| Erdbeeranbau
und Erdbeerfest in Niederlahnstein Am 10. Juni 1899 erschien unter der Überschrift Eßt Erdbeeren! Die Fruchtzeit beginnt ein Artikel im Lahnsteiner Tageblatt, der auf die guten Erträge im Obstbau, besonders bei der Erdbeerzucht, hinwies. Das habe dazu geführt, daß man schon längst damit begonnen habe, die Weinberge mit ihrer unsicheren Ernte in Erdbeerpflanzungen umzuwandeln. Schon seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden in Niederlahnstein wegen der Furcht vor Schädlingsbefall (Reblaus, Peronospora, Mehltau) in verstärktem Maße Wingerte vor allem an den Südhängen zur Lahn und in der Mark in Erdbeerfelder und Obstgärten umgewandelt. Die Marktpreise für Erdbeeren waren vergleichsweise hoch. Während für Johannisbeeren und Maikirschen zwischen 15 und 20 Pfg pro Pfd bezahlt wurden, erhielten die Obstzüchter für ein Pfund Erdbeeren 40 bis 60 Pfg und für dicke Erdbeeren sogar 60 bis 90 Pfg. Fast ein Jahrhundert lang war der Erdbeeranbau eine wichtige Erwerbs- und Zuerwerbsquelle für die Niederlahnsteiner Bürger. Er hat über Jahrzehnte der Stadt den Namen Erdbeerstadt eingebracht. Nachdem einige Obsthändler und Obstzüchter - Wilhelm Böhm, Wilhelm Wissing und Christian Hohl z.B. - schon in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts den Erdbeeranbau in Niederlahnstein begründet hatten und die nahegelegenen Märkte in Koblenz und Ems versorgten, wurde die Erdbeerzucht ab den 80er und 90er Jahren erwerbsmäßig betrieben. Damals wurden frühreifende Sorten aus Lothringen (1882) - Marguerite - und später aus England (1890) - Laxtons Noble - eingeführt und von den Züchtern Lorenz Rath, Wilhelm Rath, Georg Noll und Peter Ems in größerem Stil feldmäßig angebaut. Nun begann in allen günstigen Lagen, am Lichterkopf, im Lag und in der Mark der erwerbsmäßige Erdbeeranbau, weil mit den Frühsorten nach den Maikirschen die besten Preise zu erzielen waren. Eine Wende in der Erdbeerzucht brachte das Jahr 1902, als der Züchter Josef Böhm die von dem Ökonomierat Johannes Boettner aus Frankfurt a.d. Oder neugezüchtete Sorte Deutsch Evern in Niederlahnstein einführte. Boettner hatte viele Erdbeersorten gezüchtet - Sieger, Flandern, Aprikose, Rotkäppchen -, die er seinem Freund Georg Soltwedel in Deutsch Evern in der Lüneburger Heide zur Zucht übergab. Von diesem Ort bekam die damals lediglich mit der Neuzuchtnummer 67 versehene Sorte später ihren Namen. Und mit dieser Deutsch Evern hatte Böhm genau die Sorte gefunden, die den Bodenverhältnissen und dem hier herrschenden Klima am besten entsprach. Schon in der zweiten Maihälfte reiften die ersten dieser frühreifen, sehr versandfähigen und glänzend roten Früchte, so daß man gegenüber anderen Anbaugebieten einen Vorsprung von fast zwei Wochen hatte. Neben der Deutsch Evern wurden aber auch noch andere Sorten angebaut, etwa die ertragreicheren, aber etwas später reifenden Sorten Sieger oder Senger Sengana oder Madame Moutot, eine besonders große Frucht, von der bis zu 100 Gramm schwere Exemplare geerntet wurden und die deshalb auch den Namen Tomatenerdbeere erhalten hatte. Da die Erdbeeren durch Absenker (Ableger), also auf ungeschlechtlichem Wege vermehrt werden, geht auch die beste Sorte im Lauf der Jahre zurück und artet aus. Zudem entziehen die Pflanzen den Böden immer die gleichen Nährstoffe, so daß sich der Ertrag von Jahr zu Jahr verringert. Dem mußte man wegen der beschränkten Möglichkeiten des Bodenwechsels durch Saatenwechsel und Neuanpflanzungen alle zwei bis drei Jahre und entsprechende Düngung begegnen. Deshalb bezog man die Pflanzen von holländischen Züchtern oder von der Plantage Deutsch-Evern von Georg Soltwedel bei Lüneburg, der zu günstigen Preisen lieferte und Sortenechtheit und Sortenreinheit garantierte. Der Obst- und Gartenbauverein lud Lehrer aus der Forschungs- und Lehranstalt in Geisenheim ein, die die Lahnsteiner Züchter über Anbau- und Düngemethoden unterrichteten. Da immer mehr Händler aus dem Ruhrgebiet und vom Niederrhein kamen, wurde schon im November 1927 in einer Versammlung des Niederlahnsteiner Obst- und Gartenbauvereins der Wunsch nach einem geeigneten Absatzmarkt laut. Im Frühjahr 1928 wurde die Gründung eines Erdbeer- und Frühobstmarktes in der Nähe der "alten Schule" gegenüber der Gärtnerei Krah in der Johannesstraße beschlossen, der bereits am 1. Juni 1928 eröffnet werden konnte. Dort wurden die am frühen Morgen geernteten Früchte - noch in Einheitskörben von acht Pfund - vormittags ab 11 Uhr und nachmittags ab 17 Uhr verkauft und per Auto oder Bahn abtransportiert. Bereits nach zwei Wochen waren 897 Zentner Erdbeeren auf diesem Markt gehandelt worden. Während der Saison rollten die "Erdbeerwaggons", an die nach Fahrplan verkehrenden Züge angehängt, ins Ruhrgebiet und bis nach Hamburg. Zwanzig bis dreißig Eisenbahnwaggons mit Erdbeeren wurden in den dreißiger Jahren täglich auf dem Bahnhof in Niederlahnstein abgefertigt. 210 Morgen, mehr als 53 Hektar, betrug die Anbaufläche für Erdbeeren in diesen Jahren. Die großen Züchter verfügten über Erdbeerfelder mit einem Umfang von 12 - 15 Morgen; für Gewerbetreibende, Eisenbahner und Pensionäre war die Erdbeerzucht aber auch ein willkommener Nebenerwerb. Die Bauern-Zeitung berichtete überschwenglich, daß fast alle Familien mehr oder weniger am Ausfall der Erdbeerernte interessiert seien. Ebenso wie die Vergrößerung und Neuansiedlung von Industriebetrieben brachte die Ausweitung der Obst- und Erdbeerzucht zum erwerbsmäßigen Anbau eine verstärkte Nachfrage nach Unternehmenskapital mit sich. 1867 erhielt die 1840 als Landes-Credit-Casse gegründete Nassauische Landesbank eine Niederlassung in Oberlahnstein. Dort wurde am 1.9.1877 auch eine Volksbank gegründet. Aber die Niederlahnsteiner ließen sich von den Oberlahnsteiner Banken nicht gerne als Kunden gewinnen, so daß im Jahre 1895 das Lahnsteiner Tageblatt die Forderung vieler Niederlahnsteiner Bürger auf den Nenner brachte: Es wäre im höchsten Grade wünschenswert, daß sich auch hier bald Männer zusammenthäten, um einen Kreditverein ins Leben zu rufen. Im Mai 1895 gründeten 29 Niederlahnsteiner Bürger einen Spar- und Darlehenskassenverein nach den Prinzipien Friedrich Wilhelm Raiffeisens: "Selbsthilfe, Selbstverantwortung, Selbstverwaltung". Namhafte Niederlahnsteiner Bürger unterstützten den Gedanken eines Darlehensvereins, der die nötigen Geldmittel für die aufstrebende Industrie, die Handwerker und Landwirte zur Verfügung stellte und die Bevölkerung vor unbarmherzigen Wucherern schützte. Der Spar- und Darlehenskassenverein wuchs rasch an. 1905 gab es bereits 136 eingetragene "Genossen", 1911 wurde bei den Umsätzen erstmals die Millionengrenze überschritten. 1923 wurde der Spar- und Darlehenskassenverein in Volksbank Niederlahnstein umbenannt. Weil der wirtschaftliche Erfolg der neuen Bank aber sehr eng mit der Erdbeerzucht verknüpft war, erhielt sie bei den Einheimischen sehr bald den Namen Erdbeerbank. Die Züchter konnten dank der zinsgünstig gewährten Kredite ihre Anbauflächen erweitern, was Niederlahnstein den Ruf des größten Erdbeeranbaugebietes in Westdeutschland verschaffte. Der genossenschaftliche Gedanke führte im Jahre 1936 zu einer weiteren für die Erdbeer- wie die übrigen Obstzüchter wichtigen Einrichtung. Winzer, Obst- und Erdbeerbauern aus Nieder- und Oberlahnstein, aus Braubach, Osterspai, Filsen und Kamp gründeten am 9. Januar 1936 eine Obstverwertungsgenossenschaft für den Kreis St. Goarshausen eGmbH (später Obst-Absatzgenossenschaft "Rhein-Lahn" eGmbH), die am 12.1.1936 ihre erste Generalversammlung im Hotel Einhorn in Oberlahnstein abhielt. Zwei Sammelstellen wurden in Niederlahnstein eingerichtet: eine in der angemieteten Markthalle, die die Stadt auf dem ehemaligen Reiter-Horbachschen Anwesen zwischen Flürchen und Bahnhofstraße errichtet hatte, und die Sammelstelle Nord an der Umgehungsstraße, wo viele Züchter ihre Erdbeeren aus dem Lag ablieferten. 1936 - im Gründungsjahr der Genossenschaft - wurden 6.794 Zentner Erdbeeren angeliefert, 1937 waren es 9.435 Zentner. Unmittelbar nach der Gründung hatte die Genossenschaft schon über 100 Mitglieder, und am Ende des zweiten Geschäftsjahres war die Zahl der Genossen auf fast 1000 angewachsen. Der Umsatz betrug nach dem ersten Jahr in Niederlahnstein 214767,- RM; im Vergleich dazu im nächst größeren Absatzgebiet Kamp 94658,- RM und in Oberlahnstein 45477,- RM. Das zeigt, welche Bedeutung Niederlahnstein durch den Obst-, besonders aber den Erdbeeranbau hatte. Vor Ausbruch des 2. Weltkrieges war ein Rückgang der Anbauflächen zu verzeichnen. 1937/38 wurden im Lag zwei Kasernenkomplexe errichtet, ab 1939 entstand in der Didierstraße eine große Verpflegungsanlage für die Truppen des Standortes Koblenz. Zudem wurden viele private Neubauten in der Markstraße, der Goethe-, Schiller- und Blücherstraße und auch an der neuen Umgehungsstraße nach Koblenz errichtet. Doch der Verlust an Erdbeerland konnte durch Rodungen und Neuanlagen im Lag und in der Gemarkung am Rhein aufgefangen werden. Der Umfang der Erdbeerernte läßt sich eindrucksvoll veranschaulichen, wenn man sich vorstellt, daß pro Zentner Erdbeeren bei den Sammelstellen 25 Körbchen zu vier Pfund abgegeben werden mußten, die Ernte von 1937 demnach aus 236000 Körbchen bestand, gefüllt mit Erdbeeren. Die mußten innerhalb von acht Wochen geerntet, abgeliefert zur Bahn gebracht und versandt werden. In einem guten Erntejahr gab es sogar noch 100000 Körbchen mehr. Die unterschiedlichen Ertragsmengen waren zum großen Teil auf die recht unterschiedlichen Witterungsbedingungen - vor allem Regen und Kälte - zurückzuführen. Auch während des 2. Weltkrieges wurde die Erdbeerzucht weiter gepflegt. Wenn die jüngeren Züchter zum Kriegsdienst eingezogen waren, mußten die Frauen die Betriebe weiterführen, auch die älteren Züchter, die sich schon zur Ruhe gesetzt hatten, mußten einspringen. Zur Ernte wurden die älteren Schuljahrgänge verpflichtet. Nach dem 2. Weltkrieg, in den 50er Jahren, blühte die Erdbeerzucht noch einmal auf, die Anbaufläche konnte auf 250 Morgen erweitert werden. Auf einer außerordentlichen Generalversammlung der Genossenschaft am 13.9.1951 wurde der Kauf eines Grundstückes in der J.-B.-Ludwigstraße und der Bau einer eigenen Markthalle beschlossen. 1953 wurden 13486 Zentner Erdbeeren geerntet. Das war vor allem durch neue Anbauverfahren wie die einjährige Kultur oder das Pflanzen in Mulchfolie erreicht worden. Anbau, Pflege, Kultivierung und Ernte - beonders das Pflücken am frühen Morgen - mußten aber weiterhin das ganze Jahr über wie seither "in Handerbeit" verrichtet werden. Als sich dafür nicht mehr genügend Helfer fanden, gingen die Erdbeererträge in den 60er Jahren zurück, wogegen bei der Absatzgenossenschaft "Rhein-Lahn" durch stärkere Konzentration auf Kirschen noch einmal höhere Umsätze erzielt werden konnten. Die Nachfahren der früheren Züchtergenerationen aber gaben den Erdbeeranbau nach und nach auf und übten andere - vielleicht weniger beschwerliche und weniger risikobehaftete - Berufe aus. Besonders die auf Grund der EWG-Beschlüsse zu erwartende Liberalisierung mit der Aufhebung der Einfuhrbeschränkung für ausländische Erzeugnisse führte zur Verunsicherung der Züchter und zur Aufgabe des Obstanbaus. Am 27.5.1982 wurde die Absatzgenossenschaft mit der Raiffeisenbank verschmolzen. Die Genossenschafthalle in der J.-B.-Ludwig-Straße wurde 1985 an die Firma Josef Otto & Söhne in Lahnstein verkauft.
Die Erdbeerfeste in Niederlahnstein Als Erdbeerzucht und Erdbeerhandel in der Blüte standen, hatten Erdbeerzüchter und das städt. Verkehrsamt die Idee, ein Erdbeerfest zu veranstalten. Das Fest war als großes Volksfest gedacht, sollte aber zugleich ein Erntedankfest sein. In einer ersten Besprechung am 14.5.1934 berieten die Vertreter des Verkehrsamtes und des Verkehrsvereins über die Ausgestaltung des Festes und eines Festzuges, der durch die Straßen der Stadt ziehen sollte. In etwa zwei Dutzend Zeitungen im Umkreis, von der Rheinisch-Nassauischen Zeitung in Oberlahnstein bis zur Westerwälder Zeitung in Marienberg, dem Mittag in Düsseldorf, dem Nassauer Volksblatt in Wiesbaden und der Bauern-Zeitung Rhein-Main-Neckar in Frankfurt, erschienen informative Artikel über dieses geplante Fest. Der Reichssender Frankfurt am Main erklärte sich bereit, 8 Tage vor der Veranstaltung des öfteren im Rundfunkwerbekonzert Hinweise zu bringen. Die Eisenbahn genehmigte Sonntagsrückfahrkarten aus Anlaß des Erdbeerfestes im Umkreis von 50 km um Niederlahnstein. Am 16. und 17. Juni 1934 wurde das erste Erdbeerfest, ein Gipfelpunkt der sommerlichen Veranstaltungen, gefeiert. Es begann am Samstagabend mit einem Konzert in den Rheinanlagen vor der beleuchteten Johanniskirche. Den Höhepunkt bildete jedoch der Festzug am Sonntagnachmittag, der aus 30 Gruppen und etwa 300 Mitwirkenden bestand. Viele Musikkapellen aus Niederlahnstein und der Umgebung lockerten den Zug auf. In verschiedenen Gruppen unter der Leitung des Gärtners Hans Knoche wurde der Werdegang der Erdbeere von der Anpflanzung bis zur Ernte gezeigt. Auch ein Erntekranz wurde mitgeführt, um deutlich zu machen, daß die Obstzüchter in diesem Fest auch ein Erntedankfest sehen wollten. Die Züchter, die Bäcker, die Wirte, der Victoriabrunnen, Turn- und Gesangverein, die Feuerwehr, alle beteiligten sich am Festzug, dessen Höhepunkt der große Prunkwagen mit der Erdbeerkönigin Gertrude I. (Gertrud Krah) bildete. Finanziert wurde das Erdbeerfest durch einen Zuschuß des städt. Verkehrsamtes, der wiederum durch den Verkauf von 5000 Erdbeerabzeichen, die die Besucher erwerben sollten, gedeckt werden sollte. Bis zum Kriegsbeginn feierte man nun Jahr für Jahr im Juni das Erdbeerfest in Niederlahnstein. Das letzte vor Kriegsausbruch wurde am 17. und 18. Juni 1939 zusammen mit dem Tag der schweren Artillerie begangen. Im Bericht im Nationalblatt Koblenz vom 19.6.1939 nimmt das Erdbeerfest - von der schweren Artillerie verdrängt - mit dem Hinweis, daß um 4 Uhr nachmittags die Erdbeerkönigin von Niederlahnstein, Elfriede I., auf ihrem prunkvollen Festwagen ihren Einzug in die Turnierbahn hielt, nur einen sehr bescheidenen Raum ein. Zehn Jahre lang fand kein Erdbeerfest mehr statt, bis 1949 das städt. Verkehrsamt die Wiederaufnahme des vor dem Kriege schon traditionellen Festes anregte. In einer Sitzung mit den Gemeindeverbänden und Vereinen, in der von den geladenen Erdbeerzüchter keiner erschienen war, wurde das Festprogramm für den 19. und 20. Juni beschlossen. Auf einen Festzug glaubte man noch verzichten zu müssen, obwohl er von der Militärregierung genehmigt wurde. Die Kosten sollten wie früher zum Teil durch den Verkauf von Erdbeerabzeichen gedeckt werden, die auch wieder wie früher von der Firma Paul Krause aus Sebnitz i.Sachsen bezogen werden sollten. An Auftrag und Lieferung dieser Abzeichen läßt sich ein Stück deutsch-deutscher Geschichte jener Jahre ablesen. Im Zusagebrief der Firma Krause vom 2.5.1949 heißt es: Und nun die Hauptsache: Wie dachten Sie sich die Lieferung der Abzeichen aus dem Osten nach dem Westen? Haben Sie Gelegenheit, die Abzeichen über die Grenze zu holen? Wenn nicht, dann werde ich versuchen, die Abzeichen über die Grenze zu besorgen. Und in einem späteren Brief vom 13.5. teilt Krause mit: Den Rechnungsbetrag wollen Sie bitte nach Erhalt der Ware in Westmark an meinen Sohn in 14a Heidenheim/Brenz ... überweisen. Die Lieferung wurde dann von der Firma Krause über Westberlin vorgenommen, nachdem die Stadtverwaltung noch eine Zahlung von 50 DM an eine Adresse in Berlin-Steglitz zur Deckung der Versandkosten geleistet hatte. Erst im darauffolgenden Jahr 1950 gab es einen Festzug mit der ersten Nachkriegskönigin Hilde I. Fortan fand das Erdbeerfest mit einem prunkvollen Umzug wieder jährlich im Juni statt. In den Zeitungen wurde so kräftig dafür geworben wurde, daß selbst die Satire sich damit befaßte: Die Erdbeerepidemie hat die Baare befallen, ständig wachsend wie die bekannte Lawine. Jedes Wort Erdbeere ... Erdbeere ... Erdbeere ..., Erdbeertorte, Erdbeereis, Erdbeerbowle, Erdbeerfest, Erdbeerlied, Erdbeerkönigin ... die genialsten und kühnsten Variationen. Der Erdbeerkult wächst ins Überdimensionale. Was ist nur mit den Baaren los? Doch die Erdbeerfeste der 50er Jahre wurden ein großer Erfolg und eine Werbung für den Fremdenverkehr. Auch die Repräsentantinnen der Umgebung - die Mittelrhein-Weinkönigin, die Braubacher Weinkönigin, die Kirschenmaid aus Osterspai und das Elslein von Kaub - waren Gäste bei den Erdbeerfesten. Das Postamt Niederlahnstein führte sogar einen für das Fest eigens entworfenen Sonderwerbestempel. Der Lahnsteiner Gewerbelehrer Alex Regenhardt gab jedem Erdbeerzug ein eigenes Motto und lieferte auch viele Entwürfe für die Festwagen. Nach einem glanzvollen Jubiläumsfest 1959 - mit Camillo Felgen von Radio Luxemburg, Heinz Schenk vom Hessischen Rundfunk, Bully Buhlan, Ralf Paulsen, Inge Brück und Ted Herold - wurde es um das Erdbeerfest Jahr für Jahr stiller, bis es 1964 zum letzten Mal gefeiert wurde. Die letzte Erdbeerkönigin Inge I. grüßte im Jahre 1962 die Lahnsteiner und ihre Gäste nicht mehr vom Prunkwagen aus dem Festzug, sondern winkte ihnen von einem Schiff aus dem Schiffs-Corso auf der Lahn zu. Der traditionelle Festumzug durch die Straßen der Stadt war nicht mehr vorgesehen. Seit 1963 gab das Erdbeerfest immer mehr von seinen traditionellen Elementen auf. Wenige Wochen nach dem Erdbeerfest 1963 - am 10. Juli - starb der Initiator des Niederlahnsteiner Erdbeerfestes und einer der Pioniere der Erdbeerzucht in Niederlahnstein Lorenz Rath, der 1936 auch einer der Gründer der Obstverwertungsgenossenschaft gewesen war. Wurde das Fest 1963 noch mit einem Großen Bunten Abend im "Wintergarten" am Samstag und einer Ruderregatta auf der Lahn am Sonntag gefeiert, so gab es 1964 am Samstagabend nur noch eine Eröffnung des Festes auf dem Marktplatz und sonntags die Ruderregatta auf der Lahn, mit der eine neue Tradition begründet wurde, die dann auf die "Lehner Kirmes" übergegangen ist. Die Zeit der Erdbeerfeste war endgültig vorbei.
Die Niederlahnsteiner Erdbeerköniginnen 1934 Gertrud Krah (Nitzling) als Gertrude I. 1935 Katharina Dehe (Urban) als Katharina I. 1936 Helene Bär (Hermann) als Leni I. 1937/38 Ottilie Neumann (Isenberg) als Ottilie I. 1939 Elfriede Jost (Schroer) als Elfriede I. 1950 Hilde Doneth (Landsrath) als Hilde I. 1951 Marlene Schönberger (Köhler) als Marlene I. 1952 Margret Hilf (Ellner) als Margret I. 1953 Käthe Weinmann (Fischer) aLs Käthe I. 1954 Adelheid Kuhlmann (Gies) als Adelheid I. 1955 Liselotte Baurhenn (Heiler) als Liselotte I. 1956 Elly Pinger (Best) als Elisabeth I. 1957 Trudel Nitzling (Nowak) als Trudel II. 1958 Brigitte Zeitz (Stock) als Brigitte I. 1959 Elfriede Förger (Wendrich) als Elfriede II. 1960 Gisela Löhr (Schröder) als Gisela I. 1961 Ursula Fischer (Adams) als Ursula I. und 1962 Inge Westenberger (Scheer) als Inge I.
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