwerker betrieben Obst- und Gemüsewirtschaft im Nebenerwerb. Bei der Obstbaumzählung am 1.12.1900 wurden in Niederlahnstein 9111 Äpfel-, Birnen-, Zwetschen- und Kirschenbäume gezählt. In der Oberlahnsteiner Gemarkung gab es - z.B. am Rhein entlang - von der Stadt angepflanzte Nußbäume oder nach der Lahnmündung hin - im Heinzenbungert - städtische Obstbaumanlagen, deren jährliche Creszenz auf dem Rathaus versteigert wurde. Viele Obstzüchter, Landwirte und Nebenerwerbsgärtner in Nieder- und in Oberlahnstein waren organisiert im Bauern-Verein oder im Obst- und Gartenbauverein, dessen Vorsitzende in Oberlahnstein Bürgermeister Reusch und später der evangelische Pfarrer Rocholl, ein begeisterter Gärtner, waren. Diese Vereine organisierten für ihre Mitglieder und andere interessierte Bürger Informations- und Schulungsveranstaltungen, zu denen sie Lehrer von der Kgl. Lehranstalt für Obst- und Weinbau in Geisenheim eingeladen hatten. Themen waren vor allem die sachgerechte Pflege der Obstbäume bis hin zum Reinigen, Kalken und Anbringen von Leimringen gegen Raupen und Frostspanner. Schädlinge mußten das ganze Jahr über bekämpft werden, im Frühjahr die Blutläuse in den Apfelbäumen, im Sommer die Raupenplage, im Herbst der Pflaumen- oder Apfelwickler. Als beste Zeit zur Bekämpfung der Monilia-Krankheit (Polsterschimmel) der Kirschbäume wurden die Wintermonate Dezember und Januar empfohlen. In dieser Zeit wurden sie gesäubert und mit Bordelaiser Brühe - einer Kupfervitriol-Kalk-Lösung mit einem Zusatz von Melasse oder ähnlich klebenden Zuckerstoffen - gespritzt. Einer geeigneten Person für den Posten eines Baumgärtners wurde ein Zuschuß für den Besuch eines Obstbau-Cursus in Geisenheim bewilligt. Die Einrichtung einer landwirtschaftlichen Fortbildungsschule, die das Kgl. Landratsamt in St. Goarshausen forderte, wurde allerdings vom Niederlahnsteiner Gemeinderat unter Hinweis auf die bestehende gewerbliche Fortbildungsschule abgelehnt. Dort hätten die jungen Leute hinlänglich Gelegenheit, sich die nötigen Elementarkenntnisse anzueignen. Wenn auch immer wieder Frühjahrsschnee und Frost der Baumblüte schadeten, im Grunde waren die Obsternten dennoch meist reichhaltiger und sicherer als die Traubenlese. Schon 1880 wurden in Nieder- wie in Oberlahnstein Obstbaumzuchtvereine gegründet, die verbilligten Einkauf von Jungbäumen vermittelten und Schulungen für Anbau und Pflege durchführten. Die Erlöse für das Obst waren jedoch recht unterschiedlich je nach der allgemeinen Erntemenge oder der jährlichen Menge der einzelnen Obstsorten. Interessant ist, daß für den obligatorischen Kirmeskuchen die Zwetschen nach Stückzahl verkauft wurden. 100 Stück kosteten 25 Pfg. An Obstsorten wurden neben den etwas empfindlichen Aprikosen und Pfirsichen vor allem Kirschen, Äpfel - der große und der grüne rheinische Bohnapfel, Goldparmäne, auch die weniger haltbare, aber süß-saftige Sorte Schafsnase -, Diels Butterbirne, Zwetschen und Nüsse angepflanzt. Schon 1896 hatte die Polizeiverwaltung in Niederlahnstein mit Zustimmung des Magistrats eine Marktordnung entworfen, wonach jeden Dienstag und Samstag, und wenn auf Dienstag ein Feiertag fällt, am folgenden Tag ein Markt gehalten werden soll. Dort durften außer Vieh alle Erzeugnisse aus der Landwirtschaft, dem Obst- und Gartenbau verkauft werden. Seit den 80er und 90er Jahren wurde in Niederlahnstein auch die Erdbeerzucht erwerbsmäßig betrieben. Und als 1902 der Züchter Josef Böhm die neue Sorte Deutsch Evern einführte, war der große Wurf gelungen. Niederlahnstein wurde in den 20er und 30er Jahren dieses Jahrhunderts zum größten Erdbeeranbaugebiet Westdeutschlands. Bis zu 250 Morgen Erdbeerland brachten den Obstzüchtern gute Erträge. Täglich verließen in der Hauptertezeit 20 bis 30 Eisenbahnwaggons beladen mit Erdbeeren den Niederlahnsteiner Bahnhof. Nach einer kurzen Blühtezeit nach dem 2. Weltkrieg ging die Erdbeezucht in Niederlahnstein zu Beginn der 60er Jahre rapide zurück. Weinbau Der Weinbau hat in den beiden Lahnstädten eine Jahrhunderte alte Tradition. Er machte im 18. Jahrhundert ein Gutteil des Erwerbs der vorwiegend vom Ackerbau lebenden Bevölkerung aus. Aber schon nach 1805 erhielten die Niederlahnsteiner Landwirte die Erlaubnis, ihre wenig ertragreichen Weinberge in Obstkulturen umzuwandeln. Ursprünglich erstreckten sich die Niederlahnsteiner Weinberge von den Hängen an Rhein und Lahn bis in die Gemarkung, wie das noch auf manchen alten Stichen und Zeichnungen zu sehen ist. In den Jahren 1843 bis 1845 werden im Niederlahnsteiner Gewerbesteuerkataster noch etwa zwanzig Weinbergslagen und 143 "Weingutsbesitzer" aufgeführt, die über 8000 Ruten, ca. 80 Morgen, Weinberge in der Größe von einer bis nahezu 500 Ruten Umfang besaßen. Conrad, Jacob und Johann Rosenbach zählten zu den größten Winzern in der Gemeinde. Mancher Straßenname erinnert heute noch an die Weinbergslagen von damals: im Blender, auf der Oberpfort (oberhalb der Holzgasse), im Weyerchen, in Becherhöll, im Machert, aufm Daubhaus, im Mückenberg u.a. Um 1880 gab es noch etwa 25 Hektar Weinberge, die einen Ertrag von 25 Stück weißem und 12 Stück rotem Wein - knapp 450 hl - brachten. In Oberlahnstein zogen sich die Weingärten von der Bergwand hinab in die Thalniederung, dort am Rhein entlang in Richtung Braubach. Ein Lageplan aus der Zeit von 1810/20 nennt: Auf der Höhe (später Wiesengelände zur Lahnmündung hin), auf Dammig (auf Damich), im Horle, in der Pardell; weitere Lagen waren im Kissel (auch vorm Michelstor), vor Lahneck (die dort gelegenen Weinberge des Grafen von Kleist-Tychow umfaßten mit denen des Instituts Taplin etwa 30.000 Stöcke) oder aufm Esel (oberhalb des Oelbergs). In Oberlahnstein gab es um 1880 etwas mehr als 78 Hektar Weinbergsland, auf dem mehr als 90 Stück - knapp 1100 hl - Wein erwirtschaftet wurden. In früheren Jahrhunderten war die Hauptrebsorte der Elbling, auch Kleinberger genannt. Diese Sorte war zwar sehr ertragreich, aber wegen des geringen Säuregehaltes war der daraus gewonnene Wein auch weniger haltbar. Deshalb wurde diese Rebe später durch die widerstandsfähigere Rieslingrebe ersetzt. Besonders in Niederlahnstein gab es auch einige Wingerte mit Frühburgunderreben, die einen beliebten hellen Rotwein, auch Bleichert genannt, erbrachten. Die Winzer stellten den Wein in der Regel selbst her und verkauften ihn auch privat. Später wurden die Wingerte in den Rheinniederungen wegen der häufigen Frühjahrsfröste, die die Traubenblüte empfindlich schädigten, durch Obstbaumanpflanzungen - ähnlich wie in Kestert, Kamp und Osterspai - ersetzt. Denn häufig beklagten die Winzer einen neidischen Herbst, wie das Phänomen benannt wurde, daß nach den Frühjahrsfrösten der eine Weinstock Trauben trug, der nächste nicht. Daß dem Weinbau in Niederlahnstein neben der Obsterzeugung auch in preußischer Zeit noch Bedeutung zugemessen wurde, geht daraus hervor, daß der Gemeinderat am 29. Juni 1876 unter Zuziehung des Feldgerichts und der Weingutsbesitzer eine Polizeiverordnung über die Schließung der Weinberge beraten und verabschiedet hat. Darin wurde die Schließung der Weinberge angeordnet, sobald die Trauben der Reife nahen. Außer den Kgl. Gendarmen und den Traubenschützen, die nach Maßgabe einer Polizeiverordnung der Kgl. Regierung vom 26.8.1868 bestellt wurden, durfte niemand mehr die Weinberge unter Strafandrohung von 9 Mark oder entsprechender Haft betreten. Während der Lese wurden die Öffnungszeiten durch Glockenzeichen bestimmt. Sogenannte Wanderlehrer der Weinbauschule in Geisenheim unterrichteten die Winzer über Pflege und Unterhaltung der Reben und über die Schädlingsbekämpfung, insbesondere über das Spritzen gegen den häufig auftretenden falschen Mehltau (Peronospora) oder das Auftreten der gefürchteten Reblaus. Die Seuche war deshalb so gefährlich, weil sich eine einzige Reblaus in einem Sommer über 6 - 8 Generationen auf mehr als 64 Milliarden Tiere vermehren konnte. Die Bekämpfung war sehr schwierig, da es kein Mittel gab, die Rebläuse zu töten, den Weinstock aber zu erhalten. Die Rebstöcke mußten abgeschnitten und samt Laub und Pfählen verbrannt werden. Dann wurden die Wurzelstöcke möglichst tief ausgegraben, die Löcher mit Petroleum und Schwefelkohlenstoff verfüllt und wieder eingeebnet. Die spaltenreichen Trockenmauern in den Wingerten mußten zudem mit nassem Lehm beworfen werden, damit die Schwefelkohlenstoffdämpfe nicht entweichen konnten. Um die Ausbreitung der Seuche zu verhindern, gab es nur die Möglichkeit, die Weinberge jährlich durch Reblauskommissionen zu untersuchen und festgestellte Reblausherde sofort völlig zu vernichten. Erst durch die Rebenveredelung, als auf das reblausimmune Wurzelstück amerikanischer Reben das Holz von deutschen Edelreben gepfropft wurde, konnte man der Seuche Herr werden. Deshalb beschloß die Stadtverordnetenversammlung in Oberlahnstein im Jahre 1909 eine Staatliche Rebenschule einzurichten. Zur Errichtung von Gebäuden für diese Rebenveredelungsstation wurde dem Staat ein Gelände von 25 Ar zum Kaufpreis von 4600 Mark abgetreten. Für das übrige von der Gemeinde zu kaufende und dem Fiscus auf 20 Jahre mit Vorkaufsrecht zu verpachtende Gelände wurde eine Jahrespacht von 2250 Mark vereinbart. Fast ebenso schwierig war der Kampf gegen andere Schädlinge: den Heu- oder Sauerwurm, der besonders in feuchten Sommern vermehrt auftrat, den Peronosperabefall, auch Aescherich, falscher Mehltau oder Blattfallkrankheit genannt, die man mit einer Kupfervitriol-Kalk-Lösung bekämpfte. In jedem Jahr wurden die Winzer zur Bekämpfung des echten Mehltaus (Oidium Tuckeri) durch dreimaliges Schwefeln aufgerufen. Häufig, aber als weniger gefährlich eingeschätzt, war der Schildlausbefall. Die Schildläuse sollten durch Abreiben der Reben mit einem wollenen Handschuh beseitigt werden. Die Ernteergebnisse im Weinbau waren in den beiden Gemeinden häufig recht gering. Oft wird nur von einem Drittel- oder halben Herbst berichtet, eine die Arbeit nicht lohnende Menge. Schon seit drei Jahren hat es hier keinen ordentlichen Herbst mehr gegeben. Auch die Qualität war meist nicht sehr hoch. Zwischen 65 und 70 Grad Öchsle werden angegeben, in guten Jahren 85 bis 88 Grad, bei dann durchweg sehr geringen Mengen. Da in solchen Jahren der Rhein meist starkes Wasser führte, hieß eine Bauernregel: Großer Rhein, kleiner Wein. In einem schwachen Erntejahr wie 1889 wurden in Oberlahnstein auf 76 Hektar und 75 Ar Weinbergsland 572 hl weißer und roter Wein geherbstet. Deshalb wurde in den 90er Jahren eine regelrechte Aufklärungskampagne für die Rebdüngung mit Kunstdünger durch Vorträge in den landwirtschaftlichen Vereinen und in der Zeitung durchgeführt, weil die Winzer noch große Vorbehalte gegen die Kunstdüngung hegten, obwohl doch Stalldünger kaum noch zu beschaffen sei. Zur Düngung wurden Kali, Phosphorsäure und Stickstoff - letztere in Thomasmehl und Chilisalpeter enthalten - empfohlen. Die Ernteerlöse waren in der Regel gering. Der Traubenpreis schwankte beispielsweise im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts zwischen 6 und 25 Pfg. pro Pfund; ein Liter Wein erbrachte, je nach Jahrgang, zwischen 40 und 75 Pfg. Auch der steigende Obstanbau wurde zu einer Konkurrenz für die Weinwirtschaft, weil die Obstweine - neben dem Bier - zunehmend den Wein verdrängten. In einer Versammlung des Bauern-Vereins im Deutschen Haus in Oberlahnstein im Oktober 1900 wurden die Lahnsteiner Obstbauern von Geisenheimer Fachleuten über die Herstellung und Verwerthung von Weinen aus Äpfeln und Birnen unterrichtet und die Gründung eines Vereins zur Fabrication von Obstweinen angeregt. Die Winzer beschlossen schon früher auf einer außergewöhnlichen Versammlung des Bauern-Vereins in Oberlahnstein am 29.9.1895 mit großer Zustimmung die Gründung eines Winzervereins, aber erst zwei Jahre später kam es dazu. Für Sonntag, den 26.9.1897, nachmittags 4 Uhr wurden durch eine amtliche Bekanntmachung alle Oberlahnsteiner Winzer durch den Bürgermeister zur Gründungsversammlung des Winzervereins Oberlahnstein in das Hotel Deutsches Haus eingeladen. Die Statuten wurden beraten, Vorstand und Aufsichtsrat gewählt. Da die Mitglieder für die Sache des Vereins begeistert sind ..., so eröffnen sich dem jungen Verein gute Aussichten, kommentierte das Lahnsteiner Tageblatt. 1898 wurde dem Winzer Wilhelm Löhr für den Oberlahnsteiner Winzerverein in der Oststraße 45 (heute Wilhelmstraße) die Ausschankgenehmigung für Naturweine erteilt. Als Winzerkeller wurde der ehemalige Salkeller der kurfürstlichen Kellerei unter der Druckerei Schickel in der Hochstraße angemietet. Zwei Wochen vor der Gründung des Vereins in Oberlahnstein war mit Statut vom 13.9.1897 bereits der Niederlahnsteiner Winzerverein - Genossenschaft mit unbeschränkter Haftung in das Genossenschaftsregister eingetragen worden. Die Zielsetzung des Vereins war: durch Einsammeln und gemeinsames Keltern der Trauben der Mitglieder reine Weine zu erzielen, diese einheitlich zu behandeln und sodann durch gemeinschaftlichen Verkauf möglichst hoch zu verwerthen. Im Jahre 1910 zählte der Niederlahnsteiner Winzerverein 32 Mitglieder. Viele Winzer lieferten fortan ihre Trauben in den Winzervereinen ab. Die Zeit der Weinlese wurde durch den Bürgermeister oder das Feldgericht festgesetzt und öffentlich bekannt gemacht. In Niederlahnstein wurde meist an zwei Tagen gelesen, die roten Trauben (Frühburgunder) zuerst, später dann die weißen. In Oberlahnstein fand die Lese an fünf Tagen statt. Begonnen wurde jährlich wechselweise von der Gemarkungsgrenze zu Braubach bis zur Lahn und im Folgejahr umgekehrt. Die Lese begann um 7 Uhr morgens und endete mit dem Läuten der Abendglocke. Der letzte Tag war der Nachlesetag. Das Nachlesen durch Unbefugte, das sogenannte Strippen, war strengstens verboten und wurde mit Strafe bis zu 30 Mark geahndet. Die Weinlese fand in den beiden Lahnstein je nach Jahrgang von Mitte bis Ende Oktober statt. Fast in jedem Jahr wurde in der Tageszeitung durch Artikel und öffentliche Bekanntmachung des Landrats auf die Gefahr von Erstickungsfällen durch Kohlengase bei der Gärung hingewiesen und Vorsichtsmaßnahmen - wie das Lüften der Keller, Begießen des Bodens mit Kalkmilch, das Hin- und Herbewegen von Tücher, welche in den Gährlokalen vorher aufzuhängen sind, und das Aufstellen von offenem Licht auf dem Kellerboden - empfohlen. Die Jahre bis zum ersten Weltkrieg brachten den Winzern nur mäßige Erträge, wenn man von dem Jahr 1911 absieht, das dem Rheingau sogar einen Jahrhundertwein bescherte. So wundert es nicht, daß in den nächsten Jahrzehnten - besonders in Niederlahnstein - immer mehr Weinberge in Obstkulturen oder in Erdbeerfelder umgewandelt wurden. Das hatte zur Folge, daß sich der Niederlahnsteiner Winzerverein durch Beschluß der Generalversammlung vom 17. Dez. 1914 auflöste, während der Oberlahnsteiner Verein noch bis in die 70er Jahre dieses Jahrhunderts existierte. Nach dem ersten Weltkrieg, in den Zeiten der Wirtschaftsflaute, wurden noch einmal Wingerte in Oberlahnstein angelegt, weil man auf diese Weise zu einem kleinen Nebenerwerb gelangen konnte. Karstel, Girstel, im Helmestal, im Weihertal und am Koppelstein waren nun die neuen Lagen in den Rheinseitentälern, die bis zur Auflösung des Winzervereins bewirtschaftet wurden. Der Winzerkeller bestand weiterhin in der alten Salkellerei der Druckerei Schickel. Dort lagen die Weinfässer in zwei Reihen zum Teil übereinander. Die meisten waren Stückfässer (1200 Ltr.), das größte Faß jedoch hatte ein Volumen von 4.200 Litern. Wenn alle Fässer - in einem guten Herbst - gefüllt waren, konnten 43.000 Liter Wein im Winzerkeller gelagert werden. Gekeltert wurde in einer großen Doppelkelter und einer weiteren kleinen Kelter, die heute am Pulverturm in der Hintermauergasse steht. Der Wein wurde verkauft und auch im vereinseigenen Winzerhaus zum Ausschank gebracht. Als die Konkurrenz - besonders auch durch ausländische Weine aus den EWG-Staaten - zu groß geworden war und die harte Arbeit in den Weinbergen sich nicht mehr lohnte, beschlossen die Winzergenossen, den Verein mit dem Winzerverein in Eltville zu fusionieren. Damit war das Ende auch des Oberlahnsteiner Winzervereins gekommen. s. H.Roth, Landwirtschaft, Obst- und Weinbau in: Die Geschichte Lahnsteins im 19. und 20. Jahrhundert (Hsg. v. H. Seibert), Lahnstein 1999, S. 343-356 und ders., Der Weinbau im Lahnmündungsgebiet im 19. Jahrhundert in: Heimatjahrbuch des Rhein-Lahn-Kreises 1999, Bad Ems 1998 S. 128-131.
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