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Ems, das Weltbad und seine Gäste Majestäten und Aristokraten: Kaiser Wilhelm I., Kaiserin Eugénie, Zar Alexander II., Der 99-Tage-Kaiser-Friedrich, Die Familien von Humboldt und von Stein, Ottilie von Goethe Komponisten und Virtuosen: Carl Maria von Weber, Giacomo Meyerbeer, Richard Wagner, Charles Auguste de Bériot, Jenny Lind "Die Freiheit führt das Volk" .Eugène Delacroix Dichter und Schriftsteller: Max von Schenkendorf, Ludwig Börne, Friedrich Rückert, Franz von Dingelstedt, Nicolai Wassiljewitsch Gogol, Emanuel Geibel, Fjodor Michailowitsch Dostojewski, Paul Heyse Ein Ultramontaner und ein Sozialist: Ludwig Windthorst, Ferdinand Lassalle Gott, Geist und Geld: Johann Kaspar Lavater, Friedrich von Bodelschwingh, Alfred Krupp Sic transit gloria mundi |
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Ems, das Weltbad und seine Gäste Der Aufstieg zum Badeort ist einem geologischen Vorgang zu verdanken. Als der Rest des alten Variskischen Faltengebirges wieder gehoben wurde, zerbrach dieser in Schollen. Es bildeten sich Spalten und Klüfte. An ihnen drangen beiderseits der Lahn die gasdurchperlten Mineralthermen empor. Vom 14. bis zum 19. Jahrhundert war der Badebetrieb primitiv und brachte nur mäßigen Gewinn. Ärzte, allen voran Dr. Johann Eichmann, der sich Dryander nannte, trieben eine marktschreierische Reklame. Sie listeten so ziemlich alle Krankheiten auf, die mit dem Heilwasser zu kurieren wären, auch Krebs, die Syphilis und der »wahre Spleen«. Im 19. Jahrhundert erfolgte dann der rasante Aufstieg zur »Sommerhauptstadt Europas«, zum »Weltbad«. Jaques Offenbach, der als Dirigent und Komponist kam, auch etwas gekurt hat, nannte Ems »meine Sommerfiliale«, verschwieg aber, daß ihn meistens die Flucht vor seinen Gläubigern nach Ems trieb. Im »Moniteur de la Mode«, dem vielgelesenen Pariser Blatt, hieß es im Juni 1863: »Hier trifft sich die Aristokratie aus ganz Europa.« Und im nächsten Monat: »Ems ist die Perle der Thermalbäder und der Vergnügungsturm zu Babel.« Als Caroline von Humboldt 1819 in Ems weilte, lag die Zahl der Kurgäste unter 1000. 1871 stieg sie auf 12000. Man kann im Archiv der Stadt Bad Ems in den Kurlisten blättern und gleichzeitig den Gotha, den Adelskalender, aufschlagen. Man wird darin kaum einen Namen finden, der nicht auch in den Listen steht. Es kamen nicht nur Kaiser, Könige, Prinzen, Prinzessinnen und der Hochadel, sondern auch Dichter, Komponisten, Virtuosen, Maler und Politiker. Ebenso die Müßiggänger, die Flaneure, die Dandys, die Snobs und die Huren aus Koblenz. Es gab ständige Begegnungen, in der Brunnenhalle, auf der Promenade, im Park, im Theater, im Konzert, in der Spielbank. Viele kamen zum Vergnügen, bedurften der Kur nicht. Für Dostojewski hat, wie er meinte, die Kur lebensverlängernd gewirkt. Kaiser Wilhelm I. holte sich jeden Winter durch Unterkühlung bei offenem Fenster einen Katarrh, folglich kam er jeden Sommer nach Ems, für das Bad die beste Reklame. Einen Katarrh verursacht durch Überbeanspruchung der Stimmbänder, ließen auch die größte Sängerin ihrer Zeit, Jenny Lind, und der große Rhetor Ferdinand Lassalle kurieren. Bei manchen, wie bei Richard Wagner und Nicolai Gogol, war das Krankheitsbild unklar. Fuhren Hypochonder »kuriert« nach Hause, galt für sie das Bibelwort: »Dein Glaube hat dir geholfen.« Schlimme Fälle waren der an Kehlkopfkrebs erkrankte Kronprinz Friedrich, der als 99-Tage-Kaiser in die Geschichte eingegangen ist, und Carl Maria von Weber mit einer weit fortgeschrittenen Tuberkulose.Beide hatten nur noch kurze Zeit zu leben. Viele erscheinen in den Listen als »Durchgereiste«. So Goethe, der zwar »einige Male des sanften Bades« genoß, aber ebenso wenig ein Kurgast war wie August Graf von Platen, dessen Ballade »Das Grab im Busento« Generationen auswendig lernen mußten. Auch Gustav Nachtigal, Deutschlands größter Afrikaforscher, hat bei seinem Aufenthalt vom Heilwasser keinen Gebrauch gemacht. Bismarck reiste in Dienstgeschäften an. Gerade ihm, dem maßlosen Esser und Trinker, hätten eine Kur und Diät gutgetan. Nicht ohne Wirkung ist auch das milde Niederungsschonklima, das allerdings Caroline von Humboldt und Paul Heyse völlig falsch beschrieben haben. Denken wir uns die Bebauung fort, so haben wir eine Landschaft, wie sie Hans Thoma, von den Höhen des Taunus’ herabblickend, gemalt hat. Was ihre Schönheit ausmacht, ist die Tiefenstaffelung der Gehänge mit den reizvollen Überschneidungen der Gefällslinien. Bei wachsender Entfernung wird auch der Luftkörper mächtiger und wirkt wie ein seidiger Flor, der die Farben filtert, ihnen alles Grelle und Harte nimmt und feinste Übergänge schafft. Stärkste Belebung erhält das Bild durch den Fluß, auf den alle Linien der Landschaft bezogen sind. Vom linken Lahnufer hat man den so oft gerühmten »Panoramablick« auf den magnetischen Punkt, auf den feudalen und eleganten Klassizismus des Kursaales. Dort sind die großen Virtuosen aufgetreten, die Pianisten Franz Liszt, Henri Herz und Clara Schumann; die Geiger Nicolo Paganini, Charles de Bériot, Pablo de Sarasate und die gefeierten Sängerinnen Henriette Sontag und Jenny Lind. Seit einigen Jahren klappern die Jetons wieder in der Spielbank, die Kaiser Wilhelm I. 1872 schließen ließ. Für ihn, den sittenstrengen Calvinisten, war es ein Ärger besonderer Art, als sein Neffe, Zar Alexander II., seine Geliebte Katharina Dolgoruki mit nach Ems brachte. Wie hätte Wilhelm wohl auf das Verkehrsgetöse reagiert, das heute seine Wohnung im Kaiserflügel des Kurhauses umbrandet? Es ist ein merkwürdiger Zufall, daß die weltverändernde Erfindung des Benzinmotors von einem Mann gemacht wurde, der aus dem nahegelegenen Dorf Holzhausen stammte: Nikolaus August Otto. Der »Benedettistein« mit dem Datum 13. Juli 1870 erinnert an die Weltminute auf der Kurpromenade und im Spiegelsaal von Versailles. Die einst vergoldeten Zwiebelkuppeln der russisch-orthodoxen Kirche der Heiligen Alexandra spiegeln sich in der Lahn und gemahnen an die Tragik zweier Völker und das Unheil der Romanows und Hohenzollern. Kaiser Wilhelm I. war der berühmteste Kurgast des Bades. Die Emser wußten ihm Dank und stellten im Kurgarten sein Marmordenkmal auf. Doch war er nicht auch der »Kartätschenprinz«, das Werkzeug Bismarcks, der Stockpreuße, der in Versailles nur unter Tränen die Kaiserkrone annahm, weil er darin den Untergang Preußens sah? Der Streit flammte vor einigen Jahren unerwartet wieder auf, als man das riesige Reiterstandbild des Kaisers erneut auf den Sockel am Deutschen Eck in Koblenz stellen wollte. Was dann gegen alle Widerstände doch geschehen ist. »Und es ist das Brandenburger Tor Noch immer so groß und so weit wie zuvor, Und man könnt’ euch auf einmal zum Tor hinausschmeißen, Euch alle, mitsamt dem Prinzen von Preußen.« Heinrich Heine Prinz von Preußen – den Titel hatte Friedrich der Große eingeführt – wäre Wilhelm gern geblieben, den Heinrich Heine in seiner Pariser ›Matratzengruft‹ und Karl Marx in seinem Londoner Exil so grimmig gehaßt haben. Soldat, Truppenführer, Befehle empfangen und ausführen lassen, keine eigenen Entscheidungen, über allem der König – das ist die kurze Beschreibung seines Lebensweges, wie er ihn voraussah. Den Thron neidete er dem ›Butt‹, wie König Friedrich Wilhelm IV. von seinen Geschwistern genannt wurde, nicht. Seit 1850 residierte Wilhelm als Generalgouverneur der Rheinprovinz im Schloß zu Koblenz. 1857, mit 60, machte er dort sein Testament, nannte sich selbst »einen Greis mit vielen Wehwehchen« und schrieb: »Ein viel bewegtes Leben liegt hinter mir.« Als Wilhelm aber am 1. August 1859 für drei Tage nach Bad Ems kam, nun als Prinzregent, sah er das Unabwendbare voraus. Als gläubiger Christ hatte er immer und immer wieder darum gebetet, daß dieser Kelch, nämlich die Last des Regierens, an ihm vorübergehen möge. Aber Friedrich Wilhelm IV. versank in geistige Umnachtung, und sein Bruder Wilhelm nannte ihn nun nicht mehr den ›Butt‹, sondern das ›Elend von Sanssouci‹. Auch sonst war die Stimmung gedrückt, als Wilhelm seine geliebte Schwester Charlotte in Ems wiedersah. Als Zarin hatte sie die Namen Alexandra Feodorowna angenommen, wohnte aber im ›Haus zu den vier Türmen‹ unter dem Pseudonym ›Comtesse Romanow‹. Sie hatte nur noch ein Jahr zu leben und war in Ems schon todkrank. Noch einmal beschworen sie die gemeinsame Kindheit herauf, ganz verklärt von der ›schönen Mama‹, wie Wilhelm seine Mutter, die Königin Luise, nannte. Aber die Rückschau blendete auch den schrecklichen Wandfries der traumatischen Bilder ein: im eiskalten Winter die Flucht vor Napoleon, die erst in Tilsit ein Ende hatte. Unweit lag Preußens nördlichster Punkt, das Dorf Nimmersatt. Hier hatte Wilhelm 1817 seine Schwester Charlotte dem Zaren Nikolaus I. als Braut zugeführt. Die Zarin Alexandra, nun schon seit vier Jahren Witwe, blieb fünf Wochen in Ems und gab 3 000 Taler für den Bau der russischen Kirche. Die Kurliste vom 22. Juni 1839 verzeichnet einen Grafen ›von Lingen‹. Schon damals wußte man sehr wohl, daß es sich in Wahrheit um den Prinzen von Preußen handelte. Nachdem sich Preußen 1866 das Herzogtum Nassau einverleibt hatte, kam König Wilhelm, der sich 1861 in Königsberg die Krone selbst aufgesetzt hatte, am 6. Juni 1867 zum erstenmal als Landesherr. Die Hurrarufe der Emser waren zaghaft. Sie fühlten sich als Beutepreußen, durch allerlei Vorschriften eingeengt. Unvergessen war auch Wilhelms Rolle bei der Niederschlagung der Revolution von 1849 in der Pfalz und in Baden. Auch haftete ihm noch immer etwas vom Ruch des ›Kartätschenprinzen‹ an. Wilhelm wäre am liebsten gleich wieder abgereist, um in Berlin ›Remedur zu schaffen‹. Und er fügte hinzu: »Ich sah, daß jene Menge von Verordnungen im Juni die Stimmung in den neu erworbenen Landesteilen in hohem Grade verschlimmerte.« Als er dann auch noch von ›Mißgriffen der Behörden‹ spricht, ist der Streit mit Bismarck da. Der Kanzler, neurotisch und empfindlich wie eine Diva, droht wieder einmal mit Rücktritt, und Wilhelm gibt wie immer nach. Mit Ausnahme des Jahres 1878, als wieder ein Attentat auf ihn verübt wor- Wie der Arbeitstag in Berlin geregelt war, so hielt es der König auch in Ems. Sein Kurarzt war Dr. Orth, der auch Dostojewski behandelt hat. Die Trinkkuren wurden von Wilhelm ebenso gewissenhaft absolviert wie die Bäder, die einen um den anderen Tag zu nehmen waren. Später, als er Mühe hatte, wieder aus der Wanne zu kommen, stellte man ihm einen Korbsessel mit abgesägten Beinen hinein. Hilfe lehnte er ab. In den letzten 11 Jahren wurden ihm Inhalationen verordnet. Vorher ließ er sich den Apparat erklären. Der Fortschritt der Technik war ihm unbehaglich, fast so bedenklich wie die Anhäufung von riesigem Kapital in den Händen einer schnell hochkommenden Geldaristokratie. Er wohnte im südöstlichen, ehemals nassauischen Teil des Kurhauses, den man noch heute »Kaiserflügel« nennt. Dort saß er jeden Vormittag von 9 bis 12 Uhr am Eckfenster hinter dem Schreibtisch, vor sich Stöße von Akten. Ab 15 Uhr arbeitete er noch einmal zwei bis drei Stunden. Nahm er seine primitive Stahlbrille ab, so war ihm der Blick aus dem Fenster schon fast so altgewohnt wie aus seinem bescheidenen Palais »Unter den Linden« oder aus seinem Landhaus in Babelsberg. Hier wie dort war die Pflicht zu tun, gewissenhaft und pedantisch genau. Ausflüge an den Rhein und nach Dausenau, Nassau und zum Kloster Arnstein dienten der Erholung. Vor seiner Abreise pflegte Wilhelm eine nicht geringe Zahl von Personen großzügig zu beschenken. Es gab goldene Uhren, Brillantnadeln und Geld. Aber der König und spätere Kaiser stiftete auch größere Summen, so für die Anlage der Wandelbahn, für den Bau der russischen und der katholischen Kirche sowie für die Glocken der evangelischen Kirche. Besonders dankbar müssen ihm die Dausenauer sein, denn ohne das Geldgeschenk von 21 700 Goldmark an den damaligen Pfarrer Heinrich Klein wäre die romanisch-gotische Kastorkirche nicht zu retten gewesen. Ging es aber um seine persönlichen Dinge, so war die Sparsamkeit schon zum Tic geworden. In Berlin ließ er sich einmal in der Woche vom gegenüberliegenden ›Hotel de Rome‹ für einen Taler eine Badewanne leihen. Erst als sein Diener eines Tages bei Glatteis samt der Wanne stürzte und sich ein Bein brach, entschloß sich Wilhelm schweren Herzens, ein Badezimmer einrichten zu lassen. Auch in Ems konnte man beobachten, daß er ständig eine Schere zur Hand hatte, um bei Akten und Briefen die unbeschriebenen Teile abzuschneiden. Sie wurden als Notizzettel benutzt. Hatte ein Stiefel ein Loch, wurde ein Riester daraufgesetzt. Die Menus waren bescheiden. Wilhelm trank gern Wein, aber zum Entsetzen der Kenner meistens gespritzt. Er hatte die Gewohnheit, am Flaschenetikett den Pegelstand mit dem Bleistift zu markieren. Gab es einmal Champagner, was selten vorkam, mußten die nicht geleerten Flaschen wieder verschlossen werden. Das, so behauptete der Kaiser, tue dem Geschmack keinen Abbruch. Er wußte nicht, daß die Diener am nächsten Tag frische, aber angebrochene Flaschen servierten. Fast jedes Jahr versuchte sein Diener Engel, ihn vor der Abreise nach Ems dazu zu überreden, sich neue Beinkleider anfertigen zu lassen. Wilhelm murmelte dann meistens etwas von »wenden lassen«. Es trifft übrigens nicht zu, wie in der Literatur oft zu lesen ist, daß der König und spätere Kaiser nur in Ems Zivilkleidung getragen hat. Er trug sie zum Beispiel auch in Baden-Baden, wo er sich fast jeden Herbst aufhielt, auf der Weltausstellung in Paris und bei der Eröffnung des Festspielhauses in Bayreuth. Man sollte allzu Bekanntes nicht wiederholen. Über die ›Emser Depesche‹ ist oft geschrieben worden. Aber der Stein im Kurgarten, der sogenannte Benedettistein, wird von Fußgängern nur selten beachtet. Merkwürdig ist auch, wie unzutreffend der Graf Vincent von Benedetti dargestellt und wie beiläufig Heinrich Abeken erwähnt wird. Benedetti, oft verspottet, verhöhnt, karikiert, war in Wahrheit ein fähiger und erfahrener Diplomat. Durch seine frühere Tätigkeit als Konsul in Kairo war er ein ausgezeichneter Kenner Ägyptens. Es war die Tragik seiner Laufbahn, daß ihm Paris unlösbare Aufgaben stellte. So hatte er 1866/67 Preußens Zustimmung für die französische Annexion der Pfalz, Rheinhessens, von Mainz und später Belgiens und Luxemburgs fordern müssen. König Wilhelm lehnte das eine wie das andere ab. Nun, im Juli 1870, hatte man Benedetti Tag und Nacht mit Telegrammen bombardiert und die Forderung nach dem Verzicht auf den spanischen Thron bis zum äußersten zugespitzt. Er sah das Unheil voraus. »Preußen hat Jena vergessen; wir müssen es wieder daran erinnern« – damit heizten die Chauvinisten schon überall in Frankreich die Stimmung an. So ist es verzeihlich, wenn Benedetti, den übrigens Wilhelms Gemahlin Augusta sehr schätzte, bei der letzten Begegnung im Kurgarten für einen Augenblick die Nerven verlor. Der Legationsrat Heinrich Abeken, der in dem Drama immer nur als Randfigur behandelt wird, hat die Emser Depesche verfaßt, auch das Postskriptum, das Bismarck die Entscheidung überließ, den Text in der Presse zu veröffentlichen. Abeken sprach ein halbes Dutzend Sprachen. Seine Biographie ist überaus farbig. Erst war er Theologe, Prediger der preussischen Gesandschaft in Rom und London und Mitarbeiter bei der Einrichtung des Bistums Jerusalem. Dann wurde er Archäologe und nahm an der Expedition des berühmten Ägyptologen Karl Richard Lepsius ins Niltal und in den Sudan teil. Danach wurde er Diplomat und Schriftstel-ler. Der Verlauf des Krieges ist bekannt. Als Wilhelm 1871, nun als Kaiser, wieder nach Ems kam, war der Jubel unbeschreiblich. Wilhelm nahm ihn, wie überall in Deutschland, mit gemischten Gefühlen auf. Er hatte sich in Versailles unter Weinkrämpfen fast bis zur letzten Stunde gegen seine Kaiserproklamation gewehrt . Die Zeremonie im Spiegelsaal war ja dann auch danach: herzlos, kalt und leer. Das Roulett wirkte auf Dostojewski wie eine Droge und hätte fast sein Leben zerstört. Wer einmal auf dem Friedhof von Monte Carlo gestanden und die namenlosen Gräber der Selbstmörder, der Spielbankopfer gesehen hat, wird sehr darüber nachdenken, ob denn ein solches Spiel erlaubt sein sollte. Die Emser Bürgermeister und ihre Räte, die mehr und mehr unter die Diktatur der leeren Kassen geraten, sahen das anders. Sie haben bei der Landesregierung erwirkt, daß die Spielbank 1986 wieder eröffnet wurde. Als 1866 das Herzogtum Nassau besetzt wurde, drang ein kleiner Trupp preußischer Soldaten in den Kurssal ein. Der Offizier legte seinen Degen auf das Roulett und sagte: »Der König von Preußen duldet kein Spiel!« Immerhin erhielten die Spielbanken von Wiesbaden und Ems noch eine Frist, bis ein Kapital von einer Million Taler eingespielt war. Davon erhielt Ems 333 333 Taler. Am 2. Oktober 1872 gab es dann ›le dernier coup‹. Einer der Spieler stülpte nonchalant seinen Zylinder auf den Drehknauf der Scheibe. Es war das endgültige ›Rien-ne-vas-plus‹. Die Emser haben das dem Kaiser verübelt. Aber Wilhelm, der praktizierende reformierte Christ und zugleich Freimaurer, sah hier ein moralisches Problem. Ob nun einer durch den Zufall der Elfenbeinkugel ein Vermögen gewann oder verlor, das Spiel verdarb auf jeden Fall den Charakter. Geld mußte durch harte Arbeit und Pflichttreue verdient werden. Hier urteilte er mit calvinistischer Strenge. Im Kurgarten steht seit 1892 Jahren sein weißes Marmordenkmal, das etwa 80 000 Mark gekostet hat und durch Spenden aus aller Welt finanziert wurde. Es zeigt den Kaiser in Zivilkleiung, sonst wäre wohl sein Denkmal zerstört worden. Hin und wieder kommen Vandalen und bewerfen und besprühen es mit Farbe. Auf dem rötlichen Sockel aus Schwedengranit stehen Ernst von Wildenbruchs Verse: »Hier, wo so oft er von Thaten geruht, um zu Thaten zu schreiten, hielt sein dankbares Ems liebend für immer ihn fest.« Einmal davon abgesehen,daß es sich hier um pathetischen Kitsch handelt, so war Wilhelm I. kein Tatmensch. Man nennt ihn oft einen Militaristen, aber es ist zweifelhaft, ob er ohne den unerbittlichen Dämon Bismarck im Genick je einen Krieg geführt hätte. Zu Dank ist Ems dem Kaiser verpflichtet wie keinem anderen. Durch ihn wurde es jenes glanzvolle Weltbad, das man treffend die Sommerhauptstadt Europas genannt hat. Nach dem Zusammenbruch von 1945 haben Geschichtsklitterer unter der Aufsicht der Alliierten aus der deutschen Historie ein Gruselkabinett gemacht. Wenn nicht schon mit den Sachsenkaisern beginnend, so führt die Reihe der Unheilsgestalten von Luther über die Hohenzollern und Bismarck zu dem Österreicher Hitler. Der eine war immer der Wegbereiter des anderen, und Erzbösewichte waren sie natürlich alle. Versteht sich, daß Wilhelm I. in diesem Panoptikum des Schreckens einen bevorzugten Platz hat. Erreicht hat man damit das genaue Gegenteil. Vergleicht man ihn nämlich mit Hitler und den vielen anderen Massenmördern unseres Atombomben-Jahrhunderts, so ist er ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Anders haben die Emser den gegen jedermann stets freundlichen alten Herrn nie gesehen. Sicherlich war man sich hier wie überall in Deutschland bewußt, in einem Obrigkeitsstaat zu leben. Aber als der Kaiser am 9. März 1888, 13 Tage vor seinem 91. Geburtstag, starb, war die Trauer echt. Liest man im Archiv der Stadt Bad Ems die vielen Nachrufe und Gedenkartikel, so glaubt man über den Abgrund der Zeit auf eine schon weit entrückte Welt zu blicken. Aber es sind erst 110 Jahre vergangen. Die Kaiserin Eugénie war besessen von der Macht. Ihren Sturz hat sie selbst verursacht. Äußerlich von blendender Schönheit, fehlte es ihr an Gemüt, an der Fähigkeit des Mitleidens, der Anteilnahme. Ihren Mann, den kranken Napoleon III., hätte sie bei Sedan lieber bei den Toten gesehen. Als sie ihn in Kassel im Schloß Wilhelmshöhe besuchte, erfüllte sie nur eine lästige Pflicht. Daß sie, zuallererst sie, für die unzähligen Toten auf den Schlachtfeldern und das Elend der Verwundeten verantwortlich war, kam ihr nicht in den Sinn. »Du wirst sehr hoch steigen und 100 Jahre alt werden. Aber du wirst in Nacht enden.« Dem Mädchen Eugénie von einer Zigeunerin aus der Hand gelesen. Für Dienstag, den 17. Juli 1849 finden wir in der Kurliste Nr. 22 neben den Nummern 1697 – 1701 die Eintragung: »Mad. la Comtesse de Montyo m. Fam. u. Bed. aus Madrid«. Der spanische Name hätte korrekt ›Montijo‹ geschrieben werden müssen. Er ist sehr alt und läßt sich bis in die Maurenzeit zurückverfolgen. Die aus der schottischen Familie Kirkpatrick stammende Gräfin Manuela von Montijo war mit ihrer jüngeren Tochter Eugénie in Bad Ems und wohnte in dem großen »Haus zu den vier Türmen«. Die Mutter hatte hochfliegende Pläne mit ihrer dreiundzwanzigjährigen Tochter, natürlich Heiratspläne. Die Einladung von Napoleon III. im April zu einer Soirée im Elyséepalast bestärkte die Gräfin in ihren Hoffnungen. »Die schönste Frau ihrer Zeit« – so wurde Eugénie von einem anderen Gast des Bades, nämlich Bismarck, genannt. Aber da war sie schon Kaiserin von Frankreich und genoß den besonderen Prunk und Glanz dieser hervorragenden Stellung. Wer ihr auf der Kurpromenade begegnete, hatte den Eindruck einer mittelgroßen, zierlichen jungen Dame mit feingliedrigen Händen und sehr kleinen Füßen. Auffallend waren die helle, fast transparent wirkende Haut, das rotbraune Haar und die ganz intensiv blauen Augen. Ihre Schönheit war Stadtgespräch in Paris. Das bekannte Bild des berühmten Portraitmalers Franz Xaver Winterhalter, von dem auch das lebensgroße Ölgemälde der Königin Victoria von England in der Burg Lahneck stammt, entspricht ganz dem Geschmack seiner Zeit, ist zu glatt und verzichtet auf den Ausdruck von Charakter und Geist. Am 4. Juli 1878 meldet der Korrespondent des in Wiesbaden erscheinenden »Rheinischen Kuriers« aus Bad Ems: »Wie ich Ihnen bereits telegraphisch mitteilte, ist ihre Majestät die Kaiserin Eugénie heute Nachmittag gegen 4 Uhr zum Kurgebrauche hier eingetroffen. Dieselbe ist in der Villa »Petit Elysée« abgestiegen. – Se. Majestät der Kaiser hat mittelst Cabinetsordre genehmigt, daß der im verflossenen Winter im Kurhause unweit des Kesselbrunnens neu entdeckten und gefaßten Quelle der Name Kaiserbrunnen beigelegt werde.« Im gleichen Hause – dem »Petit Elysée« – hatte zwei Jahre vorher Katharina Dolgoruki, die Geliebte des Zaren Alexander II., gewohnt. Unweit, auch in der Villenpromenade gelegen, steht das »Schloß Balmoral«, in dem 1877 Richard Wagner einen Monat verbracht hatte. Eugénie ist in Begleitung der Herzogin von Mouchy und des Marquis de Piennes. Sie selbst ist unter dem Pseudonym Gräfin von Pierrefonds abgestiegen, wie die Zeitung sofort zu berichten weiß. Eine andere Meldung besagt, daß der Reichs- und Landtagsabgeordnete Dr. Ludwig Windthorst wieder zur Kur gekommen ist. Auch er wohnt in der Villenpromenade, in der »Villa Flora«. Eugénie, papsthörig und ganz befangen im politischen Katholizismus, hätte mit Windthorst, dem Antipreußen und Fraktionsführer der katholischen Zentrumspartei, mancherlei abhandeln können. Übrigens weist die Fremdenliste am 14. Juli 6587 Personen aus, davon 4596 Kurgäste und 1991 Passanten. Seit ihrer selbstverschuldeten Niederlage, ihrem Sturz und ihrer Flucht aus Frankreich hat die Kaiserin nie versucht, die Erinnerungen zu verdrängen oder die Orte des Geschehens zu meiden. Im Gegenteil, sie wartet nur darauf, bis sie wieder französischen Boden betreten darf; dann wird sie nicht zögern, die Tuilerien, Saint Cloud, Fontainebleau und Compiegne zu besuchen. Warum soll sie nicht sieben Jahre nach dem Ende des Krieges nach Ems zurückkehren? Natürlich spürt sie auch hier den Geist des Ortes und die schicksalhaften Verstrickungen. Drüben auf der rechten Lahnseite, im »Darmstädter Hof«, hat Giacomo Meyerbeer gewohnt. Unter den Klängen des Marsches aus seiner Oper »Der Prophet« zog Eugénie 1853 zur Trauung mit Napoleon III. in die Kathedrale Notre-Dame ein. Der Maler Eugène Delacroix, der etwas lahnabwärts im »Braunschweiger Hof« gewohnt hat, erinnert sie an den Pariser Salon ihrer Mutter und an die vielen anderen Künstler, vor allem die Schriftsteller Stendhal, Mérimée, ihren besten Freund, Dumas (père), Flaubert und Gautier. In den Hotels der Römerstraße stieg ihr größter Gegner ab, der Mann, dessen Fähigkeiten sie früh bewundert hat und an dem sie gescheitert ist: Otto von Bismarck. Kaiser Wilhelm kommt in diesem Jahr nicht wie gewohnt nach Ems, da er durch ein Attentat schwer verwundet ist. Die Zeitungen berichten täglich über sein Befinden. Auf der Kurpromenade erinnert eine schlichte graue Steinplatte an den 13. Juli 1870. Sogar die Uhrzeit ist eingemeißelt: 9 Uhr, l0 Minuten. Es ist Eugénies Unheilsdatum. Die Emser nennen die Platte »Benedettistein«. Die Kaiserin war es, nicht ihr kranker, handlungsunfähiger Mann, die durch ihren Diplomaten die ultimativ zugeschärfte Forderung an den preußischen König überbringen ließ. Und sie wollte den Krieg, im Gegensatz zu Napoleon III. Der »Rheinische Kurier« erinnert am 14. Juli 1878 daran: »Am gestrigen Jahrestage der ewig denkwürdigen Begegnung zwischen Seiner Majestät dem König Wilhelm und dem damaligen französischen Botschafter Benedetti auf der Promenade dahier war der an der historischen Stelle am Eingange des Kurgartens liegende Gedenkstein von patriotischen Badegästen reich mit Bouquets belegt worden.« Es gibt drei Dinge, von denen sich Eugénie niemals trennt, die sie immer in Augennähe haben will, auch in der Villa »Petit Elysée«. Das ist eine Miniatur mit dem Portrait ihres Vaters, dem die Tocher so überraschend ähnlich sieht, eine Fotografie ihres Sohnes Louis und das Stundenbuch der Marie Antoinette. Eugénie, die sonst einen scharfen Blick für die Realitäten besitzt, ist gleichzeitig befangen im Aberglauben ihrer andalusischen Heimat. Sie hat eine Neigung zum Übersinnlichen, praktiziert den Spiritismus. Mit der Königin Marie Antoinette fühlt sie sich wesensverwandt bis zur völligen Identifikation; ihren Geist beschwört sie. Deshalb zog es die Kaiserin so oft nach Trianon, deshalb legt sie jeden Tag wieder ihre Hand auf das Stundenbuch, dessen Gebete sie längst auswendig weiß. Erst nach ihrer Flucht, die um ein Haar mißlungen wäre, glaubt sie nicht mehr, das gleiche Schicksal wie Marie Antoinette erleiden zu müssen. Ihr Sohn Louis, dessen Bild Eugénie auf ihren Reisen immer wieder betrachtet, ist der einzige Mensch, den sie ganz und gar, mit allen Fasern ihres Herzens liebt. Andere Kinder hat sie nicht. Die Zuneigung zu ihrem Mann, der nun fünf Jahre tot ist, war nur von kurzer Dauer. Napoleon III. konnte von seinen Mätressen nicht lassen und wurde politisch immer entschlußloser. Eugénie hat ihm niemals verziehen, daß er sich bei Sedan gefangen gab, anstatt inmitten seiner Soldaten einen ehrenvollen Tod zu sterben. Sie ahnt nicht, daß ihr geliebter Sohn, den man nach wie vor den kaiserlichen Prinzen nennt, in einem knappen Jahr bei einer englischen Kolonialtruppe in Afrika einen sinnlosen Tod sterben wird, mit Speeren von Zulukaffern massakriert. Man möchte glauben, das Eugénie tatsächlich mediale Fähigkeiten besaß. Sie fährt in das Zululand und findet in der weiten Landschaft ganz allein auf den Meter genau die Stelle, an der Louis umkam. Eugénie geht durch den Kurgarten. Die beschnittenen Bäume, Hecken und Sträucher, die Geometrie der Rabatten und Rasenflächen sagen ihr nicht viel. Großartig findet sie dagegen am 7. Juli das Feuerwerk und die bengalische Beleuchtung vor der Felswand der Bäderlei. Die Kurkapelle spielt noch oft Stücke von Jacques Offenbach, der in Ems so viele Jahre gewirkt hat. Er war der Lieblingskomponist Napoleons III. Eugénie denkt daran, wie köstlich sich ihr Mann in seiner Loge amüsiert hat, während sie der Pariser Theaterskandal um Richard Wagner völlig kalt ließ. Die Kaiserin ist im Grunde amusisch, interessiert sich weder für Gartenkunst noch für Musik. Einzig die Zigeuner hört sie gern spielen. Sie wecken Kindheitserinnerungen. Eugénie wird an ihre Besuche in Wiesbaden vor 1866 gedacht haben, als das Herzogtum Nassau noch bestand und der Herzog ihr einen so glänzenden Empfang bereitet hatte. Sie liebt die Natur, die freie Landschaft. Unvergeßlich durch all die Jahre ist ihr der Blick von der »Platte« nahe dem Jagdschloß auf die Taunuslandschaft mit den dunkelblauen Wellen der Waldhöhen und den lichten, sanft eingeflachten Mulden. Nichts aber kann ihr das andalusische Bergland ersetzen, den Blick von der Alhambra oder besser noch vom Generalife über die grüne Vega zu den Schneegipfeln der Sierra Nevada. Immer hat sie Heimweh nach ihrer Geburtsstadt Granada. Schon als Kind ist Eugénie anfällig für Erkrankungen der Bronchien. Einen Husten kuriert sie in Pau, im milden Klima der Niederpyrenäen. 1861 ist sie in Bad Schwalbach, wo ihr König Wilhelm, der nachmalige Kaiser, seinen Besuch macht, und danach in Baden-Baden. Auch dort trifft sie Wilhelm und seine Gemahlin Augusta. Lebensgefährlich ist die Geburt ihres Sohnes, und die Genesung dauert sehr lange. Als sie von der Macht nicht mehr lassen kann, die Widerstände aber immer stärker werden, gerät sie vorübergehend in eine schwere Nervenkrise mit Anfällen eines gräßlichen Lachens. Sonst aber verfügt sie über eine eiserne Gesundheit und außerordentliche Vitalität. Sie ist eine ausdauernde Reiterin und Jägerin und liebt leidenschaftlich den Stierkampf. Noch mit 80 Jahren fährt sie mit dem Schiff nach Ceylon, erkrankt allerdings in Colombo an einer Lungenentzündung. In Ems bleibt die Kaiserin nicht, wie zunächst vorgesehen, drei, sondern vier Wochen. Sie wird also mit dem Erfolg der Trink- und Badekur zufrieden gewesen sein. 100 Jahre ist sie zwar nicht alt geworden, aber immerhin 94. Es war ihr noch ein später Triumph vergönnt. Beim Kriegsausbruch von 1914 sagte sie: »Diesmal haben wir sie. Der Tag der Revanche ist gekommen!« Sie starb 1920 in Madrid an derselben Krankheit wie ihr Mann, der Urämie (Harnvergiftung). Und sie starb, wie von der Zigeunerin vorausgesagt, »in Nacht«, denn die Kaiserin Eugénie war am Ende ihres Lebens blind. Zar Alexander II. betrieb, allerdings zu spät, zu langsam, zu halbherzig, innere Reformen, stand zudem noch ganz in der Tradition der Romanow-Despotie, deren Brutalität und Menschenverachtung seinem Onkel, Kaiser Wilhelm I., ebenso zuwider waren wie der unmoralische Lebenswandel des Neffen. Dennoch hat Wilhelm Alexander sehr geliebt und war zutiefst erschüttert, als er die Nachricht von dem tödlichen Attentat erhielt. »Das Opfer zu wählen, den Schlag umsichtig vorzubereiten – es gibt nichts Süßeres auf der Welt.« Josef StalinWas wäre die Regenbogenpresse ohne die Kaiser und Könige mit ihren großen Leidenschaften, ihren herzbewegenden Romanzen und tragischen Ab- oder noch besser Untergängen! Da können dann phantasievolle Voyeure durch imaginäre Schlüssellöcher blicken und dem Leser Intimstes berichten. Und hier gibt es offenbar eine Vorliebe für den Zaren Alexander II. und Katharina Dolgoruki. Dazu die Kontraste der Schauplätze: unter dem Unstern der Romanows der barocke Prunk des Winterpalais’ in Petersburg sowie die Kurorte Jalta an der Krim-Riviera und im romantischen Tal der Lahn Bad Ems. Die Prinzessin Bibesco hat daraus einen Roman gesponnen, der wiederum als Drehbuch für den Film ›Katja, die ungekrönte Kaiserin‹ gedient hat. Natürlich ist die historische Wahrheit dabei auf der Strecke geblieben. Romy Schneider als Katharina und Curd Jürgens als Alexander II. hätten wahrlich bessere Rollen verdient gehabt. Alexander II. war schon als Zarewitsch in Ems. Hier sah er 1840 Maria von Hessen aus Darmstadt, seine spätere Frau, die sich als Zarin Alexandrowna nannte. Fünfmal nahm er Quartier in dem Haus zu den ›Vier Türmen‹, zuletzt 1876. 1870 mietete er den ›Darmstädter Hof‹. Dazu mußte der russische Staatsrat von Mereschkowsky mit dem Besitzer des Hotels, Joseph Dresler, einen minuziösen Vertrag abschließen. Die Blumendekoration, das Auslegen von Decken und Teppichen, der Abriß einer Tapetenwand, sogar der Anstrich der Hausfassade – das alles war genau vorgeschrieben und hatte auf Kosten Dreslers zu erfolgen. Zwei im Haus befindliche Läden, ein Tuchgeschäft und die Buchhandlung von Hermann Fahdt, mußten solange geschlossen werden. Das Personal durfte keinerlei Besuch empfangen. Der Mietpreis für vier Wochen war auf 4 200 Taler festgesetzt. Wie Hans Wachenhusen, ein heute vergessener Schriftsteller aus Trier, berichtete, stand vor dem Hotel ein Portier in goldstrotzender Uniform, mit riesigem Dreispitz, einer breiten, mit Adlern verzierten roten Schärpe und mit einer gewaltigen vergoldeten Keule in der Hand. Bauern aus der Umgebung sollen geglaubt haben, es sei der leibhaftige Zar mit seinem Zepter. Alexander kam mit einem Gefolge von etwa 150 Personen, darunter auch der Reichskanzler Michailowitsch Gortschakow, der eine Vorliebe für alles Französische hatte, aber Bismarck und die Preußen nicht mochte. Der Haushofmeister haftete mit seinem Kopf für die Getränke und Speisen,die von sechs Leibköchen zubereitet wurden. Pro Tag wurde ein halber Ochse aufgegessen. Ebenso wie sein Onkel, Kaiser Wilhelm I., trug Alexander in Bad Ems fast nur Zivilkleidung, meistens graue Anzüge. Die Emser, die eine Straße nach ihm benannt haben, lernten ihn gleichsam ›außer Dienst‹ als einen stets freundlichen, leutseligen Mann kennen, der Kinder, Hunde und Pferde liebte und freigebig Geld und Orden verteilte. Fast rührend, ein Bild im Emser Museum. Es zeigt den Zaren mit dem armen Blumenmädchen aus Fachbach, dem er jeden Morgen einen Strauß abkauft und ihm dafür immer ein Goldstück gibt. Auch äußerlich wirkte Alexander ansprechend. Das schmale Antlitz mit der hohen Stirn, die ruhigen Augen und der fest geschlossene, aber nicht verkniffene Mund ließen Verstand, Beobachtungsgabe und Entschlußkraft vermuten. Auf diesem Mann, der sich als Kurgast so unbekümmert gab, lag eine schwere Last. Von seinem Vater, Nikolaus I., hatte er den Krimkrieg geerbt, den er nicht gewinnen konnte. Die Welt erfuhr mit Entsetzen von den Massakern des ersten Stellungskrieges der Geschichte und dem erbärmlichen Dahinsterben Zigtausender an den Verwundungen oder der Cholera. Die erlauchte Gesellschaft in den ›Vier Türmen‹ an der Tafel des Zaren mit dem Blick auf die sonnenstille Lahn, das sommergrüne Tal und die Waldberge des Taunus, diese Gesellschaft hätte bei ihren Ausflügen auf dem Rhein wenigstens einmal für eine Stunde in Kaiserswerth bleiben sollen, um Theodor Fliedners Diakonissenhaus aufzusuchen. Hier war eine Frau als Krankenschwester ausgebildet worden, die im Krimkrieg für Tausende die Hoffnung, die Rettung und das Licht bedeutete. Es war die ›Lady mit der Laterne‹. Sie hieß Florence Nightingale. Alexander las mit Interesse die Kurlisten. Dabei stieß er immer wieder auf polnische Namen. Den großen Aufstand von 1863 hatte er niedergeschlagen. Massenhinrichtungen sollten eine Wiederholung im Keim ersticken. Es gab kein Polen mehr. Aber der Zar mußte einsehen, daß die Russifizierungspolitik eher das Gegenteil bewirkte. Seine riesigen Eroberungen in Asien konnten die innenpolitischen Schwierigkeiten nicht mildern. Auch in Ems verging kaum eine Woche, in der Alexander nicht ein neuer Bauernaufstand gemeldet wurde. Neben anderen Reformen hatte er die Bauernbefreiung durchgeführt. Damit die Gutsbesitzer keinen Schaden erlitten, sollten die Bauern das Land kaufen, was sie natürlich nicht konnten. So waren sie von der Leibeigenschaft in die Zinsknechtschaft geraten. Alexander empfand sehr wohl den Zwiespalt: seine Zugeständnisse kamen zu spät und waren zu gering. Im Grunde seines Herzens wollte er bleiben, was man auch auf der Kurpromenade in ihm sah, nämlich Selbstherrscher aller Reußen. Für Kaiser Wilhelm I. war es immer eine herzliche Freude, seinen Neffen Alexander in Bad Ems zu treffen. Der Onkel sah in dem Zaren vor allem den Sohn seiner geliebten Schwester Charlotte. Bei aller Zuneigung, die übrigens ebenso stark erwidert wurde, erkannte Wilhelm doch das Gegensätzliche, Gewalttätige, Despotische, Unberechenbare in Alexander. Es blieb ein erheblicher Rest,der nicht aufging. Von einem anderen Kurgast, dem ehemaligen Kettensträfling und Verbannten, Dostojewski, der immer noch unter Polizeiaufsicht stand, hätten wir einen tödlichen Haß auf die Romanow-Despotie erwartet. Doch ganz im Gegenteil. Im Juni 1874 kritisiert Dostojewski in einem Brief an Anna Grigorjewna, seine zweite Frau, daß ›Imperator Wilhelm‹ Begrüßungen und Ehrenbezeigungen auf der Kurpromenade kaum erwidert. Und dann heißt es: »Dagegen verbeugte sich unser Zar hier vor allen, was die Deutschen sehr zu schätzen wußten.« Und im nächsten Jahr schreibt Dostojewski aus Ems mit Bedauern: »Heute mußte unser Herrscher abreisen, und so ist es mir nicht gelungen, ihn noch zu sehen.« Viktoria, die Gemahlin des nachmaligen 99-Tage-Kaisers Friedrich, hat das Widersprüchliche im Charakter Alexander II. wohl am schärfsten erkannt. Sie wußte, daß dieser Mann, für den sie insgeheim ein Faible hatte, zugleich kultiviert und barbarisch, gütig und brutal, liebevoll und äußerst grausam, warmherzig und eiskalt war. Nach der Ermordung Alexanders schrieb sie beschönigend an ihre Mutter, die Queen Victoria: »Mein Schwiegervater vergoß viele Tränen ... Die Regierung hat während langer Jahre zu viele Grausamkeiten begangen ..., als daß nicht Rachegelüste hätten entstehen müssen. Das Traurigste dabei ist, daß sie an einem so wohlmeinenden und gütigen Herrscher ausgelassen worden sind.« Viktoria, eine Frau von überragender Intelligenz, war von einer pedantischen Sittenstrenge und über das Verhältnis Alexanders mit der Fürstin Dolgoruki, aus dem auch Kinder entsprossen, äußerst empört. Um so tiefer war ihr Mitgefühl mit der gedemütigten Zarin. Bisher waren die Attentatsversuche fehlgeschlagen. Auch in Ems fühlte sich Alexander gefährdet. Blumen könnten Gift ausströmen und mußten erst ausgelüftet werden, bevor man sie in die ›Vier Türme‹ brachte. Auf der Tafel durfte nichts Überflüssiges, vor allem kein geschlossenes Gefäß stehen. Für die Sicherheit waren Kosaken, Polizisten und deutsche Gendarmen verantwortlich. Wer den Zaren jeden Morgen pünktlich um acht Uhr, nur von seinem Adjutanten begleitet, zum Brunnen gehen sah, glaubte ihn unbewacht. Aber es waren aus Petersburg 30 Leute der Ochrana mitgekommen, die ihre Augen überall hatten. Es war die gefürchtete politische Geheimpolizei, die fast unbegrenzte Vollmachten besaß, mit Spitzeln und Provokateuren arbeitete und auch Frauen in ihrem Dienst hatte, sogar Aristokratinnen. Selbst Bismarck, für den Alexander eine Vorliebe hatte, mußte sich als Gesandter in Petersburg gefallen lassen, daß seine Post kontrolliert wurde. Im Juli 1805 kam Friedrich Heinrich Jacobi, ein bedeutender Philosoph und enger Freund Goethes, zur Kur nach Ems. Er gebrauchte als erster den Begriff ›Nihilismus‹ (von lat. nihil = nichts). Von hier führt der Weg zur Existenzphilosophie unserer Tage ebenso wie zu den Studentenunruhen von Berkeley, Berlin und den heutigen Terroristen. Iwan Turgenjew nannte Basaroff, die Hauptgestalt in seinem Roman ›Väter und Söhne‹, einen Nihilisten. Das war wie ein Funke, der auf die russischen Anarchisten übersprang. Nihilisten waren u.a. die ›Narodniki‹ (Volksfreunde), wozu auch die fanatische Vera Figner gehörte, die nun ständig die Parole einhämmerte: »Es bleibt nur noch die nackte Gewalt: Dolch, Revolver, Dynamit.« Alexander Puschkin hatte mit seinem kurzen Roman ›Vorabend‹ sehr absichtsvoll ins Herz der Despotie gezielt. Man konnte die Bücher verbieten, aber man konnte die Ideen nicht totschlagen. Alexander II. wußte es. In all diesen Jahren saß ein Mann, der auch den Romanows zum Schicksal wurde, an einem Schreibtisch und häufte den geistigen Sprengstoff, um den Erdkreis zu erschüttern. Es war Karl Marx aus Trier. Vom Panslawismus führt die Wirkungslinie auf die Ideen des Ostpreußen Johann Gottfried Herder zurück. Volk, Sprache, Mythos, Kultur, Religion als Kraft und Klammer des Altrussischen – das hatte Alexander in seinen pathetischen Reden immer wieder beschworen. Aber damit hatte er in seinem Vielvölkerstaat auch schlafende Hunde geweckt. Das beweist die Tafel an den ›Vier Türmen‹; auf ihr steht: ›In diesem Hause unterschrieb am 30. Mai 1876 der russische Zar Alexander II. den »Emser Erlaß«, durch den der Gebrauch der ukrainischen Sprache unter Verbot und Strafe gestellt wurde. Zum Zeichen der Lebenskraft ihrer Kultur setzt die ukrainische Gemeinschaft dieses Mahnmal. Bad Ems, 1976. Weltkongreß der Freien Ukrainer‹ Katharina Dolgoruki entstammte einer sehr angesehenen und reichen Familie. Ihr Vater war Zeremonienmeister des Zaren und in dessen Gefolge mehrmals in Ems. Katharina war keine Mätresse. Die gesellschaftlichen Nachteile, die sie hinnehmen mußte, konnten mit Geld nicht aufgewogen werden. Der Vater versuchte alles, um dem Verhältnis seiner Tochter mit dem Zaren ein Ende zu bereiten. Er schickte sie für unbegrenzte Zeit nach Neapel. Dort brach sie aus, traf Alexander in Paris und fuhr mit ihm schnurstracks nach Petersburg. Es war auch nicht zu verhindern, daß sie sich während der Kur des Zaren in Ems aufhielt. Die Anwesenheit läßt sich nicht mehr genau feststellen, denn in den Kurlisten erscheint ihr Name nicht. Gewohnt hat Katharina Dolgoruki auf der linken Lahnseite unter dem Malberg in der Villa ›Petit Elysée‹ (Villenpromenade 13), also in Sichtweite der ›Vier Türme‹. Elysium nannten die Griechen die Gefilde der Seligen, und elysäisch bedeutet paradiesisch, wonnevoll. Wie dem auch sei, was Alexander und Katharina verband, war die durch nichts zu hemmende Leidenschaft der großen Liebe. Ein häufiger Treffpunkt war das Lahnsteiner Forsthaus, wohin der Zar, begleitet von dem riesigen Bernhardiner ›Lord‹, entweder auf dem ›grauen Karager‹ oder dem ›weißen Derwisch‹ geritten kam. Katharina, so wurde behauptet, sei eine der schönsten Frauen Rußlands. Am 3. Juni 1880 starb die Zarin an der Schwindsucht. Und schon sechs Wochen später kam es zur Eheschließung, allerdings einer morganatischen (zur linken Hand). Deshalb erhielt Katharina den Titel ›Ihre Hoheit Fürstin Juriewsky‹. Doch das Glück nahm ein jähes Ende. Das Attentat am 13. März 1881 am Katharinenkanal hatte mit der zweiten Dynamitladung Erfolg. Die Bomben waren in einem Käseladen gebastelt worden. Eine elegant gekleidete Aristokratin stand am Ufer und gab mit einem Spitzentaschentuch die Signale. Sie wurde zusammen mit den anderen Tätern öffentlich gehenkt. Katharina ging mit ihren Kindern ins Ausland. In Nizza, wo sie 1922 starb, mag sie sich wie auf der Tribüne der Weltgeschichte gefühlt haben. Die Historie trieb ihre Dramatik mit atemberaubender Konsequenz weiter. Nachdem die Ideen eingeströmt waren, fehlte nur noch der große Tatmensch zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Der deutsche General Erich Ludendorff schickte ihn 1917 per Reichsbahn. Er hieß Uljanow und nannte sich später Lenin. Kaiser Friedrich III., den man den 99-Tage-Kaiser genannt hat, war noch als Kronprinz in Bad Ems. Er wäre durch eine Radikal-Operation wahrscheinlich zu retten gewesen. Die Fehldiagnosen, medizinischen Kardinalfehler und falschen Entscheidungen sind nicht nur die Ursachen für seine persönliche Tragik, sondern auch für den verhängnisvollen Verlauf der deutschen Geschichte. So kam es 1888 zum Drei-Kaiser-Jahr: Wil- »Was sind wir? Der größte Gedanke hängt ab von einer Faser im Gehirn.« Leopold von Ranke zum Tode von Friedrich Wilhelm IV. Am 15. April 1887 meldete der Lahn-Bote aus Bad Ems: »Heute morgen 8.14 ist se. Kaiserliche und Königliche Hoheit, der Kronprinz des Deutschen Reiches und von Preußen, mit hoher Familie und Gefolge zum Kurgebrauche hier eingetroffen.« Nach den sehr schönen sonnigen Ostertagen war das Wetter umgeschlagen. Am Vortage noch schwüle Luft und Gewitter, nun ein scharfer, kalter Wind,der Schnee und Regen brachte. Das war sehr ungesund für die Kranken, die schon in der Vorsaison gekommen waren, um Heilung zu suchen. Kronprinz Friedrich, der Sohn Kaiser Wilhelms I., seine Gemahlich Viktoria und die Töchter Viktoria, Sophie und Margarethe wurden am Bahnhof von einer riesigen Menschenmenge mit donnernden Hurra-Rufen und großer Herzlichkeit begrüßt. Niemand in Deutschland, auch nicht der Kaiser, war so volkstümlich, so beliebt wie Friedrich. Auch die Emser nannten ihn kurz und bündig »unser Fritz«. Friedrich war 56 Jahre alt, Die »hohe Familie« hielt sich jedoch im Bahnhof nicht lange auf, sondern begab sich so schnell wie möglich in ihr Quartier, in das mächtige, dreigeschossige Haus zu den »Vier Türmen«, die alte Karlsburg. An diesem Tag war das Haus mit Tannengrün geschmückt, und auf dem Walmdach pflanzte man die Standarte des Kronprinzen auf. Die Stadt hatte reichen Flaggen- und Girlandenschmuck angelegt. In dem zahlreichen Gefolge befand sich aus gutem Grund, aber wohl nur von wenigen bemerkt, der General-Arzt I. Klasse beim Garde-Corps, Dr. Wegner. Ansonsten waren dem Lahn-Boten bis zum 14. Mai, dem Ende von Friedrichs Kur, nicht viel Neuigkeiten zu entnehmen. Im Taunus wurde ein Mädchen in einem bedenklichen Zustand gefunden, weil es sich zu fest geschnürt hatte. Der Metzger A. Weidenfeller, der Bäcker C. Stendebach und der Bierverleger C. Eisfeller hatten den Auftrag, die kronprinzliche Hofhaltung zu beliefern. In den Elementarschulen hatte das neue Schuljahr begonnen. Sie mußten aber schon bald wieder geschlossen werden; die Masern waren ausgebrochen. Zwei Diebe mit einer Vorliebe für Uhren und Schmuck wurden von der Kurpolizei gefaßt. Dem Musikdirektor Hermann Mannsfeld wurde von den Prinzessinnen eine »Busennadel«(!) mit Brillanten verehrt. Im Maschinenhaus in der Wilhelmsallee war der Versuch mit der elektrischen Beleuchtung erfolgreich. Es wurde an die Polizeiverordnung erinnert, vom 15.April ab die Straßen und Plätze bei trockenem Wetter fünfmal am Tage mit Wasser zu besprengen. Die 13. Auflage des »Brockhaus-Conversations-Lexikons« war abgeschlossen. Im letzten, dem 16. Band,war der Artikel über Kaiser Wilhelm I. besonders ausführlich. Der Bürgermeister Spangenberg drohte jedem, der nicht binnen acht Tagen die Misteln aus den Obstbäumen entfernt hatte, eine Geldstrafe bis zu 30 Mark an. Das waren nicht gerade bewegende Nachrichten. Um so mehr konzentrierte sich das Interesse auf die prominenten Kurgäste, über die nun fast täglich berichtet wurde.Aber gerade die Emser wußten mehr, als die Presse veröffentlichen durfte. Wilhelm I. – jetzt 90 Jahre alt und schon fast zum Denkmal geworden – kam jeden Sommer und logierte im ›Kaiserflügel‹ des Kurhauses. Augusta, die Kaiserin, wenn sie überhaupt mitfuhr, wohnte in Koblenz im Schloß und hielt ihren gewohnten Cercle, geistvoll, liberal, aber scharfzüngig und aggressiv, vor allem gegen Bismarck. Man wußte, daß es eine lieblose Zweckehe war und daß die beiden in Fragen der Politik und der Erziehung seit eh und je heillos zerstritten waren. Allgemein bekannt war natürlich, daß Friedrich der späte Neffe Friedrich des Großen und Enkel Katharina der Großen war, letzteres durch Augusta, die Tochter der Großfürstin Maria Pawlowna. So kreuzten sich in Friedrich nicht nur die Blutlinien, sondern auch die pädagogischen Einwirkungen. Wilhelm hatte seinen Sohn preußisch-militärisch erzogen, ganz fixiert auf den großen Ahnen von Sanssouci, doch leider ohne seinen Esprit, seine Liebe zu den schönen Künsten, vor allem für die Musik und die Literatur, aber auch für die Aufklärung mit dem »Siecle de Voltaire«. Bei seinen Spaziergängen in Ems und Nassau unterhielt sich Friedrich gern mit Kriegsveteranen. Sie sahen in »ihrem Fritz« den glückhaften Feldmarschall. Er besaß tatsächlich jene »fortune«, ohne die für Friedrich den Großen ein Offizier nicht zu gebrauchen war. So kam der Kronprinz bei Königgrätz gerade noch rechtzeitig, um die drohende Niederlage in einen Sieg zu verwandeln. Seit er das Grauen der Schlachtfelder erlebt hatte, besaß er für das Militärische keine Begeisterung mehr. Dem widersprach wohl auch seine humanistische Bildung. Sein Erzieher war Ernst Curtius, der bedeutende Gelehrte und Ausgräber von Olympia. Es ging etwas Gewinnendes von Friedrich aus. Sprach er mit Soldaten, mit einfachen Leuten, fand er immer den richtigen Ton. Bei seinen derben Witzen fiel er oft ins Berlinerische, was für nassauische Ohren allerdings nicht besonders angenehm war. Im Gegensatz zu seinem Vater liebte der Kronprinz die Musik. Die Kurkonzerte besuchte er auch bei schlechtem Wetter. Einmal bat er darum, einen Walzer von Strauß zu wiederholen. Seinen großen Beifall fand auch das Konzert am 12. Mai mit Partien aus Beethovens »Leonore«, Glucks »Paris und Helena«, Mozarts »Zauberflöte« und dem »Wanderlied« von Schumann. Diese Hinwendung zum Musischen ist sicher durch seine Mutter stark gefördert worden. Augusta kam aus Weimar, aus der Welt Herders, Während Viktoria in Ems die kleine englische Kirche besuchte, die leider 1954 abgerissen wurde, nahm Friedrich an den evangelischen Gottesdiensten teil. Durch Familientradition gehörte Friedrich der reformierten Kirche an. Calvins nüchterne Vorstellungen von Staat und Gesellschaft, seine überaus strenge Kirchenzucht mit den oft kleinkarierten Moralregeln, das bis zur Gedankenblässe Nüchterne und Asketische – dies alles war den Hohenzollern wohl gemäßer als Luthers Vollblütigkeit und seine umwerfende Kraft. Ein Bild im Museum der Stadt Bad Ems zeigt Friedrich mit Hammer und Schürze, den Emblemen der Freimaurer. Auch das entsprach seit Friedrich dem Großen der Familientradition. Wilhelm I. war Protektor der Logen. Außer den ethischen Idealen des Friedens, der Menschlichkeit, der sozialen Gerechtigkeit und Brüderlichkeit schätzte Friedrich den liberalen Geist der Freimaurer. Und das war genau der Punkt, den Wilhelm nicht akzeptierte,weil dem folgerichtig ein liberaler Staat entsprochen hätte, den der Kaiser ebenso entschieden ablehnte, wie ihn der Kronprinz und mehr noch seine Frau Viktoria, und zwar nach englischem Vorbild, verwirklichen wollten. Gleich nach seiner Ankunft ließ der Kronprinz den Geheimen Sanitäts-Rat Dr. Peter Orth in die »Vier Türme« rufen. Der Arzt verordnete sofort die Trinkkur, und zwar abwechselnd Kessel- und Kränchenbrunnen. Orth feierte gerade sein 50-jähriges Arztjubiläum. Der Lahn-Bote nahm das zum Anlaß, um die widerrechtliche Einverleibung des Herzogtums Nassau von 1866 durch Preußen in Erinnerung zu bringen. Es heißt ganz lapidar: »Seit der Annexion fungiert er (= Orth) als Königlicher Brunnen- und Bade-Arzt.« Natürlich gratulierte auch der Kronprinz, und aus Berlin kam als sinniges Geschenk die Büste des Kaisers in Bronze. Die Patientenkartei des Dr. Orth ist leider nicht mehr auffindbar; sie wäre eine Fundgrube. Friedrich klagte seit Januar über Heiserkeit, die nun in Ems behandelt wurde. Wenn Orth eine Kehlkopfspiegelung gemacht haben sollte, die sehr viel Übung und Geschicklichkeit verlangt, so wäre ihm einiges aufgefallen. Das linke Stimmband war verdickt, eine Stelle war vernarbt, das daran anschließende Gewebe knotenartig ausgebildet. Diese Geschwulst hatte Prof. Karl Gerhadt in Berlin am 6. März festgestellt. Als der Versuch, sie mit dem Skalpell zu entfernen, mißlang, ging Gerhardt mit dem elektrischen Platindraht heran und brannte aus. Wegen der starken Schmerzen, die der Patient dabei empfand, blieb ein Rest auf dem Stimmband zurück. Gerhardt nannte diese Neubildung optimistisch eine ›Granula‹ (eigentlich Granulom, d.Verf.), also eine Gewebeveränderung, die nur wie eine Geschwulst aussieht, aber keine ist. Um es vorweg zu sagen: es war Krebs. Und nur eine Therapie hätte noch Erfolg haben können: das Messer des Chirurgen, und das so schnell wie möglich und so radikal wie möglich. Tatsächlich sollte der Eingriff schon bald vorgenommen werden, doch wurde er von Bismarck vereitelt, der darüber in seinen »Gedanken und Erinnerungen« schreibt: »Die behandelnden Ärzte waren am 20. Mai 1887 im Begriff, den Kronprinzen bewußtlos zu machen und die Extirpation (Entfernung, d.Verf.) des Kehlkopfes auszuführen, ohne ihm ihre Absicht angekündigt zu haben. Ich erhob Einspruch, verlangte, daß nicht ohne die Einwilligung des Patienten vorgegangen und, da es sich um den Thronfolger handle, auch die Zustimmung des Familienhauptes eingeholt werde. Der Kaiser, durch mich unterrichtet, verbot,die Operation ohne Einwilligung seines Sohnes vorzunehmen.« »In meinem Beruf ist Irren leider tödlich.« Dieses Wort wurde dem berühmten Pathologen Rudolf Virchow bei einem anderen Anlaß, nämlich dem Streit mit Robert Koch, in den Mund gelegt. Virchow kam bei der Untersuchung der Gewebeproben aus dem Kehlkopf des Kronprinzen zu einem negativen Ergebnis. Später wurde behauptet, die Proben seien zu gering gewesen, um zu einem richtigen Befund zu kommen. Da gegenüber Friedrich und Viktoria niemand auch nur die leiseste Andeutung machte, daß es sich um eine ernsthafte Erkrankung handeln könnte, verlebte das Paar mit den drei Töchtern in Ems noch vier unbeschwerte Wochen. Am 22. April wurde der Geburtstag Margarethes,der jüngsten Tochter, gefeiert. Hierzu war schon am frühen Morgen die Kapelle des Garde-Grenadier-Regiments »Königin« aufmarschiert und spielte zum Auftakt den Choral »Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren«. Die Zeitung berichtete dazu: »Mittags fand ein Luncheon der Erlauchten Gäste und ihrer Umgebung auf der Sporkenburg bei Arzbach statt.« Ausflüge führten nach Koblenz und Limburg, auf die Marksburg und die Burg Lahneck, zum Schloß Schaumburg, zum Lahnsteiner Forsthaus, nach Dausenau, Welschneudorf und Kemmenau, auch nach Nievern und ins Schweizertal. Wer von Koblenz kommt oder bei Lahnstein über den Rhein blickt, sieht am Hang über dem linken Stromufer ein märchenhaftes Gebäude, heute natürlich eine Touristenattraktion ersten Ranges. Es ist das Schloß Stolzenfels. Die einstige Burg war längst zur Ruine zerfallen, als die Stadt Koblenz sie 1823 dem späteren preußischen König Friedrich Wilhelm IV. zum Geschenk machte. So kam die Burg in den Besitz der Hohenzollern. Das ist der Grund, warum Friedrich und seine Familie ihren ersten Ausflug zu Beginn der Kur nach dort unternahmen. Was anzog, war aber nicht nur der Besitz. Friedrich Wilhelm IV., der Onkel Friedrichs, hatte die Burg nicht einfach wieder aufbauen, sondern durch den großen Baumeister Karl Friedrich Schinkel auch ideenreich zu einem Schloß umgestalten lassen. Der Neffe wußte, daß ohne die Gehirnerkrankung seines Onkels die deutsche Geschichte einen anderen Verlauf genommen hätte. Von der großen Aussichtsterrasse des Schlosses hatte Viktoria einen Blick auf die sanft geschwungenen Höhen des Taunus’. Sie konnte nicht ahnen, daß sie dort, gar nicht weit von ihrem Blickpunkt, bei Kronberg, ihre letzten Jahre verbringen wird, zwar in ihrem Schloß Friedrichshof mit dem wunderschönen Park, aber verbittert und sehr krank. Zwei Tage später wanderte Friedrich mit Sophie und Margarethe von Bergnassau aus auf die Höhe nach dem Dörfchen Misselberg. Sie wollten die sagenhafte »Misselblume« suchen, und sie hatten Glück, sie auf einer Bergwiese blühend zu finden. Die Prinzessinnen werden wohl einige dieser Narzissen ihrem Herbarium als Rarität einverleibt haben. Der Kronprinz trug Zivilkleider und empfand es als angenehm, daß ihn kaum jemand erkannte. Wie ahnungslos auch Viktoria war, beweist ein Brief, den sie am 29. April aus Bad Ems an ihre Mutter schrieb, also an die Queen Victoria, die dem Zeitalter ihren Namen aufprägte. Der Ausschnitt lautet in der Übersetzung: »Vielen Dank für Deine freundlichen Nachfragen nach Fritz. Seine Stimmung ist viel besser als in Berlin, und sein Hals scheint täglich besser zu werden. Die Reizung, Schwellung und Rötung verschwinden schnell, er hustet nicht mehr und hat nicht das Gefühl des Wundseins ... Fritz hat guten Appetit, schläft gut und sieht wohl aus.« Das ist einer der Tausende von Briefen, die Viktoria sich einige Jahre später hat zurücksenden lassen, vielleicht um ihre Lebenserinnerungen zu schreiben, wozu es dann aber nicht kam. Kurz vor ihrem Tode hat sie diese Briefe dann in einer abenteuerlichen Geheimaktion wieder nach England zurückschaffen lassen. Um in den Besitz dieser Papiere zu gelangen, war Wilhelm II. jedes Mittel recht. Kaum hatte seine Mutter den letzten Seufzer getan, als eine im Wald bei Kronberg versteckte Kavallerieschwadron hervorbrach und das Schloß Friedrichshof umstellte, während die Polizei das Haus bis in die letzten Winkel durchsuchte. Dieser unerhörte Vorgang erhellt schlagartig beides, das traumatische Mutter-Sohn-Verhältnis und den Charakter Kaiser Wilhelms II. Am 10. Mai 1887 beschloß der Stadtrat von Bad Ems, ein Gesuch an die Kronprinzessin zu richten, »daß die neue Straße im ›District Oberau‹ ›Victoria-Allee‹ heißen darf«. Der Beschluß erfolgte einstimmig. Sicher nicht einhellig war die Meinung der Ratsmitglieder über die zu ehrende Person. Volkstümlich war Viktoria nicht. Man sah in ihr immer noch die Engländerin, von Bismarck ebenso gehaßt wie wegen ihrer überragenden Intelligenz gefürchtet. Auch in Ems interssierte sich Viktoria für soziale Verhältnisse und technische Einrichtungen. Sie besuchte das Armenbad, die Krankenstuben, ließ sich von dem Generaldirektor Linkenbach nicht nur genau die Erzscheidungsprozesse erklären, sondern wollte ebenso konkret über die Lebensverhältnisse der Emser Berg- und Hüttenarbeiter Bescheid wissen und ging auch in die Wohnungen der Familien. Diese Frau liebte nichts mehr als ihren Mann, für den sie der Stern seines Lebens war. Aber diese Frau war hochpolitisch. Das hatte man in Deutschland noch nie gemocht. Selbst das liberale Bürgertum hielt für die Frau noch immer an dem Grundsatz fest: »Kinder, Küche, Kirche«. Und schon griff man Bismarcks zynisches Wort von der »Unterrock-Regierung« auf. Der Verlauf der Historie läßt sich nicht voraussehen, sie liebt plötzliche Wendungen und dramatische Beschleunigungen. Kleinste Ursachen können größte Wirkungen haben, und scheinbar waltet oft der blinde Zufall. Es kann die »eine kranke Faser« sein, die der große Historiker Leopold von Ranke meinte. Oder die Weltgeschichte verengt sich, wie 1914 in Sarajewo, auf den Millimeter-Radius einer Pistolenmündung. Bei Friedrich lief eine Zelle Amok, eine von etwa 60 Billionen. Am 21. April hatte der Lahn-Bote berichtet: »Wie wir vernehmen, ist Dr. Schmidt aus Frankfurt a.M., ein renommierter Specialarzt für Halsleiden, bei der Behandlung des leichten Halsübels Sr. Kaiserl. Königl. Hoheit des Kronprinzen konsultiert worden«. Die Meldung wurde dementiert. Weitaus schwerer ist es, historische Irrtümer zu korregieren. Es wird behauptet, und das bis zum heutigen Tage, Viktoria habe die Hinzuziehung des englischen Spezialisten Sir Morell Mackenzie verlangt. Das ist unwahr. Allein Bismarck, bestärkt durch die deutschen Ärzte, hat es getan. Dadurch erhielt die Tragödie ihre letzte Perfektion. Mackenzie, ein Mann von internationalem Ruf, beging bei seinem prominenten Patienten den Kardinalfehler, bis zum 6. November eine gutartige Erkrankung zu diagnostizieren. Die deutschen Ärzte waren längst vom Gegenteil überzeugt. Es kam zu einem sehr häßlichen, unwürdigen Medizinerstreit, der sich zur persönlichen Feindschaft vertiefte und sich zum deutsch-englischen Politikum auswuchs. »Unser Fritz« regierte als Friedrich III. ganze 99 Tage und erlag am 15. Juni dem Kehlkopfkrebs. Der Weg war frei für Wilhelm den II. Die Fahrt in den Abgrund konnte beginnen. Wie überall in Deutschland gedachte man Friedrich III. auch in Bad Ems. Hier die Ankündigung der Trauerfeier: Die Familien von Humboldt und von Stein Caroline von Humboldt war noch ganz erfüllt von Italiensehnsucht; über die romantische Landschaft des Rheinischen Schiefergebirges äußert sie sich ebenso wenig wie über den Kurerfolg. Sie jammert nur. Später, in Berlin, hat sie in Schloß Tegel die Geister angezogen, so daß Theodor Fontane sagte: »Paris ist nicht gut ohne Versailles, London nicht ohne Windsor und Berlin ist nicht ohne Tegel zu denken.« Wilhelmine vom Stein stand nicht nur im Schatten ihres Mannes, sondern auch ihrer Schwiegermutter Henriette, mit der sie es, was Geist und Bildung anging, nicht aufnehmen konnte. Dafür war sie überlegen in den praktischen Dingen des Lebens. Wilhelm von Humboldt blieb ebenso wie sein Freund Karl vom Stein politisch ausgeschaltet. Beide hatten den Kampf gegen den Staatskanzler von Hardenberg verloren. Wilhelm verbrachte die letzten Jahre seines Lebens in Tegel mit seinen sprachwissenschaftlichen Forschungen. Er stand jeden Tag an Carolines Grab. Karl vom Stein, der Grobian und Polterer, wollte nicht in Nassau begaben sein, sondern im unweiten Frücht, wo er ebenfalls begütert war. Auf dem Grabmal ist er in der Pose eines Cäsaren dargestellt. Die Grabplatte trägt die Inschrift: Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein ruhet hier. Der Letzte seines über Jahrhunderte an der Lahn blühenden Rittergeschlechts, demütig vor Gott, hochherzig gegen Menschen, der Lüge und des Unrechts Feind, hochbegabt in Pflicht und Treue, unerschütterlich in Acht und Bann, des gebeugten Vaterlandes ungebeugter Sohn im Kampf und Sieg Deutschlands Mitbefreier. E.M. Arndt »Es haben gewiß viele Menschen die Freude am Altertum und selbst leidenschaftliche Neigung dazu. Aber mit allem Verlangen, Gedanken und Gesinnungen darin zu leben wie ich, tut schwerlich jemand auf Erden. Ich kann es nicht anders beschreiben, als daß es mir eine wahre und einzige Heimat ist; alles was in der Geschichte darauf folgt, ist mir gleichgültig.« Das schrieb Wilhelm von Humboldt 1818 an seine Frau Caroline. Der Briefwechsel der Eheleute von über 3 000 Seiten umfaßt in der von Anna von Sydow von 1906 bis 1916 herausgegebenen Ausgabe 17 Bände. Es sind einzigartige literarische und zeitgeschichtliche Zeugnisse, nur zu vergleichen mit der ausdrucksstarken Briefprosa Rahel Varnhagens, in deren berühmtem Berliner Salon die Humboldts ebenso verkehrten wie in dem der Henriette Herz. Goethe, der sich und sein Werk nur von wenigen Frauen verstanden glaubte, nannte Caroline die bedeutendste Frau seiner Zeit, ein großes Sprachtalent von erstaunlicher Urteilsfähigkeit in fast allen Dingen. Für Schiller, in enger Freundschaft verbunden, war Caroline »ein unvergleichliches Geschöpf, ein glücklicher Genius, der selbst glücklich um den Glücklichen schwebt.« Im Sommer 1818 muß Caroline von Humboldt einen für sie sehr schweren, sehr bitteren Entschluß fassen. Sie muß mit ihren Töchtern Caroline und Gabriele Rom, wo sie seit 1802 viele Jahre gelebt hat, verlassen. Ihr Mann Wilhelm hat endlich, nach zwei Jahren, seine Entlassung als Gesandter in London durchgesetzt. Er hat Preußen in hohen und höchsten Staatsstellungen gedient, das humanistische Gymnasium und die Berliner Universität gegründet, als deutscher Patriot zur Niederlage Napoleons beigetragen. Aber das alles und die genialen Sprachforschungen zählt für den Staatskanzler Hardenberg und die Kamarilla in Berlin nicht. Sie wollen nur eines: dieser unbequeme Mann, der die Neugestaltung Deutschlands nach den Vorstellungen seines Intimfreundes Karl vom Stein verwirklichen will, muß politisch ausgeschaltet werden. Caroline hatte nie erwogen, ihrem Mann auf die »Nebelinsel« zu folgen. Nun soll es nach langer Trennung ein Wiedersehen in Frankfurt geben. Der andere Grund liegt in Carolines schlechter Gesundheit. Nach Karlsbad will sie nicht wieder gehen. Wohl dem Rat Goethes und Steins folgend, entschließt sie sich für Bad Ems, auch weil sie von dort die Familie vom Stein im nur acht Kilometer entfernten Nassan besuchen kann. Sie bricht mit großem Troß auf. Doch als sie erfährt, daß sich Wilhelms Entlassung verzögert, kehrt sie nach ihrem geliebten Rom zurück. Ihr Zustand verschlechtert sich. Eine Fahrt im Winter über die Alpen kann sie nicht wagen. Erst am 2. Mai 1819 bricht sie erneut auf. Faßt man zusammen, was sie in ihren Briefen aus Italien berichtet, so ergibt sich folgendes Krankheitsbild: starke rheumatische Beschwerden, quälender Husten, »Schmerzen in der Tiefe der Brust«, eine allgemeine Schwäche, die durch einen Aderlaß, wie noch immer üblich, weiter zugenommen hatte. Schmerzfrei war sie selten. Unter damaligen Umständen konnte sie wohl eine bessere Wahl als Ems nicht treffen. Es gibt in ihren Briefen an Wilhelm vom 24. Februar und vom 24 März 1819 zwei Stellen, die schlagartig die ganze Erbärmlichkeit der Metternich-Ära erhellen. Caroline schreibt: »Das ist ja eine köstliche Notiz, daß da, wo Du bist, alle Briefe geöffnet werden. Freie Reichsstadt, freie Post! Ho capito molto bene (= Ich habe sehr wohl verstanden.)« Und: »Er (= der Brief) ist ungewöhnlich lang unterwegs, doch trug er keine Spur von Geöffnetseins. Das Siegel war rein und glänzend und dünn aufgetragen im Siegellack. Wenn die Briefe geöffnet gewesen sind, sind die Siegel immer trüb und dick.« Diese Mühe machen sich aber die Kreaturen nicht immer. Es heißt auch: »Dein Brief vom 12. war sichtbar geöffnet.« Das sind die Methoden des Polizei- und Spitzelstaates, die, wie wir wissen, in unserem Jahrhundert noch wesentlich verfeinert wurden. Auf der Rückreise ist Henriette Herz, die in einer anderen Kutsche mitfährt, rührend um Caroline bemüht und versucht, sie zu zerstreuen und aufzuheitern. Aber Caroline ist Rom buchstäblich verfallen. Ihr ist zumute, als müßte sie in die Verbannung gehen. Auch bedrückt es sie, daß sie zwei Gräber zurücklassen muß, das ihres 1803 im Alter von neun Jahren an der Malaria verstorbenen Sohnes Wilhelm und das ihres Sohnes Gustav, 1806 verstorben, noch nicht zwei Jahre alt. Beide liegen unter einer Pyramide am Rande eines Scherbenberges auf dem Friedhof von Cestius in dem fieberverseuchten Agro Romano. Nichts kann die Trauer mehr vergegenständlichen als die dunklen Säulen der Zypressen, die ihre ultramarinblauen Schatten auf die Grabstätte werfen Und noch ein anderes Bild hat sich ihr unauslöschlich eingeprägt. Unter einer hohen Akazie mit weit ausgebreiteter Krone und purpurroten Blütendolden liegt auf einem Gutshof bei Meudon ihre Tochter Louise, 1804 nur drei Monate alt verstorben. Vor dem Halbrund des Bois de Meudon mit den Spiegeln der Teiche steigen die großen Terrassen ab, von deren Höhe man »la vue célèbre«, den berühmten Blick über die Seine auf Paris hat. Später wird hier Auguste Rodin sein Atelier einrichten und den Blick immer wieder genießen. Eine Freude sind Wilhelms Briefe. Am 2. April 1819 schreibt er aus Frankfurt: »Ich habe Stein erzählt, daß Du eine große Leidenschaft für das Spazierengehen hast und oft sehr früh aufstehst. Beides ehrt und liebt er sehr und tadelt immer das Gegenteil an mir. Doch bleibt er mir zu Liebe jetzt immer bis Mitternacht auf. Es wird nämlich 1/2 11 zu Abend gegessen, bloß die Frau und Henriette. Dabei bleibt er selten gegenwärtig. Aber wenn ich da bin, tut er es. Er ist mir wirklich sehr gut.« Es folgt aus Frankfurt der Brief vom 12. April 1819: »Stein geht morgen nach Nassau. Die Frau bleibt aber, weil Therese und die kleine Splittgerber konfirmiert werden sollen, bis zur Mitte des Junius hier. Erreichst Du Frankfurt in den ersten Tagen des Junius, so findest Du also die Familie getrennt. Nun habe ich ihn bestimmt allein gefragt, ob Du in diesem Fall, ohne ihm lästig zu sein, mit den beiden Mädchen könntest zu ihm nach Nassau kommen, und er bittet Dich inständig darum. Er meint, Du könntest auch einige Tage, ehe Du nach Ems gingest, wenn Du nämlich noch dies Bad brauchst, bei ihm im Hause baden. Er läßt auch für sich selbst das Wasser aus Ems kommen. Bleibst Du in Wiesbaden, und wäre Dir die Reise nach Nassau unbequem, so besucht er Dich. Du kannst gar nicht glauben, wie unendlich viel er auf Dich hält, wie gut er Dir ist, und wie sehr er Dich zu sehen wünscht. Es ist ein schönes Zeichen seiner eigenen Natur, daß er Dich so erkennt.« Wilhelm von Humboldt fährt von Nassau nach Frankfurt zurück und schreibt am 19. April: »Das Quartier in Ems wird genommen ... Stein hat Dir das in Ems besorgt, und sie (= Frau vom Stein) schreibt mir heute darüber, da ich sie gestern abend nicht zu Hause fand. Es ist närrisch, so gut und liebevoll beide miteinander leben, doch zwischen Stein und seiner Frau fast in allen Dingen ein Kontrast ist. So schreibt sie mir, da wir immer miteinander Deutsch sprechen, französisch, das würde Dir gar nicht in den Sinn kommen.« In Frankfurt ist Humboldt viele Abende mit dem Freiherrn vom Stein zusammen. Endlich können sie wieder unbespitzelt über Politik reden. Dann fahren sie beide nach Nassau, von wo Wilhelm am 21. Mai berichtet: »Ich sitze in derselben Stube, liebe Li, die wir hier zusammen bewohnten, die Sonne scheint ins Zimmer, und die alte Ruine liegt mir gegenüber. Aber wie anders ist alles, da Du nicht hier bist. Es ist sehr hübsch hier allein mit Stein. Ich bin gestern zwischen 5 und 6 aus Frankfurt weggefahren und war schon um 1/2 3 hier. Ich habe mich auch bloß bei Marschall in Wiesbaden eine halbe Stunde aufgehalten. Der Weg ist im Sommer viel schöner, Du wirst ihn jetzt bald wieder machen, süßes Kind, es ist derselbe als nach Ems. Stein fand ich im Turmzimmer, wo er sein Arbeitszimmer eingerichtet hat. Der Turm ist nun fertig, und soviel er nun einmal sein kann, ist er recht hübsch. Von außen schön sich ausnehmen, kann er nie, da er einmal weder zum Gebäude paßt, noch hoch ist. Er kostet, wie er mir sagt, die innere Einrichtung des oberen Teils, die noch nicht gemacht ist, nicht gerechnet, etwa 50 000 Gulden. Wir sind nach dem Essen immer draußen gewesen und haben einen sehr schönen Spazier- Stein hat den Turm zum Andenken an die Freiheitskriege und den Sieg über seinen Todfeind Napoleon errichten lassen. Im Erdgeschoß befinden sich zwei Badezimmer aus Marmor. Hier hat Stein jeden Tag in Emser Wasser gebadet. Dazu konnte er Humboldt nicht überreden, dieser bevorzugte Lahnwasser. Wer zum erstenmal in dem Schloßpark mit den alten Bäumen steht und auf das schöne Renaissanceschloß mit dem angebauten achteckigen neugotischen Turm blickt, ist erschrocken. Der Stilbruch wirkt brutal. Immerhin paßt sich Humboldt Steins Tageslauf etwas an. Er steht früher auf und begleitet den Schloßherrn, der sich am liebsten im Freien aufhält, durch Wald und Flur. Der Weg führt sie auch nach Ems, um Carolines Wohnung zu besichtigen. Ein eigenartiges Verhältnis hat Humboldt zur Landschaft. Wer auf den Burgberg geht, wo heute die wiederaufgebaute Burg Nassau steht, blickt lahnauf, lahnab auf das herrliche Tal mit dem blitzenden Mäander und dem Licht- und Farbenspiel der Hänge. Aber Humboldt, am gleichen Ort stehend, sagt: »Die Aussicht ist weiter nicht schön, es sind immer wieder höhere Berge herum.« Über Ems, das Dostojewski so unvergleichlich gefunden hat, äußert er sich zu Caroline: »Ems ist gar nicht angenehm, und ich bedaure Dich wirklich, süßes Kind. Man muß sich damit trösten, daß der Aufenthalt nicht lang ist und auf die Wirkung hoffen ...« Das ist für Carolines depressives Gemüt nicht gerade hilfreich. Schon aus Rom hat sie das Vorurteil geäußert: »Man sagt, daß man Ems wegen seiner engen Tallage nicht vor dem Juli besuchen kann.« Am 23. Mai fahren Stein und Humboldt nach Koblenz und besichtigen eingehend die Festung Ehrenbreitstein. Es ist ein heißer Tag mit guter Fernsicht. Humboldt wundert sich, daß der zehn Jahre ältere Stein solche Temperaturen überhaupt aushalten kann, und er klagt: »Meine Nase ist von der Partie ganz abgeschülfert. Bei Stein lebt man immer unter freiem Himmel, und ein so zivilisierter Teint wie meiner verträgt die wilde Luft gar nicht.« Über die Landschaft verliert er kein Wort. Es ist aber dieselbe Landschaft, die sein Bruder Alexander so gerühmt hat. Er nannte, einige Kilometer stromabwärts, den Blick von der Rheinhöhe bei Vallendar, die heute seinen Namen trägt, den schönsten der Welt. Stein muß bei den vielen Gesprächen die Doppelnatur seines Freundes erkannt haben. Humboldt war von einem sehnsüchtigen Verlangen erfüllt, das ihn in eine Idealwelt entrückte, in die zeitlose Vollkommenheit der Klassik. Er sah den Lebenszweck des Menschen im Humanismus, war ganz dem Griechentum zugewandt, nicht dem epigonalen Rom. Man könnte meinen, Goethe habe an Wilhelm von Humboldt gedacht, als er in der »Iphigenie« die Verse dichtete: »Und an dem Ufer steh ich lange Tage, Das Land der Griechen mit der Seele suchend.« Andererseits war er als Politiker, als Diplomat der harte Realist, der als Gesandter in Wien entscheidend daraufhin gewirkt hatte, daß sich Österreich zum Krieg gegen Napoleon entschloß. Metternich hätte ihn zu gern auf seine Seite gezogen. Ränkeschmieden und Bösewichten konnte er, wenn es sein mußte, durchaus mit gleicher Münze heimzahlen. Das mußte auf dem Wiener Kongreß auch der skrupellose Herzog von Talleyrand erfahren, der mit kalter Wut, aber auch mit Respekt Humboldt als »Sophisme incarné« charakterisierte. Endlich ist es dann soweit. Humboldt, sein Sohn Theodor mit seiner Frau Mathilde und seine Tochter Adelheid mit ihrem Mann August von Hedemann fahren den Heimkehrern bis Heidelberg entgegen, wo es ein überaus glückliches Wiedersehen gibt. Dann begibt sich die ganze Familie über Frankfurt nach Bad Ems. Wilhelm findet Caroline trotz ihrer Krankheit wohlaussehend. Aber das Glück der beiden ist nur von kurzer Dauer. Humboldt gibt sich der trügerischen Hoffnung hin, man werde ihm endlich Gerechtigkeit widerfahren lassen und ihm wieder ein seinen Verdiensten und Fähigkeiten entsprechendes Amt geben. Deshalb, so glaubt er, müsse er unbedingt nach Berlin. Am 7. Juli schreibt Caroline an ihn aus Ems: »Mein liebes Herz! Daß ich lebe, ist beinah das einzige, was ich Dir sagen kann, denn ich lebe in der drückenden Hitze, die hier ist, und jeder Unmöglichkeit, sich ihrer zu erwehren, eine Art Leben, wie mattes Fliegenleben, das am Fenster herumtorkelt. Gestern war es so, daß ich auch nicht einmal imstande gewesen wäre, Dir diese Zeilen zu schreiben, Weigel hat es daher für nötig gefunden, mich heut das Trinken des Wassers aussetzen zu lassen, und da bin ich denn heut ein klein wenig stärker. Das Thermometer steht nur auf 22 Grad im Schatten, allein es zieht gar keine Luft durch dieses Tal, wie eben erst der Wind steht, und ich schwöre Dir, daß es zum Sticken ist. Diese letzte Nacht ist die erste, wo ich eigentlich einige Stunden geschlafen habe. Wir wollen hoffen, daß es künftig besser gehen wird. Wir verschmachten hier um so mehr, da man gar kein frisches Trinkwasser hat. Grüße Caroline Wolzogen, laß sie nicht herkommen, denn es ist zum Sterben langweilig und ich stockdumm und abgespannt. Gabriele ist uns allen ein Trost, hilfreich, liebend und zuvorkommend steht sie die erste auf und geht die letzte zu Bett, bedient uns alle und setzt sich still hin in den Zwischenmomenten und schreibt dem Geliebten. August ist vorgestern nachmittag fort. Theodor ist leidlich, Mathilde sehr lieb, Caroline heiter, Adelchen die strenge Hausfrau, ich bloß und rein dumm. Ich drücke Dich an mein Herz.« Gabrieles Geliebter und späterer Mann war Heinrich von Bülow. Von seinem Vater, dem Oberhofmarschall, war Napoleon so beeindruckt, daß er zu seinen Marschällen sagte: »Ich kann Euch zu Königen machen, aber nicht zu mecklenburgischen Edelleuten.« Die Ehe stand leider unter keinem guten Stern. Heinrich von Bülow fiel während einer Reise nach Stolzenfels, wo Alexander von Humboldt auf seine Verwandten wartete, in geistige Umnachtung. Caroline von Wolzogen, geborene von Lengefeld und Schwester der Gattin Schillers, ist dann doch nach Ems gekommen. Als Dichterin heute vergessen, hat sie eine liebevolle Schiller-Biographie von bleibendem Wert geschaffen. Als sie in die Kurstadt kam, hatte sich ihr Äußeres bis zur Unkenntlichkeit furchtbar verändert. Es muß schon merkwürdig gewesen sein, den beiden Freundinnen auf der Kurpromenade zu begegnen, Caroline von Humboldt grazil, mit schön geformten Zügen, hat immer noch ihre frische Hautfarbe, ihr kastanienbraunes Haar, ihre strahlenden blauen Augen und ihre Anmut. Caroline von Wolzogen ist unförmig dick geworden, ihre Züge haben sich häßlich vergröbert, ihre Augen den Glanz verloren. Zudem zieht sie sich, wie Caroline von Humboldt meint, auch noch völlig unvorteilhaft an. Man muß allerdings hinzufügen, daß Caroline von Humboldt in ihrer Kleidung nicht selten etwas nachlässig war. Am 3. Juni berichtet Humboldt über einen Vorgang, bei dem das Verhalten seines Freundes Goethe doch sehr befremdet: »Eine Nachricht, die Dir auch Freude machen wird, ist, daß Ernst Schiller wirklich als Assessor in Cöln mit 600 Talern angestellt ist. Für den Anfang ist das sehr viel, und Lolo (= Charlotte Schiller) und Caroline (= von Wolzogen) sind beide sehr froh darüber. Das Ereignis ist auch um so erwünschter, als er alle Verhältnisse in Weimar abgebrochen hatte, und es nun selbst seiner Ehre und seinem Namen empfindlich gewesen wäre, wenn er lange ohne Anstellung hätte herumgehen müssen. Es ist sehr eigen, daß der, der am meisten mit Schiller in der letzten Zeit und am engsten gelebt hat und in Weimar auch am meisten vermochte, auch nie einen Schritt für den jungen Menschen getan hat, den er sonst liebt. Es ist mehr Unbehilflichkeit, glaube ich, als bloßer und leerer Egoismus, der jede Bemühung scheut. Ich habe in der Sache sehr wenig Verdienst, es hat mich nur ein einziges Wort bei Beyme gekostet.« Karl Friedrich von Beyme war Justizminister. Caroline trifft Karl vom Stein in Nassau nicht an. Sie bedauert das sehr, schreibt ihm aber einen erstaunlich optimistischen Brief: »Ich kann nicht umhin als mich selbst ihrem theuren Andenken zu empfehlen, verehrtester Freund. Wie traurig war es mir letzthin in Nassau, so freundlich von den Ihrigen aufgenommen, sie allein nicht zu finden. Meine Gesundheit und zusammentreffende Umstände machten es mir unmöglich, schneller zu reisen. Ich habe die Freude, daß mein Mann mich besser findet, als er es erwartete, und, es komme nun auch, woher es wolle, ich scheine meine allerkränkste Periode in Florenz gehabt zu haben. Dem sey, wie ihm wolle, meiner inneren Heiterkeit hat mein Übelbefinden noch nie in die Dauer geschadet, und ich bin voll guter Hoffnung, daß Ems mir aufhelfen wird. Geben Sie mir die Freude, Sie persönlich zu sehen und genehmigen den Ausdruck meiner innigsten und treuesten Ergebenheit und Verehrung. Ihre Humboldt.« Sie trifft Stein erst nach ihrer Kur in Köln. Man sieht, wie ihre Stimmmungen wechseln. Freude und Aufmunterung bewirken ihre Besuche im Nassauer Schloß. Steins Frau Wilhelmine, einst ein dunkler Typ von bescheidener Schönheit, ist alt und grau geworden. Die ohnehin unterkühlte und verschlossene Niedersächsin ist durch die Bitternis der Ereignisse noch stiller geworden. Sie hört der weltgewandten, emotionalen Caroline von Humboldt, deren Wärme und Ausstrahlung sie spürt, lieber zu, als selbst zu reden. Ihr Vater, der General von Wallmoden, war der illegitime Sohn des Königs von England Georg II. und Kurfürsten von Hannover und seiner Maitresse Amalie Marianne, geschiedene von Wallmoden. Das, denkt Caroline, wird Stein moralisch nicht gestört haben. Sie war immerhin eine Reichsgräfin und die Ehe mit ihr materiell zweckmäßig. Von großer Liebe konnte wohl ohnehin keine Rede sein. Vor dem »nassauischen Siegesturm«, wie Ernst Moritz Arndt den neugotischen Anbau nennt, liest Caroline die Portalinschrift: »Nicht uns, Herr, nicht uns, sondern Deinem Namen allein gebührt die Ehre«. Im Arbeitszimmer liegen auf dem Schreibtisch große Folianten und Manuskripte. Stein vertieft sich offensichtlich mehr und mehr in das Mittelalter, betreibt historische Forschung. Und alles ist durchdrungen von seinem Wunsch nach einem geeinten, großen Deutschland. Aber bei aller Rückbesinnung auf Karl den Großen und die Staufenkaiser weiß der Politiker Stein, daß es ein Reich von der Rhone bis zur Weichsel nicht geben kann. In Rom gehörte der junge Künstler Christian Daniel Rauch zur Familie, von Caroline jahrelang beraten und gefördert. Jetzt sieht sie hier, im Stock über dem Arbeitszimmer, drei Meisterwerke von ihm, die Büsten der Vertreter der Heiligen Allianz: Friedrich Wilhelm III. von Preußen, Franz II. von Österreich und Zar Alexander I. von Rußland. Als Sonnenstrahlen einfallen, glühen die bunten Fenster auf und leuchten in wunderbaren Farben. Wilhelmine erklärt, daß die Fenster aus der romanisch-gotischen Kastorkirche im benachbarten Dausenau stammen. Nach seiner ersten Begegnung hatte Wilhelm von Humboldt über Wilhelmine vom Stein geäußert, sie sei »ungeheuer unbedeutend«, habe »eine gewisse Kälte und Unlebendigkeit«, sei »wie ummauert«. Dem kann Caroline nicht beipflichten. Diese Frau ist durch Umgang, Bemühen und leidvolle Erfahrungen außerordentlich gewachsen. Sie besitzt das, wozu Stein seine Töchter immer wieder erziehen will, was ihm aber selbst fehlt: Selbstbeherrschung in allen Lebenslagen. Als Stein von Napoleon geächtet, aller seiner Güter beraubt, unstet und flüchtig gehen muß, hat seine Frau Umsicht in allen Notlagen, Unerschrockenheit und einen bewundernswerten Mut bewiesen. Einen gefälschten Paß zu besorgen, war für sie eine Kleinigkeit. Das hat sie selbständig und ihren Mann entbehrlich gemacht. Reist er nach Cappenberg, bleibt sie in Nassau. Weilt er in Nassau, fährt sie nach Frankfurt in ihre Wohnung. Als Caroline ihr in dem eleganten Salon mit den zierlichen Möbeln und dem verspielten Rokokostuck gegenübersitzt und die Schatten der Ginkobäume im Park länger werden, kann sie nicht ahnen, daß Wilhelmine schon am 15. September an der Ruhr sterben wird. Stein, der seine Frau auf seine Art doch geliebt hat, ließ auf ihrem Grabmal der Familiengruft im nahen Dorf Frücht (nicht in Nassau!) diesen Epitaph verewigen: Ihres Lebens-Inhalt war Glaube, tätig durch Liebe, aus ihnen entsprangen Seelenadel, Demut, reges Gefühl für Wahrheit, Recht und Klarheit des Geistes In der Selbstbiographie »In süßen Freuden ging die Zeit« des international renommierten Germanisten, Heimatforschers und Ehrenbürgers der Stadt Bad Ems, Adolf Bach, ist zu lesen, auch Alexander von Humboldt sei zu Besuch des Freiherrn vom Stein in Nassau gewesen. Eine Behauptung, die von anderen wiederholt worden ist. Es gibt dafür aber keinen Beleg, auch nicht bei der Alexander-vonHumboldt-Forschungsstelle der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Das wäre auch verwunderlich. Stein hätte gern zu Alexander von Humboldt freundschaftliche Beziehungen unterhalten, stieß aber auf keine Gegenliebe. 1792 fuhr Alexander von Humboldt mit vom Stein und dem Grafen Reden zur Bergakademie nach Freiberg in Sachsen. Darüber berichtete er einem Freund: »Der Morgen war rauh und sehr unbehaglich. Stein und Reden unendlich mürrisch und stumm (doch nie beleidigend gegen mich), sie sprachen bis Dresden kaum 3 Silben, dann fing Reden lange bergmännische Diskurse mit mir an. Stein wurde durch unsere Gespräche nach und nach auch belebt, redete mit Reden von der ›Härte, mit der man Menschen antreiben müsse‹. Diese rauhe Art zu reden, die mit der meinigen so wenig übereinstimmt, das schnelle Entscheiden in Dingen, die mir sehr zweifelhaft scheinen, die Erinnerung an sein Betragen gegen Charpentier (in Freiberg) – dies alles machte einen unangenehmen Eindruck auf mich.« Bei einer anderen Gelegenheit schlägt Alexander von Humboldts Ironie durch: »Stein steht im Rufe einer ausgemachten Freisinnigkeit: er hat die Zünfte abgeschafft, die Leibeigenschaft aufgehoben. Aber als Nassauischer Baron dem Herzog von Nassau gegenüber, machte er hartnäckig alle feudalen Rechte geltend und zuletzt am Ende seiner Laufbahn, ist er mit dem Gedanken gestorben, daß er doch wohl den lieben Gott wegen Aufhebung der Zünfte um Verzeihung bitten müsse. Ich besitze einen ganzen Briefwechsel von ihm, aus welchem dies Schwanken seiner Gesinnung deutlich hervorgeht.« Karl vom Stein hat Alexander von Humboldt, dem größten Geographen aller Zeiten, seinen Weltruhm nie geneidet. Wahrscheinlich war es Carl Ritter, der das Wort geprägt hat: »Neben Goethe stehen könnte nur einer – Humboldt.« Hätte man vom Stein gefragt, wer von den beiden Brüdern denn gemeint sei, würde er bei aller Freundschaft geantwortet haben: Alexander. Am 20. Juli klagt Caroline wieder: »Mit Dir, mein süßes Leben, ist alle Heiterkeit verschwunden. Ich bin heut, wo ein Scirocco, dem römischen gleich, weht, dümmer wie dumm und fühle bei einer auffallenden bleiartigen Schwere in den Beinen die zuckendsten Schmerzen. Manchmal begreife ich gar nicht, wie ich noch 42 Tage hier hinbringen will. Doch es muß alles gehen, es wird auch das gehen ... versäumen tue ich gewiß nichts an mir. Ich tue es schon deshalb ncht, damit mir nachher das Moquieren über Ems frei bleibe ...« Am 24. Juli berichtet sie auch etwas Positives: »Das ist sehr hübsch an Ems, daß die Briefe so des Morgens ankommen und man so den Tag mit der Begrüßung des Geliebten anfängt. Heute kam der Deine wieder um 7 Uhr, wie ich mir das Wasser im Bett reichen ließ ...« Am 25. August berichtet sie: »Ich bin so glücklich gewesen, Deinen Brief vom 17. August am 25. geschlossen zu empfangen, mein teuerstes Herz, und heute harre ich nun wieder. So vergehen die Tage und der des Abzugs naht. Ich nehme morgen mein letztes, 42. Bad und die 20. Dusche! Sonntag habe ich den Brustkrampf gehabt, die Wolzogen aß eben mit uns, und die Arme erschrak sich sehr ...« Es schien ihr besonders bemerkenswert, daß sie den Brief geschlos- »Nun, mein Herz, es geht alles zu Ende, auch Ems. Alles ist eingepackt, und morgen nachmittag fahren wir nach Coblenz. Daß Solms nicht in Cöln sein wird, wie ich aus Deinem Brief entnehme, tut mir doch leid. Unser alter Freund wird den 3. September abends hinkommen und den 4. dort mit uns verbringen ...« Wer die vielen Briefe, die sich die Humboldts geschrieben haben, liest, gewinnt den Eindruck einer wunderbaren Ehe, einer großen, nie erlahmenden, durch nichts getrübten Liebe. Das zu glauben, wäre unrealistisch, denn eine solche Ehe gibt es auf Erden nicht. Die Beziehungen der beiden sind geradezu märchenhaft idealisiert, zur Idylle entrückt. Auch sollte man die häufigen und sehr langen Trennungen bedenken. Es gibt einen Schlüsselsatz von Humboldt: »Mit größerer Grazie war noch nie jemand verheiratet, völlige Freiheit gebend und nehmend.« Es war eine Befreiung vom gegenseitigen Zwang zur Treue. Davon haben beide Gebrauch gemacht. So hatte zum Beispiel Wilhelm während seiner Zeit als Geheimer Staatsrat und Direktor der Abteilung für Kultus in Königsberg längere Zeit ein Verhältnis mit Johanna Motberby, der Frau eines schottischen Arztes. Carolines Liebschaften boten willkommenen Stoff für den Klatsch mit seinen phantasievollen Übertreibungen. Für die zugeknöpfte Biedermaiermoral der Bürger unentschuldbar, reagierte man in Adelskreisen toleranter und verlor darüber nicht viel Worte. Die Grenze des Erlaubten überschritt der größte Dramatiker seines Jahrhunderts, Friedrich Hebbel, der selbst den Pfad der Tugend gerne gemieden hat. In seinen sonst sehr lesenswerten Tagebüchern findet sich die Bemerkung: »Die Caroline von Dacheröden: jedes Kind von ihr hatte einen anderen Vater.« Die Infamie wird noch gesteigert, weil er Caroline von Humboldt mit ihrem Mädchennamen nennt. Natürlich gab es Probleme und Brüche, aber ernsthaft gefährdet war die Ehe nie. Lesen wir die beiden Briefe, die Wilhelm von Humboldt und Karl vom Stein nach dem Ableben Carolines geschrieben haben. Es sind anrührende Zeugnisse einer Liebe über den Tod hinaus und einer unverbrüchlichen Freundschaft: »Theuerster Stein, Sie erkannten so ganz das schöne, wohlthätige, seltne Wesen meiner Frau, sie schätzten und liebten sie so wahrhaft, daß es mir ein doppelt großes Bedürfniß ist, Ihnen ihren Tod selbst anzuzeigen, Sie starb vorgestern, am 26sten früh um 1/2 8 Uhr. Meine beiden älteren Töchter und ich waren zugegen. Sie war in den letzten zwei Stunden ihres Lebens völlig schmerzensfrei und erklärte es selbst mit deutlicher und fester Stimme auf unsere Frage. Alles was sie sagte, athmete die einfachste und natürlichste Empfindung einer frommen und unbedingten Ergebung in Gottes Willen. Uns sagte sie allen Lebewohl, und mahnte uns nicht zu weinen, sondern ruhig zu bleiben. Je näher der Augenblick des Todes kam, desto ruhiger, stiller und natürlicher wurden ihre Züge. Auch nicht das leiseste Zucken der Lippen entstellte sie. So schlief sie ein, daß der Augenblick des Todes sich in nichts vom letzten des Lebens unterschied. Ueberhaupt hat sie während ihres beinahe viermonatlichen Krankenlagers gar viel gelitten, aber mehr an Beschwerden im Leib, als an eigentlichen Schmerzen. Diese hat sie bei weitem nicht in dem Maaße, wie das zerstörende Uebel, an dem sie im Innern litt, es hätte fürchten lassen, ja kaum überhaupt gehabt. Sie war noch in Thurnau mit E. E. lieben Tochter so vergnügt und gesprächig, es waren ihre letzten Tage eigentlich gesellschaftlicher Erheiterung. Sie theilen wohl beiden die traurige Nachricht mit. Ueber meine Gefühle, theuerster Freund, rede ich nicht. Sie haben dieselbe schmerzliche Erfahrung gemacht, und kennen diesen Uebergang zu allein stehender Einsamkeit. Meine Tochter Caroline zeigt mehr Fassung, als man sonst ihrer sich wärmer an die geliebte Mutter annähernden Weise hätte zutrauen sollen. Adelheid, Hedemanns Frau, war seit Weihnachten hier um ihre Mutter, und mir ein unendlicher Trost. Da grade jetzt das Garde Ulanen Regiment erledigt worden ist, hat der König die Gnade gehabt, es Hedemann zu verleihen und hat mir zugleich sagen lassen, daß, ob er gleich auch Hedemann als einen ausgezeichneten Officier schätze, er seine Versetzung hierher doch vorzüglich in Rücksicht auf mich und meinen Verlust verfügt habe, um mich wieder mit einem Theil meiner Familie zu vereinigen. Diese gütige besondere Rücksicht auf ein Familienverhältnis hat mich wahrhaft gerührt. Wenn ich selten schreibe, so denken Sie darum nicht, daß mein Andenken fern von Ihnen ist. Viele Dinge sind unnütz zu schreiben, weil man dasselbe darüber denkt, über andere ist es unmöglich, weil es zu weit führen würde, so begleitet man sich in Gedanken und schweigt. Aber meine innige Verehrung, meine herzlichste und und liebevollste Freundschaft bleiben Ihnen immer gewidmet, und werden nur im Tode mit mir endigen. Mit diesen Gesinnungen E. E. treuer und immer gleich ergebener Freund Humboldt« Stein erwiderte am 4. April 1829: »Wer wird es denn wagen, mein verehrter Freund, Sie über den Verlust einer durch Geist, Bildung und Character so ausgezeichneten Gemahlin, einer treuen Gefährtin des Lebens zu trösten und zu beruhigen, dies vermag nur die lindernde Kraft der Zeit, der ruhige Hinblick auf die Heymath für die wir bestimmt sind, und zu der uns Leiden und Schmerz immer mehr vorbereiten, indem sie die Bande die uns an das Irdische fesseln allmälig lösen. In Ihrer Liebe zur Wissenschaft, in der nahen Umgebung ihrer liebenswürdigen Töchter, in dem Besitz der allgemeinen Verehrung werden Sie in Ihrer Einsamkeit Trost und Aufheiterung finden; wie sehr hätte ich gewünscht, daß zu diesem allem der Beruf zu öffentlichen Geschäften hinzukäme, daß Sie wenigstens als Mitglied des Staatsraths den Einfluß auf die großen Gegenstände der Gesetzgebung hätten, wozu Sie durch Ihre ausgezeichnete Geisteskraft berufen sind. Meine Krankheit verhinderte mich an der Reise nach Berlin, ich hätte sonst noch meine verewigte Freundin vor ihrem Hinscheiden gesehen und wäre Zeuge gewesen von ihrer frommen Hingebung in den Willen der Vorsehung. Zu der Versetzung des G. Hedemann wünsche ich Ihnen von Herzen Glück, das zarte Benehmen des Königs ist seines edlen und wohlwollenden Characters würdig – Gott erhalte ihn uns noch lange. Wie werden Sie Ihren Sommer anwenden, werden Sie reisen zur Zerstreuung, für Gesundheit? Besuchen Sie den Rhein, die bescheidene Lahn. –« Ottilie von Goethe war, bei allen Schwächen ihres Charakters, eine bedeutende Frau. Ihre Gedichte sind zwar nicht in die Lesebücher eingegangen, aber einige, wie z.B, »Die Bettlerin von Weimar«, sprechen heute noch an. Doch auch größere Talente wurden von Goethes Genie verdunkelt. Goethe wählte nicht Ems, sondern die böhmischen Bäder, wo er, um es genau zu sagen, 1114 Tage verbrachte. Entscheidend für ihn waren die alkalisch-salinischen Heilquellen gegen seine Fettleibigkeit und vor allem zur Entlastung seiner Leber. Bei einem täglichen Weinkonsum von zwei bis drei Litern wohl die richtigen Kurmittel. Was den einen umbringt, läßt den anderen lange leben. Das wird gern verschwiegen. Der verklärte Genius soll, lorbeerbekränzt, auf hohem Sockel bleiben. Ottilies Verlangen drückt sich wohl am reinsten in diesen Versen aus: »Vater, der Du alles hast, Gib mir Liebe! Spende andern Ruhm und Gold, Spende anderen Ehrensold, Gieß auf andrer hellen Wegen Aus den allervollsten Segen! Vater, der Du alles hast, Gib mir Liebe!« Und August von Goethe, sonst kein Dichter, schrieb in seinem bitteren Ungemach: »Ich will nicht mehr am Gängelbande Wie sonst geleitet sein, Und lieber an des Abgrunds Rande Von jeder Fessel mich befrei’n.« Die vier angefügten Briefe stammen aus Ottilies Nachlaß und befinden sich, ebenso wie ihre Tagebücher, im Goethe- und Schillerarchiv in Weimar. »Von Quellen umgeben, verdurstete sie, denn keine bot ihr einen frischen Trunk.« Dieser von Ottilie von Goethe selbst entworfene Grabspruch schlägt den dunklen Akkord ihres Lebens an: Entsagung und Verbitterung. Es ist das Unerfüllte einer Gefühlstragik, die an die Dichterin Karoline von Günderode erinnert, die ebenfalls ihre Grabinschrift festgelegt hatte, bevor sie, 1806, am Rheinufer von Winkel Selbstmord beging. Zu einer Kur in Bad Ems wird Goethe seiner Schwiegertochter geraten haben, den sie immer liebevoll »Vater« nannte. Goethe selbst gehört in Ems zu den Passanten, als welche die Durchreisenden in den Kurlisten, allerdings erst später erscheinen. Zu Kuren fuhr der Dichter nach Böhmen, insgesamt siebzehnmal, nach Franzensbad, Marienbad und vor allem Karlsbad, seiner »dritten Heimat«. Während sich Goethe feudale Unterkünfte leisten konnte, mußte seine Schwiegertochter in Ems mit der bescheidenen Pension »Zur Rose« in der Römerstraße vorliebnehmen, wo sie zu Anfang nur notdürftig mit »halbem Quartier« untergebracht wurde. Der hannoversche Major von der Decken nebst Gemahlin, ein Bilderhändler aus Köln, eine Modewarenhändlerin aus Diez, später auch ein Notar aus Solingen und zwei Freiherren waren die anderen Hausgäste. Zum ersten Mal wird Ottilie in der 6. »Liste der Kur-Fremden zu Bad Ems« vom 27. Juni bis 3. Juli 1824 genannt, und zwar als »Frau Geh. Kammerräthin von Goethe, aus Weimar«. Zum letzten Mal erscheint sie in der Kurliste vom 25. bis 31. Juli. Als »angestellte Ärzte der Bade-Anstalt« nennen die Listen Geheimrat Dr. Diel, den bis heute bedeutendsten Kurarzt; Obermedizinalrat Dr. Döring, Hofrat Dr. Vogler und als Bademeister Herrn Dörr in der oberen Apotheke. Ein Jahr später, 1825, kam Carl Maria von Weber nach Ems, leider schon unheilbar krank. Und genau ein halbes Jahrhundert war es her, als am 18. Juli 1774 Johann Bernhard Basedow, Johann Caspar Lavater und Goethe (das »Weltkind in der Mitten«) von Ems aus mit dem Schiff zu ihrer denkwürdigen Rheinreise aufbrachen. Ottilie ist über Frankfurt und von dort mit der Schnellpost nach Ems gereist. Man weiß, wie beschwerlich und ermüdend damals das Fahren auf den schlechten, unbefestigten Strassen war. Nun glaubt Ottilie, gesund in Weimar abgefahren und durch und durch krank in Ems angekommen zu sein. Auch das eine der vielen Selbsttäuschungen. Sie wird nicht von einem der vorgenannten Badeärzte behandelt, sondern von dem Medizinalrat Ulrich an den Geheimrat Thiele überwiesen, der für morgens Kesselbrunnen und abends Krähnchen verordnet und nur zu mäßig warmen Bädern rät. Darüber und über ihre Reiseeindrücke berichtet sie am 2. Juli an ihren Mann August in einem Brief, der im Anhang ungekürzt beigefügt ist. Was sich Ottilie erhoffte, konnte eine Kur in Bad Ems nur unvollkommen bewirken. Von Kindheit an anfällig und zur Hypochondrie neigend, klagte sie über Kopf- und Gesichtsnervenschmerzen (Trigeminus?) und andere Neuralgien, länger auch schon über Hals- und Augenleiden. Hinzu kamen Atemnot, Leberbeschwerden, und, wie von Thiele richtig festgestellt, eine Überfunktion der Schilddrüse. Zudem klagte sie Mitte Juli in einem Brief an ihre Mutter (s. Anhang) Henriette von Pogwisch über ein Zahngeschwür. Als sie vor der Entscheidung stand, ob sie August von Goethe heiraten sollte, war sie dem Druck nicht gewachsen und verfiel in ein Nervenfieber. Seelisch bedingte Erkrankungen hatte der Leipziger Professor für Psychiatrie, Johann Christian August Heinroth, 1818 auf den Begriff psychosomatisch gebracht und damit auch für Ottilie von Goethes Zustände und Beschwerden ein Schlüsselwort gefunden. Wollen wir die Grundursachen erforschen, müssen wir ihre Biographie aufblättern und ihren Charakter berücksichtigen. Am 31. Oktober 1796 in Danzig geboren, entstammte sie einer in Preußisch Eylau und in Ostpreußen begüterten Familie. Doch ihr Vater, der Major Wilhelm von Pogwisch, Sproß einer langen Ahnenreihe, konnte weder von Grundstücksspekulationen noch vom Glücksspiel lassen, bis alles vertan und verloren war, auch das Elternhaus. Unter der Schuldenlast zerbrach die Ehe mit Henriette, einer geborenen Gräfin von Henckel-Donnersmarck. Es wurde ein unstetes Leben in ständiger Armut. Das war Ottilies Kindheitstrauma. Die Mutter muß allein für ihre Töchter Ottilie und Ulrike sorgen, muß Stellen als Erzieherin und Hofdame suchen, muß wenigstens den Schein wahren, wenn sie nicht auch noch ihren Stolz verlieren will. Sie kommt 1809 nach Weimar, wo Goethe am Frauenplan ein offenes Haus führt und die beiden Mädchen bei den Konzerten gern gesehen sind. Hier begegnet Ottilie ihrem unguten Schicksal in Gestalt des August von Goethe. Von dieser Heirat raten ihr alle ab, ihre Mutter, ihre Schwester, Großmutter, ihr Onkel und besonders dringend ihre beste Freundin, Adele Schopenhauer, die Schwester des großen Philosophen. In deren Tagebuch vom 26. Dezember 1816 lesen wir die Eintragung: »Mir ist’s,wie vor einem gewaltsamen Tode einem Verurteilten sein muß: Ottilien betrachte ich als Augusts Braut. Alle übrige Pein verschwindet neben diesem Übel, denn hier hat meine Kraft ihr Ende gefunden.« Die während ihrer Kur mit August von Goethe gewechselten Briefe bewahren noch einigermaßen Haltung und Form. Auch diesmal schneidet August die leidige Frage des Geldes wieder an, mit dem seine Frau nicht umgehen kann. Er aber auch nicht! Es verbindet sie kaum noch etwas, es sei denn der Schatten des Vaters, in dem sie gemeinsam stehen, unentrinnbar gefesselt an das Genie. In dem Brief an ihre Mutter wiederholt Ottilie noch einmal den Entschluß zur Ehescheidung. Eine solche ist aber zu Lebzeiten Goethes völlig ausgeschlossen. »Demoiselle betrinkt sich alle Tage«, hatte Charlotte von Stein nicht ohne Häme von Christiane Goethe behauptet. Nichts war vergessen, in Weimar nicht und bei vielen Kurgästen in Ems nicht. Obwohl mit Goethe verheiratet und 1816 gestorben, wurde Christiane immer noch »die Vulpius«, »Goethes dicke Hälfte« und von Bettina von Arnim geborene Brentano – auch sie ein Gast in Ems – »eine tollgewordene Blutwurst« genannt. August blieb »das Kind der Liebe«. Schon als Jugendlicher hatte er, dem schlechten Beispiel der Eltern folgend, zur Flasche gegriffen. 1824 war in Augusts aufgeschwemmtem Körper die Leberzirrhose schon weit fortgeschritten. Die negativen Züge in seinem Charakter verschärften sich, vor allem das »In einem Augenblick Kind, Jungfrau, Matrone und dazwischen der windigste Leutnant.« Das lenkt uns auf Ottilies Charakter, der mitverantwortlich für ihre Lebensbrüche und Neurosen war. Wer so unstet, impulsiv, eigensinnig, reizbar, unzufrieden, unfügsam und leidenschaftlich ist, muß Schaden an seiner Seele nehmen. Kurgäste werden sie anders erlebt haben: gewinnend im Wesen, stets liebenswürdig und entgegenkommend, gesellschaftlich sehr gewandt, durch ihre hohe Intelligenz, Sprachbegabung, Bildung, Musikalität und ihren Kunstsinn eine überaus interessante, ungewöhnliche Frau. Doch wurde sie als Schriftstellerin, als Dichterin durch den Vergleich mit Goethe ständig verletzt. Sie mag vorausgesehen haben, daß die Lebensuhr ihres Mannes bald ablaufen würde, wie das ja dann einige Jahre später, 1830, in Rom tatsächlich geschah. Ob im Konzert, am Brunnen oder auf der Promenade – Ottilie fühlte es, wußte es, wie sehr sie Gegenstand der Neugier und des Klatsches war. Doch das nahm sie gelassen hin. Ihr Äußeres fiel nicht sehr auf, wirkte aber angenehm, eine kleine Frau mit grazilen, zierlichen Bewegungen, Händen wie aus Porzellan, blauen Augen und üppigem Blondhaar. Ihre Garderobe war geschmackvoll und angemessen. Luxus trieb sie mit ihren Hauben und Hüten, wovon sie gar nicht genug haben konnte. Was am Brunnen über sie geredet wurde, war nicht alles Klatsch und Phantasie. Goethe, der seiner Schwiegertochter sehr zugetan war und sie gern das »Persönchen« nannte, fürchtete ständig die Skandale durch ihre Amouren. Sie besaß eine Vorliebe für jüngere Männer, besonders für Iren und Engländer. Der vorerst letzte in der Reihe, mit dem sie sich, trotz aller Beschwörungen und Verbote, unlängst in Berlin getroffen hatte, hieß Charles James Sterling, ganze 19 Jahre alt. Er hatte einmal in Weimar einen Brief des von Goethe so bewunderten Lord Byron überbracht. Einen »dämonischen Jüngling« nennt Adele Schopenhauer diesen rotblonden, blauäugigen, auffallend schönen Iren, der häufig die Amsterdamer Bordelle besucht. Natürlich hat Ottilie Heimweh nach ihren Söhnen Walther und Wolfgang. Alma wird erst 1827 geboren. Aber was Ottilie in Ems als befreiend empfindet, ist die Entlastung von ihren häuslichen Pflichten. Was man auch ihrer mit 52 Jahren verstorbenen Schwiegermutter alles nachsagen mochte, sie war eine gewissenhafte, vorsorgliche, sparsame Hausfrau, was man von Ottilie wahrlich nicht behaupten kann. Schon die geräumige Mansardenwohnung, in der sie mit August und den beiden Buben lebt, macht Mühe genug. Doch Ottilie ist für das ganze Haus und das Wohl des Vaters verantwortlich. Dazu noch das Gartenhaus an der Ilm. Der Strom der Besucher aus aller Welt reißt nie ab. Ein späterer Kurgast und Verfasser der Novelle »Der Blinde von Dausenau«, Paul Heyse, 1910 als erster deutscher Dichter mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, schrieb auch dieses Gedicht: »Das Goethehaus in Weimar Und die in dunklen Lebensfragen Verirrt und bang nach einem Führer spähn, Hierher, zu dieses Hauses ernsten Frieden Hinflüchten mögen sich die Zweifelsmüden, Zu lernen, wie entsagungsvoll begnügt Des Glückes Liebling selbst sich dem Geschick gefügt.« 1824 verzeichnete Ems 1140 Kurgäste. Zwei Jahre vorher waren Bad und Dorf Ems vereinigt worden, durften sich aber nur Flecken nennen. Der Kurkommissar und Major Wilhelm Hehl (1816-1829) schrieb an die Regierung: »Ems hat sich zum Lieblingsort der großen sowie der eleganten Welt erhoben.« Er wollte erreichen, daß Ems das Prädikat Stadt erhielt. Doch damit sollte es noch gute Weile haben. Der Herzog Adolf von Nassau gab seine Genehmigung erst 1863. Ein Privileg war immerhin, daß Hehl, der 1817 die amtliche Fremdenliste (Kurliste) eingeführt hatte, seit 1823 ein eigenes Paßsiegel führen durfte. Die Bebauung der Römerstraße, die erst 1825 ihren Namen erhielt, war noch sehr lückenhaft. Wie Ottilie bei ihrer Ankunft feststellen mußte, fehlte es an Quartieren und – jedenfalls für sie – an nahegelegenen Bademöglichkeiten. Hehl beklagte damals schon die Enge der Römerstraße und der Koblenzerstraße. Was würde er wohl heute sagen? Hehl, zugleich Hof- und Polizeikommissar, verbot zwar das Unwesen »der feilen Nachtvögel aus Koblenz« und den Verkauf pornographischer Bücher, doch »das Gelichter« kam immer wieder. Eine andere Anordnung lautete: »Die im Armenbadhaus verpflegten Individuen dürfen nicht in den öffentlichen Anlagen herumstreifen und durch ihren Anblick oder durch Betteln dem Publikum lästig werden.« »Zahnärzten und anderen Operateuren« verbot er die Sonntagsarbeit. Die Straßenbeleuchtung durch Öllampen mußte bis 24 Uhr und in den Ballnächten bis ein Uhr brennen. In Weimar gibt es anspruchsvolle Gesellschaften und Teezirkel,gehört Ottilie, ebenso wie die Brentanos, zum Kreis des berühmten literarischen Salons Johanna Schopenhauers. In Ems findet sie die Gespräche flach, substanzlos und zieht sich auf ihr Zimmer zurück, in dem sie sich behaglich und geborgen fühlt. Sie liest viel, schreibt um Buchsendungen. Und immer wieder ist sie entzückt, wenn sie aus ihrem Fenster in die romantische Tallandschaft mit der blitzenden Schleife der Lahn blickt. Auf die Berge reitet sie mit dem Esel, auch zu einer Mühle, um Milch zu trinken. Ottilie besitzt eine schöne Singstimme, die sie nun leider schonen muß. Zum Niveau der Kurkapelle äußert sie sich nicht. Sie besteht aus sieben böhmischen Musikern aus Prag und wird seit einem Jahr von Joseph Roleder dirigiert. Dafür muß jeder Kurgast wöchentlich 1 Gulden und 12 Kreuzer bezahlen. 1821 war die Schiffsbrücke erbaut worden. Ottilie kann über die Lahn zum Ortsteil »Spieß« gehen, der allerdings durch seine verkommenen Bauernhäuser mit den großen Misthaufen, dem unordentlich gestapelten Holz und den herumlungernden Huren abstoßend wirkt. Misthaufen lagen noch vor anderen Häusern, auch vor der Post. Die Straßen sollen zwar regelmäßig gereinigt werden, aber bei Regen verwandeln sie sich in Schlamm, in den Fuhrwerke tiefe Furchen drücken. Doch das ist auch in Weimar, dem gelobten »Ilm-Athen«, und überhaupt in Sachsen-Weimar-Eisenach mit seinen 120 000 Seelen nicht besser, dessen Herzog Karl-August ein Anhänger der Steinschen Reformen ist. Ob Ottilie einen Besuch in Nassau gemacht hat, erfahren wir nicht. In ihrem nach den Karlsbader Beschlüssen von 1810 mit der »Demagogen-Verfolgung« für sie gefährlichen Freiheitsdrang hofft Ottilie auf Reformen. Sie gibt sich liberal, bleibt aber genau wie Goethe royalistisch und nach wie vor eine erklärte Preußin. Nach den Schrecken der Freiheitskriege meint sie nun, in einer undramatischen Zeit zu leben und glaubt fest an den Fortschritt der Zivilisation und der Humanität. Ein Irrtum, dem auch Coethe und Schiller unterlagen. »Alles Gute, alles Schöne ist vom Jahre dreizehn« – war ihre Überzeugung. Einzig Goethes Autorität hat die sonst so widerspenstige Ottilie respektiert. Dabei wurde sie oft auf eine harte Probe gestellt. Jetzt denkt sie mit Unbehagen daran, daß sich der Vater entschließen könnte, wieder nach Marienbad zu fahren. Noch ist das Gelächter über die Affaire mit der neunzehnjährigen Ulrike von Levetzow nicht verstummt, immer noch wird gehöhnt und hämisch gespottet. Er, der Vierundsiebzigjährige, vor Liebe und Leidenschaft von Sinnen, wollte das Mädchen heiraten. Der Großherzog Karl-August – auch das unverständlich – ließ sich überreden, für den Freund den Brautwerber zu spielen, wenn auch zögerlich. Dann die Ablehnung, die höfliche Weigerung der Mutter. In Weimar kommt es darüber zu einem heftigen Familienstreit, bei dem August wieder einmal die Selbstbeherrschung verliert und den Haß auf den Vater nicht mehr verbergen kann. Goethe läßt einige Zeit verstreichen, ehe er Ottilie sein letztes Wunderwerk der Poesie zeigt. Erschüttert und überwältigt liest sie die »Marienbader Elegie«. Das ist tiefstes Gefühl, in klassischer Vollkommenheit ausgedrückt durch das lyrische Genie, einmalig, unwiederholbar, unerreichbar. Darüber stehen, vor vierzig Jahren geschaffen, die Verse aus dem »Tasso«: »Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, Gab mir ein Gott, zu sagen, wie ich leide.« Wie dem Brief vom 6. August an Goethe (s. S. 78) zu entnehmen ist, hat Ottilie die Bitten ihres Mannes, auf kürzestem Wege zurückzukehren und weitere Geldausgaben zu vermeiden, nicht erfüllt. Sie fährt zur weiteren Kur nach Schlangenbad. Inzwischen ist es Johann Peter Eckermann, Goethes Sekretär und Vertrautem, gelungen, den Dichter davon abzubringen, wieder nach Marienbad zu fahren und ihn zu bewegen, statt dessen endlich die Arbeit an »Dichtung und Wahrheit« wieder aufzunehmen. Ottilie ist erleichtert. Wer weiß, wieviel Zeit noch bleibt. Als der Vater an einer Herzbeutelentzündung erkrankt war, sagte er: »Der Tod steht in allen Ecken um mich herum.« Zwei Jahre später, 1826, zog Adele Schopenhauer aus Weimar an den Rhein nach Unkel. Nach Augusts trostlosem Ende schrieb sie an ihre Freundin: »Deutschland sieht auf dich.« Ottilie antwortete: »Liebe Adele, Deutschland sieht auf Goethe, – und ich pflege meinen Vater und nicht Goethe.« Das hat sie getan, treu und aufopfernd bis zum letzten Atemzug des Dichters. Sie hat dann viele Jahre in Wien gelebt, wo ihre Tochter Alma an Typhus starb. Dort öffnete Ottilie von Goethe, die viel in den Salons verkehrte, einem anderen Emser Badegast Tür und Tor, nämlich Franz von Dingelstedt. Briefe von Ottilie von Goethe Ottilie an August: Ems, den 2. Juli 1824 Ich schreibe Dir, lieber August, weil ich fürchten muß, Du könntest es für eine Unfreundlichkeit halten, Dir nicht meine Ankunft hier und meine Reise hierher mitzutheilen, – doch ich gestehe Dir, daß ich es sehr ungern thue, da ich fühle, daß ich zu gemüthskrank bin, um daß meine Briefe Dir Freude geben könnten. Ich bin gestern Nachmittag hier angekommen, und durch den Eifer des Medicinalraths Ulrich, an den mir Froriep Briefe mitgegeben hatte, wenigstens in dem halben Besitz meines Logies, da die andere Hälfte noch besetzt ist. Geheimrat Thiele bestimmte, daß ich heute noch nicht trinken dürfte, sondern morgen früh mit Kesselbrunnen beginnen und Abends um 6 Uhr wieder Krähnchen trinken soll. Mit den Bädern ist es noch unbestimmt; auf jeden Fall hat er mir aber angekündigt, daß sie sehr vom Haus entfernt sind, da die näheren alle besetzt und für mich zu warm sind. Ich sage zu allem geduldig ja, denn ich habe gar nicht Muth und Lebensinteresse genug zu irgend einem Wiederspruch. Geheimrath Thiele versichert, daß in den 36 Jahren seines Hierseins es nie so voll gewesen sei als in diesem Augenblick; und eben in dieser großen Menschenmasse, wo höchstens ein entfernt bekanntes Gesicht begegnet und kein einziges Wiederfinden erfreut, fühlt man um so tiefer den Schmerz der Vereinzelung und flüchtet lieber zur Zimmer-Einsamkeit. Du weisst, ich ging mit der Überzeugung, eigentlich nicht krank genug für ein Bad zu sein, von Weimar weg. Diesen Gedanken habe ich auf den Weg bis Frankfurth gänzlich verloren, denn ich hätte nie geglaubt, daß ein Übel sich so schnell entwickeln könnte. Ich weiss kaum mehr, wie man frei athmet, und litt dort recht oft an Leberschmerzen und gänzlicher Erschöpfung, obgleich Schloßers alles für meine Pflege thaten. Dennoch hätte ich gewünscht, ein Zauberspiegel hätte mich Euch gezeigt, mit so rothen, runden Wangen verließ ich es. Schloßers ist nie genug zu danken für ihre große Sorgfalt und Freundlichkeit, – Sophie habe ich recht herzlich lieb und es war ein wahrhaft inniges und zärtliches Verhältnis zwischen uns. Christian hatte die Güte, mich bis Rüdesheim zu begleiten. Sehr gerne wäre ich noch länger in Frankfurth geblieben, aber der Gedanke, daß Du glauben könntest, ich wollte schon anfangen meine Cur zu vernachlässigen, trieb mich fort; ich gestehe Dir, ich hätte kein tadelndes Wort darüber ertragen können; ich bin so gereizt, so herzens- und geisteskrank, daß die bloße Idee einer Unfreundlichkeit mir das Fieber giebt. Ich danke Dir in einem Paradies gewesen zu sein, doch muß denn jedes Paradies verloren werden? Das Rheinthal ist himmlisch schön, und nimmst Du mir nicht die Hoffnung, so möchte ich von Schlangenbad aus, was nur ein paar Stunden davon entfernt ist, dorthin zurückkehren, vornähmlich nach Bingen, wo ich garnichts sah. Alles Nähere schreibe ich ein andermal. Jetzt weiss ich leider was es ist, in einer öden nichtssagenden Gegend zu wohnen, – von Coblenz aus konnte ich die ersten Stunden kaum ertragen, so leer und gedankenlos schien alles um mich her; und vieleicht war dies, der Regen und die Unannehmlichkeit mit der Wohnung, was mir die trübe Stimmung gab. Unter meinen Fenstern bewegte sich der größte Theil der Badewelt heiter und gesprächig, eine große Menge Kinder liefen umher, – ich hatte niemand zu suchen, mich an nichts zu erfreuen, keine Briefe, nicht die kleinste Nachricht, außer einen Brief des Kanzlers, den ich in Frankfurth erhielt, – so schloß ich denn meinen Tag mit Thränen, so begann ich den gestrigen, so schloß ich ihn. – Frankfurth gefiel mir unendlich, die Familie der Schloßern war sehr freundlich; der Wagen ihrer Mutter war den ganzen Tag für mich in Bewegung, Reinhardt von der größten Herzlichkeit und Aufmerksamkeit. Ich mußte versprechen, auf der Rückreise bei ihnen zu wohnen, doch glaube ich schwerlich, daß sie dann noch dort sind. Schloßers waren etwas gekränkt, daß ich auf der Hinreise nur vorübereilen wollte und dann gerade in Frankfurth bleiben, wo sie nicht da waren. Mir selbst schien außer der Annehmlichkeit des Dortbleibens es auch viel zweckmäßiger, und ein gar zu langer Aufenthalt im Gasthof ist doch zu kostspielig und auch nicht angenehm. So sah ich denn so viel nur möglich war; – Sophie hat mir alles notiert, um noch den Nach-Bericht darüber liefern zu können. – Da ich überall verkündete, es sei eine Möglichkeit, daß der Vater Wisbaden besuche, so empfingen mich die Leute mit einer Art von Jubel und Freude. Die Gegend von Frankfurth und der Main ist eine würdige Vorbereitung für folgendes Entzücken. Wie habe ich Euch alle dorthin gewünscht! Lebe wohl, lieber August, ich umarme Euch alle herzlich und bitte aus Liebe und Mitleid um ein Wort über Ulrike und die Kinder. Die Mutter hat gewiß geschrieben, ich bin es überzeugt, – aber ach! wo ist der Brief? Dem Kanzler und Froriep vielen Dank, – wahrscheinlich schreibe ich noch heute mehr. Ich sah Fräulein Chambeau. Von dem Vater erwarte ich als Belohnung für das Tagebuch das neue Heft von »Kunst und Alterthum«. Ottilie an August: Ems, den 11. Juli 1824 Ich freue mich, lieber August, Dir sagen zu können, daß die trübe Stimmung, in der ich Dir meinen letzten Brief schrieb, mich wieder verlassen hätte und ich meinen Aufenthalt hier gar nicht unangenehm fände, – doch ein Besuch von Geheimrath Thiele soeben hat mich so unendlich betrübt, daß eine große Lebensstrecke wieder aufs neue mir freudlos erscheint. Nach vielen Halsexamen sagte er mir, daß allerdings mein Halsübel nicht in der Stimmritze sei, ich aus diesem Grund also fortsingen könnte, doch habe ich eine solche entschiedene Anlage zu Kropf, daß, wenn ich fortsänge, dies unfehlbar sich ausbilden würde, – so ist mir denn auch noch das einzige Talent genommen was mir der Himmel gab; die Freude an der Musik wird jetzt eine täglich nagende Pein werden, und wie ein Bettler, der von den Almosen der anderen lebt, bleibt mir keine Aufheiterung und Freude als die mir die Güte der anderen gewähren will. Du verstehst mich Ich danke dir sehr, daß Du mir deine Krankheit und Genesung mitgetheilt hast, – wunderbar ist es, daß ich etwas in Beziehung darauf träumte, was ich sogleich der Nähtern erzählte. – Ich will versuchen, Dir etwas über meine Lebensweise und den bisherigen Aufenthalt hier zu sagen; mein Tagebuch wird es noch ausführlicher thun. Ich habe hier eine sehr große Anzahl Menschen kennen lernen, doch alle so oberflächlich, daß auch nirgends der Keim eines näheren Verhältnisses sichtbar ist. Am Anfang ließ mich eine Art von Stolz mich höchstens auf ein paar Minuten im Gehen den Menschen anschließen, denn da ich ganz allein war, so fürchtete ich, ein Jeder hielt mich für ein Unglückswesen, was sich wo anklammert und zur Last wird, die man nicht abschütteln kann, – zu wenig gewohnt, den Gedanken des Aufdringens zu ertragen, war ich also so wechselnd und unstät wie möglich. Jetzt ist es mir zur Gewohnheit geworden, und nach den kurzen Gesprächen in der hiesigen Badewelt hat sich mir noch nie der Wunsch des Verlängerns aufgedrungen; – dazu kömmt, daß ich so oft die Warnung der Vorsicht in Badebekanntschaften gehört habe, daß ich darüber mich nicht einmal da anschloß wo ich es sonst gethan hätte. Die Unterhaltung ist nicht so wie sonst wohl in einem großen Kreis von Menschen, wie ich es recht sehr liebe, angeregt und lebhaft, weil man hier weder aus der politischen, noch der literarischen, noch der Tageswelt klatschen hört. Alle sind fremd, und so hört man gewöhnlich nur dasselbe, von Krankheit und Gesundheit, Gegend und Badekur etc.- Du wirst mir sagen, daß Dir in diesem allen nichts zu liegen scheint, was mein besondres Wohlbehagen an Ems Dir erklärte; und dennoch, lieber August, würde ich mit Freuden einen ganzen Sommer hier zubringen, so lieb ist mir mein Zimmer und mein Fenster! Ich fürchte fast, Du nimmst es etwas übel, wenn ich dir die Unabhängigkeit, die ich genieße, als ein Glück anpreise, aber ich kann nicht leugnen, daß in der gänzlichen Freiheit, in der tiefsten Einsamkeit oder in dem allergeräuschvollsten Menschengewühl zu sein, für mich ein Hauptgenuß liegt. Mein Zimmer liebe ich so, daß ich oft dem Treiben mit Sturmschritt entlaufe, um nur aus dem Fenster den Anblick der schönen Berge und vor allen der Lahn genießen zu können. Ich mag thun was ich will, – auf dem Kanapee oder am Schreibtisch sitzen – so sehe ich beständig die Lahn vorüberziehen, und Abends zumal ist dies wahrhaft entzückend. Ein Hauptvergnügen ist mir außerdem das Eselreiten, zumal weil ich es als ein surrogat betrachte. Daß mir dennoch wohl in manchen Stunden der Wunsch nach einem vertrauteren Wort aufsteigt, ist natürlich; und überhaupt, hätte ich nicht viele Bücher mit, so wüßte ich die vielen Stunden, die mir gehören, nicht auszufüllen, zumal weil wir hier viel schlecht Wetter haben. – Doch oft bin ich so vom Lesen ermüdet, daß ich doch auch eine Pause machen muß, und dann vermißte ich die Musik sehr schmerzlich. Selbst eine Stickerei habe ich begonnen, ich Arme! Sollte irgend es möglich sein, so sende mir Bücher, mein Vorrath ist fast erschöpft. – Gegen Walthers Anwesenheit in Dornburg habe ich gar nichts, da er ja unter Aufsicht der Amama und des Herrn Soret ist. Sein Brief hat mich sehr erfreut. – Haben wir nichts in der Lotterie gewonnen? ich könnte es recht brauchen, denn mit meiner Garderobe geht es schlecht. Übrigens bin ich von der größten Ökonomie, und nie hat wohl Jemand alle Baderegeln pünktlicher befolgt wie ich, – thäte ich es ein wenig weniger, vielleicht hätte es bessere Wirkung. – Niemand schreibt, wohin der Vater gehen wird, und was über die russische Reise bestimmt ist? Lebewohl, ich kann nicht mehr. Ottilie an Henriette von Pogwisch: aus Ems, Mitte Juli Scheint es doch, meine liebe Mutter, als solltest Du nie einen ganz unbefangenen Brief von mir erhalten, denn weiß doch der Himmel, ob nicht bei meiner geträumten Geistesstärke die zwar bis jetzt gelinden Schmerzen eines Zahngeschwürs dennoch auf meine Worte an Dich etwas Einfluß haben werden. Doch auf jeden Fall ist es besser Dir zu schreiben, zumal da es scheint, als wenn meine Briefe eine ziemlich lange Zeit brauchen um zu Euch zu gelangen. Deine Zeilen las ich mit Thränen, aber den dankbarsten Thränen, – nein, meine liebe Mutter, ich stoße Deine Vorschläge nicht von mir, dazu bin ich nicht mehr jung, das heißt, nicht mehr glücklich genug, – ich werde Clavier lernen, – aber es wird nur eine Pflicht sein, die ein paar Stunden einnimmt; dies ist alles, denn gerade das Clavier ist ein Instrument, das ich niemahls liebte, – es hat nur Geist, Klugheit, kein Gefühl, keine Gluth der Phantasie wie z.B. die Blasinstrumente. Das Clavier kömmt mir immer vor wie ein in einer vortrefflichen Pension erzogenes Mädchen, die alles kann, alles gelernt hat, nur nicht lieben; es ist keine Poesie darin, oder man muß die Szimanovska sein, und überdem, was für eine mittelmäßige Fertigkeit kann ich darauf erlangen? Dennoch, liebe Mutter, werde ich gewiß Stunden nehmen, und sogar ehe ich Deinen Brief erhielt, hatte ich denselben Vorsatz gefaßt, und sogar mit Madame Mühlens Walzer gespielt. Ubrigens ist es möglich, daß ich singen darf; ich frage absichtlich nicht vor meiner Abreise darnach, und nur so oft wie mir Diele sagt »nun Sie werden doch heute einmal wieder das Singen probieren«, fliege ich zu einem Instrument und singe mit solchem Entzücken und solcher Wehmuth, als wäre es jedesmal mein Schwanenlied von der Musik. Du schlägst mir vor, recht ordentlich englisch zu lernen, – und dies, wie jede andere Sprache noch, würde ich sehr eifrig ergreifen, doch liebe Mutter, bei wem? bei Wooley ist es rein unmöglich, er bewies mir zu deutlich, wie wenig Lust er hatte mir Unterricht zu geben, und er und ich haben beide nur einen Gedanken, der uns theils zu sehr beschäftigt, theils auch verlegen macht. Nein, ich hoffe, daß für Prinzeß Marie ein englischer Lehrer kömmt; auf jede andere Weise geht es auch nicht mehr wegen August, der mir zuletzt jedes englische, ja sogar französische Buch vorwarf, weil es ein fremdes war. – Kurz, liebe Mutter, laßen wir das alles, man muß versuchen, wie jeder Tag einzeln hinzubringen ist, und an den folgenden womöglich garnicht denken, denn was werden sie alle bringen als Entsagungen. Wofür ich Dir aber ewig danken will, ewig, ewig, das ist, daß Du mir sagst, ich sollte diese Art von Existenz nur noch zwei Jahr zu ertragen versuchen. Sieh, ich bin fester entschlossen wie je, so lange nur noch ein Athem von Kraft in mir ist, mich nicht scheiden zu lassen, aber dennoch danke ich Dir, daß Du Mitleiden genug hast, um nicht gleich den Andern zu sagen, – »Du darffst nicht daran denken« –, daß Du nicht kalt und unbamherzig dadurch das Unglück eines langen Leben bestimmst. Warum ich mich nicht von August trennen will, habe ich schon zu oft gesagt um es noch zu wiederholen, – Sterling kommt jetzt in keinen Betracht dabei. – Auch meine erste Idee, an August ausführlich über unser Verhältniß zu schreiben, habe ich ganz aufgegeben; wozu? – durch welches Gefühl soll sich unser Verhältniß noch verbessern? ich weiß keines, es steht selbst nicht mehr in seiner Macht, – Sieben Jahre lang habe ich mich ungeliebt gesehen, stets getadelt, stets verletzt: nun hängt nichts mehr von ihm ab; er mag sein, wie er will, es kann mich zwar noch peinigend, nicht mehr aber erfreuend berühren. Und was sollte ich ihm sagen? hat er nicht in allen, was ihn jetzt schmerzt und worüber er sich beklagt, vollkommen recht? – Nein, ich bitte Euch, alles, nur keinen Trost für die Zukunft! das kann ich nicht ertragen. – Ich schreibe so ungern, weil ich weiß, daß in der Feder mein böser Genius ruht, daß das der Zauberstab ist, der gegen meinen Willen alle mitternächtlichen Gespenster aufruft; – ich versichere Dir, liebe Mutter, daß ich viel ruhiger und heiterer bin, als ich es mit meinen Briefen scheine, daß ich hier namentlich sehr zufrieden war, und daß mir dies recht gezeigt wie wenig ich bedarf, – denn was hatte ich denn hier was mir so lieb war – nichts als eine stille Stube, wo ich ganz von mir abhing, und mich kein kommender Fußtritt erschreckte und störte. – Wie danke ich Dir für jede Neuigkeit, – fast Niemand schreibt mir aus Weimar, und von allen Nachrichten, die Du andeutest, Agnes, Eberwein etc. ist nichts zu mir gedrungen. Wie viel ich immer an Ulrike denke, kann ich kaum aussprechen, – wie sehr hat mich der Gürtel gerührt. Captain Lawrence, der sich sehr empfiehlt, hat hier in einer englischen Zeitung gelesen, daß das Regiment von Smith erst jetzt von Windsor nach London gekommen ist. Ich muß dir auch sagen, daß ich auch an einen heimlichen Berichterstatter an Smith geglaubt habe und daß ich Lawrence dafür hielt. Ich denke, durch General Hoffmann wird man etwas von ihm erfahren. – Gewiß wird dich die Nachricht erfreuen, daß die Verhältnisse des Vaters sich sehr gebessert, weil er jetzt in dem Besitz einer Präbende ist. Curländer, die ihn genau kannten, theilten mir dies mit. – Warum wähnst Du, meine liebe Mutter, ich wollte Dir den wahren Zustand meines Innern verbergen durch eine erkünstelte Heiterkeit? was ich thun muß, um des alten Vaters Tage nicht zu trüben und von einer Menge, die mich doch nicht verstehen würde, weder bemitleidet noch getadelt zu werden, ist nicht unrecht, – um so mehr, da ich so fröhlich meinem Wesen nach bin, so vielfach erregbar, daß es oft mir recht natürlich war, oft auch die erkünstelte gute Laune schnell in die wahrhafte überging. August an Ottilie: Liebe Ottilie. Dein letzter Brief vom 30. July hat mich sehr betrübt, da ich sehe, daß du dich so übel befindest; und so scheint es, daß sich ein paar traurige Briefe gekreuzt haben, denn der meinige war auch nicht besonders erheiternd. Auch ich halte es jetzt gerathener, daß du nach ganz vollbrachter Cur zurückkehrst und nicht in Frankfurth verweilst, weil neue Geldausgaben von mir unmöglich zu bestreiten sind, indem schon mein ganzes Michaelis-Quartal und mehr wegen deiner Reise an Elkan verfallen ist. Solltest du noch Geld in Frankfurth brauchen, so hat Elkan noch circa 60 fl wegen dem, was Ekermann bekommt, angewiesen; sehr lieb wäre es mir, wenn du auch den Kutscher herwärts bestreiten könntest. Willst du einige Tage in Eisenach bleiben, so könnte ich dir dann den Wagen bis Gotha auf dein Verlangen entgegen senden. Doch richte alles nach deinem Gefallen ein. Die Kinder sind noch wohl und munter und denken fleißig an dich; Walther sendet dir mit vielen Grüßen innliegenden Brief. Am Sonntag den 1. August ist Schiller von Cöln hier durch nach Berlin; er war von Mittag bis Nachts um 1 Uhr hier, wo wir den größten Theil der Zeit zusammen zubrachten; er ist noch der alte und wir waren herzlich vergnügt zusammen; vielleicht bleibt er bei seiner Rückkehr ein paar Tage hier. Auch Wolfs von Berlin sind hier durch und haben gestern bei uns gegessen; sie sind noch die alten und wir waren recht vergnügt. Sie reisen nach Baden-Baden und kommen im September wieder hier durch. Das waren seit langer Zeit zwei lichte Augenblike. Der Vater ist wohl, will aber nicht weggehn. Schopenhauers sind heute abgereist; Gerstenberg war sehr krank, er soll eine Art Hirnentzündung gehabt haben; jetzt geht es wieder besser mit ihm. Mit Ulriken geht es immer nicht besser und sie klagt sehr über heftige Schmerzen; was soll noch daraus werden? Der Vater grüßt schönstens und sendet die Inlage. Sonst wüßte nichts zu melden. Schreibe mir bald, wann du ohngefähr nach Eisenach zu kommen meinst, damit ich meine häuslichen Einrichtungen danach einrichte; es ist noch manches zu thun. Lebe recht wohl, grüße die Näthern und denke zuweilen an uns. Dein August. Weimar, den 3. August, an deines Königs Geburtstag. Ottilie an Goethe: Schlangenbad, den, 6. August 1824. Bei dem schlechtesten Wetter, dem schlechtesten Weg und einer Gesundheit, die nicht viel besser wie beides war, bin ich vorgestern hier angekommen. – »Was ist denn Gutes?«, werden Sie mich fragen und ganz verzweifelnd auf den langen Brief blicken, in der Ueberzeugung, daß er lauter Klagen enthält, – die Laune, mein lieber Vater, die Laune ist so gut, daß Sie alle volkommenen Respect für meine geistigen innern Kräfte haben müssen, hält sie wirklich die Probe des hiesigen Aufenthalts aus. Ich hätte geglaubt, daß wenigstens einige Weltmeere zwischenliegen müßten, um eine solche Verschiedenheit der Zustände möglich zu machen. Den Morgen noch in der brilliantesten Modewelt von Ems, – den Abend in einer so klösterlichen Stille, daß ich beständig darüber lachen mußte, weil es mir so gänzlich fremd war. Die Nähdern erfreute sich sehr an dem Plätschern des Regens, weil sie meinte, es sei doch ein kleines Geräusch, doch als man ihr sagte, es sei eine Fontaine, entzückte sie sich wahrhaft, weil sie doch nun die Sicherheit hat, selbst bei schönem Wetter diese kleine Zerstreuung nicht zu entbehren. – Die beiden einzigen Damen, nach denen ich frug, waren abgereist, – und da man mir auch fast bei allen übrigen Nahmen der Badeliste dasselbe sagt, so werde ich erst die morgende Curliste abwarten um zu wissen, wer die übrigen Zellen bewohnt. – Da ich in Berlin und Embs lange genug die Rolle eines Engländers gespielt habe, das heißt, jede zufällige Bekanntschaft vermieden und eine jede Frau für eine Frau von schlechtem Ruf und jeden Mann für einen Awantürie gehalten habe, bis mir durch frühere Bekannte das Gegentheil bewiesen wurde, so werde ich hier wieder mit dem zutrauungsvollen deutschen Charakter zurückkehren und von jedem mit der Pistole in der Hand, wenn auch nicht die Börse, doch Worte fordern. – Ueberhaupt, lieber Vater, hat dieses Jahr mich durch die allerverschiedenartigsten Lebensverhältnisse und gesellige Zustände geführt: Seit ihrer gemeinsamen musikalischen Ausbildung in Darmstadt waren Giacomo Meyerbeer und Carl Maria von Weber Freunde. Beide haben in Ems gekurt. Weber war todkrank. Nur unter Aufbietung letzter Kräfte konnte er nach London reisen, um den »Oberon« zu dirigieren. Nach seinem dort erfolgten Tod wollte Meyerbeer dessen Oper »Die drei Pintos« vollenden. Doch mußte Meyerbeer erkennen, daß er nicht im Stile Webers komponieren konnte. Schließlich gab er Webers Witwe Caroline das Manuskript zurück und zahlte ihr 4500 Taler. »So ’was muß man hören, nur hören, aber da – ich – –« Der taube Beethoven, nachdem er die Partitur zum »Freischütz« gelesen hatte. Über das Leben seines Vaters hat Max Maria von Weber eine große Biographie geschrieben, die in drei Bänden von 1864 bis 1866 erschienen ist. Darin finden wir auch einen ausführlichen Bericht über den Kuraufenthalt von 1825 in Ems. Die Komposition der Oper »Oberon« hat Weber völlig erschöpft. Er kann nicht mehr arbeiten; er ist krank, und das schon seit Jahren. Die Kur in Marienbad, 1824, war erfolglos. Wasser aus Geilnau an der Lahn hat der Arzt ihm nun verordnet. Es ist dasselbe Wasser wie in Fachingen und Ems, nur daß es kein Kochsalz enthält. Geilnau verschickt zwar sein Heilwasser in Westerwälder Tonkrügen, aber es ist kein Kurort. Immer wieder gedrängt von seinen Ärzten, entschließt sich Weber, wenn auch schweren Herzens, nach Bad Ems zu fahren. Es sind 55 sächsische Meilen (412,5 km), die der Königlich Sächsische Hofkapellmeister aus Dresden zurücklegen muß. Am 3. Juli fährt er ab. Diesmal mit eigenem komfortablem Reisewagen und eigenen Pferden. Auf dem Bock sitzt der Kutscher Johann. Weber ist auf dem Gipfel seines Ruhmes. Er braucht an der Grenze nur seinen Namen zu nennen, und die Zöllner verzichten auf jede Kontrolle. In Weimar trifft er zufällig Goethes Sohn August, der Weber überredet, seinem Vater einen Besuch abzustatten. Weber hat ein früheres Zusammentreffen noch in schlechter Erinnerung, macht aber nun doch Goethe seine Aufwartung. Dieser läßt den großen Komponisten zunächst einmal warten, fragt ihn dann nach Nebensächlichkeiten aus Dresden und behandelt ihn ebenso kühl und herablassend wie die vielen kleinen Geister, die ständig sein Haus belagern, nur um dann sagen zu können: »Als ich neulich bei Goethe war.« Weber ist äußerst empört und macht auch kein Hehl daraus, als er in Gotha Rahel Varnhagen von Ense mit ihrem Mann Karl August und Bruder Ludwig Robert trifft. Rahel, deren literarischer Berliner Salon legendär ist, kümmert sich auf der gemeinsamen Weiterreise bis Frankfurt rührend um den kranken Komponisten. Wilhelmine von Stövesandt, die Besitzerin des riesigen Hauses zu den »Vier Türmen«, wurde »die Böse« genannt. Sie war die Witwe des Badearztes Dr. Thilenius, von dem sie neun Kinder hatte. Während der Saison stark überlastet, konnte Wilhelmine hart und rücksichtslos sein. Nach einer Reise von 12 Tagen fragt Weber am 15. Juli in den »Vier Türmen« nach einer Unterkunft. Frau von Stövesandt mustert den Fremden mit dem mißtrauischen Blick der Wirtin. Der Mann ist klein, schmalbrüstig, hat zu lange Arme, eine sehr blasse Haut und intensiv blaue Augen, die durch die starken Brillengläser vergrößert werden. An der schwarzen Kleidung ist außer dem Jabot nichts Auffälliges. Dazu wollen allerdings die fast bis zu den Knien reichenden Pistolenstiefel nicht passen. Der Mann hat ein Hüftleiden; er hinkt. Weber erhält ein kleines, ungünstig gelegenes Zimmer. Es ist keine böse Absicht, denn das Haus ist tatsächlich überfüllt. Der Meister nimmt es gelassen hin, packt seine Sachen aus und beginnt, sich zu rasieren. Da entsteht Lärm im Haus. Es klopft. Schon stehen Ober-, Unter- und Zimmerkellner in dem kleinen Stübchen. Und dann das laute Lamentieren der Wirtin: »Ach, hätte ich gewußt! – ›Freischütz‹ – ›Preziosa‹! – Ich werfe alles zum Hause hinaus!« Sofort klingelt Frau von Stövesandt bei verschiedenen Gästen, teilt mit, daß Carl Maria von Weber da ist und fordert dazu auf, ihm die schönsten Zimmer zu überlassen. Aber ein Herr Bock kommt allen zuvor. Er erscheint gleich mit seinem Koffer und stellt dem zunächst widerstrebenden Weber sein Balkonzimmer zur Verfügung. Die Nachricht von der Anwesenheit des berühmten Komponisten verbreitet sich in Ems wie ein Lauffeuer. Zahlreiche Kurgäste wollen Webers Bekanntschaft machen, so der Marquis Piatti, der Bankier Oppenheimer, der Hamburger Senator Helmken und die Fürstin Galitzin. In der Biographie des Sohnes Max lesen wir: »Weitaus die meiste geistige Anregung und die bezauberndste Anmut der Lebensformen fand Weber im Salon des in Ems im Juli angekommenen Preußischen Kronprinzlichen Paares.« Die Stelle sei wörtlich zitiert, weil die Angaben in den Kurlisten absichtlich unklar gehalten sind. Die Kronprinzessin Elisabeth ist als »Fr. Gräfin Zollern« verzeichnet, wird aber durch ihr großes Gefolge mit bekannten Namen demaskiert. Zweifellos hat es sich um den späteren König Friedrich Wilhelm IV. und seine Gemahlin gehandelt. Die Kronprinzessin lädt Weber zu ihrem Ball ein. Hier werden wahrscheinlich jene »liebenswürdigen und beflügelten« Walzer improvisiert, für die sich die Kronprinzessin die Noten ausbittet. Leider sind die Tänze verloren gegangen. Weber verfügte zwar über große Selbstbeherrschung,war aber doch ein cholerischer Charakter und starken Gemütsschwankungen unterworfen. Seine Krankheit war schon mehr als einmal lebensbedrohend, konnte ihn aber nicht daran hindern, seine lebensfrischesten Melodien zu schreiben. Aber in Ems wirkte er doch sehr niedergedrückt. Es war sicher gut gemeint, wenn man ihn durch allerlei Gesellschaftsscherze aufheitern wollte. Man macht ihm weis, er sei gar nicht krank. Er läßt sich überreden, Kegel zu schieben, auf die Scheibe zu schießen, Pfänderspiele zu treiben und mit der Fürstin Walzer zu tanzen. Hinzu kommt das Heimweh. An seine Frau Caroline schreibt er: »Obwohl man mich buchstäblich auf den Händen trägt und Damen und Herren des höchsten Ranges auf jeden Wink lauern, mir zu dienen, so ist mir doch nirgends ganz wohl, als wo die Buben bläken, die Mukkin brummt, und ich die Mägde fortjagen und den Ali (Jagdhund) hauen kann, wenn sie es zu toll machen.« Immerhin bleibt Weber noch bis zum 20. August in Ems. Eine Freude ganz besonderer Art ist für Weber die Ankunft seines engen Freundes Pius Alexander Wolff. Er hat den Text zur Oper »Preziosa« geschrieben. Auf einer Soiree der Fürstin Galitzin trägt Wolff Goethes Ballade »Die Braut von Korinth« vor. Die Wirkung der virtuosen Rezitation wird noch gesteigert durch Webers freie, phantasievolle Untermalung mit dem Pianoforte. Friedrich Wilhelm, der spätere »Romantiker auf dem Thron«, ist tief erschüttert und zu Tränen gerührt. Bevor die Semper-Oper am 31. August 1944 geschlossen wurde, gab es noch einmal eine »Freischütz«-Aufführung. Am 13. Februar 1945 wurde eine der großen Untaten unseres Jahrhunderts begangen, die militärisch sinnlose Zerstörung Dresdens. Als dann die sehr schwierige Rekonstruktion der Semper-Oper gelungen war, wurde das Haus auf den Tag genau nach 40 Jahren wieder eröffnet, natürlich mit dem »Freischütz«. Es war ein internationales Kunstereignis. Weber zu Ehren spielt auch die Kurkapelle mit ihren sieben böhmischen Musikern aus Prag unter ihrem Dirigenten Joseph Roleder jeden Tag Partien aus dem »Freischütz«. Die Kurgäste, die wöchentlich einen Gulden und 12 Kreuzer für die Kapelle bezahlen müssen, sind begeistert. Die Kurstadt feiert den Meister. Die Köchin am Herd, die kalte Mamsell trällern seine Melodien, die Schusterjungen pfeifen sie auf der Straße und die Nachtbummler degradieren sie zu Gassenhauern. Eine solche Volkstümlichkeit hat – bei allem Respekt vor Mozart und Wagner! – nur noch Albert Lortzing erreicht. Weber ist das Genie des Einfachen, Unmittelbaren, Eingängigen. Sein Sohn Max nennt das die »unnachahmliche Durchführung des Lokaltons«; und Peter Tschaikowski hat einmal gesagt: »Das Sympathische an Webers Musik besteht vor allem in der Wärme, in der Unmittelbarkeit der Eingebung, in dem vollständigen Fehlen von Künstelei und technischer Anstrengung.« Mitreißend ist das Tempo seiner Tänze, das Lanner und Strauß für ihre Walzer übernommen haben. Der Amerikaner Gordon A. Craig geht in seinem Buch »Über die Deutschen« (1982) ausführlich auf die Gefühlswelt der Romantik ein, weil er darin wie andere vor ihm, von Goethe bis Thomas Mann, etwas typisch Deutsches sieht. Tatsächlich hat die Romantik sich nur in Deutschland zu einem breiten Strom entwickelt und eine eigene Schule hervorgebracht, sonst nirgendwo in der Welt. Für Craig ist der »Freischütz« mit dem Geisterchor in der Wolfsschlucht, dem Waldrauschen, den Molltonarten, den Horneffekten, der unübertrefflichen Intonierung des Dämonischen durch die tiefsten Töne der Klarinetten und den Teufelszauber der Freikugeln die romantische und deshalb sehr deutsche Stimmungsoper. Den Aberglauben des Volkes, seine Poesie und sein uraltes Brauchtum, den Bann- und Sagenwald, die Wirklichkeitsferne, das Verwunschene, Traumverlorene, gefährlich Nachtwandlerische, Mondsüchtige – das alles – und dazu die Todesfaszination – finden wir erst bei Richard Wagner wieder. Carl Maria von Weber, gespielt von der Emser Kurkapelle, so empfand es auch genau 25 Jahre später ein anderer Kurgast, der französische Maler und Weberverehrer Eugène Delacroix, war romantische Musik in romantischer Landschaft, war Anruf und Echo. Weber hat ein untrügliches Gespür für das Psychologische, für die Reaktion des Hörers. Seinen »Oberon« hat er für eine Aufführung in Britannien komponiert und dabei den englischen Volkscharakter sehr wohl bedacht. Eine Bearbeitung für das deutsche Publikum soll später erfolgen. Die Frage, nun schon seit Monaten, ist, ob er der Einladung folgen soll, nach London zu kommen. Da treffen am 10. August Charles Kemble, der Direktor der Covent Garden Opera, und Sir George Smart, der Direktor der Londoner Royal Music Band, in Ems ein. Es wird Stunde um Stunde verhandelt. Dabei geht es nicht nur um Werke, die Weber dirigieren soll, sondern vor allem um Geld, um Honorare. Die Engländer sind höflich, respektvoll und machen einigermaßen akzeptable Angebote. Aber Weber, sich seines Ruhmes voll bewußt, überspannt den Bogen, verlangt eine Riesensumme, ist nicht kompromißbereit. Das wird er ein Jahr später sehr bereuen,als er ohne Vertrag nach England fährt und nun am kürzeren Hebel sitzt. Was sich Dr. Hedenus, Webers Arzt in Dresden, dabei gedacht hat, seinem ohnehin sehr geschwächten Patienten eine permanente Hungerdiät zu verordnen, bleibt unerfindlich. In Ems wird Weber von Dr. Vogler, einem Neffen des bekannten Badearztes, behandelt. Wohl um seinen eigenen Ruf zu fördern, will der junge Vogler, ohne sich lange mit einer Diagnose aufzuhalten, an dem berühmten Kurgast so schnell wie möglich seine Heilkunst beweisen. Es wird eine Radikalkur, die bald böse Ergebnisse bewirkt. Weber bekommt Schweißausbrüche, Fieber, wird von Tag zu Tag schwächer. Vor Jahren hat Weber durch Fahrlässigkeit seines Vaters aus einer verwechselten Flasche statt Wein Salpetersäure getrunken, nun – ausgerechnet in Ems – fürchtet er, seine Stimme ganz zu verlieren. Zu allem kommt ein äußerst unangenehmer Hautausschlag. 1821 war das Buch »Ems und seine Heilquellen. Für Bade- und Brunnengäste beschrieben und mit einer Anleitung zu ihrem zweckmäßigen Gebrauche versehen« in dritter Auflage erschienen. Der Verfasser war Dr. Thilenius, der verstorbene Mann »der Bösen«, also von Webers Wirtin. Auf Seite 43 können wir lesen: »In sehr vielen Fällen entsteht nach dem Bade, früher oder später, ein allgemeiner, rother, juckender Ausschlag, der oft der Nesselsucht sehr ähnlich ist. Man nennt ihn mit Recht den Badeausschlag, und er ist eine der wohlthätigsten Hautcrisen bei einer unzähligen Menge Krankheiten.« Emser Wasser, meint Thilenius, helfe so ziemlich gegen alles, auch bei »mancherlei Lungensuchten und Blutspeien«. Pius Alexander Wolff stirbt 1828 auf der Rückreise von Ems in Weimar an der Tuberkulose. Wer weiß, wie es Weber ergangen wäre, hätte sich nicht Dr. von Stosch, der renommierte Leibarzt des preußischen Kronprinzen,eingeschaltet. Vielleicht war es auch Stosch, der einen konkreten Hinweis gab. Jedenfalls antwortet Weber nach seiner Kur dem Dichter Eduard von Holtei (»Schier dreißig Jahre bist du alt, ...«): »Wie mir’s geht? Nun, sehr gut; nur, daß ich die Halsschwindsucht habe. Aber das macht weiter nichts, mein teuerster Gönner.« Bei Mozart, dessen Frau Constanze Webers Cousine war, ist die Todesursache nach wie vor unbekannt. Bei Weber gibt es keinen Zweifel. Weber erreichte seinen 40. Geburtstag nicht mehr. Er wurde am 21. Juni 1826 in allen Ehren in der Kirche zu Moorfields beigesetzt. Ein anderer berühmter Emser Kurgast, der dem Meister zu großem Dank verpflichtet war, Richard Wagner, hat schließlich erreicht, daß der Sarg 1844 nach Dresden überführt und auf dem katholischen Friedhof in der Familiengruft bestattet wurde. In seiner pathetischen Gedenkrede sagte Wagner: »Nie hat ein deutscherer Musiker gelebt als du. Wohin dich auch dein Genius trug, in welches ferne, bodenlose Reich der Phantasie, immer bliebst du doch mit jenen zarten Fasern an dies deutsche Volksherz gekettet, mit dem du weintest und lachtest wie ein gläubiges Kind, wenn es den Märchen und Sagen der Heimat lauscht.« Verglichen mit seinem Freunde Carl Maria von Weber, war Meyerbeer ein Glückskind. Als Erbe eines riesigen Vermögens hat er nie Geldsorgen gekannt, war er unabhängig und konnte seiner Kunst leben. Er wurde immerhin 73 Jahre alt, während Weber nicht einmal das 40. Lebensjahr erreichte und erst am Ende seines kurzen Daseins keine Not mehr litt. »Gott mache Ihnen jeden Tag Ihres schönen Lebens zur Freude und trübe Ihr Auge nie mit Kummer, dies das aufrichtige Gebet Ihres alleraufrichtigsten Schülers und Dieners Richard Wagner.« In einem Brief an Meyerbeer Seit 1834 finden wir in den Kurlisten häufiger den Namen Meyerbeer verzeichnet. Der Komponist kam mit Bedienung, meistens auch mit seiner Familie, und er hat in verschiedenen Häusern gewohnt, so zum Beispiel in der »Kaiser-Krone«, in den »Vier Türmen«, im »Pariser Hof«, im »Darmstädter Hof« und schließlich im »Lahnbau« des Kurhauses. Von Mitte August bis Mitte September 1861 vermerken die Listen Nr. 40 bis 48: »Meyerbeer 6355 Hr. Königl. Preuß. Gen.-Musik-Direct. u. Hof-Kapellmeister a. Berlin.« 1862 lesen wir seinen Namen in der »Amtlichen Liste« Nr. 37 vom Einige Wochen vorher, am 5. Juli, war die Anschlußstrecke der Eisenbahn von Nassau bis Limburg dem öffentlichen Verkehr übergeben worden. Es fuhren nun zwischen Oberlahnstein und Limburg täglich 30 Züge. Ems war für die aufstrebende Kur gerüstet. Es standen 3000 Zimmer und etwa 150 Bäder zur Verfügung. Eine Dampfschiffahrt von Lahnstein nach Köln und zurück mit der »Kölnischen und Düsseldorfer Gesellschaft« kostete in der I. Klasse 1 Taler und 15 Silbergroschen. Aber das spielte für den Multi-Talermillionär Meyerbeer, den Sohn des Bankiers Jakob Herz Beer und den Enkel und Erben des »Berliner Krösus’« Liebmann Meyer Wulf keine Rolle. Grund genug für den Komponisten, den Familiennamen der Mutter voranzustellen und sich »Meyerbeer« zu nennen. Seinen Vornamen Jakob verwandelte er in »Giacomo«. Ähnlich wie ein anderer Emser Gast, der Dichter Nikolai Gogol, war auch Meyerbeer durch die Jahrzehnte seines Lebens in vielen Bädern, vor allem wegen seiner chronischen, nie konkret diagnostizierten Unterleibserkrankung. Er besuchte die Seebäder von Boulogne, Dieppe, Venedig und fuhr zu Trink- und Badekuren nach Baden-Baden, Franzensbad, Homburg, Ischl, Soden und Schwalbach, wo man ihn mit einem Fackelzug und einer Serenade ehrte. Besonders häufig war er in Spa, das durch seine Mineralquellen, seine Lage im romantischen Waldtal der nördlichen Ardennen, überragt vom Rücken des Hohen Venns, landschaftlich zu Ems und anderen Bädern des Rheinischen Schiefergebirges erstaunliche Ähnlichkeiten aufweist. In den letzten 15 Jahren, bis zu seinem Tod 1865 in Paris, machten Meyerbeer auch ein Kehlkopf- und Augenleiden zunehmend zu schaffen. Als den »berühmten Autor der Hugenotten« hatte die Badezeitschrift »L’Eté, Ems et les bords du Rhin« Meyerbeer vorgestellt. Tatsächlich hatte diese Oper von seinen zahlreichen Werken den größten Erfolg. Es gab bis 1900 allein in Paris 1000 (tausend) Aufführungen. Etwas noch nie Dagewesenes! Wer dem weltberühmten Komponisten in der Brunnenhalle oder auf der Promenade begegnete, mag von der äußeren Erscheinung enttäuscht gewesen sein. Klein und unscheinbar von Gestalt, trug er fast immer dieselbe Kleidung: einen enggeschnittenen schwarzen Rock und einen Zylinder. Sein Augenübel milderte er durch eine blaue Brille. Man sah ihn selten ohne Regenschirm. Er ging mit laut stapfenden Schritten oder ritt – und das mit Vorliebe – auf einem Esel, wozu er in Ems reichlich Gelegenheit hatte. Auf einem Esel sitzend, zeigt ihn auch das 1912 in Spa aufgestellte Denkmal. Grüße, wenn er sie in seiner Zerstreutheit überhaupt bemerkte, erwiderte er mit fast übertriebener Höflichkeit. Viele seiner besten musikalischen Ideen kamen ihm bei seinen Spaziergängen und Eselsritten. Am 11. August 1862, einem Montag, stand auf dem Programm eines großen Konzerts im Kursaal an dritter Stelle die »Ouverture zum Freischütz von Carl Maria von Weber, arrangiert für das Pianoforte von Heuselt, vorgetragen von Hrn. Bonnewitz«. Nur um wenige hat Meyerbeer so getrauert wie um seinen Freund Weber. Ein anderer, Jaques (eigentlich Jakob) Offenbach, war ein Verehrer Meyerbeers und stolz darauf, mit ihm befreundet zu sein. Das hinderte Offenbach, den notorischen Spötter, aber nicht daran, den Meister zu parodieren und mit entstellten Melodien zu verulken, so auch in Ems. Meyerbeer konnte nicht über die Lahn zum Malberg blicken, ohne an den Violinvirtuosen und Komponisten Charles de Bériot zu denken, der dort völlig erblindet in seiner Villa saß. Seinen begabtesten Schüler, Henri Vieuxtemps, hatte Meyerbeer für einige seiner Konzerte gewinnen können. Es waren glänzende Erfolge. Noch zwei andere Gäste der Kurstadt haben wesentlich zu den großen Wirkungen der Meyerbeer-Opern beigetragen. Es waren die beiden Sängerinnen Henriette Sontag und Jenny Lind, die »schwedische Nachtigall«, die überall in Europa stürmisch gefeiert wurden. Hinzu kamen Meyerbeers großartige Bühnenausstattungen, die Massenszenen und der Einsatz eines überaus wandlungsfähigen Instrumentes, nämlich des Saxophons. Giacomo Meyerbeer kann nicht ahnen, daß etliche Jahre später, 1877, Richard Wagner zur Kur nach Ems kommen wird, dessen vorangestelltes Briefzitat vor devoter Bewunderung nur so trieft. Wagner gehörte zu den vielen, allzuvielen, die von Meyerbeer hochherzig materiell unterstützt und selbstlos gefördert wurden. Was wäre wohl 1861 in Paris nach dem großen Theaterskandal mit dem »Tannhäuser« aus dem völlig mittellosen Wagner ohne die Hilfe Meyerbeers geworden?! Wagners wahre Gesinnung zeigt sich darin, daß er Meyerbeer den »allererbärmlichsten Musikmacher« oder einen »Hans-Narre« schimpft, der »nirgends etwas zu Stande bringt«. Welch merkwürdiger Zufall, daß der mit Schuldhaft bedrohte Wagner am 2. Mai 1864, dem Todestag Meyerbeers, die Berufung durch den Bayernkönig Ludwig II. erhielt! Im gleichen Jahr sucht Ferdinand Lassalle Heilung in Ems. Auf seine dringende Bitte hatte Meyerbeer in Heinrich Heines Familienstreit vermittelt und erreicht, daß der Dichter die von seinem Onkel ausgesetzte Rente wieder bekam, für Heine eine lebenswichtige Versorgung. Auch dafür erntet Meyerbeer nur schnöden Undank und boshafte Schmähungen. Diese beiden Beispiele stehen für viele andere Enttäuschungen. Meyerbeer war sehr verletzlich. Unter seiner jüdischen Abstammung hat er, wie viele Äußerungen in seinen Briefen und Tagebüchern beweisen, sein ganzes Leben lang gelitten. So erklärt sich der bittere Zug um den Mund auf den Fotographien der letzten Jahre. Umgekehrt wußte Giacomo Meyerbeer ideelle Hilfe und Förderung dankbar zu schätzen. Der Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV., der l825 wochenlang inkognito in Ems war, hat dem Komponisten in Berlin die Wege geebnet und ihn mit hohen Ämtern und Orden ausgezeichnet. Friedrich Wilhelm hatte die den Koblenzern so lästige Ruine Stolzenfels als Schloß wieder aufbauen lassen. Dort dirigierte Meyerbeer 1845 eines seiner glanzvollsten Hofkonzerte, bei dem außer dem Preußenkönig auch die Queen Victoria und ein Großteil der sachverständigen Musikwelt Europas zugegen war. Auch der nachmalige Kaiser Wilhelm I. und berühmteste Badegast der Kurstadt war Meyerbeer ebenso gewogen wie der spätere 99-Tage-Kaiser Friedrich. Augusta, die Gemahlin Wilhelms, die sich nirgendwo so zu Hause fühlte wie im kurtrierischen Schloß in Koblenz, war Meyerbeer sehr verbunden und nahm bei ihm Kompositions-Unterricht. In ihrem Salon traf Meyerbeer oft seinen Freund Alexander von Humboldt. Zur Krönung Wilhelms am 18. Oktober 1861 in Königsberg hatte Meyerbeer den Auftrag erhalten, den Krönungsmarsch zu komponieren, der vom Musikkorps des 1. Garde-Regiments zu Fuß gespielt wurde. Meyerbeer fühlte sich auch nach seiner Kur in Ems gesundheitlich noch so schlecht, daß er die Reise nach Ostpreußen nicht unternnehmen konnte. 1862 – das ist vier Jahre vor der Annektion des Herzogtums Nassau durch Preußen. Viele Kurgäste sind Franzosen, vor allem aus Paris. Sie kennen Meyerbeer ebenso gut wie die Berliner, nennen ihn den »Adoptivsohn Frankreichs, notre Meyerbeer«. Mindestens einmal in der Woche findet im Kursaal ein großes Konzert mit internationalem Programm statt. Noch klappern beim Roulette die Jetons, wechseln beim Trente-et-un 500-Francsscheine den Besitzer. Die Spielbank hat Hochkonjunktur. Ihr Direktor ist nach wie vor der Franzose Briguiboule, der 1858 Offenbach nach Ems geholt hat. Zu Beginn von Meyerbeers Kur gab es in Ems eine Affaire, die wohl nie bekannt geworden wäre, wenn die Brüder Edmond und Jules de Goncourt darüber nicht mit ihrer erfrischend indiskreten Rücksichtslosigkeit in ihrem Journal berichtet hätten. Demnach hat Briguiboule den Pariser Boulevard-Journalisten Noriac, Scholl und Second nicht nur hohe Bestechungsgelder und den Aufenthalt in Ems bezahlt, sondern auch noch die Spielverluste erstattet. Dafür verpflichteten sich die drei, Reklame für Ems zu machen und sogar eine Szene eines Kolportageromans in die Kurstadt zu verlegen. Goethe, der Carl Maria von Weber in Weimar so unfreundlich abgefertigt hatte, sagte: »Meyerbeer ist unter den lebenden Komponisten der einzige, den ich für befähigt und berechtigt halte, zu meinem »Faust« die Musik zu schreiben.« Diese Riesenanstrengung hat der Komponist nicht unternommen. Dafür lag ihm seit mehr als 25 Jahren ein Werk auf der Seele, das er immer wieder änderte und liegen ließ, die Oper »Die Afrikanerin«. Nun – das fühlte er – drängte die Zeit. Deshalb hatte er schon im Vorjahr Teile des Manuskripts mit nach Ems gebracht. Natürlich kann keine Rede davon sein, wie in der Kurstadt seit Generationen behauptet wird, Meyerbeer habe hier »Die Afrikanerin« komponiert. Richtig dürfte aber wohl sein, daß er das große Duett Vasco da Gamas und der indischen Königin Selika in Ems instrumentiert hat. Gerade dieser Zwiegesang gehört mit seiner tiefanrührenden Melodik und seiner herzbewegenden Schönheit zum Stärksten, was Meyerbeer je komponiert hat. Die Aufführung der Oper in Paris hat er nicht mehr erlebt. Sie fand erst am 28. April 1865 statt und wurde ein ungeheurer, weit über den Tag hinausgehender Erfolg. Auch diesmal saßen in der Ehrenloge Napoleon III. und seine Frau Eugénie, jene Eugénie, die 1878 noch einmal nach Bad Ems kam, aber nicht mehr als Kaiserin, sondern als Emigrantin. Nach wie vor wird der Streit um Richard Wagner mit einer Heftigkeit und einer ideologischen Unnachgiebigkeit geführt, die selbst den kampfgewohnten Meister erstaunt hätten. Das kann den Erfolg seiner Opern nicht mindern. Als 1980 der »Ring« nach vierjähriger Spielzeit in Bayreuth zur Schlußaufführung kam, gab es 100 (hundert) Minuten frenetischen Beifall und 101 Vorhänge. Ebenso wie Richard Wagner hat auch der bedeutende russische Komponist Nicolai Rimski-Korsakow im Schloß Balmoral gewohnt. Leider war bisher über seinen zweimaligen Kuraufenthalt nichts zu ermitteln. Die Gedenktafel für Richard Wagner ist vor einigen Jahren gestohlen worden. »Ist Wagner überhaupt ein Mensch? Ist er nicht eher eine Krankheit?« Friedrich Nietzsche Fast hundert Jahre lang war über den Kuraufenthalt Richard Wagners in Bad Ems nur wenig in Erfahrung zu bringen. In Presseberichten heißt es lediglich, er habe an einem hartnäckigen Katarrh gelitten, mit niemandem verkehrt und am »Parsival« gearbeitet. Auf der Gedenktafel am Schloß Balmoral, die am 9. Juli 1910 angebracht wurde, steht: In diesem, früher Villa Diana genannten Hause wohnte vom 8. Juni bis zum 7. Juli 1877 Richard Wagner In den Kurlisten wird Wagner zum erstenmal am Samstag, dem 9. Juli 1877, verzeichnet. Die Nr. 21 der »General-Liste der anwesenden Kurgäste und Durchgereisten« vermerkt auf Seite 82: Villa Diana Wagner, Hr. Comp. m. Fam. u. Bd. a. London. ›Bd.‹ ist die Abkürzung für Bedienung. In der Generalliste vom 16. Juni wird auch Frau Wagner angegeben und nicht mehr London, sondern Bayreuth genannt. Zum letztenmal wird die Familie Wagner in der Liste vom 7. Juli aufgeführt. Die nächste Liste erschien erst wieder am 11. Juli. Der Tag der Abreise ist also zweifelhaft. Nun erfahren wir endlich Genaueres, nachdem seit 1976 die Tagebücher der 1930 verstorbenen Cosima Wagner, der zweiten Frau des Meisters, erschienen sind. Bis dahin galten die hinterlassenen 21 Quarthefte als geheime Verschlußsache. Sie unverfälscht erscheinen zu lassen, bedurfte es zudem eines Rechtsstreites. Nach Cosimas Aufzeichnungen dauerte der Aufenthalt in Bad Ems vom 5. Juni bis zum 5. Juli 1877. Abgesehen von einer Lücke zwischen dem »Dienstag 5ten. Um 6 Uhr Ankunft in Ems, wo R. die Kur gebrauchen soll. Die Kinder (außer Loldi!) am Bahnhof; Fidi’s Blick zärtlich mitleidig auf seinen Vater. Im Bayreuther Tageblatt sollen wirklich schmähliche Aufsätze über die Londoner Konzerte gewesen sein; der Knabe scheint davon vernommen zu haben und blickt seinen Vater nun so an!« Loldi und Fidi sind die Kosenamen für Isolde und Siegfried. Diese beiden Kinder und Eva entstammen der Verbindung mit Wagner, während Daniela und Blandine aus Cosimas erster Ehe mit dem Dirigenten Hans von Bülow hervorgegangen sind. Als die Ehe 1870 geschieden wurde, waren die Wagner-Kinder schon geboren. Nimmt man hinzu, daß Cosima zunächst den Mädchennamen ihrer Mutter, de Flavigny, annehmen mußte, aber erst mit sieben Jahren von Franz Liszt legitimiert wurde, so kann man sich den Klatsch und die Nachrede auf der Kurpromenade lebhaft vorstellen. Das war aber mit Sicherheit nicht der Grund für Wagners gesellschaftliche Zurückhaltung in Bad Ems. Da hatte der Meister ganz andere Sorgen. Wieder einmal waren es die Last der Schulden und die drängenden Gläubiger. Die acht Konzerte, die Wagner im Mai in London gegeben hat, erbringen nur einen Gewinn von 700 Pfund, während das Defizit in Bayreuth das Zehnfache beträgt. Deshalb notiert Cosima am 6. Juni: »Ich ersuche R., über meine 40000 frcs zu disponieren ... Ich glaube fest, daß meine Kinder mir das nicht übel anrechnen werden.« Es ist übrigens Siegfrieds Geburtstag. Aber: »Schlechtes Wetter, daher keine Partie.« Am 12. Juni schreibt Cosima: »Gleiches Leben, welches leider durch den Hintergrund von Sorgen gedrückt bleiben muß!« Tatsächlich vergeht kaum ein Tag des Kuraufenthaltes, an dem nicht von Schwierigkeiten die Rede ist. Es geht häufig um Opernaufführungen. Doch die Verhandlungen in Leipzig sind abgebrochen worden. Ein Brief von Franz Liszt trifft ein. Man erfährt dadurch, wie der Berliner Intendant, Botho von Hülsen, gegen eine Aufführung des Nibelungenwerkes durch Hans Bronsart von Schellendorf in Hannover intrigiert. Der Bankier Friedrich Feustel, Wagners langjähriger Freund und Berater in Geld- und Grundstückssachen, hat dem Bayernkönig Ludwig II. mitgeteilt, daß Wagner mit der Absicht spiele, nach Amerika auszuwandern.Darüber zeigt sich der Monarch, Wagners größter Gönner, in einem Brief ganz außer sich. Lorenz von Düfflipp, der Hofsekretär Ludwigs II., schreibt, wie sehnlich er eine gute Lösung herbeiwünsche. Am 21. und 22. Juni ist der Musikalienhändler Emil Heckel zu Besuch in Schloß Balmoral. Er hatte in Mannheim den ersten lokalen Immerhin gibt es auch Erfreuliches. Wagner erfährt, daß er im Rechtsstreit um seine Tantiemen auch in der zweiten Instanz gegen Adolph Fürstner gewonnen hat. Der Jurist Adolf von Groß teilt mit, daß der Graf Magnis Ullerdorff 5000 Mark zum Ausgleich des Defizits geschickt hat. Ablenkung von den Sorgen bringt auch eine Rheinfahrt am Sonntag, dem 10. Juni, mit einem Diner in Bingen. Auch die Gruft des Freiherrn vom Stein in Frücht wird besucht. Hinzu kommen Spaziergänge am Lindenbach und im Schweizertal. Auf dem Weg zum Pavillon hört man die Kurkapelle die »Tannhäuser«-Ouvertüre intonieren. Schon früh am Morgen begleiten die Kinder Wagner zum Brunnen. Und erfreulich ist auch,daß von Carl Friedrich Glasenapps Wagner-Biographie, der ersten überhaupt, gerade der zweite Band erschienen ist. Wagner treibt diese und jene Lektüre, liest u.a. Guillaume Guizots Geschichte der englischen Revolution und von Maxime Du Camp ein Buch über Paris, in dem er das Kapitel »Malfaiteurs« (Übeltäter) sehr unterhaltend findet. Cosima liest die »Souveniers« ihrer Mutter, der Gräfin D’Agoult, die sich als Schriftstellerin Daniel Stern nennt, und sich so herzlich wenig um ihre Kinder gekümmert hat. Einmal kommt auch Wagners typischer Humor zum Ausdruck. Unter dem 14. Juni notiert Cosima: »Viel Vogelgezwitscher, neulich Nacht bei vollem Gewitter, Nachtigallenschlag, R., dem ich es mitteile, sagt: ›Sie glauben, der Donner sei Applaus‹.« Für Donnerstag, den 7. Juni heißt es im Tagebuch: »R. beginnt seine Kur. Der Ort ist hübsch und das Wetter heute gut.« Will man Cosima nicht gleich mehrere Datierungsfehler unterstellen, so sind die Angaben über die Verweildauer, sowohl in den General-Listen als auch leider auf der von der Emser literarischen Vereinigung gewidmeten Gedenktafel falsch. Durch die gemeinsamen Lebensjahre macht Cosima seit 1869 im Journal stets Angaben über Wagners wechselnde Gesundheit, auch über die häufigen Schlafstörungen. Aber über einen Katarrh, noch dazu einen hartnäckigen, findet sich nichts. Hingegen wissen wir, daß ihn schon seit Jahren »Trägkeit des Unterleibs, Aufgetriebenheit und schmerzhafte Winde« quälten. Diese auch weiter anhaltenden Beschwerden haben dann zusammen mit der fortschreitenden Herzverfettung und -erweiterung am 13. Februar 1883 zum Tod in Venedig geführt. Über die Kur lesen wir unter dem 11. Juni: »... Große Hitze. R. macht uns ergötzliche Beschreibungen der Damen am Brunnen, dick, mißwollend aussehend, ja boshaft, und dabei Rosen auf den Hüten. Er denkt an die Spartaner, welche alles Überflüssige umbrachten.« Während Cosima die Kur positiv beurteilt, verneint Wagner den Kurerfolg und schreibt an seinen Arzt: »Es scheint mir eben alles schief zu gehen«. Als Patient war Wagner schwierig. Wie auch Dr. Friedrich Keppler, sein letzter Hausarzt im Palazzo Vendramin bestätigt, hatte der Meister die unkluge Gewohnheit, von verschiedenen Ärzten verschriebene Arzneimittel, auch Opiate, in Überdosen durcheinander zu nehmen. Deshalb kann es uns nicht wundern, wenn wir unter dem 16. Juni lesen: »R. entschließt sich, anstatt Emser Marienbader Wasser zu trinken.« Diese Eintragung ist allerdings später gestrichen worden. Das Schloß Balmoral muß einen märchenhaften Eindruck auf Wagner gemacht haben. Diese riesige, zinnenbekrönte Prunkvilla mit ihren klassizistischen Stilelementen, dem kunstvollen Filigran der eisernen Balustraden und der übergroßen, von Löwen flankierten Freitreppe entsprach ganz der pompösen Großmanns-Attitüde des Meisters, aber auch seiner Verschwendungssucht. Dazu auf der gegenüberliegenden Lahnseite die feudale Kurfront. Auch die Landschaft war ganz nach seinem Herzen. Sie wäre es auch ohne den Glanz des exklusiven Weltbades gewesen. Hätte er die Mittel gehabt und allein bestimmen können, so wäre das Festspielhaus nicht auf dem Grünen Hügel von Bayreuth, sondern am Rhein gebaut worden, und zwar bei Mainz. Der Nibelungenlandschaft, die seine Phantasie so ungeheuer beflügelt hat, fühlt er sich sein Leben lang verhaftet. Nun findet er, der späte Romantiker, hier in einem Seitental fast die gleichen Wesenszüge, wenn auch mehr lyrisch als episch, ohne den mächtigen Strom. Aber sonst ist alles da: der tiefe Taleinschnitt, der blitzende Fluß mit seinen Schleifen,der dem Tal Sinn und Seele gibt, die eigenartigen Gestalten der Berge, der Schieferfels, vor allem mit der sagenumwobenen Bäderlei, die Hänge mit ihren sich überschneidenden Gefällslinien und dem sommergrünen Laubwald. Hinzu kamen die Weinberge, die damals noch fast bis in die Römerstraße hinabreichten. Unter dem 19. Juni lesen wir den lapidaren Satz: »Math. Maier besucht uns.« In der Eintragung vom 3. Juli heißt es: »Nachmittags Lindenbach, Frau Wesendonck und ihre Tochter dort. Der Umgang ist R. etwas beschwerlich, eine Art Intimität ohne jeglichen Zusammenhang.« Und am 4. Juli: »Abends Graf Pourtales und Frau Wesendonck mit ihrer Tochter.« Wer käme wohl darauf, daß diese beiden Frauen, Mathilde Maier und Mathilde Wesendonck, natürlich abgesehen von Cosima, in Wagners Leben eine so große Bedeutung hatten? Mathilde Maier, eine gebürtige Mainzerin, wohnte in Alzey. Wagner hatte sie 1862 im Hause des Verlegers Schott in Mainz kennengelernt und war schnell in sie verliebt. Mathilde wich aber einer Bindung aus und kam auch nicht nach München in Wagners Haus. Was blieb, war ein sehr umfangreicher Briefwechsel. Blond, blauäugig und von starkem Gemüt, war Mathilde Maier ein Gretchentyp, nicht intellektuell, aber von natürlicher Klugheit. Für das Evchen der »Meistersinger« war sie das Modell. Ganz anders Mathilde Wesendonck. Sie stammte aus Elberfeld und war mit dem reichen Kaufmann Otto Wesendonck verheiratet. Sie war welterfahren, hatte schriftstellerischen Ehrgeiz, dichtete lyrisch und war eine ausgesprochene Schönheit. Nur durch die Vertonung Wagners sind fünf ihrer Gedichte als »Wesendonck-Lieder« lebendig geblieben. Wagner meinte, Besseres als diese Lieder habe er nie komponiert. In einem Brief bekannte er: »Sie (Mathilde Wesendonck) ist und bleibt meine erste und einzige Liebe.« Durch diese Frau erhielt Wagner die Inspiration für die Isolde in »Tristan«, aber auch – sonderbarer Kontrast! – für die Elisabeth im »Tannhäuser«. Es war für Wagner ein tragischer Lebenskonflikt, der in diesen beiden Opern auf der Bühne weitergespielt wird. Die Tagebuchnotizen über das Wiedersehen sind also überaus dürftig, und das ist auch verständlich. Mit diesen beiden Frauen konnte sich Cosima rein äußerlich nicht messen. Bei der Begegnung in Bad Ems war sie schon stark ergraut. Mit ihrer vorspringenden Nase, ihrem knochigen Gesicht, ihrer Blässe, Magerkeit und Größe war sie ohnehin keine Schönheit. Was ihre Gaben anging, war sie den beiden anderen Frauen weit überlegen. Daß die Festspiele nach Wagners Tod weitergeführt werden konnten, ist nur ihrer Klugheit, Umsicht, ihrem Organisationstalent und ihrer Geschäftstüchtigkeit zu verdanken. Cosima und Richard Wagner – das war ein Schicksalsverhältnis, das bis in die letzten Wurzeln ging, eine erstaunliche Synthese zweier in vieler Hinsicht gegensätzlicher Charaktere, geradezu eine Herausforderung für die Psychoanalyse. Wir erlebten vor wenigen Jahren das Jahrhundertjubiläum der »Parsival«-Aufführung in Bayreuth. Der Pilgerzug zum Grünen Hügel war lang. 58 000 waren es, die eine Karte bekamen, 200 000 Karten waren bestellt. Das hätte sich Wagner in Ems kaum träumen lassen. Er hatte mit der Urschrift zur Dichtung des Werkes am 14. März 1877 in London begonnen und brachte drei fertige Akte mit nach Ems. Cosima notiert fast täglich, daß sie an der Abschrift des »Parsival« arbeitet und schreibt in einer Doppeleintragung vom 22. und 23. Juni: »Leider vollendet sich meine Abschrift des Parsival, welche mir die reale Welt gänzlich verbannte.« So ist es geblieben bis heute: Wagner als Dauerdroge, als Entrückung, als Rausch. Für die einen ist er die einmalige Doppelbegabung von Sprache und Musik, das größte Genie des Musikdramas aller Zeiten. Für sie ist der »Parsival« der ragende, sakral verklärte Gipfel, ein religiöses »Bühnenweihefestspiel«. Für Friedrich Nietzsche, den einstigen Verehrer und Freund, der längst zum ingrimmigen Hasser geworden war, nur ein Grund mehr, das Werk schon 1878 in Grund und Boden zu verdammen. Die erste Aufführung fand erst 1882 statt. War Wagner der Ideologe, der Rassist, der Antisemit? An Beweisen ist kein Mangel. Über die Episode am Brunnen, bei der Wagner an die Spartaner denkt, die alles Überflüssige umbrachten, wurde ja schon berichtet. Am 4. Juli sagt Wagner, laut Tagebuch, zu dem Grafen Pourtales: »... Was sind wir Deutschen? Wir wissen es nicht; wir wissen nur, daß wir von den Juden ausgezogen und von den Franzosen angezogen werden.« Solche Äußerungen, aber viel schärfer, aggressiver, gibt es in den Tagebüchern und in Wagners Schriften sehr oft. So ist denn der Streit der Wagnergegner und Wagnerianer immer, und heute mehr denn je, auch ein ideologischer, der oft schon absurde Züge annimmt. Am Samstag, dem 16. Juli, ist Kaiser Wilhelm wieder zur Kur gekommen. Cosima schreibt: »Gar wenig Enthusiasmus, aber bedeutende Hitze.« Ein Jahr vorher, 1876, hatte der Kaiser dem Meister die Ehre erwiesen und war zur Eröffnung der ersten Festspiele nach Bayreuth gekommen. Dabei kam es fast zu einem Unglücksfall. Der Kaiser stolperte über eine Schwelle. Wagner konnte den Sturz mit Aufbietung aller Kraft auffangen. Seitdem war er davon überzeugt, dem Kaiser das Leben gerettet zu haben. Am 5. Juli, dem Tag der Abreise, wird Siegfried ins Kurhaus geschickt, um den Kaiser einen Strauß zu überreichen. Es waren die Lieblingsblumen der Hohenzollern: Kornblumen. Charles Auguste de Bériot war als Geiger, was die technische Perfektion angeht, Paganini ebenbürtig. Seine Kompositionen werden heute nur noch selten gespielt. Bériot war nicht nur Kurgast, sondern durch den Bau seiner Villa am Fuße des Malberges seßhaft geworden. Als der berühmte Violinvirtuose erblindete und ihm auch noch der linke Arm gelähmt wurde, erlosch sein Stern. Bériot kehrte nach Belgien zurück. »Alles geben die Götter, die unendlichen, Ihren Lieblingen ganz, Alle Freuden, die unendlichen, Alle Schmerzen, die unendlichen, ganz.« Goethe an die Gräfin zu Stolberg Etwa ein halbes Jahr nach seiner erfolglosen Kur in Bad Ems hatte Carl Maria von Weber am 26. Februar 1826 in Paris ein besonderes Erlebnis. Er hörte, wie er am nächsten Tag an seine Frau Caroline schrieb, »den Violinspieler Bériot, einen sehr großen Künstler von zwanzig Jahren.« Der Eindruck muß ganz außerordentlich gewesen sein, sonst hätte der schwerkranke Weber nicht in einem Konzert ausgeharrt, das fast bis Mitternacht dauerte. Die perlenden Sechzehntel- und rasenden Staccato-Läufe, die Technik des Springbogens, ebenso die Sechzehntel der Oktaven- und Dezimenpassagen, die Pizzikati mit der linken Hand, der Aufstieg von den tiefen Tönen der G-Saite zu den Höhen der gläsernen Doppelflageoletts, die zu der Zeit nur noch Paganini beherrschte, – das war für die Violine die äußerste Grenze des Möglichen. Und das alles so rein und präzise vorgetragen, daß den Hörern auch nicht die kleinste Nuance entging. Dann das Adagio, melodiös, schmelzend, herzrührend und von makelloser Schönheit. Weber wird erkannt haben, daß der junge Künstler eine große Laufbahn vor sich hatte. Es gibt ein Bild, ein sogenanntes ›Kniestück‹, des heute wohl vergessenen Lithografen Baugniet aus dem Jahre 1838, in der Größe 31 x 39 cm. Es zeigt Charles de Bériot in napoleonischer Pose vor der Büste mit dem Lorbeerkranz, dem Symbol des Triumphes. Die auf dem Tisch liegende Violine ist wahrscheinlich eine Amati-Geige. Bériot, am 20. Februar 1802 in Löwen geboren, war 36 Jahre alt und stand auf der Höhe seines Erfolges. Als er zwei Jahre später seine große Kunstreise durch Deutschland antrat, war ihm sein Ruhm längst vorausgeeilt. Tinte und Feder deuten auf den Komponisten hin. Bériot hat außer 1831 traten Bériot und Paganini gleichzeitig in Paris auf. Sie trafen sich dort 1832 im Hause Rossinis während der Choleraepidemie, sind sich aber in Ems nicht begegnet. Paganini hatte eine Vorliebe für Frankfurt, wo er sich 1830 aufhielt, vor allem um zu komponieren. Von hier aus fuhr er nach Wiesbaden und Bad Ems. Überall wo Paganini auftauchte, in Ems übrigens mit seinem abgöttisch geliebten Söhnchen Achillino, wurden dieselben Schauergeschichten erzählt. Diese spindeldürre Vogelscheuche mit dem Totenkopf sei ein wahrer Hexenmeister, der Teufel in Person. Seine Geliebte habe er umgebracht und aus ihrem Darm die berühmte G-Saite gedreht. Das Geigespiel habe er im Kerker gelernt, natürlich vom Satan. Kein Gerücht ist so absurd, um nicht doch – jedenfalls von vielen – geglaubt zu werden. Bériot, der später jahrelang in Ems gewohnt hat, wurde hier wie anderswo durch solchen Aberglauben, die von Paganini selbst provozierten Skandale und die Sensationsmache in den Schatten gestellt. In dieser Zeit hat ein anderer berühmter Gast des Bades, nämlich Eugène Delacroix, ein Bild von Paganini gemalt, das nicht nur meisterhaft die Bewegung einfängt, sondern auch den Dämon des Geigers ausdrückt. Charles Auguste de Bériots Laufbahn nahm ein jähes Ende, da er plötzlich und ohne erkennbare Ursache erblindete. Die Zeitangaben darüber sind widersprüchlich. Verläßt man sich auf Hugo Riemanns Musiklexikon und die 13. Auflage des Brockhaus (2.Bd.,1882), so geschah das im Jahr 1852. Nachdem Bériot mehrmals zur Kur in Bad Ems gewesen war, kam er zu dem Entschluß, dort ständig zu bleiben. Er kaufte ein Grundstück auf der linken Lahnseite am Fuße des Malberges und reichte am »Gegen die Willfahrung des Gesuchs dürfte um so weniger etwas zu erinnern seyn, als das Bauwesen in dem gewählten Styl und nach der Lage des Platzes der ganzen Umgebung zur Zierde gereichen wird. Damit im Styl nichts verfehlt werde und das Gebäude ein gefälliges Äußere erhalte, bemerke ich noch, daß ich, soviel es meine Zeit erlaubt, nicht verfehlen werde, das Nöthige dazu beizutragen.« So entstand 1856/57 im Schweizer Landhausstil das große Fachwerkhaus mit der durch vier Balkone und Überkreuzungen in den Gefachen schön gegliederten Schauseite. Es entsprach dem Geschmack der Zeit. Seit dem Erscheinen von Jean-Jaques Rousseaus Briefroman »La Nouvelle Héloïse« schwärmte man nach wie vor für die Alpen, vor allem für die Schweiz. Das Innere des Hauses beschreibt Dieter Weithoener so: »Im Souterrain befanden sich eine große Küche, zwei Speisekammern und mehrere Kellerräume. Die beiden Wohngeschosse bestanden jeweils aus einem talwärts gelegenen großen Raum, den sogenannten Salons, und aus je vier kleineren Zimmern, den Kabinetten. Der geräumige Dachstock war den dienstbaren Geistern als Bleibe vorbehalten.« Anfangs hatte das Haus den Namen »Zum grünen Berg«, bald aber hieß es »Villa Bériot«. In den Kurlisten gab Bériot als Beruf immer »Compositeur« an. Er spielte auch meistens eigene Stücke. Nach seiner Erblindung war er gezwungen, alles auswendig vorzutragen. So spielte er zum Beispiel im Kursaal im Juli 1857 eines seiner Violinkonzerte. Wie man dem Programm entnehmen kann, konzertierte er einen Monat später, am Abend des 19. August, zusammen mit dem Pianisten Henri Herz. Dann trug die Geigerin E. Bordert Bériots Violinkonzert Nr. 1 vor. Der Begriff der »Virtuosität« ist Anfang des vorigen Jahrhunderts geprägt worden, und das 19. war ja dann auch das Jahrhundert der großen Virtuosen. Sie fanden in Ems nicht nur ein verständiges, sondern auch ein zahlungsfähiges Publikum. Es kamen die Geiger Pablo de Sarasate und Henri Vieuxtemps, Bériots begabtester Schüler, der eine Villa in Dreieichenhain besaß. Franz Liszt hatte einmal angekündigt, er wolle der Paganini des Klaviers werden. Nun verdunkelte er den Ruhm von Bériots Partner und Freund Henri Herz, den die Musikwelt zehn Jahre lang als den größten Pianisten der Welt gefeiert hatte. Clara Schumann stand nach Roberts geistiger Umdüsterung unter dem Zwang, Geld verdienen zu müssen, um ihre sieben Kinder zu ernähren. In Ems trat sie zusammen mit Jenny Lind, der »schwedischen Nachtigall«, auf. Auch Henriette Sontag sei nicht vergessen. Sie begeisterte in Wien bei Webers »Euryanthe« derart, daß sie zweimal herausgerufen wurde. Was übrigens Bériot und den anderen Violinvirtuosen mit zu ihrer Perfektion verhalf, waren die durch nichts mehr zu verbessernden Geigen der Cremonenser Guarneri, Stradivari, Amati und dessen Schülers und Schwiegersohns Jakob Steiner aus Tirol. Seit 1839 finden musikalische Darbietungen in einem Raum statt, der als Kulisse und angemessener Rahmen die Kunstwirkung in besonderer Weise verstärkt. Es ist der Marmorsaal. Die Strenge des Empire; die italienische Renaissance; die changierenden Rot-, Grau- und Brauntöne der Säulen aus Lahnmarmor; die kunstvollen Stukkaturen; die pompejanischen Ausmalungen und die Goldrosetten auf den grünen Feldern der Kassettendecke – das empfindet man nicht als protzige Anhäufung, sondern als feierliche Harmonie, die mit der Musik, vor allem bei virtuosen Solovorträgen, zusammenkommt und zusammenstimmt. Fast möchte man glauben, ein ungutes Schicksal hatte es darauf angelegt, Bériots großes Talent zu zerstören. Er war nun als Künstler völlig ausgeschaltet, zudem wohl auch enttäuscht über die Wirkungslosigkeit der Heilquellen. Jedenfalls hat er die Villa 1863 verkauft und kehrte in seine Heimat Belgien zurück. Am 8. April 1870 ist er in Brüssel gestorben und hat damit seinen großen Konkurrenten Paganini um 30 Jahre überlebt. Jenny Lind ließ sich vom Glanz nicht blenden. Sie sah die sozialen Verhältnisse. Es gab ja in Ems nicht nur die Hoteliers und Besitzer der Pensionen, die Geschäftsleute, die Ärzte und die Beamten, es gab ja auch im Dorf die Bergleute und hier wie in der Umgebung die Kleinbauern. Die Armut war so groß, daß die Auswanderung sogar von der Regierung gefördert wurde. Die Jenny-Lind-Stiftung hat immerhin 70 Jahre bestanden und manche Not gemildert. »Süß ist der Ton der Nachtigallenkehle, Der uns erquickt in schönen Frühlingstagen, Doch süßer ist’s, wenn eine Menschenseele Im Wohllaut ihr Geheimnis ringt zu sagen. Doch wenn zur tiefsten Tiefe klar und helle Ein innig Leben seine Lust und Trauer Dahinströmt in des Tons durchsicht’ger Welle Der ew’gen Schönheit, rührt uns dann ein Schauer. Wir alle spürten’s, da du jüngst gesungen. Wer aber fragte nach und unterschiede: War’s dein Gesang nur, was uns so bezwungen, War’s deine Seele, die sich gab im Liede?« Diese Strophen, »Lind-Lied« genannt, wohl mehr ein Gelegenheitsgedicht, das nicht veröffentlicht wurde, schrieb Emanuel Geibel nicht in Ems, sondern vorher schon in Lübeck. Jenny Lind, die größte Sopranistin der Welt, die man die »Schwedische Nachtigall« nannte, erlebte den Gipfel ihres Ruhmes am 1. Sptember 1850 in New York. 30 000 Menschen erwarteten ihr Schiff. Nachts war der Broadway vollkommen verstopft. Ihr Hotel wurde ständig umlagert. Es gab vorher schon in London das »Jenny-Lind-Gedränge« mit verbeulten Hüten und zerrissenen Kleidern. Man sprach vom »Lindfieber« als einer neuen Krankheit. Der amerikanische Journalist George P. Upton übertrieb nicht, wenn er schrieb: »Ein solcher Empfang ist nur vergleichbar mit dem Jubel für General Grant, als er am Ende des Bürgerkrieges willkommen geheißen wurde.« Auch in Bad Ems, wo die größten Klavier- und Violinvirtuosen der Welt gastierten, war die Begeisterung groß, als Jenny Lind nach ihrer Amerika-Tournee, 1852, wieder ein Konzert in der Kurstadt gab. Sie sang nun nicht mehr die großen Belcanto-Partien aus 30 Opern von Meyerbeer, von Weber, Rossini, Bellini, Spontini und Donizetti. Ihr Repertoire bestand fortan vor allem aus Arien, Sonaten, Liedern und Oratorien. Sie war längst Millionärin, hatte allein für ihre Konzertreise durch die USA drei Millionen Dollar eingenommen. Doch die Zeiten der märchenhaften Gagen waren dahin. In Amerika wurden für einen Platz nicht selten 600 Dollar gezahlt, was etwa dem Zwanzigfachen eines Wochenlohnes entsprach. Im Kursaal in Ems kostete eine Eintrittskarte drei Nassauer Gulden, auf der Galerie einen Gulden und 30 Kreuzer. Das ist vergleichsweise wenig, aber ein Tagelöhner im Herzogtum Nassau bekam zu dieser Zeit im ganzen Jahr nur 60 Gulden. In Riemanns Musiklexikon wird Jenny Lind die »letzte Primadonna der Romantik«, aber auch die erste deutsche Lieder- und Oratoriensängerin genannt. Zeitgenossen rühmen an ihrer Stimme die außerordentliche Reichweite von zwei Oktaven und drei Vierteln, die makellosen Übergänge von der Brust- zur Kopfstimme, den elegischen Schmelz und die unübertreffliche Virtuosität ihrer Koloratur. Schon 1849 kam Jenny Lind als Kurpatientin nach Ems. Sie war aus Paris vor der Cholera geflüchtet. Ein Facharzt in Koblenz gab ihr den dringenden Rat, längere Zeit nicht zu singen. Es war nicht nur die Stimme, auch die Nerven waren überstrapaziert und die körperlichen Kräfte erschöpft. Hinzu kamen häufige Kopfschmerzen und eine quälende Neuralgie. Nach einigen Wochen fühlte sich Johanna Maria Lind, wie sie eigentlich hieß, wieder so gesund, daß sie, vom Kurerfolg überzeugt, im Kursaal ein Wohltätigkeitskonzert gab. Sie errichtete eine Stiftung, von deren Zinsen die Armen in Ems und notleidende Künstler unterstützt werden konnten. Es sollte jedes Jahr eine Konfirmandin und ein Erstkommunikant eingekleidet und jeweils für einen Jungen das Lehrgeld bezahlt werden. Für die durch eine Brandkatastrophe in Fachbach und Niederlahnstein schwer geschädigten Einwohner leistete Jenny Lind eine großzügige Soforthilfe. Dem Bürgermeister, den beiden Pfarrern und einem weiteren Mitglied oblag die Geldverwaltung, bis die Lind-Stiftung durch die Inflation nach dem I. Weltkrieg ihr Kapital verlor. Jenny Lind hat sehr oft große Summen gegeben, aber es war ihr unangenehm, als Spenderin genannt zu werden. Sie sagte dann: »Ich habe in meinem ganzen Leben nichts so gefürchtet, wie gelobt zu werden für den Beistand, den ich durch Gottes Gnade glücklich genug war, meinem Nebenmenschen gewähren zu können, so weit es in meinen Kräften stand. Es kann doch wirklich kein großes Verdienst sein, andern von dem mitzuteilen, was uns selbst gegeben ist.« 1820 in Stockholm geboren, kam sie aus bescheidenen Verhältnissen. Knäckebrot, Hering, Kartoffeln und Milchsuppe, die sie am liebsten mit einem Holzlöffel aß, waren ihr lieber als die Menus und Diners der Emser Gastronomie. Sie trank weder Wein, noch Tee, noch Kaffee. Bescheiden war auch ihre Bildung. Andersens Märchen und »Onkel Toms Hütte« von Harriet Beecher-Stowe nannte sie ihre Lieblingslektüre. Sie mochte Heinrich Heine, weil sie seine Lyrik zur Vertonung für besonders geeignet hielt. Ihre strenge, bis zur Bigotterie getriebene religiöse Erziehung gab ihr ein, durch Goethes Pantheismus sei das deutsche Volk verdorben und areligiös geworden. Sie nahm aber stets eine deutschfreundliche Haltung ein, besonders im deutsch-französischen Krieg von 1870/71. Bis an ihr Lebensende blieb sie eine schwedische Patriotin, kritisierte an ihrem Volk jedoch das Träge, Schwerfällige und die oft in Erregbarkeit und Reizbarkeit umschlagende Gemütsverfassung, ohne einzugestehen, daß die beiden letzten Eigenschaften auch für sie selbst zutrafen. Im allgemeinen blieb sie gelassen und betrachtete die Karikaturen von ihr in den Zeitungen mit Humor. Von Jugend an naturliebend, war sie am meisten von der Gipfelflur der Alpen und dem Ozean beeindruckt, also von zwei außermenschlichen Landschaften, die sie als erhaben empfand. Sie liebte Wildblumen,die sie auf ihren Spaziergängen an Weg- und Wiesenrändern betrachtete. Ähnlich wie der Kaiserin Eugénie mißfiel ihr das Gemachte, Zurechtgestutzte der Parks, ohne die Bäder ja nicht zu denken sind. Das moränenverschüttete Urgestein, die Felsrücken und -klippen, der grüne Laubwald, die Winterstille der Nadelwälder, die Einsamkeit der rötlich gesprenkelten Schären, das Doppelgesicht aus Land und Meer, die blinkende Seensenke von Stockholm – das bedeutete ihr Natur. Das Portrait der »Schwedischen Nachtigall« von E. Magnus ist sicher idealisiert, wie ein Vergleich mit anderen Bildern beweist, die allerdings auch retouchiert sind. Sie war sich bewußt, keine Schönheit zu sein und sagte von sich selbst: »Ich bin zu häßlich. Mit meiner Knollennase ist es für mich unmöglich, in Paris irgendeinen Erfolg zu haben.« Stellen wir sie uns vor, wie von einigen Zeitzeugen beschrieben: mittelgroß, blauäugig, hellblond, mit extrem hohen Jochbeinen, zu breitem Mund, zu breiter Nase, zu schmalen Lippen – so haben wir wohl ein einigermaßen objektives Bild. Anders können sie auch die Emser nicht gesehen haben. Es läßt aufhorchen, wenn Heinrich Heine, der notorische Spötter, über einen Mitmenschen ohne versteckte Ironie etwas Gutes sagt. Vielleicht war es Opportunismus, wenn er geäußert hat: »Sie hat keine schwarzen Haare, wie die welschen Primadonnen, in ihren Augen schimmert nordisches Gemüt und Mondschein, und in ihrer Kehle tönt die reine Jungfräulichkeit.« Zum Ereignis wurde das Auftreten der »Schwedischen Nachtigall« zusammen mit Clara Schumann am 14. Juli 1855 im Kursaal. Das hier fotokopierte Programm hängt im Archiv der Stadt Bad Ems. 1850 hatte Jenny Lind nach einem großen Erfolg in Altona, wo sie Robert Schumann zum letztenmal sah, geäußert: »Ich kann nur sagen, was ich fühle. Und das ist Liebe zu meinen beiden Schumanns, insbesondere für den Mann, dessen Lieder ich verehre als ein Stück Deutschland, das mir meine zweite Heimat geworden ist.« Schumann nannte sie »den edelsten Singvogel, den ich in meinem Leben gehört habe.« In Altona war es auch, wo sich Jenny Lind in den Pianisten Otto Goldschmidt verliebte, der in Leipzig Claras Schüler gewesen war. Am 5. Februar 1852 haben sich die beiden in Boston vermählt. Goldschmidt war acht Jahre jünger und vom mosaischen Glauben zum evangelischen konvertiert. Die Goldschmidts blieben den ganzen Juni und Anfang Juli in Ems. In der 23. Kurliste vom 13. bis 17. Juli erscheinen »Hr. Goldschmidt u. Mad. Jenny Lind-Goldschmidt a. Dresden u. Dienersch.« nicht mehr. Sie wohnten zunächst im »Englischen Hof« und dann in der »Villa Balzer«. Clara Schumanns Antlitz sehen wir heute auf dem Hundertmarkschein, ebenfalls stark retouchiert, ja man kann sagen, bis zur Unkennlichkeit geschönt. Sie kam nicht zur Freude nach Ems, sondern sie stand unter dem harten Zwang, Geld verdienen zu müssen, für ihre sieben Kinder und für sich. Robert, immer im Schatten seiner berühmten Frau stehend, von seinen homoerotischen Neigungen beherrscht, schon länger schwer depressiv, hatte sich ein Jahr zuvor, am Rosenmontag, in Düsseldorf von der Brücke in den Rhein gestürzt, konnte aber gerettet werden. Nun dämmerte er in der Irrenanstalt Endenich bei Bonn vor sich hin, ein merkwürdiges Parallelschicksal zu Hölderlin und Nietzsche, der Schumann verächtlich einen »edlen Zärtling« genannt hatte. Der Kranke wurde jetzt von der Öffentlichkeit mit einer Aufmerksamkeit bedacht, nach der sich der Komponist, als er noch bei Sinnen war, immer gesehnt hatte. Wie man dem Programm entnehmen kann, spielte Clara in Ems vier Stücke ihres Mannes. Das war eher eine Seltenheit, denn sie bevorzugte eine effektvollere Musik anderer, auch wenig bekannter Komponisten für ein breites Publikum. Es war ein glänzender Abend mit der größten Pianistin und der größten Sängerin der Welt, zugleich Schumanns bester Interpretin. Die da im Kursaal frenetisch applaudierten, glaubten das Märchen von der großen Liebe, die durch nichts sonst als ein bitterböses Fatum zerstört worden war. Clara erschien ihnen als tragische Heldin. Eugène Delacroix Sieht man die Jahrgänge der Kurlisten durch, so fällt auf, wie wenig die bildenden Künstler vertreten sind. Legt man zudem den hohen Maßstab der Weltgeltung an, so bleibt eigentlich nur Eugène Delacroix. Andere, wie zum Beispiel der bedeutende dänische Bildhauer Bertel Thorwaldsen, waren nur Passanten. Delacroix hat ein Riesenwerk geschaffen, zu dem es, rein vom Umfang her, in der Malerei nichts Vergleichbares gibt. »Eugène Delacroix war eine merkwürdige Mischung von Skepti- zismus, feiner Lebensart, Dandyhaftigkeit, glühendem Willen, Schlauheit, Herrschsucht und endlich einer Art besonderer Güte und gemäßigter Zärtlichkeit, die stets das Genie begleitet.« Charles Baudelaire Man findet in den Kurlisten vom 12. Juli bis 4. August 1850 die Angaben: ›Im Braunschweiger Hof, Gasthaus Mr. Delacroix, Peintre (Maler) u. Mad. Leguillon a. Paris‹ Der Braunschweiger Hof, in dem 10 Jahre später auch Jacques Offenbach gewohnt hat, das heutige Haus Nr. 20 in der Römerstraße, hatte damals noch keine Ladengeschäfte und war durch das nachträglich aufgesetzte vierte Stockwerk in seinem Stil noch nicht gebrochen. Es ist ein Glücksfall, daß der berühmte französische Maler von 1822 bis zu seinem Tode, 1863, Tagebuch geführt hat. Aufzeichnungen über seinen Kuraufenthalt finden sich, wenn auch nicht für jeden Tag, im zweiten Band, auf den Seiten 10 bis 16. Wer je eine gültige 100-Francs-Banknote betrachtet hat, kennt wenigstens zweierlei: das Portrait des Künstlers und einen Ausschnitt seines Bildes »Die Freiheit führt das Volk«. Dieses Bild, von dem Heinrich Heine so begeistert war, ist in Deutschland auch deshalb am bekanntesten, weil es sich sehr oft in unseren Geschichtsbüchern findet. Nicht wenige abstrakte Maler unserer Tage nennen Bilder wie dieses »Schinken« und sehen in der Symbolgestalt der Freiheit nur eine barbusige Provinzheroine. Delacroix stand schon auf der Schwelle zum Impressionismus, und seine Bilder mit ihren sublimen Lichtnuancen und den reflektierenden Komplementärfarben der vieltönigen Schatten sind von Malern wie van Gogh, Renoir, Degas, Cézanne, Manet und Picasso oft kopiert und variiert worden. Als Delacroix am 12. Juli 1850 nach Bad Ems kam, war er 52 Jahre alt. Dem Kurarzt, dessen Name wir nicht erfahren, muß sein Patient exotisch erschienen sein. Schmächtig von Gestalt, hatte Delacroix eine gelbliche, ins Olivgrüne übergehende Hautfarbe. Der Eindruck wurde verstärkt durch das dichte schwarze Haar, die sehr dunklen Augen, die blendenden Zähne und die geschmeidigen, fast katzenartigen Bewegungen. Es hat den Künstler erheitert, daß ihn der Arzt immer mit »Monsieur Sainte-Croix« (Heiliges Kreuz) anredete. Wahrscheinlich wird dem Kurarzt auch nicht entgangen sein, daß der Maler einen überanstrengten Eindruck machte. Abgesehen von den riesigen Bildern in der Kirche Saint-Sulpice, hatte Delacroix seine monumentalen Wand- und Kuppelbilder in Paris schon geschaffen, und das oft in verkrampfter Körperhaltung auf dem Gerüst. Im Atelier stand er in der Regel täglich acht bis neun Stunden hinter der Staffelei. Es gibt keinen anderen Maler, der rein von der Quantität ein solches Werk vollbracht hat, auch nicht Leonardo, auch nicht Michelangelo. Aber es war nicht nur die Erschöpfung, die einen Kuraufenthalt notwendig machte, sondern auch ein dauernder Husten und unregelmäßig auftretende fiebrige Erkältungen. Delacroix hatte ständig Angst vor einer Lungenentzündung, und Baudelaire meinte, daß er daran auch gestorben sei. Andere Biographen vermuten als Todesursache jedoch eine »tuberkulöse Laryngitis«, also einen Kehlkopfkatarrh. Man denkt unwillkürlich an einen anderen berühmten Kurgast, an den tragischen 99-Tage-Kaiser Friedrich, dessen Kehlkopfkrebs viel zu spät erkannt worden war. Der Maler berichtet im Tagebuch zunächst von Mißhelligkeiten. Am Vorabend hat er sich in Köln sehr geärgert, weil er beim Zoll endlos warten mußte. Wie so oft machte ihm auch wieder eine Migräne zu schaffen. Die Suche nach einem Quartier erweist sich als schwierig. 1850 hatte Ems 2093 Einwohner und verzeichnete für dieses Jahr 5346 Kurgäste. Es heißt dann im Journal: »Provisorisch untergebracht mit Jenny, in einer Art Speicher, und am nächsten Tag auch noch provisorisch untergebracht, aber erträglich.« Es gehört zu den Merkwürdigkeiten dieser Aufzeichnungen, daß Jenny nur ein einziges Mal genannt wird. Sonst berichtet der Maler bei allem, was er in Ems auch denkt und erlebt, nur von sich allein. Delacroix hatte im wahrsten Sinne des Wortes immer eine Vorliebe für Dienstmädchen. Jenny Le Guillou, in den Kurlisten nicht ganz korrekt als »Mad. Leguillon« verzeichnet, war über 30 Jahre hinweg bis zum letzten Atemzug des Meisters beides: Geliebte und Haushälterin. Über die Kur selbst ist wenig zu erfahren. Er trinkt am Samstag, dem 13. Juli, sein erstes Glas Wasser und glaubt später, die beste Wirkung zu erzielen, wenn er das letzte Glas noch vor dem Abendessen, um fünf Uhr, zu sich nimmt. Immerhin berichtet er schon am nächsten Tag, er fühle sich wieder geistig auf der Höhe und auch sonst wohl. Und von nun an findet er alles wirklich »charmant«, ein Wort, das er im folgenden immer wieder benutzt. Schon fragt er sich, der ständige Arbeitsfanatiker, was er mit der Zeit beginnen soll. Er ist seit seiner Jugend ein unermüdlicher Leser. Jetzt hat er außer seinem über alles geliebten Voltaire kein Buch bei sich. Er will versuchen, sich Bücher zu leihen, kommt aber dann im Tagebuch darauf nicht wieder zurück. Werkzeuge, um Radierungen anzufertigen, hat er auch nicht bei sich. Am Freitag, dem 2. August, notiert er: »Spaziergang im Tannenwald. Den Glockenturm der Kirche gezeichnet«. Wo er auch ging und stand, hat Delacroix gezeichnet. Er gab aber kein Bild aus der Hand. Selbst seine engsten Freunde haben erst nach seinem Tode erfahren, daß er 6000 Zeichnungen verwahrt hatte. Sie wurden leider versteigert und in alle Winde verstreut. Man kann deshalb mit Sicherheit vermuten, daß der Künstler auch in Ems mehr gezeichnet hat als nur das eine Bild. Einmal zeigt sich auch eine erstaunliche Verwandtschaft zu Dostojewski, dem alles, was in Ems »in Samt und Seide« ging, zuwider war, der um so mehr die einfachen Menschen schätzte. Delacroix schreibt an seinen Freund Soulier: »Meine schlechten Augenblicke: wenn ich auf der Promenade die Gewohnheit der Kurgäste sehe. Ihre geschminkten Gesichter, ob bürgerlich oder aristokratisch gekleidet, es sind alles Marionetten.« Und einen Tag später: »Kaum in den Feldern, in der Umwelt der Bauern, der Rinder und anderer natürlicher Dinge, fand ich zu mir selbst zurück und freue mich am Leben.« Delacroix spielte selbst Geige, Klavier und Gitarre. Er war mit keinem enger befreundet als mit Frédérik Chopin. Besonders liebte er Mozart. Deshalb versäumte er nicht, für den 13. Juli zu notieren: »Hörte, von einem kleinen Orchester im Freien gespielt, die Ouvertüre zur ›Zauberflöte‹.« Und am 24. Juli berichtete er: »Der Festtag des Herzogs von Nassau. Die Kapelle des preußischen Regimentes hat verschiedene Stücke gespielt, eines wie das andere bewundernswert. Es war ein Potpourri von Melodien aus dem ›Freischütz‹.« Mit 17 Lithographien zum »Faust« hat sich Delacroix Goethes höchstes Lob erworben. Der Freischütz, der sich durch das Bündnis mit dem Teufel die Freikugeln verschafft, die unfehlbar treffen – eine solche Handlung mußte den Künstler stark bewegen. Denn er war ja nicht nur der Darsteller der großen historischen Begebenheiten, der Brutalität des Pöbels und des Schlachtgetümmels, sondern auch der Maler der Mythen, Allegorien und der Dramen. Die von der Regimentskapelle gespielten Melodien und die Opernhandlung lassen ihn nicht mehr los. Am Samstag, dem 3. August, geht er über die Pontonbrücke, dann an der katholischen Kapelle »Auf dem Spieß« vorbei und von dort »weiter zwischen den beiden Gebirgen«, wie er schreibt. Wahrscheinlich wandert er nun ins »Schweizertal«. Er tritt in den Wald ein und ist wie gebannt von einer mit riesigen Buchen gesäumten Schlucht. Während er sich vorstellt, wie im Winter ein reißender Sturzbach heranschießt, ist sie plötzlich da: die teuflische Gestalt des »Freischütz«. Er sieht sie mit halluzinatorischer Deutlichkeit. Es ist der Bereich von Imagination und Wirklichkeit, der im Werk des Malers so dicht verwoben ist. Nach einem sehr langen Spaziergang macht Delacroix den Versuch, die Landschaft zu schildern. Es ist bemerkenswert, mit welch sicherem Blick der Maler im Vergleich zum Tal den völlig anderen Charakter der Taunus- und Westerwaldlandschaft erkennt. Er schreibt am 21. Juli: »... benutzte ein Gäßchen gegenüber der Brücke. Bin sehr hoch in das Gebirge gestiegen und auf einem anderen Wege zurückgekommen. Ich habe ganz plötzlich einen ›charmanten‹ Pfad voll Thymian und Wacholder gefunden, und ich befand mich in dieser Höhe inmitten wohlbestellter Felder, von Mauern aus Getreide und ein wenig abschüssigen Wiesen. Nachdem ich auf der anderen Seite mitten zwischen Felsen geklettert war, fand ich hier einen völlig anderen Anblick. Dieser Ausflug hat weniger als drei Stunden gedauert.« Für kürzere Spaziergänge vor dem Abendessen bevorzugt er die Lahnwiesen in Richtung Dausenau, also im »Wiesbach«. Man hat Delacroix oft einen Romantiker genannt, ja, sogar den »Führer der Romantik«, der er nicht war. Er sieht vieles sehr nüchtern, ganz anders als etwa die Brentano und Arnim. Wenn die Weinberge flächenhaft die Berge überziehen und die natürliche Landschaft verdrängen, empfindet er, wie er schreibt, »eine große Eintönigkeit«. Auch in Ems wiederholt er seine oft angestimmte Klage, daß er kein Schriftsteller sei. Aber sein brennender Ehrgeiz auf diesem Gebiet läßt ihn nicht ruhen. Tatsächlich hat er eine ganze Reihe hervorragender Kunstbetrachtungen veröffentlicht. Während seiner Kur bereitet er einen Aufsatz über den Unterricht im Zeichnen vor, der dann in der »Revue des Deux Mondes« erscheint. Ausführlich äußert er sich im Tagebuch über die verschiedenen Mittel und Möglichkeiten, die der Maler und der Dichter hat. Wiederholt nennt er als Beispiel Lord Byron, von dessen Oden er begeistert ist. Talent setzt er ohnehin voraus. Aber es muß noch etwas hinzukommen: »Ohne Kühnheit, ohne äußerste Kühnheit, gibt es keine Kunst«. Am Sonntag, dem 4. August, einem glühend heißen Tag, reist Eugène Delacroix in einem Wägelchen ab. Er war der letzte große Historienmaler, immer auf dramatische Höhepunkte bedacht. Vor allem darin unterscheidet er sich von den Impressionisten, denen ein irisierender Tautropfen auf einer Rose, das silberne Licht der Seine-Landschaft oder der Sommerhimmel und die ultramarinblauen Schatten der Provence allemal wichtiger waren. Max von Schenkendorf Der Lyriker Max von Schenkendorf hat insofern Beziehungen zur Musik, als viele seiner Gedichte vertont wurden. Ähnlich wie der Freiherr vom Stein wollte er eine Erneuerung des deutschen Kaisertums. Sein Kurarzt August Friedrich Adrian Diel war auch der Hausarzt der Familie vom Stein. »Er war ein wackerer, braver Mann, wie ihrer Preußen nicht viele zu verlieren hat« .Josef Görres zum Tode Schenkendorfs Man muß sich in die napoleonische Zeit versetzen, mit ihrer Tyrannei, ihren Schrecken und ihrer Menschenverachtung, muß den heißen Atem der Schlachten spüren, von Borodino bis Belle-Alliance. Nur so kann man die ungeheure Begeisterung und Inbrunst verstehen, mit der die Gedichte und Lieder eines Ernst Moritz Arndt (»Der Gott, der Eisen wachsen ließ«) und des 1813 gefallenen Theodor Körner (»Frisch auf, mein Volk. Die Flammenzeichen rauchen«) aufgenommen und gesungen wurden. Der dritte im Bunde, von der erwachenden Nation ebenso verehrt, war Max von Schenkendorf. Am 11. Dezember 1783 in Tilsit geboren, hatte er schon mit 15 Jahren als Student der Rechte die Universität Königsberg bezogen. Gottlob Ferdinand Maximilian waren seine eigentlichen Vornamen, aber er war von dem jüngeren Piccolomini im »Wallenstein« so beeindruckt, daß er sich seit 1805 nur noch Max nannte. Heute ist das meiste der Lyrik der Befreiungskriege verklungen. »Freiheit, die ich meine« wird noch gesungen, aber wohl von vielen als Volkslied empfunden. Doch es stammt ebenso wie »Wenn alle untreu werden« und »Muttersprache, Mutterlaut« von Max von Schenkendorf. Vielleicht erinnert sich noch ein älterer Leser an »Andreas Hofer«, »Das Lied vom Rheine«, »Schill« oder an den »Frühlingsgruß an das Vaterland«. Der Krieg hatte Schenkendorf nach Schlesien und in die Völkerschlacht bei Leipzig geführt. Dann holte ihn der Freiherr vom Stein in die Zentralverwaltung der Beschaffungsangelegenheiten nach Frankfurt. Bei Verhandlungen in Baden mit dem Großherzog über die Volksbewaffnung bewies er so großes diplomatisches Geschick, daß Stein ihn ins Hauptquartier nach Frankreich schickte. Am Ende des Krieges war Schenkendorf völlig mittellos und bemühte sich verzweifelt um ein dauerhaftes Amt. Der Familiensitz in Ostpreußen war von der Grande Armee zweimal geplündert und verheert worden. In einigen Gedichten Schenkendorfs erscheint die von ihm zutiefst verehrte Königin Luise von Preußen in mystischer Verklärung. Das mag bei Friedrich Wilhelm III. den Ausschlag gegeben haben. Jedenfalls wurde Schenkendorf 1815 Regierungsrat im gerade preußisch gewordenen Koblenz. Er bekam das undankbarste Ressort: Einquartierungen, Marsch- und Verpflegungskosten. Die erbosten Rheinländer mußten bald einsehen, daß sie es hier nicht mit einem Stockpreußen, sondern mit einem umgänglichen, liebenswürdigen Menschen zu tun hatten. Das Haus in der Schloßstraße, in dem Schenkendorf unter einem Dach mit seinem Freunde Josef Görres gewohnt hat, wurde im zweiten Weltkrieg zerstört. Der handschriftliche Nachlaß des Dichters ist fast ganz verschollen. So wissen wir auch nicht, wie oft der Dichter in Lahnstein, Ems und Nassau war. Befand er sich bei guter Gesundheit, was häufig nicht der Fall war, unternahm er weite Wanderungen. An einem sehr kalten Winterabend fand ein Freund den Dichter mitten auf dem Schloßplatz, am Clemensbrunnen sitzend, unfähig weiterzugehen, gequält von Schmerzen. Daraufhin verordnete ihm sein Arzt Duschbäder in Ems. Diesmal ist der Aufenthalt in Ems mit Hilfe der Kurlisten des Jahres 1817 nachweisbar. Die Eintragung lautet: »Herr von Schenkendorf, königl. preuß. Regierungs-Rath, nebst Familie, von Koblenz«. In den Listen wird der Kurgast zum ersten Mal am 16. August und zum letzten Mal am Schluß der Saison, nämlich am 20. September, genannt. Weiter ist den Kurlisten zu entnehmen, daß die Familie Schenkendorf in dem an der Ecke Lahnstraße/Grabenstraße gelegenen »Steinernen Haus« gewohnt hat. Dieses 1696 im Stile des Frühbarock errichtete Herrenhaus hatte zum Hotel »Löwen« noch einen spätgotischen Treppengiebel. Der dreiteilige Schweifgiebel der Schauseite mit Rollwerk besaß kunstvolle Voluten aus Eichenholz. Das im Gebiet der unteren Lahn einzigartige Bauwerk stand unter Denkmalschutz. Es wurde aber, nachdem 1967 eine Brandstiftung mißlungen war, 1968 – so unglaublich es auch ist – abgerissen! »Das Steinerne Haus« besaß eigene Quellen mit einer Temperatur von über 30 Grad. Friedrich Heidenhaus, seit 1810 Pächter, hatte zehn neue Bäder anlegen lassen. Die für Schenkendorfs Behandlung wichtige Dusche konnte er selbst bedienen. Außerdem gab es zwei Trinkquellen. Im »Steinernen Haus« praktizierte seit 1790 während der Kurzeit der bekannte Brunnenarzt August Friedrich Adrian Diel aus Diez. Er war außerdem als Pomologe durch seine Züchtungen (»Diels Butterbirne«) und seine Klassifikation der Obstsorten so berühmt, daß man ihn den »pomologischen Linné« nannte. Mit dem Zusatz »nebst Familie« in den Kurlisten waren Schenkendorfs fast zehn Jahre ältere Frau Elisabeth, verwitwete Barckley, und seine neun Jahre jüngere Stieftochter Jettchen gemeint. Schenkendorfs Zuneigung zu Elisabeth schien hoffnungslos, bis ihr Mann aus nie ganz geklärten Gründen Selbstmord beging. Nach einer längeren Frist – während der böse Zungen fragten: Will er nun die Mutter oder die Tochter? – fand am 12. Dezember 1812 in Karlsruhe die Trauung mit Elisabeth statt. Durch ihren Einfluß wurde Schenkendorf, wie auch seine letzten Gedichte beweisen, mehr und mehr zum religiösen Mystiker. Er hat Elisabeth ohne Zweifel bis zum letzten Atemzug wirklich geliebt. Das schloß allerdings in Koblenz die mehr als platonische Hinwendung des Dichters zu Frau von Jasmund nicht aus. Sie war übrigens die Tochter des großen Göttinger Naturforschers Blumenbach, dessen Erkenntnisse später durch Rasseideologen ebenso mißbraucht wurden wie diejenigen Darwins und Mendels. »Eine kräftige untersetzte Gestalt mit kerndeutschen Gesichtszügen« – so wurde Max von Schenkendorf von seinem Freunde Friedrich de la Motte Fouqué kurz beschrieben. Doch seit einer schweren Erkrankung in den Jahren 1806/07 war die Gesundheit sehr schwankend. 1809 wurde Schenkendorf bei einem Duell in die rechte Hand getroffen. Die Heilung zog sich ein Jahr hin; die Hand blieb gelähmt. Die Beschwerden nahmen zu, ohne daß je eine konkrete Diagnose gestellt werden konnte. Es ist die Rede von Kopfschmerz, Blutwallungen, Brustbeklemmungen, Krämpfen und Schwindelanfällen. Dagegen hatten auch bei einem Kuraufenthalt von fünf Monaten in Aachen die heißen Stahlquellen nicht geholfen. Es ist deshalb erstaunlich, daß sich Schenkendorf in Bad Ems sehr bald völlig gesund fühlte und seine letzten glücklichen Tage verlebte. So schrieb er denn aus dem Gefühl der Dankbarkeit dieses letzte Gedicht, das, wie man so schön sagt, sein Schwanengesang war: Das Bad Ems Den leichten Morgenträumen Enteil’ ich froh und schnell Und nahe sonder Säumen Dem wunderbaren Quell. Zur Tiefe steig’ ich nieder, Da quillt es reich und warm, Da senken sich die Glieder In milden Liebesarm. O Liebesfüll’, o Gnade, Wie selig, wer euch schaut, Wenn ihr auf unsre Pfade Die süßen Wunder taut! Was bricht aus Felsenklüften? Was blüht an manchem Strauch? Was weht in milden Lüften? Der ew’gen Liebe Hauch. O Quell, ich muß dir danken, Genesen will ich hier, Die seligsten Gedanken Erfüllen mich bei dir. Und soll der Leib versinken In dunkle Grabesnacht, Vom Wasser will ich trinken, Das ewig lebend macht. Dieses zutiefst romantische Gedicht ist exemplarisch. Schenkendorfs Lyrik hat meistens einen aktuellen Anlaß, ein Ereignis oder, wie hier, ein persönliches Erlebnis zum Inhalt. Auch das Wechselspiel von Frage und Antwort finden wir oft. Seine Naturlyrik ist von Magie und Geheimnissen durchdrungen, vom Wunder der Heilquelle. Diese Inbrunst der Überzeugung mag miterklären, warum die Kur in Ems eine solche Wirkung hatte. Die beiden letzten Verszeilen der sechsten Strophe, die vom Wasser des ewigen Lebens sprechen, führen in die religiöse Mystik. Der Dichter war ein Mystiker, das zeigen auch seine Träume von der Wiedererweckung des mittelalterlichen Kaisertums. Derselbe Schenkendorf kämpfte für die politische Freiheit der Deutschen und schrieb Artikel in Görres’ »Rheinischem Merkur«. Er war sicher kein Genie der Metrik, der Form, wie August Graf von Platen, der fünf Jahre später, 1822, nach Ems kam. Was ihm fehlte, war die »Goldwaage im Ohr«. Josef von Eichendorff schrieb über Schenkendorfs Lyrik: »Es ist wie der Nachsommer der scheidenden Romantik, schon etwas herbstlich verblaßt, mehr wehmütig als verheißend.« Seinen väterlichen Freund und Gönner, vom Stein, hat Schenkendorf in Nassau wahrscheinlich nicht angetroffen, wohl aber dessen Frau und die beiden Töchter. Der Freiherr lebte lieber in Kappenberg. Im Turm des Nassauer Schlosses hängen noch immer die Bilder Scharnhorsts, Gneisenaus und Blüchers. In Koblenz präsidierte Neidhardt von Gneisenau, Blüchers strategischer Kopf und der eigentliche Sieger von Belle-Alliance, einer Tafelrunde im Von-der-Leyenschen Hof. Dieser liberal-fortschrittliche Kreis, dem auch Schenkendorf, Carl von Clausewitz und Joseph Görres angebörten, wurde von Berlin mit größtem Mißtrauen beobachtet und »Wallensteins Lager am Rhein« genannt. Es war derselbe Hofklüngel, der die Stirn hatte zu sagen, Yorck, nach Tauroggen, hätte sich erschießen müssen. 1816 zog sich Gneisenau enttäuscht ins Privatleben zurück. Schenkendorf wußte, daß er aus Bad Ems an keinen Freund einen freimütigen Brief schreiben durfte, da die Briefkontrolle vor keinem Rang und Namen haltmachte. Man begann, überall den erzreaktionären Geist Metternichs zu spüren, der ja, wie bekannt, ein gebürtiger Koblenzer war. Aus den beiden ersten Versen des letzten Vierzeilers des Gedichtes »Das Bad Ems« weht uns Todesahnung an. In Koblenz stellten sich schon bald die alten Beschwerden wieder ein. Dann kam es zu einer dramatischen Verschlechterung. Max von Schenkendorf starb am 11. Dezember 1817, seinem Geburtstag, 34 Jahre alt. Die Bestattung fand auf dem Friedhof vor dem Löhrtor statt, der aber schon bald den preußischen Befestigungen weichen mußte. Heute steht Schenkendorfs Grabkreuz auf dem Hauptfriedhof, ganz nahe einer schönen Platanenallee. In der Südstadt sind eine Straße, ein Platz und eine Schule nach dem Dichter benannt. Besonders geehrt wurde Max von Schenkendorf 1861 durch ein von dem Koblenzer Bildhauer J. Hartung geschaffenes Denkmal am Kaiserin-Augusta-Ufer. Den Sockel, auf dem Schenkendorfs Büste steht, schmücken ein Ehrenkranz, eine Leier und ein Schwert. Dazu die Worte von Ernst Moritz Arndt: »Er hat vom Rhein Er hat vom Deutschen Land mächtig gesungen Dass Ehre auferstand Wo es erklungen« Ludwig Börne, der eigentlich Löw Baruch hieß, stammte aus der Frankfurter Judengasse. Vor einigen Jahren hatten Archäologen auf dem nach Börne benannten Platz Mauern, Kellerwände und Fundamente des ehemaligen Judenviertels freigelegt, darunter auch die Reste des Hospitals, des Ritualbades und eine Strecke der ursprünglich 300 Meter langen, aber kaum mehr als zwei Meter breiten Judengasse. So konnte man eine konkrete Vorstellung davon gewinnen, in welch düsterer und dumpfer Enge die etwa 3000 Juden hier leben mußten. Nach einem heftigen Streit, auch mit Bürgerinitiativen, beschloß aber 1987 die Mehrheit im Frankfurter Stadtrat, das Grabungsfeld zu planieren. Es blieb nur ein kleiner, historisch unbedeutender Rest. »Die Eiche Börne ist’s, an deren Ästen ich aufgeklommen.« Friedrich Engels Oft ist es sehr mühsam, ausreichendes Material über die Aufenthalte der berühmten Kurgäste in Ems zu finden. Anders bei Ludwig Börne. Er hat nicht nur Tagebuch geführt, sondern, ebenso wie Dostojewski, aus Ems eine Fülle von Briefen geschrieben, davon allein 69 an Jeanette Wohl. Eine bessere Quelle kann sich ein Biograph nicht wünschen. Die Empfängerin der Briefe, Jeanette Wohl, war eine geschiedene Frau, drei Jahre älter als Börne und 12 Jahre älter als ihr zweiter Mann, der Kaufmann und Börne-Anhänger Salomon Strauß. An ihn schrieb Jeanette 1832 vor der Hochzeit: »Ich kann mir’s nicht anders denken, der Doktor muß bei uns sein können, wann, wo und so oft und für immer, wenn er will.« Der Doktor philosophiae wollte; er lebte mit den beiden zusammen in Paris, bis der Tod ihn 1837 von ihnen schied. Börnes Beschreibungen seiner Freundin sind wohl zu liebevoll und subjektiv geschönt. Doch sie war durchaus eine ansprechende Erscheinung mit einer melodischen Stimme. Heinrich Heine allerdings behauptete 1827 von Jeanette, sie sei »eine magere Person, deren gelbweißes, pockennarbiges Gesicht einem alten Matzekuchen glich«, deren »Stimme kreischend war wie eine Türe, die sich auf rostigen Angeln bewegt.« Von 1825 bis 1829 kam Ludwig Börne jeden Sommer nach Bad Ems. Die Kuren dauerten gut drei Wochen, 1829 auch länger, nämlich vom 3. Juli bis zum 27. August. Außerdem suchte Börne auch Heilung in Bad Soden. Ludwig wirkte im Vergleich zu seinen beiden Brüdern und seiner Schwester schwächlich, engbrüstig und durch seine fahle Gesichtsfarbe kränklich. Schon als Student hatte er Atembeschwerden. 1814 erlitt er in Heidelberg den ersten Blutsturz. Es handelte sich offenbar um eine chronische Lungentuberkulose mit schleichendem, sich über viele Jahre hinziehenden Verlauf. Trink- und Badekuren brachten Linderung, wie Börne in seinen Briefen an Jeanette berichtete. Was ihm außerdem zu schaffen machte, war seine Schwerhörigkeit. Dadurch erklärt sich wohl der angestrengte Gesichtsausdruck auf dem hier reproduzierten Gemälde und die meist schiefe, weil hinlauschende Kopfhaltung. Im übrigen sagte Börne selbst: »Die Krankheit hat einige interessante melancholische Züge in meinem Gesicht zurückgelassen, und die Weiber trösten gern.« Börne glaubt, daß seine schlechte Gesundheit durch seine schwache Amme verursacht wurde. Er schreibt: »Sorle war meine Amme, ein kleines schwaches Wesen, mit feurigen Augen, ganz Nerv, ohne Fleisch und Knochen. Woher Fleisch und Knochen? Das ganze Jahr nichts Kräftiges zu essen, und die ganze Woche mit mir eingesperrt in der Judengasse und am Sonntag nicht weiter als auf die Zeil.« Eines Tages sieht er in Ems eine Amme, und sofort klagt er: »Ach, wäre doch deine Sorle eine Hochländerin gewesen, dann brauchtest du nicht alle Jahre nach Ems zu reisen, dich zu flicken.« Die Judengasse in Frankfurt, eingepfercht zwischen dem Fischerfeld und der Predigergasse, der Allerheiligen- und Fahrgasse, durch drei Tore verschlossen, dumpf, eng, bedrückend, umlauert von Haß – das war das Lebenstrauma, tief eingebrannt in die Seele. Dagegen half die Brunnenkur genauso wenig wie gegen die Tuberkulose. Aberwitz, daß erst Napoleons Artillerie kommen mußte, um die Ghettomauern zu zertrümmern. Im Juli 1827 erwähnt Börne in einem Brief an Jeanette scheinbar leidenschaftslos Nassau und die Besitzungen des Freiherrn vom Stein. 1813, nach der Völkerschlacht bei Leipzig, wurde Frankfurt der »Zentralverwaltung für die zurückeroberten deutschen Länder« und damit dem Freiherrn vom Stein unterstellt. Die Folgen für die Juden waren furchtbar: der Code Napoleon außer Kraft gesetzt, dafür die alten Gesetze wieder für allein gültig erklärt. Die 3000 Frankfurter Juden verloren alle Bürgerrechte, die sie sich für 440 000 Gulden erkauft hatten. Ludwig Marcuse trifft dazu in seiner Börne-Biographie 1967 die für den großen Reformer sehr unrühmliche Feststellung: »Stein war Antisemit und hätte die Juden gern an Afrikas Nordküste angesiedelt.« Dadurch verlor Börne, der auch Rechtswissenschaften studiert hatte, sein Amt als Polizeiaktuar in Frankfurt. »Juif de Francfort« (Jude aus Frankfurt) stand in seinem Paß, nicht Bürger. Das geschah ihm, dem glühenden deutschen Patrioten, den im Ausland nichts mehr schmerzte als das Heimweh, so daß ein Franzose treffend sagte: »Er liebte Frankreich im Interesse Deutschlands«. So war es denn reine Zweckmäßigkeit, Lebenstaktik, wenn der Dr. Juda Löw Baruch am 17. April 1818 im »Frankfurter Journal« bekannt gab, er werde sich hinfort Ludwig Börne nennen. Ebenso zweckmäßig, daß er sich anschließend evangelisch taufen ließ. Die Religion, ob mosaisch oder christlich, war dem Neu-Protestanten im Grunde so gleichgültig wie die Rückseite des Mondes. Da nannte ihn dann Karl Marx einen »christlich-germanischen Esel«. Es waren keine guten Erinnerungen und Empfindungen, die Börne hatte, wenn er, was oft geschah, in Nassau am Steinschen Schloß vorbeikam. Als Börne am 15. Juli 1825 sein erstes Thermalbad nimmt, hält er es nur zehn Minuten aus. Aber dann bekommen ihm die Bäder sehr gut, und er lobt ihre Heilwirkung. Ärger hat er mit seinem Diener Conrad, weil er sich regelmäßig beim Abtrocknen so ungeschickt anstellt. 1826 muß die Kur schlecht besucht gewesen sein, denn Börne berichtet an Jeanette, am Brunnen seien weniger als 20 Gäste anzutreffen. Auch er bekommt wie so viele andere den juckenden Badeausschlag, hält aber die verordneten 21 Bäder durch und absolviert gewissenhaft die Trinkkur. Der Badeausschlag war häufig. Doch die Ursache dürfte nicht nur die hautaggressive Sole gewesen sein, sondern auch die sehr mangelhafte Hygiene der damaligen Zeit, ein trübes Stück Sozialgeschichte. Börnes Mißverhältnis zu Wasser und Seife muß wohl sehr kraß gewesen sein, denn er meint: »Reinlichkeit ist aller Laster Anfang! Reinlichkeit führt zum Morde und aufs Blutgericht.« Ein Scherz? An Jeanette schreibt er: »Der Mensch überhaupt, besonders aber der Gelehrte und am besondersten der Dr. Börne ist doch ein großes Schwein! Seit 12 Monaten ist das der erste Tropfen Wasser, der auf meinen nackten Leib kömmt.« Und ein andermal aus Ems an seine Freundin: »Heute, heute, heute – o merkwürdiger Tag! heute habe ich mir zum ersten Mal die Zähne mit einem Pulver geputzt.« Bemerkenswert ist aber auch diese Mitteilung aus der Kurstadt: »Zacharias Wertheimer ist hier mit so schmutzigen Nanking-Hosen, als wäre er noch ein Millionär.« Sein Kurarzt Dr. Vogler ist ihm »so unleidlich wie eine Katze«. Er nennt ihn einen Schacherjuden und schreibt am 5. August 1829: »Wenn ich ihm sage: das Wetter ist wieder schlecht, der Barometer ist gefallen erwidert er: leider, leider! und seufzt dabei dreimal. Einmal als Arzt, einmal als Gastwirt und einmal als Lohnkutscher. Er vermietet nämlich nicht nur sein Haus, sondern auch seine Equipage.« Übrigens war Börne kein Laie; er hatte zunächst Medizin studiert, bis den Juden während der napoleonischen Besatzung auch die anderen Fakultäten geöffnet wurden. Über das Klima macht Börne ebenso unzutreffende und übertriebene Angaben wie genau 70 Jahre später der Nobelpreisträger Paul Heyse in seiner Novelle »Der Blinde von Dausenau«. Zu Ems und seiner Landschaft äußert er sich je nach Laune erfreut oder mißgestimmt. An Jeanette schreibt er: »Die Wahrheit zu sagen, liegt Ems sehr romantisch, und es wäre für Liebende und Selbstmörder ein ganz unvergleichlicher Ort. Aber was nützt uns das? Die Krankheiten, deren Heilung wir in Bädern suchen, treffen uns gewöhnlich in einem Alter, wo wir die Empfindsamkeit des Herzens verloren haben; wo wir weich gekochte Gemüse den schönen, aber rohen Früchten der Natur vorziehen; wo wir bequeme Freuden suchen und ein Stück Lüneburger Heide, sich darauf Verdauung zu ergehen, uns lieber wäre, als ein entatmender Steg, der erst nach Sonnenuntergang mit einer entzückenden Aussicht lohnt. Dann seufzen wir bei dem Anblicke himmelküssender Berge und drohender Felsen, über nichts als über die Mühe, hinauf zu klettern, fühlen in schattigen, traulichen Tälern nur deren Feuchtigkeit und meiden jedes Flüßchen gar nicht neugierig auf das, was es lispelt – wegen der Winde, die darüber streichen. So romantisch und verdrießlich ist Ems. Es liegt in einem Kessel, am Ufer der kleinen und dampfenden Lahn, lang hingestreckt, und einem Luftschiffer müßte es als ein stattlicher Hecht erscheinen, über den man Kochwasser ausgegossen und der im Kessel siedet. Bis gegen Mitte des Junius ist hier die Witterung rauh und trübe, und hat der Sommer sich endlich Platz gemacht und der Himmel ist heiter, wird die Hitze unerträglich. Abends kömmt von den Öffnungen der Berge herüber und den Rhein herauf eine kalte und schädliche Luft, und selbst der Unachtsamste lernt die Warnung des Arztes, vor acht Uhr Abends auf sein Zimmer zu gehen, bald befolgen. Morgens legen die langschläfrigen Berge oft vor sieben Uhr nicht ihre Nebelmützen ab, und sinkt der Nebel, ist er so dick und undurchsichtig, daß man auf zehn Schritte weit keinen bürgerlichen von einem adligen Kurgaste unterscheiden könnte, hätte nicht die weise Natur dafür gesorgt, daß diese so verschiedenartigen Geschöpfe noch durch andere als optische Zeichen sich ihre Nähe wechselseitig zu erkennen geben. Ems bildet eine einzige Gasse, und von den Häusern bis an das Wasser sind keine dreißig Schritte. Dem Badhause gegenüber liegt ein kurzer und schmaler Garten, und in diesem engen Raume bewegen sich täglich viele Stunden lang mehrere hundert Menschen. Man ist sich so nahe, man begegnet sich so oft, daß man alle Gesichtszüge und die tausend Kleiderverwandlungen aller Frauenzimmer auswendig lernt. Der Garten schließt den sogenannten Kursaal ein, der aber, zur Geselligkeit vergebens rufend, nichts einschließt als einige Spielfreunde und Sonntags das Koblenzer Volk, das in der Mittagshitze geldbeladen herüberkömmt, sich an die grünen Tische drängt und in der Abendkühle ganz leicht zurückfährt. Eine verkehrte Lebensordnung! Über die Lahn führt ein Schiffbrückchen, das man seinen Kleinen, als artiges Spielzeug, gern mit nach Hause bringen möchte. Jenseits sind zwei Spaziergänge, der eine anmutig, aber zu kurz, sich darauf satt zu gehen; der andere sehr reizend, herrliche Ruheplätze und Aussichten darbietend, der aber, weil er romantisch die Waldhöhe hinaufführt, wenig besucht wird. Man sieht sich dort so einsam wie nur auf dem Gotthard im Monat Januar. Weitere Ausflüge, die aber wenig Abwechslungen darbieten,erleichtern eine Herde gut zuberittener Esel, von einer Schar wohldisziplinierter Jungen geführt. Die Neulinge unter den Gästen, die weiblichen zumal, erkennt man leicht an ihrer Wonne und ihrem Erstaunen, daß sie ohne Furcht die oft unerbittlichen Tiere reiten. In Wagen kann man nur zu zwei Punkten gelangen, nach Koblenz, wohin eine herrliche großartige Kunststraße über einen hohen Berg führt, und nach Nassau, wo man die alte Stammburg und die anderen Besitzungen des Herrn vom Stein besucht. Nur zur letztern Lustfahrt reichen die Nachmittagsstunden hin; aber Braubach am Rhein, Lahnstein und das erwähnte Koblenz zu besuchen, dazu ist der ganze Tag erforderlich, den der Kurgast nur selten der eigentlichen Bestimmung seines Aufenthaltes entziehen darf.« Man kann Börne den ersten Berufs-Schriftsteller nennen. Kant, Lessing, Goethe, Schiller, Kleist, Marx und Heine wären, hätten sie nur vom Ertrag ihrer Feder leben wollen, glatt verhungert. Die unzähligen Artikel, Aufsätze, politischen Kritiken, veröffentlichten Briefe, Glossen, Satiren, Essays, Feuilletons, Buch- und Theaterrezensionen brachten Börne viel Geld ein. Sein Verleger, Johann Georg Friedrich Cotta, hat ihm nicht nur überaus großzügige Honorare bezahlt, sondern er wurde auch noch ständig angepumpt. Börne lebte immer über seine Verhältnisse, auch während seiner ohnehin schon teuren Kuren. Kaum ein Brief, in dem er nicht um etwas bittet, meistens um Geld und Tabak. Auf seinen Bruder schimpft er Mord und Brand, weil er ihm weder das eine noch das andere sendet. Jeanette schickt ihm einmal 100 Gulden mit der Behauptung, sie könne das Geld gut entbehren, was bei ihren sehr bescheidenen Verhältnissen sicher nicht zutraf. Was er auch wünscht, Bücher, Zeitschriften, Zeitungen, Gesundheitsschokolade, Kuchen und Brot (die Emser Backwaren mag er nicht) – Frau Wohl schickt ihm alles. Als er von ihr auch den dringend erbetenen ganzen Schinken erhält, schreibt er, nun habe er eine Keule, um damit am Brunnen und im Garten auf »die abscheuliche Rotte von Juden« loszugehen. Und dann betont er wieder: »Meine Armut ist so groß, daß ich Gefahr laufe, ein Dichter zu werden.« Als ihn seine Eltern in Ems besuchen, ist Geld ein wichtiges Thema. Der Vater, Jakob Baruch, wohlhabend und einflußreich, kennt sein Söhnchen: je mehr man ihm gibt, je mehr will er. Der Fürst Metternich ist Baruchs Jugendfreund. Er würde Ludwig gern in seine Dienste nehmen. Aber Börne ist nicht käuflich, für keinen Preis der Welt. Als Börne nach Ems kam, hatte sich seine Hochachtung für den Adel ins Gegenteil verkehrt, war eine eingeschränkte liberale Monarchie längst nicht mehr sein Ideal. Jetzt wollte er die Republik, die ohne eine blutige Revolution, so glaubte er, nicht zu haben war. Als der preußische Kronprinz, der nachmalige König Friedrich Wil- Am 22. Juli 1825 schreibt er: »Gestern abend hat das Adelspack im Gartensaale Pfänder gespielt. Ist das nicht unverschämt in Gegenwart von Fremden? Aber die sehen uns für Tische und Stühle an.« Und später: »Wie die Schnecken belästigen einen hier die Fürsten und Fürstinnen, man kann ihnen ja nicht ausweichen.« Am 8. Juli 1826: »Im Frankfurter Journal standen neulich Berichte aus Ems und ein Verzeichnis aller Fürsten und vornehmen Gäste und wo sie logieren. Darunter auch: ›Der bekannte geniale Schriftsteller, Hr. Dr. Börne‹, im ›Englischen Hof‹. Ich komme unmittelbar hinter der Gräfin Egloffstein, Stiftsdame.« – Einmal macht er auch ein Zugeständnis: »Die Großfürstin von Rußland ist hier. Ein schönes Frauenzimmer.« Doch dann wieder: »Außer diesem (Friedrich Rückert) und Börne ist sonst kein berühmter Mann hier. Lauter schofele Prinzen und Prinzessinnen und andere solche Canaille.« Kein Verständnis kann man für Börnes pathologischen Haß auf Goethe und Schiller haben, der in seinen Briefen und Schriften immer wieder aufglüht. Jeanette Wohl hat sich offenbar schon daran gewöhnt. Schiller nennt er »einen noch größeren Aristokraten als Goethe«. Die Luise in »Kabale und Liebe« sei nicht an der vergifteten Limonade, sondern an ihrer Dummheit gestorben. Tell nennt er, wie später auch Bismarck, einen Meuchelmörder. Goethe klagt er oft mit seinen eigenen Versen an, so wie hier aus dem Prometheus: Ich dich ehren? Wofür? Hast du die Schmerzen gelindert Je des Beladenen? Hast du die Tränen gestillet Je des Geängsteten? Börne logiert zunächst für 1 Gulden 48 Kreuzer täglich in dem großen Haus zu den »Vier Türmen«. Dort lernt er Carl Maria von Weber kennen und berichtet: »Er ist ein entsetzlich garstiger Mensch. Ich bin begierig, ob er seine Frau bei sich hat, meine ehemalige Schwägerin (die Brand). Es wundere sie nicht, daß er in Frankfurt kein Aufsehen gemacht habe. Dort hat noch nichts Aufsehen gemacht als der große Ochs, den man in voriger Messe gezeigt.« Er nennt die Mängel seines Quartiers und schreibt ungeniert an Jeanette: »... Zweitens kann man bei schlechtem Wetter nicht auf den Abtritt gehen. Man hat da Gegenwind, und der redlichste Staatsbürger kann nicht dazu kommen, seine Pflichten zu erfüllen.« Was Börne von der Witwe Thilenius, der Besitzerin der »Vier Türme«, behauptet, möchte der Autor mit einem Fragezeichen versehen. Es heißt in einem Brief: »Die alte Thilenius, die lange im Zuchthause gewesen, ist auch wieder zu Hause; es ist also wahrscheinlich, daß sie nicht gehängt worden ist. Die Tochter, sagt man, habe sich dem Herzog zu Füßen geworfen. Da sie aber schön ist, glaube ich eher, daß der Herzog sich ihr zu Füßen geworfen. Wenn ich mich losmachen kann, ziehe ich zu Becker.« Bevor Börne zu Becker in den »Englischen Hof« zieht, kommt es zu einem heftigen und langen Streit mit der Thilenius. Börne sagt, er habe mit so gewählten Worten wie der Marquis Posa zu Philipp II. gesprochen. Doch muß er schwer vom Leder gezogen haben, denn er fährt triumphierend fort: »Eine halbe Stunde zankten wir uns über den Abtritt, und ich, wie Sie wissen, stark hierin, sprach in blühenden Ausdrücken darüber. Eigentlich benutzte ich den Vorwand wegzukommen ... Die eine Tochter (nicht die hinkende, die Sie kennen) warf mir, als ich mich mit ihrer Mutter herumstritt, Basiliskenblicke zu.« Gemeint ist die geflügelte Schlange mit dem tödlichen Blick, wie sie in den Mythen erscheint. Börne hat das Schimpfen zu einer Kunst entwickelt, bei der die fein verdeckte Ironie der geschliffenen Entgegnung schlagartig mit dem Vokabularium der Gasse und Gosse wechselt, das er so virtuos beherrscht. Am 19. Juli 1825 heißt es in einem Brief: »Herr Heine, Bankier aus Hamburg, ist hier und hat Getz gebeten, ihn mit mir bekannt zu machen.« Es war Salomon Heine, der Onkel und Mäzen des Dichters, der in den übersandten Band seiner »Reisebilder« die Huldigung geschrieben hatte: »Dem Doktor Börne übersendet dieses Buch als Zeichen der Verehrung und innigsten Liebe der Verfasser«. Anläßlich seines Besuches in Frankfurt, 1827, schenkte Heine auch Jeanette Wohl ein Exemplar mit einer sehr artigen Widmung. Doch die Zuneigung verkehrt sich nach und nach ins Gegenteil. Am 1840, drei Jahre nach Börnes Tod, disqualifiziert Heine sich durch seine boshaft gehässige Schmähschrift »Heine über Börne«. Darin schreibt der Pamphletist über das Dreierverhältnis Börne – Jeanette – Strauß: »Soll ich die Wahrheit sagen, so sah ich in Börnes Haushalt eine Immoralität, die mich anwiderte.« Daraufhin forderte ihn Salomon Strauß zum Pistolenduell und verwundete ihn. Auf die Beleidigungen und Verdächtigungen angesprochen, gab der Dichter die durch und durch typische Heine-Antwort: »Aber ist’s nicht schön ausgedrückt?« Ludwig Börne konnte das nicht ahnen, sonst hätte er Heine nicht abschwächend und verniedlichend »das Lümpchen« genannt, sondern »der Lump«, und das mit knallharter Betonung. Heine war ohne Zweifel der bei weitem bedeutendere Künstler, aber der Moralist und Wahrheitsfanatiker Börne war, bei allen Widersprüchen, bei weitem der bedeutendere Charakter. Börnes Stil, das zeigen auch viele der Emser Briefe, erinnert in seiner durchsichtigen Klarheit und Schärfe an den unerbittlichen Kritiker Lessing. Hinzu kam sein militanter Witz. Er wollte »kein Zuckerbäcker, sondern ein Apotheker« sein. Manches von ihm ist Sprichwort geworden, wie z.B.: »Nichts ist dauernd als der Wechsel, nichts beständig als der Tod«. Er wußte um die Durchschlagskraft des einfachen Satzes. Er selbst nannte sich nicht gern Journalist, sondern lieber Zeitschriftsteller. Seit Börne wissen wir, daß der Journalismus mehr sein kann – nicht muß – als triviale Kleinform einer Alltags-Schriftstellerei, nämlich eine durchaus eigenständige, anspruchsvolle Art sprachlicher Gestaltung. 1986 hat die Stadt Frankfurt ihren großen Sohn zum 200. Geburtstag durch eine Ausstellung im Karmeliterkloster geehrt. In der Bockenheimer Anlage erinnert am Nebbienschen Gartenhaus eine Plakette an ihn. Friedrich Rückert, als Professor schlecht besoldet und bescheiden in seinen Ansprüchen, hat in Ems schon ein exklusives Publikum mit vielen Adelsprädikaten erlebt. Es war zwar noch nicht der Glanz des Weltbades, aber doch ein aufblühender Kurort. Dazu trugen auch die technisch verbesserten Badeeinrichtungen bei, die Rückert gewissenhaft nutzte. »Du bist ein Schatten am Tage Und in der Nacht ein Licht; Du lebst in meiner Klage Und stirbst im Herzen nicht.« Das sind die Verse aus den »Kindertotenliedern«, die aus der Tiefe der Trauer kamen, aus dem Schmerz über den Tod seiner beiden jüngsten Kinder. Diese erschütternde Lyrik hat Rückert nicht veröffentlicht. Man fand sie erst in seinem Nachlaß. Die Biographien der beiden Kurpatienten Friedrich Rückert und Emanuel Geibel zeigen erstaunliche Parallelen. Ihre Werke sind riesig, ausufernd und nicht mehr überschaubar. Es gibt von Rückert 10 000 (zehntausend) Gedichte. Beide wollten zuerst und vor allem Dramatiker sein und haben sehr darunter gelitten, daß ihren Stücken kein Erfolg beschieden war. Beide waren virtuose, ja geniale Übersetzer, Nach- und Umdichter. Übertragungen aus dem Persischen und Arabischen, die Poesie des Djelal od-Din Rumi, Hafis und Firdusi haben Rückert bis an sein Lebensende beschäftigt. Seine Versenkung in den Orient hat in dem sechsbändigen Werk »Die Weisheit der Brahmanen« in Alexandrinern ihren Ausdruck gefunden. Beide, Rückert wie Geibel, waren Patrioten, wenn auch unterschiedlicher Couleur, ersehnten ein geeintes Deutschland. Beide fürchteten die Kritik, weil sie wußten, daß ihr Werk von solcher Größe nicht von gleichbleibender Güte sein konnte. Rückert verteidigte sich: »Wie sollt’ ich nicht zum Trotz den Splitterrichtern Mich zählen zu den wahren Dichtern.« Am 19. Juni 1829 schreibt Rückert an seinen Verleger Friedrich Cotta, ein »heftiges Brustleiden« zwinge ihn zu einer Badekur. Er fährt mit seiner Frau nach Ems. Sie nehmen Wohnung in der Römerstraße in der Pension »Zur Wilhelmshöhe«, wo sie die einzigen Gäste sind. Die Kurliste vom 26. Juli bis 1. August registriert: »1614-1615 Hr. Rückert, Prof. nebst Frau Gem., aus Erlangen« Anfang August wechseln sie das Logis. Sie ziehen um ins »Kleeblatt« in der GrabenstraBe, wo außer ihnen nur noch der Kaufmann Hieronymi mit seiner Tochter aus Hildburghausen abgestiegen ist. Das genaue Abreisedatum läßt sich nicht ermitteln. Jedenfalls werden die Rückerts in der Liste vom 23. bis 26. August 1829 nicht mehr genannt. Eine unauffällige Erscheinung auf der Kurpromenade war er nicht, der Professor für orientalische Sprachen aus Erlangen, das er oft »das Lumpennest« nannte. In der Brunnenhalle wirkte der Hüne von Gestalt mit den breiten Schultern und dem langen, in Locken über den Kragen fallenden, schon leicht ergrauten Haar noch größer. Er kam stets altdeutsch gekleidet und selten ohne seine lange Pfeife. Die dunklen, glänzenden Augen unter der hohen Stirn hatten den »Feuerblick«, lagen aber zu tief. Dieser Riese überraschte durch seine sanfte Stimme. Seine Frau Luise, eine geborene Wiethaus-Fischer aus dem Gut Neuses bei Coburg, wirkte neben ihm zierlich. Das hier reproduzierte Temperabild zeigt sie als Braut mit einem sehr ebenmäßigen Gesicht, das stark von den leicht mißtrauisch blickenden Augen beherrscht wird. Das farbige Original gibt die frische Hautfarbe, die fränkische weiße Halskrause und das rote Samtmieder wieder. Luise wird als wißbegierig, anmutig und haushälterisch charakterisiert. Man stellt sie sich am besten in der Familienidylle des Biedermeier vor. Rückert besaß eine labile Gesundheit. 1818 war er fieberkrank (Malaria?) aus Neapel zurückgekehrt. Zu einem Unterleibs- und Augenleiden kam nun ein Bronchialkatarrh, wahrscheinlich mit Lungenbeteiligung. Sein Sohn Carl, selbst Arzt, hat 1866 bei seinem Vater als Todesursache »fistulöse Geschwüre in den Därmen« diagnostiziert. Die Kur in Bad Ems findet Rückerts uneingeschränktes Lob. Sie sei ihm »so wohl bekommen«, daß er sich nun »in einer anhaltenden politischen Stimmung befinde.« Eine Zeitlang war Rückert mit August von Platen und Ludwig Uhland befreundet, mit dem er sich aber später politisch entzweite. Er war kein geselliger Mensch. Um so erstaunlicher, daß er jetzt in Ems fast »gewaltsam« einen mehr oder weniger interessierten Kreis von Kurgästen zusammenbringt, um ihnen Brentanos »Märchen vom Schulmeister Klopfstock und seinen fünf Söhnen« vorzulesen. Mit Clemens Brentano aus Ehrenbreitstein, den er als das lyrische Genie der Romantik bewundert, hatte er eine unvergeßliche Rheinfahrt unternommen. Wahrscheinlich hat Rückert in Ems die evangelische Martinskirche besucht. Zugleich Freimaurer, war er ein gläubiger Christ, doch mit zunehmend pantheistischem Einschlag. In vielen seiner Gedichte kann man die Naturverbundenheit nachempfinden. Er fühlt sich als Franke, seiner im breiten Maintal gelegenen Heimatstadt Schweinfurt verhaftet. Es war schon über die Kuraufenthalte Ludwig Börnes berichtet und dabei seine Begegnung mit Friedrich Rückert erwähnt worden. Börne war 1829 zum fünften und letztenmal in Ems und wohnte »Im Rebenstock«, also auch in der Grabenstraße und in unmittelbarer Nachbarschaft. Äußerungen in Briefen an die Geliebte Jeanette Wohl in Frankfurt sind auch deshalb so interessant, weil die Erscheinung Rückerts durch den boshaften Kritiker Börne widersprüchlich subjektiv und vergröbert reflektiert wird. Es fehlt auch nicht an Übertreibungen und Verzerrungen. Die Bewunderung schlägt hier und dort in Neid um. Börne schreibt an Jeanette: »Rückert, der bekannte Orientalist und Dichter, ist hier. Der sieht ganz genau aus wie ein Schlossergesell (wie der Bruder der Speier ganz richtig bemerkte). Ich werde suchen, ihn kennenzulernen. Es ist aber merkwürdig mit den deutschen Gelehrten! Der Rückert dichtet die zartesten, rosenduftigsten morgenländischen Lieder und ist groß, schwarz, zottig, rußig und sieht eigentlich einem Schmied noch ähnlicher als einem Schlosser. Eine Frau, wahrscheinlich die seinige, ist bei ihm.« In einem anderen Brief, in dem auch wieder der Aristokratenhaß durchschlägt, heißt es: »Rückert ist ein sehr achtungswürdiger Dichter und in seinem Genre einzig – ich bin sein einziger Bekannter, der einzige, der ihn angeredet von allen Kurgästen. Ein französischer Dichter von Ruf in einem französischen Bade würde gleich am ersten Tage einen Hof von Männern und Frauen um sich haben. Da kömmt jedes Jahr ein Prinz von Dessau her, der unter den Badegästen den Ruf ausgezeichneter Dummheit hat, und jeder macht sich eine Ehre daraus, an seiner Seite zu gehen.« Und am Freitag, dem 7. August 1829: »Mit dem Rückert ist’s nicht viel. Er hat zwar oder macht wenigstens ein satirisches Gesicht, hinter dem vielleicht etwas steckt, aber ich konnte es noch nicht heraustreiben. Er kann mich, ich kann ihn nicht in Bewegung setzen. Das ist so schwer, so hart wie ein Einzkergaul. Sie fragten mich, ob er krank sei? Nun, was wär’s? Krank kann der gesundeste Mensch werden. Aber nein, das kränkelt, das hat’s an der Brust, im Unterleibe, das weiß nicht, was es will. Himmlischer Vater, und der (...) ist sechs Fuß hoch und sieht aus wie ein Zyklope. Brauch ich Knirps mich da zu schämen? Das kömmt vom verdammten deutschen Sitzen, nicht vom Sitzen des Hintern, sondern vom Sitzen und Eingesperrtsein des Geistes. O hätte ich 6 Fuß, dann wäre ich ein anderer Kerl.« Wie in einem weiteren Brief an Jeanette zu entnehmen ist, war die Begegnung wohl für beide enttäuschend: »Mit dem Rückert bin ich nicht weit gekommen. Ich fing einige Male mit ihm, er mit mir von Büchern, besonders Dichtwerken zu reden an. Aber was ihm die Hauptsache ist an poetischen Werken, die Form, das Metrum und worin er selbst als Dichter Meister ist, das interessiert mich nicht, weil ich nichts davon verstehe, oder ich verstehe nichts davon, weil es mich nicht interessiert, und so wird gleich beim Anfang unserer Unterhaltung ein Schlagbaum zwischen uns gesetzt, und das Gespräch stockt. Nie habe ich diesen Rückert eine Zeitung in die Hand nehmen sehen, deren mehrere im Kaffeehause, wo wir uns jeden Nachmittag treffen, auf den Tischen liegen. An diesem Dichter und Gelehrten erkenne ich, wie gerecht mein Eifer im 6ten Zinstaler war. Er sieht aus wie ein Schwein. Um einen schmutzigen Halskragen hat er ein schwarzseidenes Tuch geknüpft, so dünn wie ein Galgenstrick, so daß der schwarze haarige Hals nackt erscheint. Meine goldene Uhrkette betrachtet er oft mit Aufmerksamkeit. Der arme Schelm hat nur eine silberne Uhr mit einem messingnen Uhrschlüssel an einer schmutzigen roten Schnur. Freilich muß man bedenken, daß ein Professor, der nur Dichter ist, wenige Zuhörer hat auf seiner Universität und daß ihm das Honorar für seine Vorlesungen wenig einbringt. Mit 800, höchstens 1200 fl (= Gulden) seines fixen Gehaltes muß er seine Familie ernähren. Aber ist das nicht traurig? Die französischen Dichter von Ruf sind alle wohlhabend. Ihre Schriften werden gut honoriert, und die Regierung gibt ihnen Gehalte, ohne sie dafür zur Fronarbeit der Jugendlehre zu verwenden. Nein, es ist nicht zum Aushalten, ich gehe nach Frankreich. Mieten Sie mir noch kein Logis in der Stadt.« Es ist schon erstaunlich, wie sich der alles andere als reinliche Ludwig Börne, der sich gegenüber Jeanette selbst ein Schwein nennt, über Rückerts – angeblichen! – schmutzigen Kragen mokiert. Im Grunde besaß Börne nicht nur für das Metrum kein Verständnis, was er ja bekennt, sondern auch nur wenig für die Lyrik. Was kaum lernbar ist, der Sinn für Vers und Rhythmus, für den Klang und die Gestalt einer Sprachmelodie, das ging ihm völlig ab. Und gerade das Musikalische in Rückert’s Poesie war es, das Komponisten so unmittelbar angeregt hat. Es gibt Vertonungen von Loewe, Beethoven, Schubert, Schumann, Brahms, Liszt, Mendelssohn, Pfitzner und Mahler. Rückerts weiteres Leben verlief gradlinig, ohne große Höhen. Empfohlen durch Alexander von Humboldt und berufen von Friedrich Wilhelm IV., ging er 1841 nach Berlin. Während seiner Vorlesungen über den indischen Klassiker Kalidasa saß zu seinen Füßen ein Hörer, der verehrend zu ihm aufblickte. Niemand hätte in dem jungen Herrn mit den guten Manieren einen künftigen Welterschütterer vermutet. Er hieß Friedrich Engels. Schon 1848, im Jahr der Revolution, zog er sich mit einer Pension von 1500 Talern für immer auf sein Gut Neuses zurück. Nachdem 1857 Luise an der Auszehrung gestorben war, wie man die Lungentuberkulose damals nannte, wurde es still um ihn. Das Ölbild von Karl Hohnbaum D.J. ist kurz vor seinem Tode entstanden. Das Antlitz ist gezeichnet von Altersweisheit und dem entsagenden Bewußtsein des baldigen Endes. Wenn leise eines seiner Lieder ertönen soll, dann dieses: »Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit klingt ein Lied mir immerdar; O wie liegt so weit, o wie liegt so weit, Was einst war!« Es gibt nicht nur Elegien, es gibt auch seine Spruchweisheiten. Für ihn selbst galt: »Der Adler fliegt allein, der Rabe scharenweise. Gesellschaft braucht der Tor und Einsamkeit der Weise.« Immer aktuell und hinter den Spiegel zu stecken ist: »Das sind die Weisen, Die durch den Irrtum zur Wahrheit reisen. Die bei dem Irrtum verharren, Das sind die Narren.« Franz von Dingelstedts »Eselfritze« ist nicht seine einzige Badenovelle. Die anderen spielen in Ischl, Karlsbad, Kreuth, Baden-Baden und auf Helgoland. In allen ist das Lokalkalorit genau getroffen. 1877 erschien in Berlin in 12 Bänden die erste Gesamtausgabe von Dingelstedts Werken. Was damals aktuell war, aufhorchen ließ und seinen Ruf als politischen Lyriker begründete, hat die Geschichte längst hinter sich gelassen. Aber Dingelstedt war ein Talent von erstaunlicher Vielseitigkeit, dem auch Heinrich Heine seinen Respekt nicht versagen konnte. Nachdem Dingelstedt den Dichter in Paris in seiner »Matratzengruft« besucht hatte, forderte er ihn in einem Gedicht mit heinischer Ironie zur Rückkehr nach Deutschland auf. Die Anfangsverse lauten: An der Grenze empfängt den verlorenen Sohn, Weißgewaschen, Blumen streuend, Eine deutsche Matronendeputation, Das Auge des Kenners erfreuend. »Was seine Muse ihm eingab, das sang er beifallheischend in die Welt hinaus.« Karl von Stockmayer über Dingelstedt in den »Schwäbischen Lebensbildern« Zu den prominenten Kurgästen in Bad Ems gehört auch Dingelstedt. In Rinteln, wo er aufgewachsen ist, trägt das Museum seinen Namen. In Hannover ist im Stadtteil Buchholz eine Straße nach ihm benannt. Die Archive in Marburg, München, Stuttgart, Wien und das Schiller-Nationalmuseum in Marbach verwahren seinen Nachlaß. Zu seiner Zeit galt er als der größte deutsche Regisseur. 1876 wurde er in den erblichen Freiherrenstand erhoben, und bis zu seinem Tode am 15. Mai 1881 leitete er in Wien als Generalmusikdirektor die beiden Hoftheater. Die dankbaren Wiener haben im Vestibül des neuen Hoftheaters sein lebensgroßes Standbild aufgestellt, neben dem von Joseph Schreyvogel und Heinrich Laube. 1814 in Halsdorf in Kurhessen geboren, hat man ihn wegen seiner politischen Satiren, die ihn in große Schwierigkeiten brachten, nachträglich den »Tucholsky Hessens« genannt. Dingelstedt hat sich allerdings immer mit Nachdruck als Niedersachse betrachtet, weshalb er für die Bayern ein »Zugereister« und für die Schwaben ein »Hereingeschmeckter« blieb. Was ihn häufig nach Ems in die Kur führte, war keine besondere Krankheit, sondern eine starke Schwächung, besonders der Nerven, verursacht durch maßlose Arbeit. Dingelstedt hat sich ständig übernommen, weil er immer alles gleichzeitig bewältigen wollte. Seinen eigentlichen Beruf, den des evangelischen Pfarrers, hat er nie ausgeübt. Er war Lehrer, bis seine politischen Aktivitäten zur Entlassung aus dem Amt führten. War er in Ems eine Zeit von der Last des Bühnenleiters befreit, so konnte er, der Lyriker, Dramatiker, Schriftsteller, Journalist, die Feder nicht ruhen lassen. Sein »Weserlied« mit dem Anfang »Ich kenne einen deutschen Strom, der ist mir wert und lieb vor allen« wird in Niedersachsen hin und wieder noch gesungen. Mag sein, daß sich der eine oder andere noch an das politische Spottgedicht »Ein Stücklein vom deutschen Michel« erinnern kann, vielleich an die erste Strophe: Herr Michel und der Vogel Strauß Sind liebliche Geschwister: Aus diesem guckt’s Kamel heraus, Aus jenem der Philister. Aber wenn ein Autor erst einmal aus den Lesebüchern verschwunden ist, dann wird es still um ihn. Wenn auch keine Begegnungen in Ems stattfanden, so ist Dingelstedt doch zu einigen anderen Kurgästen in nähere Beziehungen eingetreten. Das gilt besonders für Ludwig Börne, das große Journalistenvorbild. Ihm hat Dingelstedt vor allem in seinem Gedicht »Zu Goethes neunundneunzigstem Geburtstag« gehuldigt. Darin läßt er in einer wundersamen Vision von halluzinatorischer Deutlichkeit Börne an der Seite Goethes in der Frankfurter Paulskirche erscheinen, wo der Genius Deutschlands fragt: »Derselben Mutter Söhne Wollt ihr nicht Brüder seyn?« Richard Wagner hat, lange bevor er nach Ems kam, mit Dingelstedt in ständigem Briefwechsel gestanden, wobei es um so wichtige Dinge wie die erste Tannhäuser-Aufführung in München ging. Der Nobelpreisträger Paul Heyse schrieb während des Emser Kuraufenthaltes seinen »Blinden von Dausenau«, Dingelstedt seinen »Eselfritzen von Dausenau«, beides romantisch-sentimentale Novellen, aber mit tragischem Ausgang. Dingelstedt wurde zu seiner 1839 erschienenen Erzählung durch das damals auch in Ems beliebte Eselreiten angeregt. Er schreibt: »Du stehst morgens andächtig in der Halle. Dein drittes Glas Kesselbrunnen seufzend in der Hand, da tönt draußen eine Trompete, und Alles stürzt hinaus, um die Esel-Cavalcade anzusehen: – voran der sogenannte Esel-Major, der Stallmeister des reichhaltigen Marstalls, der öffentlichste Charakter in Ems, hoch zu Roß, in knopfreicher Husarenjacke, Einer der Eseljungen ist der Held der Novelle, der Eselfritze von Dausenau, von dem es heißt: »Nicht nur, daß seine Blouse reinlicher als die meisten anderen, und daß sein Haar ordentlich zierlich gelockt unter dem rothen viereckigen Käpplein hervorquoll, nein! auch sein Auge, sein Gang, seine Haltung paßten nicht in den Eselstall.« Auf der blauen Bluse trägt Fritz an einem roten Band ein Messingschild mit der Nummer 85. Von entscheidender Bedeutung für die Handlung ist ein auf dem Weg von Ems nach Braubach verlorengegangener Damenhandschuh, in dem zwei wertvolle Ringe stecken. Eselfritze findet ihn und weiß sofort, wem er gehört. Es ist die Comtesse, der Fritz seit vielen Tagen heimlich verfallen ist, deren märchenhafte Schönheit ihn in den Bann geschlagen hat. Das ist der berühmte »coup de foudre«, die Liebe auf den ersten Blick, glühend, heftig, aber unrealistisch, hoffnungslos. Der Eselfritze mit seinem kostbaren Fund läßt sich von niemandem zurückhalten, er will den Lederhandschuh mit dem funkelnden Diamanten und dem Goldreif selbst übergeben. Das geschieht auch tatsächlich vor dem Haus zu den »Vier Türmen«. Die Comtesse, deren Namen wir nicht erfahren, ist glücklich und sagt, der Eselfritze möge sie im Hotel »Vier Jahreszeiten« aufsuchen, um die Belohnung abzuholen. Als ihr der Junge dann in ihrem Zimmer gegenübersteht, stammelnd und mit hochrotem Kopf, erwacht doch ihre Neugier. Nach seiner Herkunft gefragt, erzählt Fritz stockend, nach Worten und Atem ringend, seinen Vater kenne er nicht, seine Mutter sei in Dausenau gestorben und habe gerade soviel Geld hinterlassen, um einen Esel kaufen zu können. Und der Junge fährt mühsam fort: »Früher ging’s mir besser. Meine Mutter bekam alle Jahre Geld, von weither geschickt, da lernte ich lesen, schreiben und rechnen und hatte immer ordentliche Schuhe an. Auf einmal blieb das Geld aus, ein, zwei, drei Jahre lang, und legte sich meine arme Mutter hin und starb.« Das Goldstück brannte ihm in der Hand, er war immerhin achtzehn Jahre alt. Damit hätte eigentlich alles vorbei sein müssen, aber die Comtesse reitet nun fast jeden Tag auf »Mohr«, und Fritz führt die Zügel seines schwarzen Esels. Was jedoch in tiefster Seele schmerzt und quält, ist der Anblick des Begleiters, eines schon ältlichen Mannes mit bereits welker Haut. Es ist der Verlobte der Comtesse, ein Baron, dessen Leidenschaft die Spielbank ist. Durch ihn erfahren wir wenigstens den Vornamen der Braut: Pauline. Eines Morgens – der Wind bläst schon die Herbstblätter durch den Kurpark – steht der Eselfritze vor dem fertig gepackten Reisewagen, und auf die überflüssige Frage, ob es denn wirklich fortgehe, antwortet die Kammerjungfer Jenny: »Jawohl geht’s fort, und wenn die gnädige Comtesse nicht noch auf den Herrn Baron wartete, um ihm Adieu zu sagen, wären wir schon über alle Berge.« Und die alte Mamsell, auf dem Wagen unter ihrem Regenschirm sitzend, fügt hinzu: »Wollte Gott, wir hätten das langweilige Nest schon eine Meile hinter uns! O Gott, wie freue ich mich auf mein Hinterpommern.« Der Baron sitzt schon wieder beim Trente et Quarante. Der Eselfritze glaubt, der Comtesse einen letzten Dienst zu erweisen. Er läuft zum Spielkasino und holt den Baron. Die Comtesse ist empört, tadelt laut das Verhalten des Verlobten und fährt den Eselfritze heftig an: »Also Du nimmst Dir heraus, ungeheißen Botengänge zu thun? Sieh nun zu, wer Dir Deine Mühe lohnt!« Fritz ist der Angebeteten so verfallen, daß es ihn gegen alle Vernunft unwiderstehlich zu ihr zieht. Mitten im Winter bricht er von Dausenau aus mit Mohr auf, stets die Frage auf den Lippen: »Wo geht der Weg nach Hinterpommern?« So erreicht er tatsächlich in der Nähe von Stettin das Landgut der Comtesse. Hier erfährt er, daß die Comtesse den Baron geheiratet hat, aber todunglücklich ist. Kein Tag ohne Zank und Streit. Die Kammerjungfer, erzählt der Stallknecht, habe eines Abends den Kammerdiener des Barons angeschrien: »Dein Herr soll sich auch was schämen mit seiner Perücke und seinem kurzen Athem. Was kann denn eine junge Frau da für groß’ Plaisir haben?« – »Worauf ihr der Kammerdiener eine Schale mit Zwetschenmuß in die französischen Haar-Zöpfe schmiß.« Jenny erreicht, daß der Eselfritze die Baronin besuchen darf. Beglückt und verwirrt steht er vor ihr, berichtet über seine lange Reise und macht dann eine unvorsichtige Bemerkung über das Gerede der Dienerschaft, das ihn, wie er sagt, »sticht und brennt wie höllisches Feuer.« Später wirft ihm Jenny vor: »Die Baronin hielt sich als letzten Trost noch daran, daß sie wenigstens in den Augen der Welt als glücklich gelte und eine gute Partie gemacht habe, wie alle Leute im Lande sagten. Nun Du ihr den Rückhalt genommen hast, nun das arme Weib weiß, daß sie von ihren Bedienten und Bauern sich muß bedauern lassen, nun ist sie ja – daß Gott erbarm! vollends unglücklich und verloren. Hättest Du nur Deine unzeitige Dienstfertigkeit damals am Tage unserer Abreise von Bad Ems unterwegs gelassen.« Schuldig zu sein am Unglück der über alles Geliebten, ist für Fritz unerträglich. Er springt auf, holt Mohr und bricht in der beginnenden Nacht ziellos auf. Ein Fischer findet den an einen Baum gebundenen, vor Kälte zitternden Esel und sieht auf dem trügerischen Eis des Sees eine rote Mütze. Man findet den ertrunkenen Eselfritzen und bringt ihn ins Herrenhaus. Die Baronin beugt sich über die Leiche, küßt das Messingschild mit der Nummer 85 und sagt: »Es ist ein schönes Herz unter diesem Blech gebrochen!« Selbstmord? Diese Lösung war wohl dem Theologen Franz von Dingelstedt zu unchristlich. Deshalb gibt er der Novelle diesen Schluß: »Wenn dem Esel zu wohl ist – oder zu weh, wie Ihr wollt, – dann geht er auf’s Eis und bricht sich ein Bein!« Daß es hier nicht der Esel war, sondern Eselfritze, der ein Bein brach, hindert im Ganzen wenig. Das Sprichwort bleibt darum nicht minder wahr. Diese Wendung überrascht. Überzeugend ist sie leider nicht! Mit Gogol beginnt die Reihe der großen russischen Erzähler, die über Turgenjew, Dostojewski, Tolstoi bis zu Pasternak und Solchenyzin führt. Ob Schiwago, Karamasow oder Akahij – sie verkörpern alle dasselbe: Rußland und seine Seele. Man hat Gogol den »Vater der russischen Prosa« genannt. Wenn Dostojewski von seinem Quartier im »Hotel d’Alger« oder.«Luzern« über die Lahn blickte, war er sich der Nachfolge wohl bewußt. »Durch mein bitteres Wort werde ich lachen.« (Jer. XX, 8, Septuaginta) Inschrift auf dem Grabstein Gogols in Moskau Im Dezember 1981 erhielt die Leiterin des Emser Stadtarchivs, Frau Elfriede Halex, ein Schreiben aus Minsk in der damaligen UdSSR. Darin fragt W. L. Viedert an, ob es bei der Lesung des »Revisor« durch seinen Urgroßvater A. Viedert in Bad Ems im Juli 1854 zu Zwischenfällen gekommen sei. Der Urenkel erwähnt die Verbote dieser Dichterlesungen an anderen Orten, denkt dabei aber wohl vor allem an russische Verhältnisse. Verglichen mit der Zarendespotie nahm sich das Herzogtum Nassau, das immerhin schon 1814 als erster deutscher Bundesstaat eine Verfassung hatte, geradezu liberal aus. »Der Revisor« war, wie die hier nachgedruckte Ankündigung aus der Kurliste beweist, in Ems nicht verboten. Auch Zwischenfälle hat es nicht gegeben. Nach der Uraufführung der zunächst verbotenen Komödie »Der Revisor« 1836 in Petersburg sagte Zar Nikolaus I.: »Na, das ist ein Stückchen! Alle haben etwas abbekommen und ich – am meisten!« Der Erfolg war ungeheuer. Das Lachen bei den Pointen steigerte sich bis zur Hysterie. Aber viele, besonders Angehörige des Hochadels, waren empört und übten schärfste Kritik. Nikolai Wassiljewitsch Gogol genoß zwar seinen Triumph, aber mehr noch erfüllten ihn Unbehagen und Angst. Er verließ fluchtartig Rußland, um nun jahrelang vor allem in Deutschland, Italien und Frankreich hin und her zu reisen. Selten fühlte er sich gesund. Von Baden-Baden, Gastein und Marienbad war er enttäuscht, später auch von Bad Homburg, Karlsbad und Gräfenberg mit der Kaltwasserbehandlung nach Prießnitz. Also nach Bad Ems. In der Kurliste vom 11. Juni 1843 finden wir die Eintragung: In der Grünen Laube 626 Hr. Gogol, Part. a. Moskau Part. ist die Abkürzung für Particulier und soll hier Privatmann bedeuten. Die »Grüne Laube« war ein kleineres, bescheidenes Haus, das nur wenige Gäste beherbergte. Es lag in der Mainzer Straße und hat auf dem Plan von Bad Ems, den Ludwig Spengler seinem Buch »Der Kurgast in Ems« (1853) beigegeben hat, die Nummer 129. Anfang Juli muß Gogol abgereist sein, denn in der Kurliste vom 5. Juli wird er nicht mehr genannt. Gogol kann mit der Kur in Ems nicht unzufrieden gewesen sein, sonst wäre er 1847 nicht wiedergekommen. Anwesend war er nach Ausweis der Kurlisten von Mitte Juli bis spätestens zum 3. August, nicht .schon im Juni, wie auf der am Haus »Panorama« angebrachten Gedenktafel zu lesen ist. Er wohnte also wieder in der Mainzer Straße, aber diesmal unvergleichlich anspruchsvoller. Das feudale Haus, 1840 fertiggestellt und noch im Besitz des Erbauers Christian Keuchen, hatte viele prominente Gäste. Wie Gogol sich ein so teures Hotel leisten konnte, ist unerklärlich. Geldsorgen und Schulden waren bei dem Dichter ein Dauerzustand. Die Fähigkeit, immer wieder seine Freunde anzupumpen, erneut Schulden zu machen, muß man schon genial nennen. Besonders erstaunlich ist, daß sich sogar Nikolaus I. und der Zarewitsch, der spätere Zar Alexander II., – auch sie beide Gäste in Ems – bewegen ließen, dem Dichter größere Summen zu geben. Doch bei Gogols Mißverhältnis zum Geld will auch das nicht viel heißen. Bei seiner Vorliebe für Italien, vor allem für Rom, mußte das »Panorama«, im Stil der italienischen Neorenaissance mit dem typischen horizontalen Dachabschluß erbaut, auf Gogol sehr anziehend wirken. Die Fassade mit der Fülle formaler Elemente und den Balustraden wird dem Dichter wohl das Gefühl gegeben haben, in einem Palazzo zu wohnen. Gogol in Ems – das war nicht mehr der Mann mit den großen Konzeptionen einer »Comédie humaine« im Sinne Balzacs, war nicht mehr der große Romanautor mit der Gestaltenfülle, den ein anderer Kurgast, nämlich Dostojewski, so bewundert und den Thomas Mann einen seiner Lehrmeister genannt hat. Der Wendepunkt, der Bruch im Leben Gogols erfolgte 1840 in Wien. Mit der Novelle »Der Mantel« war ihm, wenn auch mit äußerster Anstrengung, ein letzter großer Wurf gelungen. Eine schwere Nervenkrise mit Visionen und Gesichten wandelte den Dichter zum Mystiker, zum religiösen Fanatiker und erzeugte in ihm den wahnhaften Zwang, er müsse hinfort ein Prophetenamt ausüben. Und die Kunst, so glaubte er nun, habe nur die Dienerin der Religion zu sein, sonst nichts. Häufige starke Erkältungen und sehr schmerzhafte Hämorrhoiden ließen sich konkret diagnostizieren. Dagegen waren Trink- und Badekuren in Ems heilsam oder doch mildernd. Die anderen Beschwerden, die Magenschmerzen (bei gutem Appetit!), das Kältegefühl in den Gliedmaßen, die Atemnot, die Ohnmachten und genau wie bei Dostojewski – das depressive Reagieren auf schlechtes Wetter, das alles läßt auf einen paranoiden Neurotiker schließen. Gogol wußte sehr wohl um das Krampfhafte, Unkünstlerische, wenn er immer wieder versuchte, durch szenische Neubearbeitungen sogar seine Komödie »Der Revisor« ins Religiöse abzudrängen. Ähnliches gilt für die verzweifelte Arbeit am zweiten Teil des großen Romanwerkes »Die toten Seelen«. 1847 wirkte der Dichter in Ems oft apathisch und umdüstert. Wie seine Freunde berichten, hatte Gogol in früheren Jahren einen ausgesprochenen Hang zu Eleganz und Luxus. Er spielte bewußt den Dandy, trug mit Vorliebe einen grünen Frack mit langen Schößen und Perlmuttknöpfen, braune Hosen und einen hohen Zylinder. Wer ihm nun auf der Kurpromenade begegnete, sah einen mittelgroßen Mann von sehr schlanker, schon dürrer Gestalt in einem einfachen dunklen Gehrock. Die Krawatte war unordentlich gebunden. Gogol machte überhaupt einen etwas nachlässigen Eindruck. Wurde man vom Blick seiner braunen Augen getroffen, ahnte man etwas von dem scharfen Beobachter. Auffallend war die lange, schnabelartige Nase, über die schon 1836 die Schauspieler in Petersburg gespottet hatten. Beim Sprechen sah man die schlechten Zähne. Schön wirkte dagegen das lange Blondhaar. Iwan Turgenjew will beim Anblick Gogols gedacht haben: »Was bist Du für ein kluges, seltsames und krankes Geschöpf!« Sieht man sich in der Weltliteratur um, so findet man nur sehr wenige, die ein so inniges, unmittelbares Verhältnis zur Landschaft haben wie Gogol. Er besaß für Landschaften ein ganz außergewöhnliches Eindrucksgedächtnis. Wollte er sie schildern, standen sie ihm bis in die Einzelheiten der Formen, des Lichtes, der Farben und mit dem ganzen Stimmungsgehalt vor Augen. Wie er in den »Toten Seelen« die Ukraine mit ihrem weiten Wolkenhimmel dargestellt hat, ist unübertrefflich. Was hat er über Bad Ems, das Tal, die Lahn, die Waldberge geschrieben? Wir wissen es nicht, weil er kurz vor seinem Tod, im Februar 1852, im Endstadium seines Wahns alle Aufzeichnungen verbrannt hat, auch das Manuskript des zweiten Teils der »Toten Seelen«. Gogol war stark von der deutschen Romantik beeinflußt, und die ihr gemäße Landschaft ist nun einmal das Mittelgebirge mit seinen Tälern. 1836 fuhr Gogol mit dem Dampfschiff von Düsseldorf rheinaufwärts bis Mainz. Im August und September 1841 war er zur Kur in Bad Schwalbach. Häufig fuhr er nach Frankfurt und lebte eine Zeit in Hanau. Das Bild der gewellten Hochfläche des Taunus’ mit den vielfach abgestuften Grün- und Blautönen und dem Irisschleier der Tiefenferne war ihm also sehr vertraut. Wir wissen nicht, ob A. von Viederts Vorlesung des Lustspiels »Der Revisor« im blauen Saal des Kurgebäudes ein Erfolg war. Sicher waren unter den Zuhörern viele Russen, in der Mehrzahl wohl Aristokraten und Gutsbesitzer. Sie werden nicht gerade Lachkrämpfe bekommen haben, denn alles, was gegen die Leibeigenschaft gerichtet war, zielte auf ihre persönliche Existenz. Auch sonst mag ihnen das Stück revolutionär erschienen sein. Gogol, der die Idee zum »Revisor« von Alexander Puschkin übernommen hatte, lag jede politische Absicht fern. Er hatte die Verhältnisse ganz realistisch dargestellt und nie einsehen wollen, daß gerade deshalb die Komödie so gefährlich war. Gewiß, er wollte die korrupte Gesellschaft durch beißenden Spott, groteske Mißverständnisse und das Widerspiel der Ironie demaskieren, aber nicht verändern. Er war nämlich im Grunde stockkonservativ. Ob ihn während seiner Kur in Ems auch einmal ein Spaziergang nach Frücht geführt und er dort an der Gruft des großen Reformers und Bauernbefreiers vom Stein gestanden hat, ist nicht bekannt. 1926 sah der bedeutende Schriftsteller Walter Benjamin eine Inszenierung des »Revisor« in Moskau. Das Stück fiel durch, weil es der Partei zu unproletarisch war. Autorenschicksal! Gogol wird in Deutschland auch heute noch viel gelesen. Es ist daher sehr zu bedauern, daß, wie der kompetente Slawist V. Setschkareff feststellt, alle Übersetzungen ins Deutsche schlecht sind und von Fehlern nur so strotzen. Emanuel Geibel war ein militanter Patriot, Royalist, Hypochonder und Pessimist. Er wäre glücklich gewesen, wenn er erlebt hätte, daß einige seiner Gedichte in das Volksbewußtsein eingegangen sind und gesungen werden. Er schildert das Atmosphärische der Emser Landschaft, denkt aber dabei an Griechenland, dem er sich ebenso verschrieben hat wie Wilhelm von Humboldt. »Was ich vom Kunstwerk will? Daß es schön und sich selber genug sei. In dem einen Gesetz wohnen die übrigen all.« E. Geibel »Der Mai ist gekommen« – »Wer recht in Freuden wandern will« – »Und dreut der Winter noch so sehr«: Wenn diese Verse, die tief in das Volksbewußtsein eingegangen sind, nicht mehr gesprochen, nicht mehr gesungen werden, ist die deutsche Sprache tot. Vergessen sollten wir dagegen Geibels Zweizeiler: »Und es mag am deutschen Wesen Einmal noch die Welt genesen« den Wilhelm II. in seiner Hybris so oft und noch dazu falsch zitiert hat (Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!). Als Dramatiker war Geibel zu seinem großen Kummer wenig erfolgreich, doch seine Lyrik, von der er meinte, sie könne kein Leben ausfüllen, hat Komponisten immer wieder angeregt. Es gibt sage und schreibe 3600 Vertonungen, darunter auch die Oper »Loreley« von Max Bruch. Unübertroffen ist Geibel bis heute als einfühlsamer Übersetzer und Nachdichter antiker und romanischer Poesie aus sechs Sprachen. Sein Vorbild war nicht Goethe, sondern ein anderer Besucher in Ems, August Graf von Platen-Hallermünde, dessen klassische Formvollendung er so bewundert hat, ohne den kühlen Hauch der glatten Mamorschönheit zu spüren. In der Kurliste vom 3. Juni 1852 findet man die Eintragung: »332 Hr. Geibel, Dr. u. Prof. a. Lübeck«. In der Liste vom 6. Juli wird er nicht mehr genannt. Gewohnt hat er in der Römerstraße im »Braunschweiger Hof«. Den Kurlisten dieser Wochen sind mancherlei Anzeigen angefügt, die entweder erheitern oder nachdenklich stimmen. In der Ausgabe vom »Professor Robinson ist mit seinen neuerfundenen Hörmaschinen hier in Ems angekommen, von der Wirkung kann man sich sogleich überzeugen. Er ist auch rühmlichst bekannt mit seiner Methode das Stammeln und Stottern ohne Anwendung medizinischer oder chirurgischer Mittel in kurzer Zeit zu beheben.« Der Hospitalverwalter Loos gibt bekannt: »Bei dem Unterzeichneten sind folgende Gegenstände zu haben, als Bruchbänder, Fontanellenhalter, alle Sorten Spritzen, Klisopompes (=Klystierpumpen mit Schlauch und Ansatzstück) etc.« Frauen oder Mädchen inserieren: »Ein Frauenzimmer, welches in allen häuslichen Arbeiten erfahren und schon mehrere Jahre gedient hat, sucht eine Stelle.« Die Düsseldorfer und Niederländischen Dampfschifffahrtsgesellschaften bieten Fahrten bis London an. Man muß ungute Erfahrungen vermuten, wenn man liest: »Mit Genehmigung Herzogl. Polizei-Commissariats dahier sind die Taxen für Wäsche und Droschkenfahrten im Druck erschienen und in der Expedition der Kurliste zu den drei Schweizern zu haben.« Das läßt an Dostojewski denken, der sich in Ems von Beutelschneidern und Wucherern umlauert glaubte und »Preise, Preise!« stöhnte. Angekündigt wird: »Große Kunstproduktion in der neuen Egyptischen Magie ohne Apparate und ohne Mithülfe, veranstaltet durch den Eskamoteur L. Neuwald Zum Schluß des Kriegers Schlachtbeute und das Andenken im Serail« Andere Kuren gingen voraus, 1834 in Bad Pyrmont, 1850 und 1851 in Karlsbad. 1847 soll Geibel einen »ersten Anfall« erlitten haben, der aber nie genau diagnostiziert wurde. In Ems bemühte sich der Dichter, die Trink- und Badeverordnungen gewissenhaft zu befolgen. Er muß aber doch mit dem Kurerfolg nicht sehr zufrieden gewesen sein, denn ein Jahr später, 1853, fuhr er wieder nach Karlsbad. Was hat ihm denn nun eigentlich gefehlt? Dazu hat sein Freund, Dr. von Friedberg, der spätere Finanzminister, mit dem er in Ems zusammen war, einige wohl treffende und auch sonst interessante Ausführungen gemacht und dem Geibel-Biographen Karl Theodor Gaedertz mitgeteilt: »Wir tranken beide den Brunnen. Er glaubte sich damals ernsthaft krank, war sehr Hypochonder, und wir waren die Saison hindurch täglich viele Stunden zusammen. Seine Hypochondrie zeigte sich auch darin, daß er ungern zur table d’hôte ging, und ich richtete es deshalb so ein, daß wir beide auf meinem Zimmer allein unser Mittagbrod einnahmen. Die Hypochondrie ließ ihn Welt und Menschen, vor allem aber auch seine dichterische Begabung und seine Erfolge als Dichter mit trüben Augen sehen. Redwitz war gerade an der Tagesordnung, und so erinnere ich mich, daß, als wir einmal auf der Promenade jungen Damen mit den damals wohl noch selteneren, rot eingebundenen Büchelchen Redwitzscher Poesien in Händen begegneten, er halb spöttisch, halb bitter mich apostrophierte: »Da können Sie sehen, was auf Dichterruhm zu geben! Diese Backfische oder Gouvernanten, die hier mit Redwitz auf der Promenade einherlaufen, sind auch mein Publikum. Auf deren Urteil und Gunst ist man angewiesen.« Wenn Geibel nicht am gemeinsamen Gästetisch speisen wollte, dann auch wegen seiner Abneigung gegen Förmlichkeit und Etikette. Aus Griechenland, für das er ebenso wie für Italien sein Leben lang geschwärmt hat, schrieb er an seinen Freund Carl Litzmann: »Griechenland ist ganz das Land für einen Poeten. Hier gibt es keine Philister, die einem nachzählen, wieviel Gläser man des Abends trinkt, keine langweiligen Frackvisiten, keine ewig zu nehmenden Vor- und Rücksichten.« Von seinem Hotelzimmer blickt Emanuel Geibel auf die durch Malberg und Wintersberg aufgelöste Talkante. Besser als den Lahn - kennt er den Rheintaunus. Die Erinnerung ist sehr deutlich. Den Sommer 1843 hat er zusammen mit Ferdinand Freiligrath in St. Goar verbracht. In Oberwesel, im »Goldenen Pfropfen«, wo Hoffmann von Fallersleben zum erstenmal das Deutschlandlied vorgesungen hat, haben sie vielen Flaschen den Hals gebrochen und in weinseliger Romantik geschwelgt. Freiligrath war als Dichter schon ungeheuer populär. Aber Geibel sah mit Sorge, daß der Freund zwar der glühende deutsche Patriot blieb, doch politisch immer radikaler wurde, sich zum Jakobiner, zum Revolutionär entwickelte und 1849 mit seinem Duzfreund Karl Marx die Redaktion der »Neuen Rheinischen Zeitung« übernahm. Ferdinand Freiligrath bestreitet, selbst ein Kommunist zu sein, prophezeit jedoch: »Der Kommunismus wird eine Zukunft haben!« Als Geibel nach Bad Ems kam, war er fast 37 Jahre alt. Ebenso wie sein Freund Theodor Storm hatte er in Lübeck das Katharineum besucht, von dessen zahlreichen erfolglosen Schülern später zwei doch sehr bekannt geworden sind, die Brüder Heinrich und Thomas Mann. Während er in Berlin Philologie und Theologie studierte, pflegte er den Umgang mit Chamisso, Alexis und Eichendorff. Eine berühmte Besucherin der Kurstadt, Bettina von Arnim, die Schwester des in Ehrenbreitstein gebürtigen Clemens Brentano, vermittelte ihm die Stelle als Hauslehrer beim russischen Gesandten Fürst Katakazis in Athen. Als Wohnort wird in den Kurlisten noch Lübeck angegeben. Doch im Frühjahr 1852 hatte Geibel durch den Bayernkönig Maximilian II. einen Ruf als Professor für Literatur und Metrik mit einem Anfangsgehalt von 800 Gulden erhalten. Er wurde schon bald der Begründer des Münchener Dichterkreises, befreundet mit Paul Heyse und Franz von Dingelstedt. Emanuel Geibel war mit der 18 Jahre jüngeren Amanda Trummer verlobt, die er einige Monate später heiratete. Er nennt das aus einer Lübecker Juristenfamilie stammende, früh verwaiste Mädchen zärtlich »Ada«, über die er einem Studienfreund mitteilt: »Meine Ada ist freilich nicht, wie Du zu meinen scheinst, die Schönheit, aber bei hoher Anmut die Liebe und Hingebung selbst.« Am 6. Juni 1852, einem Sonntag, schreibt er an Ada: »Wunderschön ist oft des Morgens der Kampf der Thalnebel mit der Sonne; erst liegt alles in einförmigem Grau; dann reißt plötzlich oben die schwebende Decke, und ein Streifen erscheint in der Höhe, der immer großer und größer wird; die Umrisse der Berge treten klarer hervor, bis endlich der siegreiche Glanz das trübe Gewölk in einzelne, seltsam geballte Dunstmassen zusammendrückt und zuletzt in perlenden Tau auflöst. Wenn ich jetzt fast täglich dem reizenden Schauspiel zusehe, so wird es mir recht begreiflich, wie ein frühes, mit einfach sinnlicher Empfänglichkeit begabtes Naturvolk, wie die Griechen es waren, gerade an diese Erscheinung des siegenden Lichtes so viele der schönsten und tiefsinnigsten Mythen anknüpfen mochte. Gestern habe ich recht in der warmen stillen Sommerluft geschwelgt, doppelt froh, da ich Deinen eben empfangenen Brief auf dem Herzen trug. Nachdem der Vormittag unter Erfüllung der vorgeschriebenen Badepflichten hingegangen war, unternahm ich gleich nach Tische auf Döring’s Anrathen einen Eselritt auf die Höhe des Berges, der meinem Fenster gerade gegenüberliegt. Eckert begleitete mich ebenfalls zu Esel. Der Weg führt langsam und vielgewunden durch kurzes Gestrüpp und Buschwerk über lockeres Felsgeröll empor, überall in neue Höhen und Tiefen fällt der Blick; an manchen Stellen glaubt man sich im einsamsten Gebirg. Anfangs plauderten wir viel; dann aber kam die Erinnerung über mich, und ich ließ die Gedanken nach Willkür schweifen; das leise Wiegen des klimmenden Saumthiers, das eintönige Klirren des Hufes an dem rollenden Gestein, das Duften der Bergkräuter, der tiefe blaue Himmel über mir – alles versetzte mich lebendig in meine griechischen Tage zurück; so war ich einst zum Gipfel des Penthelikon, so über das marmorne Höhenjoch von Paros, so durch die Schluchten des Zeusberges auf Naxos geritten. Und dann dachte ich wieder in mögliche Zukunft hinaus und träumte Dich neben mir, leicht auf dem Frauensattel schwebend; denn alle Damen reiten hier, und Du sitzt auf dem Rücken eines Esels wie im bequemsten Armstuhl. Nicht wahr, Kind, das wäre eine Lust, so mühelos bergauf und bergab schweben, die Herrlichkeit der Welt in durchsichtig Sonnenlicht getaucht, vor den entzückten Augen und das, was uns das Liebste von Allem dicht, dicht neben uns?« So wie Geibel das Atmosphärische schildert, das Licht, die Luft, die Farben, möchte man in ihm einen frühen Impressionisten sehen. Aber er ist doch noch stark der Romantik verhaftet. Ganz wie die Maler dieser Epoche überhöht er die Berge, gibt er dem Schiefergebirge alpine Züge. Und seine ständig wache Erinnerung an Griechenland blendet in das Bild der Emser Landschaft mediterrane Elemente ein. Geibels Krankheit, seine Hypochondrie, muß wohl psychosomatisch erklärt werden. Am Morgen des 14. Juni, einem Montag, schreibt er an Ada: »Ich lege in aller Eile noch ein Blättchen bei, um Dir zu sagen, daß es mir heute, – Gott sei Dank trotz des schlechten Wetters viel besser geht. So steigt und sinkt Tag um Tag der Wellenschlag des Herzens, aber Gottes Gnade ist größer als unsere Verzagtheit. Danke ihm mit mir und bitte ihn, daß er es fort und fort freundlich mit mir mache, oder wenn das nicht sein kann, daß er Dir und mir den rechten Muth gebe, das Unabwendliche zu tragen ... Ich möchte freilich um meinet- und deinetwillen gar zu gern noch vieles thun und schaffen, wozu ich der Gesundheit und Frische bedarf, aber, ist es anders beschlossen, und soll ich den einmal verscherzten Schatz nicht wieder gewinnen, – wenn dann nur der innere Friede ungetrübt bleibt, und das Gefühl des innigen Zusammenhangs mit ihm, das auch das Schwere in Ergebenheit hinnimmt.« Und am 16. Juni schreibt er: »Jetzt hast Du vielleicht schon meine alten Lieder von Mathilde erhalten; ich wollte, sie hätte Dir auch diejenigen mitgeschickt, die bei ihrer Schwester Agnes liegen, denn unter letzteren sind vielleicht die persönlich interessantesten. Vom poetischen Werthe ist, so viel ich mich erinnere, gar nichts dabei; es sind eben flatternde Klänge einer dunkel angeregten Seele, formlos, unfertig, ohne alles Gewicht. Von einem gewissen Trieb geleitet, tastete ich damals nach Melodien, denen ich keinen Gehalt zu verleihen wußte, weil ich ihn ja selbst noch nicht hatte. Darum laß die Kritik zu Hause, wenn Du sie liest, und sei zufrieden, wenn Du daran erkennen magst, in wie leichten Elementen ich sorglos dahin schwamm. Es war doch eine schöne Zeit für mich, da ich sie schrieb. Ich war gesund, durch und durch heiter, auch wo einmal ein ächter Schmerz an mich herantrat, und die dämmernde Vorahnung des künftigen Dichterberufs machte mich unaussprechlich glücklich. Ganz jung und harmlos ist man nur einmal. Jetzt bist Du meine Jugend.« Am 17. Juni berichtet er über das schlechte Wetter: »›Und der Regen regnet jeglichen Tag.‹ So singt Shakespeare’s Narr, und ich armer, flügellahmer Poet muß es auch heute wieder mit ihm singen, wenn ich sehe, wie es vor meinem Fenster fort und fort vom grauen Himmel herniederrieselt. Brunnen, Bad und Regen sei mir so viel Wasser gesegnet; genug ist’s wahrlich, daß ich an Leib und Seele reingespült aus der gründlichen Taufe hervorgehen könnte.« Am 18. Juni wird ihm ein Brief Paul Heyses zum Brunnen gebracht, dessen Schluß Balsam für die Seele des von Selbstzweifeln niedergedrückten Geibel gewesen sein muß: »... Da siehst Du, daß Du Dich mit dem Schreiben gar nicht zu fürchten hast. Du brauchst nur eben frisch heraus zu sagen, was in Dir ist, so wird es gut und schön.« Am 23. Juni unternimmt er eine Wanderung zu der jetzt wieder aufgebauten Mooshütte. Am nächsten Tag schreibt er darüber an Ada und erweist sich, verglichen mit Heyse, als der feinsinnigere Landschaftsschilderer, auch als der schärfere Beobachter: »Gestern Abend hatten wir nach langer Zeit zum erstenmal ein paar helle Stunden. Ein Felsengipfel am oberen Ende des Thals, auf dessen Höhe sich ein zierliches Lusthäuschen mit dem bescheidenen Namen »Mooshütte« erhebt, war mir oft als einer der schönsten Punkte in der Nähe bezeichnet worden. So benutzte ich denn den günstigen Augenblick und stieg langsam den steilen Abhang hinauf. Der Pfad, der vielgewunden endlich von hinten auf die Treppe der Mooshütte führt, ist von Bäumen und hohem Gebüsch so dicht überwölbt, daß man fortwährend in einem kühlen, grünen Halbdunkel wandert. Desto reizender war die Überraschung, als ich nun die letzte Stufe erstiegen hatte, und die breite Flügeltüre öffnete. Von einem Glanz umflutet, vor dem ich zuerst das Auge geblendet niederschlagen mußte, lag das liebliche Tal vor mir, in seiner ganzen Ausdehnung zum vollendeten Bilde geschlossen, der Länge nach durchschnitten von der blitzenden Lahn. Und mir gerade gegenüber, über dem fernsten, schon in leichtem Duft versinkenden Höhenrande hing die untergehende Sonne, über Waldwipfel und Wiesenhänge und weit hinauf am Himmel über das flockig blühende Gewölk Ströme von Gold und Rosenlicht ergießend. Da hab’ ich lange in stillem Genießen gesessen ...« Zu den besonders bemerkenswerten Bekanntschaften gehört die Verbindung zu dem preußischen General und Außenminister Joseph Maria von Radowitz, der im Frankfurter Bundestag Wortführer der äußersten Rechten war. Vielseitig begabt und reich an Talenten, hing er jedoch einem mystischen Katholizismus an. Dadurch übte er einen verhängnisvollen Einfluß auf den für das Abseitige ohnehin anfälligen Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. aus, mit dem er sehr eng befreundet war. Jetzt will es der Zufall, das die Gemahlin des Generals, die dem Hochadel entstammende Gräfin Maria von Voß, zur Kur in Bad Ems eintrifft. Nun gibt es lange politische Gespräche, und Geibel, der Patriot, der militante National-Konservative, der preußische Royalist, kann befriedigt schreiben: »Da habe ich endlich einmal mein Herz ohne Rückhalt ausschütten können gegen Jemand, der innerlich eben so steht, wie ich.« Die Zerrissenheit Deutschlands und die Hoffnung auf ein neues, wenn auch kleindeutsches Kaiserreich, natürlich unter preußischer Führung, davon wird Marie von Radowitz ebenso bewegt wie Geibel, der sich zum nationalen Dichter erhebt wie vor ihm ein anderer Kurpatient, Max von Schenkendorf. Geibels Eheglück sollte nur von kurzer Dauer sein. Ada starb schon drei Jahre später, 1855. Doch 1871 ging für ihn im Spiegelsaal von Versailles sein großer Traum in Erfüllung. Geibel wurde, jedenfalls für Kaiser Wilhelm I. und seinen Sohn Friedrich Wilhelm, der »Herold des Reiches.« Man hat Straßen, Plätze und eine Schule nach ihm benannt. Seine Heimatstadt Lübeck hat ihm ein Denkmal errichtet und ihn zum Ehrenbürger ernannt, eine Auszeichnung, die Thomas Mann erst sehr spät und nur zögernd zuteil wurde. Geibel wußte sehr wohl, daß nicht nur in seiner politischen Lyrik, sondern auch sonst in seinem Werk nicht alles Gold ist, was glänzt. Deshalb seine Bitte: »Drum seid mir endlich unbefangne Richter Und wägt ihr mich, so wägt mir den ganzen Dichter« Als seine Heimatstadt 1884 mit einem Staatsbegräbnis von ihm Abschied nahm, war unter den Trauernden einer, der es nicht unterlassen konnte, mit geibelschem Humor zu fragen: »Wer krich nu de Stell, wer ward nu Dichter?« Fjodor Michailowitsch Dostojewski »Die erste Gabe, die Europa dankbar von Rußland entgegennahm, war die Psychologie Dostojewskis, d.h. der Mensch aus dem Kellerschlupf mit seinen Abarten – den Raskolnikows, Karamasows, Kirillows.« Leo Schestow Das Archiv der Stadt Bad Ems verwahrt die handschriftliche Übertragung des auf russisch erschienenen Buches »Dostojewski in Bad Ems« von Nadine Natow (eigentlich Nadeshda Anatoljewna Natowa), einer Professorin aus Hollis im Staate New York. Der Übersetzer ist P. Gaevert, ein Realschullehrer aus Winsen an der Luhe. Dostojewski hat während seiner vier Kuraufenthalte zahlreiche Briefe geschrieben, allein etwa 50 an seine Frau. Die gesammelten Briefe Dostojewskis von 1833 –1881 sind von F. Hitzer 1966 auf deutsch herausgegeben worden, erschienen im Piper-Verlag. Nimmt man dazu sein »Tagebuch eines Schriftstellers« und die »Erinnerungen« von Anna Grigorjewna, der zweiten Frau des Dichters, so läßt sich ziemlich lückenlos ergründen, was Dostojewski in Ems erlebt, gedacht und getan hat. Dankbar erwähnt sei auch die Hilfe der früheren Leiterin des Emser Archivs, Frau Elfriede Halex, bei der Suche nach weiterem Material. Am 18. November 1921 fand im Kursaal eine von der Emser Literarischen Vereinigung veranstaltete Feier zum l00. Geburtstag von Fjodor Michailowitsch Dostojewki statt. Während Dr. Carl Müller, der Generalsekretär der Nassauischen Zentrumspartei, die Festrede hielt, erschien unauffällig Ljubowa Fjodorowna Dostojewskaja, die Tochter des Dichters. Darüber in der Presse zu berichten, wurde von der französischen Besatzungsmacht verboten. Es wurde am Haus »Algier« in der Lahnstraße eine bescheidene hölzerne Erinnerungstafel angebracht. Sie mußte auf Befehl der Franzosen wieder entfernt werden. Heute künden gleich zwei Tafeln von den Besuchen des berühmten Kurgastes, eine in der Lahnstraße am Haus Nr. 23, früher »Ville d’Alger« oder einfach Haus »Algier«genannt, und die andere am Haus Nr. 8 in der Bahnhofstraße, dem ehemaligen Hotel »Fürst Blücher«. Diese Tafel wurde 1987 von der Stadt Bad Ems angebracht, weil die frühere, die den Zusatz »gestiftet von Erzbischof Georg« trug, gestohlen worden war. Die Feier der internationalen Dostojewski-Gesellschaft, die 1971 zum 150. Geburtstag in Bad Ems begangen wurde, war ungleich glänzender. Die Teilnehmer, darunter viele emigrierte Russen, kamen aus aller Welt. Es referierten Universitätsprofessoren aus den USA, aus Kanada, Australien, Paris, Utrecht, Brüssel, Helsinki, Heidelberg und München. Orthodoxe Bischöfe hielten in der russischen Kirche ein Requiem für Dostojewski. Von Petersburg nach Bad Ems sind es zweieinhalbtausend Eisenbahnkilometer. Dostojewski unterbricht die Reise in Berlin, um den Professor Friedrich Theodor von Frerichs zu konsultieren. Hierüber berichtet er seiner Frau aus Ems: Am nächsten Morgen war ich bei Mendelsssohn und dann bei Frerichs. Diese Leuchte der deutschen Wissenschaft wohnt in einem Palast (buchstäblich). Im Wartezimmer fragte ich einen Kranken, was man Frerichs zu zahlen habe, und er antwortete mir, das sei nicht festgesetzt, er selber bezahle aber fünf Taler. Ich beschloß ihm drei zu geben. Mit den Kranken beschäftigte er sich drei, allenfalls fünf Minuten. Mit mir war er buchstäbIich in zwei Minuten fertig, und dabei berührte er nur meine Brust mit dem Stethoskop. Darauf sprach er nur ein einziges Wort aus: ›Ems‹ setzte sich schweigend hin und schrieb zwei Zeilen auf einen Fetzen Papier: ›Hier haben Sie die Adresse des Arztes in Ems; sagen Sie ihm, daß Sie von Frerichs kommen.‹ Ich legte meine drei Taler hin und ging; der Gang war nicht um sonst gewesen. (Übers. v. H. Hitzer) Empfohlen hat Frerichs den Königlichen Brunnen- und Badearzt und Geheimen Sanitätsrat Dr. Peter Orth, der Kaiser und Könige behandelt hat und vom Zaren Alexander II. mit dem St. Annenorden mit Brillanten dekoriert worden war. Dostojewski war mit Sicherheit viermal in Bad Ems. Es ist aber schwierig, die Aufenthalte genau zu datieren. Erst die Sowjetregierung hat 1918 vom Julianischen auf den Gregorianischen Kalender umgestellt. Bei den Angaben wird häufig vermerkt, ob es sich um die alte oder die neue Zeitrechnung handelt, aber leider nicht immer. Hinzu kommen oft Datierungsfehler in den Briefen, auch der Frau, und im Tagebuch. Bleiben die Kurlisten. Sie besagen: erster Aufenthalt,1874, vom 26. Juni bis 18. Juli im Hotel »Fürst Blücher«, bis zum 1. August im Haus »Algier«; zweiter Aufenthalt, 1875,vom 15. Juni bis 24. Juli im Haus »Luzern«; dritter Aufenthalt, 1876, vom 25. Juli bis 2. September im Haus »Algier« und der vierte. Aufenthalt, 1879, vom 9. August bis 10. September wieder im Haus »Algier«. Nach seiner dritten Ankunft in Bad Ems freut sich Dostojewski, daß ihn Dr. Orth, aber auch die Gepäckträger, Ladenbesitzer, Verkäufer und Marktfrauen wiedererkennen. Als die Fürstin Schalikowna ihn in Ems sehen will, wird ihr geantwortet: »Suchen Sie den Menschen mit dem tiefsten Gesichtsausdruck und gehen Sie mutig auf ihn zu, das ist er.« Das bleiche Gesicht, vor allem die baltisch breite Stirn mit den vielen Falten, war längst vom harten Griffel eines unholden Schicksals gezeichnet. Hinzu kamen die starken Wangenknochen und die beiden Krater der eingefallenen Schläfen. Der Bart schimmerte immer noch rötlich. Einen starken Widerspruch dazu bildete die weiche, ja schlaffe Mundpartie mit dem Ausdruck der melancholisch-depressiven Verstimmtheit. Er wirkte in Bad Ems zudem sehr blaß, alt, müde, erschöpft und krank. Seine Stimme war leise und heiser. »Preise, Preise – entsetzlich!« – Diese Klage wird permanent von dem Mann angestimmt, der früher wie festgenagelt am Roulett-Tisch saß, in Wiesbaden auf einen Sitz 10.000 Francs gewann und verlor, seine schwindsüchtige Frau Marja Dimitrijewna im Stich ließ, mit der Polin Suslowa herumzog und schließlich, abgebrannt bis zur letzten Kopeke, die Uhr versetzte. Nun, in Ems, gerät er fast in Panik, weil unter einem Taler und 25 Groschen kein Zimmer zu haben ist. Aus dem Hotel »Flandre« zieht er gleich wieder aus und geht in das Hotel »Fürst Blücher«. Von dort übersiedelt er in das Haus »Algier« oder, wie es damals hieß, »Hotel Ville d’Alger« in der Lahnstraße. Darüber berichtet er Anna Grigorjewna: Schließlich entschloß ich mich, in einem anderen Haus Quartier zu nehmen. Die Wirtin ist eine alte Dame mit Brille, die übrigens einen Mann hat. Sie ist eine höfliche, aber verschmitzte Alte, hat ein Dienstmädchen und vermietet 26 Zimmer. Mir stellte man zwei Quartiere zur Wahl, ein herrliches, großes Zimmer, komfortabel möbiliert, mit Balkon für 14 Taler die Woche. Das zweite Quartier besteht aus zwei Zimmern, die aber erheblich kleiner sind, aber auch sehr komfortabel eingerichtet, doch ist nur ein Zimmer wirklich vollständig hell, das andere, das Schlafzimmer, ist reichlich dunkel, obwohl es zwei Fenster hat ... Dieses Quartier soll auch 14 Taler die Woche kosten. Ich feilschte bis zum äußersten und erstand es für 12 Taler wöchentlich. Außerdem erbot sich die Wirtin selbst, mir Kaffee, mittags und abends Tee und einen kleinen Imbiß zu bereiten – alles für anderthalb Taler pro Tag. Mit Quartier komme ich auf 22,5 Taler in der Woche. Ich vergaß, Dir zu sagen (und das ist wichtig), daß Orth die Dauer meiner Kur nicht auf sechs, sondern auf vier Wochen festlegte. Und obwohl das Geld furchtbar abnimmt, wird es unter diesen Umständen doch reichen ... und auf jeden Fall schreibe nur postlagernd, poste restante, man kann nicht wissen, ich mag auch hier umziehen. Im nächsten Jahr, 1875, im Haus »Luzern«,wiederholt sich die Szene. Hier feilscht er solange, bis er für das gleiche Geld ein unvergleichlich schöneres Zimmer mit Balkon erhält. Nun ist er zufrieden, glaubt arbeiten zu können. Doch schon fallen wieder die Wermutstropfen in den Wein. Er berichtet: Mein Nachbar spricht und poltert am Morgen einfach zu laut, und über mir spielt eine elende Schülerin Klavier und belästigt mich mit ihren dämlichen Übungen. Es trifft ihn schwer, als die Kur auf fünf Wochen verlängert werden muß. Die Geldsorgen drücken ihn nieder. Auf der Rückreise nach Petersburg schreibt er: Ich war nervlich zerrüttet ... Geld hatte ich weniger, als ich annahm. Man wird bei den Trichins borgen müssen. Ähnlich ergeht es ihm ein Jahr später, 1876, als er im Haus »Algier« ist und sich zunächst über das schöne Zimmer freut. Diesmal sind es eine Mutter und ihre Tochter, die in dem nur durch eine Tür getrennten Nebenraum pausenlos griechisch oder französisch parlieren. Wütend schimpft er in einem Brief: In meinem ganzen Leben bin ich noch nicht solcher unermüdlicher Schwatzhaftigkeit begegnet. Er sieht keine andere Wahl, als in ein wesentlich schlechteres Zimmer umzuziehen. Etwas tröstlich für ihn, daß es billiger ist. Bei seiner letzten Kur, die er sich erst 1879 wieder erlauben kann, erreicht sein Groll einen gewissen Höhepunkt, als er im gleichen Hause für das Mittagessen doppelt soviel, nämlich drei Mark, bezahlen muß. Beim Lungenemphysem sind die Lungenbläschen krankhaft erweitert. Es kommt zu einer Übersättigung des Blutes mit Kohlensäure. Die typischen Folgen waren bei Dostojewski gut zu studieren. Das Ausatmen war verzögert, die Atemnot oft so groß, daß die Halsmuskeln stark hervortraten. Es kam zu Kreislaufstörungen, quälendem Stauungshusten, Heiserkeit und Schmerzen in der Brust. Diese Krankheit, von der Dostojewski in Bad Ems Heilung erhoffte, führte am 28. Januar 1881 zum Tode. Eine Lungenarterie war geplatzt. Nun wird aber für das Leben Dostojewskis oft einer anderen Krankheit die größere Bedeutung zugemessen. Es läßt sich nicht bestreiten, daß der Dichter auch in Ems epileptische Anfälle hatte, einmal in der Nacht vor seiner Abreise, und als er durch den Entwurf seines Romans »Der Jüngling« sehr angespannt war. Die Krankheit kam erst heftig in der sibirischen Verbannung nach dem furchtbaren Lebensschock der Schein-Hinrichtung auf dem Semjonowschen Platz zum Ausbruch. Stehen nun Kunst und Krankheit in einem ursächlichen Verhältnis? Selbst ein Großmeister der Biographie, wie Stefan Zweig, will auf solche Spekulationen nicht verzichten. Er glaubt, das höchste Geheimnis von Dostojewskis Kunst läge in der einen Minute vor dem Anfall. »Intensivster Lebensaugenblick, traumhaftes Glücksgefühl, unerhörte Scharfsichtigkeit« – das, so meint Zweig, soll sich in dieser kurzen Spanne ereignen. Dostojewski weiß nichts davon; er fühlt sich auch in Bad Ems nach einem Anfall zerschlagen an Geist und Gliedern, völlig leer, die Erinnerung ist ausgelöscht. Treffender beschreibt wohl diesen Zustand Thomas Mann, wenn er sagt, »Nichts ist mehr danach angetan, die biologischen Begriffe zu verwirren, als das Leben dieses Menschen, der, ein zuckendes, alle Augenblicke in Krämpfe verfallendes Nervenbündel ... es immerhin auf volle 60 Jahre brachte.« Ausdrücklich widersprechen muß man Siegmund Freud,der Dostojewski einen »vertrackten Russen« nennt und von ihm behauptet: »Es ist sehr unwahrscheinlich, daß er Epileptiker war ... Alle anderen Großen, denen man Epilepsie nachgesagt hat, waren reine Hysteriker.« Wie sehr sich bei Dostojewski bereits der »epileptische Charakter« mit den Merkmalen der Zerstreutheit und Vergeßlichkeit entwickelt hatte, macht folgende, eher tragikomische Episode deutlich. Während seines zweiten Aufenthaltes ging er eines Abend statt in sein Hotel »Luzern« in das Nachbarhaus, nahm den Schlüssel Nr. 10 vom Brett, stieg in die dritte Etage empor und wollte gerade »sein« Zimmer öffnen, als das Personal erschien und ihn zurückhielt. Während der vier Kuraufenthalte leidet Dostojewski am meisten unter dem Heimweh, unter der Trennung von der Familie. Obwohl hunderte von Russen anwesend sind, ist der Dichter völlig vereinsamt. Diese Daß sich das Emser Klima psychisch negativer ausgewirkt hat als das heimische in Staraja Russa ist unwahrscheinlich. Dostojewski war stets Stimmungsschwankungen unterworfen. Nachdrücklich gewarnt hat ihn Dr. Orth vor dem Petersburger Klima, das bei Erkrankungen der Atemwege zu besonderer Vorsicht zwinge. Vor seinem letzten Kuraufenthalt, 1879, schreibt er Anna Petrowna Filosofowa: Es tut mir in der Brust weh bei dem Gedanken, daß ich am 17. Juli für sechs Wochen nach Bad Ems fahre. Schwere Depressionen wechseln mit Zuständen der Erregung. Er ist oft reizbar, und seine Urteile über Bad Ems widersprechen sich sehr kraß. Er ist begeistert und entzückt von der Landschaft, er schreibt: Von der Lage des Ortes bin ich hingerissen. Er findet Ems anmutig, nennt es an anderer Stelle glanzvoll. Aber am 28. Juli 1876 schreibt er an W. S. Solowjow: Ich nehme hier das Quellwasser ein, aber ich hätte mich niemals zu dieser Qual entschlossen, hier zu leben, wenn mir das Wasser nicht wirklich helfen würde. Ems zu beschreiben, lohnt sich nicht, es gibt nichts. Und an seine Frau: Aber ich habe mich noch nirgends gesundheitlich wohler gefühlt als gerade in diesem garstigen Ems. Ich hatte Gott weiß wie lange – keine Anfälle mehr. Schließlich versteigt er sich zu der Behauptung, selbst die Katorga (mit der angeschmiedeten 5-Kilo-Kette!) sei nicht so schlimm gewesen und spricht vom »verfluchten Ems« und der »Gesundheitsfabrik«. Aber er glaubt fest an die Kraft der Quellen; den lebensverlängernden Kurerfolg bestreitet er nicht. Der Kurarzt Dr. Orth hatte zunächst nur einen Katarrh diagnostiziert, aber einen dringend behandlungsbedürftigen. Verordnet wurden: zwei Gläser aus der Kränchenquelle am Morgen, eines am Abend und morgens und abends je ein Glas vom Kesselbrunnen zum Gurgeln. Außerdem sollte der Patient täglich Rotwein trinken. Aber der französische war ihm zu teuer, und den Lahnwein fand Dostojewski entsetzlich sauer. Über seinen Tagesablauf schreibt er: Ich lege mich Punkt 10 Uhr ins Bett, schlafe bis fünf Uhr früh durch und stehe um sechs Uhr auf. Ich würde gut schlafen, wenn ich nicht so schwitzte. Seine »einzige Zerstreuung«, sagt der Dichter, seien die Konzerte im Kurpark. Aber es wird ihm zuviel Wagner und zu wenig Beethoven und Mozart gespielt. Über Wagner hatte er 1873 in der Zeitschrift »Grashdanin« (d.h. der Staatsbürger), in der sein »Tagebuch eines Schriftstellers« in Fortsetzungen erschien, noch durchaus positiv geurteilt. Jetzt, hier in Ems, ist Wagner nur noch: ... diese höchst langweilige deutsche Canaille. Und überhaupt: Selten, selten wird etwas Interessantes gespielt, bloß immer irgendwelche Potpourris, ›Heil dir im Siegerkranz‹, oder so etwas wie Strauß, Offenbach und schließlich die ›Emser-Pastillen-Polka‹. Die Emser Bibliothek findet er beklagenswert. Über Emile Zolas Romane, die er ausgeliehen hat, schreibt er: Ich kann es kaum lesen, so ein ekelhaftes Zeug. Zola ist für ihn wohl nur der Naturkopist, bar jeder Transzendenz, abhold jeder Metaphysik. Verständlich: wer sich im mythischen Raum bewegt, wo es keine Bilder gibt, will nicht in ein Fotolabor geführt werden. Alle die Schatow, Raskolnikow, Kirillow, – was sind sie anderes als mythische Gestalten. Schon 1874 war er nach der Fünf-Tage-Reise von Petersburg tief beeindruckt, als die Sonne aufging und der Zug die letzte Strecke zurücklegte. Darüber schreibt er am 13. Juni: All das, was man sich unter Schönheit dieser Welt vorstellen kann, ist hier vereinigt. Die Landschaft wirkt verführerisch, zärtlich und phantastisch mit ihren Hügeln, Bergen, Schlössern, Burgen und Städten wie Marburg und Limburg mit ihren anmutigen Türmen, und alles in einer wunderbaren Harmonie von Berg und Tal. Ich habe etwas Denartiges bisher nicht gesehen. So fuhren wir durch den warmen, sonnendurchfluteten Morgen direkt nach Ems ... Zu beiden Seiten der Stadt bilden bewaldete Berge mit einer Höhe von 200 und mehr Metern eine tiefe Schlucht, in die das Städtchen eingelagert ist. Es schmiegt sich an die Berghänge, die malerischsten der Welt, und besteht in Wirklichkeit nur aus zwei schmalen Uferstraßen. Eine Verbreiterung der Stadt ist aber wegen der steilen Berge gar nicht möglich. Die Berggestalten,sanft gekuppelt oder, wie die Bäderlei, jäh abstürzend, der sommergrüne Laubwald, das hier und dort nackt zutage tretende Schiefergestein mit seinen gebänderten Schichtköpfen, die von Dausenau hereinziehende blitzende Flußschleife, die sich überschneidenden Gefällslinien, die damals noch bis in die Römerstraße hinabreichenden Weinberge und die nach Fachbach-Nievern zu in blauer Tiefenferne verdämmernden Formen und Farben – das muß für Dostojewski bei Sonnenschein tatsächlich die Ideallandschaft gewesen sein. »Hat die Epoche einen geistigen Beherrscher, so ist es Dostojewski.« Hugo von Hofmannsthal 1879 schreibt Dostojewski an seine Frau: Da fällt mir ein, es gibt in Ems viele neue Gebäude; man baute auch zwei neue Brücken über die Lahn. Gemeint sind die Remy- und die Kaiserbrücke. Während er nicht versäumt, über einen Streit mit dem Popen in Ems zu berichten, erwähnt er aber 1876 die Einweihung der russischen Kirche nicht. Einem so genauen Beobachter kann natürlich nicht entgehen, wieviele Häuser umgebaut und zu Hotels erweitert worden sind. Das alles wird von Dostojewski scharf kritisiert, denn es ist für ihn der sichtbare Beweis dafür, wie die Kurgäste geschröpft werden. Er sieht sich ständig von Gaunern und Halunken umlagert. Nachdem er aus dem Hotel »Fürst Blücher« ausgezogen ist, schreibt er: Man hatte sowieso schon begonnen, mich schlecht zu verpflegen und beim Abrechnen entsetzlich zu betrügen. Überhaupt ist er fest davon überzeugt, daß man in Ems aus skrupelloser Gewinnsucht immer das Dreifache des eigentlichen Preises fordert. Ja, schlimmer noch, als er ein Haarpflegemittel kaufen will, verlangt die Verläuferin – übrigens eine Französin! – zwei Taler. Er feilscht mit orientalischer Ausdauer so lange, bis er das Mittel für einen Taler bekommt. Und schon kann er den Vorgang verallgemeinern und berichten, daß ein Emser Händler auch dann noch verdient, wenn er um die Hälfte heruntergeht. Man ist zwar erheitert, merkt aber dem Dichter seine ganze Wut an, wenn man liest: Es sind schurkenhafte Kaufleute in den Geschäften. Ich wollte mir gern einen Hut kaufen und fand nur ein einziges kümmerliches Geschäft, in dem es solche Waren gab wie bei uns auf dem Trödelmarkt. Und diese waren noch mit einer Arroganz ausgestellt und mit unmäßigen Preisen versehen, und die Verkäufer wandten ihre Schnauzen ab. Dostojewski hat eine Vorliebe für die einfachen, arbeitsamen Menschen, für das Bedienungspersonal, die Arbeiter, Handwerker und die unteren Bahn- und Postbeamten. Weniger freundlich spricht er allerdings von den Schlossern und Zinnarbeitern, die ihre Werkstatt in der Lahnstraße neben seinem Quartier haben und schon vor fünf Uhr morgens anfangen zu hämmern. Er sagt: Man wird ganz taub, auch die Nerven leiden darunter. Aber seine mehrfachen Beschwerden nützen nichts. Dostojewski mißbilligt jede Art von Standesvorurteilen. Er spricht es zwar nicht offen aus, aber man merkt, daß ihm die »höheren Stände«, wozu natürlich auch die Aristokratie gehört und alles, was in Ems »in Samt und Seide geht«, suspekt sind. Aber wehe, wenn er gestört wird,wie im Juni 1874 im Hotel »Fürst Blücher« durch die Bewohner über ihm. Da werden die Übeltäter grimmig klassifiziert: Diese Etage war von Deutschen aus den unbedeutendsten Kreisen belegt. Sie lachten, trampelten, sangen und schrien ständig sehr laut, so ohne jede Höflichkeit wie die wirklichen echten groben Deutschen. Die Emser sind für den Dichter offenbar repräsentativ für die Deutschen schlechthin. An einer anderen Stelle, in einem Brief an seine Frau, nennt er die Deutschen ungehobelt und kritisiert ihre unnötige Umständlichkeit und Genauigkeit. Völlig umgekehrt urteilt er dagegen in der Zeitschrift »Grashdanin«; da sind die Deutschen ein zärtliches und höfliches Volk. Er meint, die Hälfte der Kurgäste seien Russen, und die kommen noch schlechter weg: »... Es sind ihre Hohlheit, Leere, ihr Müßiggang und ihre Selbstgefälligkeit in jeder Beziehung.« Es ist übrigens interessant, daß Dostojewski in den Kurlisten nicht als Schriftsteller, sondern als »Oberleutnant a.D. aus Petersburg« erscheint. Für die Zukunft der Beziehungen Deutschlands zu Rußland beweist er einen geradezu prophetischen Blick, wenn er im »Grashdanin« schreibt: Und da kommt dann noch zum Überfluß, sagen wir das Naturgesetz selber hinzu: Deutschland ist doch in Europa immerhin ein Land, das in der Mitte liegt; wie stark es also auch sein mag, auf der einen Seite bleibt Frankreich, auf der anderen Rußland. Es ist ja wahr, die Russen sind vorläufig noch höflich. Wie aber, wenn sie plötzlich erraten, daß nicht sie das Bündnis mit Deutschland brauchen, wohl aber Deutschland das Bündnis mit Rußland; überdies noch: daß die Abhängigkeit von dem Bündnis mit Rußland allem Anschein nach die schicksalhafte Bestimmung Deutschlands ist, und das besonders seit dem Deutsch-Französischen Kriege. Das ist es ja, warum selbst ein von seiner Kraft so überzeugter Mensch wie Fürst Bismarck nicht imstande ist, an die allzu große Ehrerbietung Rußlands zu glauben. Dostojewski nennt Bismarck häufig genial. Gegenüber Dr. Orth, seinem Kurarzt, und der Besitzerin des Hauses »Algier«, der Witwe Bach, sowie seiner Wirtin im Hause »Luzern«, Frau Meuser, ist er zunächst mißtrauisch. Später lobt er Dr. Orth wegen seiner ärztlichen Qualitäten und weil er kein Beutelschneider ist. Mit Madame Bach, wie er sie immer nennt, kommt es zu einem vertrauensvollen Verhältnis. Sie bittet den Dichter sogar um Rat, ob sie sich mit einem Emser Bürger wiederverheiraten soll. Er sieht, mit welcher Umsicht Frau Bach das Hotel führt und wie sie mit ihrer 17jährigen hübschen, wohlerzogenen, bescheidenen und unberührten Tochter von früh bis spät arbeitet. Von der Gehilfin Minna, die von März bis Oktober einen Lohn von sieben Talern erhält, sagt er, sie schufte wie ein Ochse und sei immer pünktlich und genau. Schließlich findet er auch Frau Meuser ganz umgänglich, die große (zwei Werkschok größer als ich), spindeldürre, fuchsrote Deutsche, noch nicht alt, mit einem offiziellen Lächeln, wie er sie anfangs beschrieben hat. Höchstes Lob zollt Dostojewski den Mädchen am Brunnnen. Für sie empfindet er schon eine fast erotische Zuneigung. Wie sie es allerdings fertigbringen, während der Morgen- und Abendkur an der Balustrade in zwei Stunden jedem einzelnen der Tausenden von Kranken, genau nach Verordnung, das richtige Maß zuzuteilen, ist für ihn ein Zauberkunststück, das er immer wieder vergeblich zu enträtseln versucht. Im »Grashdanin« schreibt der Dichter darüber u.a.: So muß jedes der drei Mädchen während dieser zwei Stunden eine ganze Menge von Gläsern füllen und verteilen. Das geschieht aber nicht nur in vollkommener Ordnung, ohne Hast, ruhig, methodisch, so daß man keinen Augenblick aufgehalten wird. Das Wunderbare ist, daß jedes dieser Mädchen nach meiner Ansicht ein übernatürliches Gedächtnis haben muß. Man braucht ihm nur einmal, gleich nach der Ankunft, zu sagen: ›Das ist mein Glas, ich bekomme soundsoviele Unzen Kränchen und soundsoviel Milch‹- und es wird sich während der ganzen, einen Monat dauernden Kur dann kein einziges Mal irren. Hier gilt noch verstärkt, was er, nachdem er ein Mädchen im Hotel bei der Arbeit beobachtet hat, äußert: So wird bei uns nicht gearbeitet. In Petersburg würde erst gar kein Mädchen eine solche Arbeit annehmen ... Es würde hundertmal etwas vergessen, Getränke verschütten, einfach nicht servieren, Geschirr zerschlagen, nicht aus noch ein wissen, würde grob und böse werden, aber hier in Ems gab es den ganzen Monat nicht einmal etwas zu beklagen. Sehr angetan ist Dostojewski auch von den Beamten.Während der Fahrt von Berlin nach Bad Ems hat der Zug auf einer Station einige Minuten Aufenthalt. Der Dichter steigt aus, um sich etwas zu bewegen und eine Zigarette zu rauchen. Wie so oft zerstreut, vergißt er, sich die Nummer des Wagens zu merken. Er läuft kopflos hin und her, doch in letzter Sekunde hilft ihm ein Schaffner. Das, so meint Dostojewski, hätte in Rußland kein Bahnbeamter getan. Damals war das Postamt im »Darmstädter Hof«. Er ist immer sehr niedergeschlagen, wenn der sehnlichst erwartete Brief seiner Frau nicht da ist. Das war einem Postbeamten aufgefallen. Als Dostojewski eines Tages von der Trinkkur ins Hotel zurückkommt, findet er einen Brief vor. Der Beamte hatte mit Hilfe der Kurliste die Unterkunft ermittelt und den Brief selbst gebracht. Der Dichter findet das so außerordentlich, daß er zum Ruhme des Emser Postbeamten einen Aufsatz im »Grashdanin« schreibt. Da stellt sich dann sofort der Vergleich mit den russischen Beamten ein, und der fällt vernichtend aus. Sie haben nicht nur viel weniger Arbeitsstunden, sie sind immer verärgert und erregt, voll Grobheit, Unaufmerksamkeit, Nachlässigkeit, Feindseligkeit dem Publikum gegenüber, und alles nur deshalb, weil es sich eben um Publikum handelt. Aber das Schlimmste ist ihre kleinliche Abgötterei. Man merkt die pädagogische Nebenabsicht. Das ist die Kontrastmethode des Römers Publius Cornelius Tacitus in seiner »Germania« und der Französin Germaine de Staël in ihrem Buch »De l’Allemagne«. Das fremde Volk wird gelobt, ja bewundert, um den eigenen Landsleuten ihre Verderbtheit um so krasser vor Augen zu führen. Dostojewski hat die Kinder immer sehr geliebt. Er freut sich ganz ungemein, als ihm im Hotel »Luzern« die beiden Kinder der Wirtsleute zum Zeichen ihrer Zuneigung Blumen bringen. Er bricht vor Mitleid in Tränen aus, als er einen Jungen mit einer Augenentzündung sieht, der vor Schmerzen weint. Der Vater, ein Emser Schuhmacher, weigert sich, das Geld für die Arznei zu bezahlen. Die Emser Schulkinder werden als sehr manierlich gelobt. Und es wird die rhetorische Frage gestellt: Wo ist es besser, wo ist mehr Vollkommenheit als hier bei den Emser Kindern, die mit ihrem Butterbrot in der Hand und ihrem Ranzen auf dem Rücken in die Schule gehen. Aber 1879 überkommt Dostojewski bei diesem Anblick tiefe Trauer, denn ein Jahr zuvor ist sein über alles geliebter Sohn Aljoscha plötzlich an der Epilepsie gestorben. Schon bei seinem ersten Aufenthalt, 1874, sieht Dostojewski den berühmtesten und treuesten Gast der Kurstadt, Kaiser Wilhelm I. Der Dichter ist ihm später noch oft begegnet und schreibt darüber an seine Frau: Gestern abend sah ich auf einem Spaziergang zum erstenmal den Imperator Wilhelm. Er ist von hohem Wuchs und ein alter Mann von besonderem Aussehen. Man erzählte mir, daß sowohl die Deutschen als auch die Russen (besonders die Damen unserer besseren Gesellschaft) jede günstige Gelegenheit abwarten, um unterwegs dem Zaren irgendwie zu begegnen. Sie sollen sich vorher an seinem Wege hingesetzt und gewartet haben. Damals waren noch mehr Russen in Ems. Jetzt ist der wichtigste russische beau monde abgereist. Und in einem anderen Brief an Anna Grigorjewna lesen wir: Heute mußte unser Herrscher abreisen, und so ist es mir nicht gelungen, ihn noch zu sehen. Kaiser Wilhelm ist gekommen. Gestern spielte immerzu Musik unter seinen Fenstern. Im Garten war eine Menge Menschen, lauter Unverschämte und Narren und viele ganz hübsche Damen aller Nationalitäten ... Er ist sehr einfach und liebenswürdig, ein angenehmer alter Mann von etwa 80 Jahren, aber er wirkt wie ein Mensch, der nicht mehr als 60 Jahre alt ist. Er geht in Zivil wie ein Stutzer. Einmal saß in der Menge eine ranke, hagere etwa dreißigjährige Dame mit einem Trinkglas. Sie trug einen zerknitterten schwarzen Schal und das einfachste schwarze Kleid. An sie trat der Kaiser wie an eine Bekannte heran und unterhielt sich wohl eine Viertelstunde mit ihr. Dann, als sie sich verabschieden wollte, zog er vor ihr den Hut und reichte ihr die Hand, die jene drückte wie die de~ einfachsten Sterblichen, ohne dabei überhaupt auf die Etikette zu achten. Es war irgendeine reiche Herzogin aus einem früheren Herrschergeschlecht. Auf diese Begegnung sahen unsere russischen Weltenbummler im Vorübergehen mit Geringschätzung herab und rissen ihre Mäuler auf. Wenn Dostojewski Alexander II. hätte wirklich sehen wollen, wäre das ein leichtes gewesen. Der Zar war jeden Tag mehrmals auf der Straße, am Brunnen und im Park. Man muß deshalb vermuten, daß der Dichter ihm bewußt aus dem Wege ging. Vermuten muß man auch, daß Ergebenheitsfloskeln wie »unser Herrscher« oder »unser allergnädigster Zar« nur der Tarnung dienten. Denn für Dostojewski, den Kettensträfling, den »Erniedrigten und Beleidigten«, kann Alexander II. nichts anderes gewesen sein als der Sohn seines Peinigers, des Despoten Nikolaus I. Dostojeski stand nach wie vor unter Polizeiaufsicht. Darüber, was die Spatzen von den Emser Dächern pfiffen, daß auf der anderen Lahnseite, dem »Haus zu den vier Türmen« genau gegenüber, Katharina Dolgoruki, Alexanders Geliebte, wohnte, machte der Dichter noch nicht einmal eine Andeutung, denn seine Briefe wurden geöffnet. Der Zar las ständig mit großem Interesse die Kurlisten, und der Name Dostojewski, in Rußland längst berühmt, kann ihm nicht entgangen sein. Wie der vierte Kuraufenthalt nur möglich war, weil Dostojewski einen Vorschuß von 2 000 Rubeln auf »Die Brüder Karamasow« erhalten hatte, so konnte der erste Aufenthalt nur durch einen erheblichen Vorschuß auf den Roman »Der Jüngling« bestritten werden. Das Werk ist während des ersten Aufenthaltes entworfen und im folgenden Jahr in Ems zu bedeutenden Teilen niedergeschrieben worden. Es handelt sich um eine Vater-Sohn-Haßliebe und die Zersetzung und den Verfall einer Familie. Das alles wird eigenartig gebrochen und verzerrt widergespiegelt im Tagebuch des Bastards Arkadi Dolgoruki, des »Jünglings«. Seine Seelenanalyse ist ebenso meisterhaft gelungen wie die des zynischen Vaters und Tagediebes Wersilow und der madonnenhaft ergebenen Mutter. Man denkt wieder daran, was Dostojewski 1839, erst achtzehnjährig, an seinen Bruder Michail geschrieben hatte: Man muß das Mysterium der menschlichen Persönlichkeit ergründen, wenn Du Dein ganzes Leben damit zubringst, so sage nicht, daß Du Deine Zeit vergeudet hast. Mich interessiert dieses Mysterium, weil ich ein Mensch werden will. Hier eine der Szenen, die in Ems spielt, und zwar im Kurgarten: Aber nach dem Begräbnis des Mädchens gab der junge Fürst Sokolski, der gerade aus Paris zurückgekommen war, Wersilow in aller Öffentlichkeit im Garten eine Ohrfeige, und dieser reagierte darauf nicht mit einer Herausforderung, im Gegenteil, er erschien schon am nächsten Tag wieder auf der Kurpromenade, als sei nichts geschehen. Aber alle wandten sich hier nur von ihm ab, später in Petersburg auch. Als Dostojewski im August 1879 zum letztenmal nach Ems kam, war das 5. Buch des umfangreichen Romans »Die Brüder Karamasow« schon fertig, das 6. Buch, betitelt »Ein russischer Mönch«, nur zum geringen Teil. Dieses und das 7. Buch, überschrieben »Aljoscha«, wurden im wesentlichen in Ems verfaßt. Es ist Dostojewskis berühmtestes Werk, und diese drei genannten Teile sind wohl das Stärkste, was dem Dichter je gelungen ist. Fraglos hat der Kurerfolg darunter gelitten. Wer je den Entwurf zu den »Karamasows« gesehen hat, mit den Ergänzungen, Streichungen, umrandeten Einschüben, Zeichen und dem verwirrenden Netz der Bezugslinien, der kann ermessen, welch eine titanische Anstrengung nötig war, um die Fülle der Gestalten und Gesichte zu bewältigen. Solch labyrinthische Manuskripte findet man sonst in der Weltliteratur nur noch bei dem kongenialen Balzac. Unvergeßlich sind die Gestalten. Da ist Fjodor Karamasow, der Vater, ein Scheusal, ein perverses Ungeheuer, das den Söhnen die Jugend zerstört hat. Man denkt an Dostojewskis Vater, auch er ein Wüstling, ein Sadist, ein Menschenschinder, den seine Leibeigenen bestialisch umbringen. Dann der Sohn Iwan, dem Vater noch am ähnlichsten, scharfsinnig, unberechenbar bis zum Rätselhaften. Er ist der geistige Urheber des Vatermordes; aber im ständigen Schwanken zwischen Gott und Teufel verliert er den Verstand, und man glaubt sein Geständnis nicht. Neben ihm der hemmungslose Bruder Dimitri, der den Mord zwar immer wieder androht, doch unschuldig ist. Er wird verurteilt. Swerdjakoff, der unehelich Geborene, Epileptiker (!), zum Lakaienschicksal verdammt, ist der wirkliche Mörder, bleibt jedoch unerkannt, erhängt sich. In Aljoscha, dem vierten der Brüder, begegnet uns die strahlende Hauptgestalt. Eine Seelenverschmelzung von Parzival und Simplizissimus mit einem Heiligen, ist Aljoscha gefeit. Er geht durch den Familiensumpf, ohne das Brodeln des Faulschlammes zu hören. Überall leuchtet es phosphoreszierend auf, umspringen ihn die Irrlichter. Nicht ein Spritzer beschmutzt ihn, und dennoch blickt er auf den Grund der Dinge. Mit gleicher Meisterschaft sind auch die Frauen gestaltet, vor allem Katharina, Gruschenka und Lisa. Das Werk schafft geradezu ein Universum unserer gesamten seelischen Welt. Aber man braucht einen roten Faden, um sich in diesem Labyrinth der Psychogramme nicht zu verirren. Ein gewaltiger Stoff für einen großen Film, der mit Maria Schell als Gruschenka und Yul Brynner als Dimitri Karamasow ein Welterfolg wurde. Paul Heyse hat ein Riesenwerk hinterlassen. 1910 erhielt er als erster deutscher Dichter den Nobelpreis, ist aber heute nur noch wenig bekannt, behauptet jedoch seinen Platz in der Literaturgeschichte. Heyse, einst hochgerühmt und viel gelesen, ist ein Beispiel dafür, wie wenig man dem zeitgenössischen Urteil trauen darf und daß die Auflagenhöhe nicht viel besagt. »Vielleicht kommt die rechte lyrische Zeit für Heyse, wenn ihm die Reime nicht mehr so leicht fallen und dafür die Erinnerung mit ihrer Macht ins Leben tritt.« Gottfried Keller Am 1. Juni 1897 meldete die Emser Zeitung: »Zur Kur weilt gegenwärtig hierselbst auch der gefeierte Novellist Herr Dr. Paul Heyse aus München. Er hat wie auch im Vorjahre im ›Hof von Holland‹ Wohnung genommen.« Gefeiert wurde Heyse, wie der Rheinische Courier berichtete, auch in Ems, und zwar mit einer so vehementen Zuwendung, wie das heute nur noch bei Pop-, Schnulzen-, Film- und Fußballstars geschieht. Dem Dichter war das sehr lästig, vor allem fielen ihm jeden Tag wieder die hartnäckigen Autogrammjägerinnen auf die Nerven. Er wurde ablehnend bis zur Unhöflichkeit. Bald erschien er nur noch zu unüblichen Zeiten in der Brunnenhalle. Gewohnt hat er in der Lahnstraße 21, etwas abgesetzt von der Kurszene, also in unmittelbarer Nachbarschaft der Häuser »Algier« und »Luzern«, in denen Dostojewski von 1874 bis 1879 logiert hat. So hatte denn Heyse von seinem Balkon aus fast auf den Punkt genau die gleiche Aussicht. Er hat die Landschaft oft gezeichnet und auch diesen und jenen portraitiert, so den Hofkapellmeister Reiß, damals in Ems eine stadtbekannte Persönlichkeit. Paul Heyses Werk ist rein vom Umfang her außerordentlich: 24 Bände Novellen, 12 Bände Romane und 3 Gedichtsbände. Im 21. Band finden wir die Novelle »Der Blinde von Dausenau«. Was den Aufbau und die Konzeption angeht, so ist bei dieser Erzählung das weltberühmte Vorbild deutlich zu erkennen, nämlich Giovanni Boccaccios »Dekameron«. Germanisten, vor allem Deutschlehrer, die ein Beispiel für die »Falkentheorie« suchen, finden im »Blinden von Dausenau« alles, was sie brauchen: die intensive Kraft des Augenblicks, die Schicksalswende, den einen, einzigen Höhepunkt, auch »Pointe« genannt. Aber es gehört noch etwas anderes dazu, und das ist die Rahmenhandlung. Sie ist hier gegeben durch den Kuraufenthalt des Autors und eine Geschichte, die ihm von einem Mädchen aus Ems erzählt wird. Es soll sich dabei, wie ältere Leute zu berichten wußten, um eine wahre Begebenheit gehandelt haben. Vor allem den »Blinden von Dausenau« hätte es tatsächlich gegeben. Dadurch erhält die Novelle jene Wirklichkeitsnähe, auf die das vorangestellte Keller-Zitat abzielt. Verläßt sich Heyse auf seine Erfindungsgabe, wirkt alles künstlich und gemacht. Wo aber, wie hier, der Bezug zum Leben vorhanden ist, überzeugt auch die Handlung, und man spürt echte Dramatik und Tragik. Das gilt besonders für die »Totenlieder«. Paul Heyse schrieb sie, nachdem ihm die Frau und drei Kinder gestorben waren. Die Novelle ist in der Ich-Form verfaßt und liest sich, was die Rahmenhandlung angeht, wie ein Kurbericht. Wir stoßen dabei allerdings auf einige Widersprüche und Ungereimtheiten, die nicht übergangen werden können. Zu kurieren sind auf ärztlichen Rat die Nachwirkungen einer Influenza, also einer Grippe, vor allem ein Halsleiden. Nur dieser Zwang ist es, der den Patienten nach Ems treibt, um dort seine »Strafzeit anzutreten«. Und an einer anderen Stelle heißt es: »Auch die wenigen Menschen, denen ich begegnete, schienen unter dem Druck von sieben Atmosphären dahinzuwandeln, und ich glaubte in ihren Blicken etwas wie Mitleiden zu lesen, daß wieder ein armer Sünder den ersten Fuß in sein schwüles Zellengefängnis zu setzen im Begriff war.« Von einem »schwülen Zellengefängnis« kann nicht gut die Rede sein. Der Dichter hat zwar zunächst Schwierigkeiten bei der Suche nach einem Logis und ärgert sich hierbei über die »befrackten Kellner«. Doch dann findet er eine sehr schöne Wohnung, von der er selber sagt: »... Hier fand ich denn auch alles, was ich wünschte, zwei geräumige Zimmer nach Norden und Süden gelegen, letzteres auf einen Balkon sich öffnend, von dem aus man über die Wipfel der niedrigen Kastanienbäume hinweg den Fluß verfolgen konnte, wie er an der Brüstungsmauer der Kuranlagen vorbeifloß ...« Merkwürdig ist die Beschreibung des Emser Klimas. Es heißt in der Novelle: »Man hatte mich so vielfach vor der schweren Sonnenglut gewarnt, die in den Sommermonaten sich über den tiefen Talgrund lagere, daß ich meine Kur so früh als möglich beginnen wollte.« Was folgt, ist eine Darstellung des lastenden, schwülen, feuchtheißen Tropenklimas mit häufigen Gewittern, wie es im Lehrbuch steht. Ausgehen könne man erst spät, oft erst bei hereinbrechender Dämmerung, behauptet der Erzähler, oder man müsse mit Hilfe der Malbergbahn in die Bergwälder flüchten. Das geht bis ins Groteske. Als er in Dausenau in einem Wirtsgarten sitzt und Lahnwein trinkt, stellt er dazu einige Betrachtungen an: »Er (der Wein) hatte freilich so wenig Feuer, daß mich’s nicht wundern konnte, wenn er den guten Leuten nicht ins Blut ging und ihnen die Zunge löste. Von dem raschen rheinischen Temperament, dem ›das Leben so lustig eingeht‹, hatte ich in diesem Seitental überhaupt nichts wahrnehmen können. Das schien in der schwülen Luft zwischen den dichten Waldhöhen überhaupt nicht zu gedeihen. Es war mir aufgefallen, daß auch die Brunnennymphen, die den Kurgästen die Becher füllen, fast alle ein bleiches, blutarmes Aussehen haben und zu einem mutwilligen Verkehr mit den Fremden nicht aufgelegt scheinen.« Was die »Brunnennymphen« angeht, so handelte es sich um ausgesucht schöne Mädchen und keineswegs um klimageschädigte kümmerliche Wesen. Man kann Bad Ems noch zum Koblenzer Klimakreis rechnen. Paul Heyses Kur dauerte 1897 vom 27. Mai bis 26. Juni. Untersucht man die Wetterberichte für diese Zeit, so ergibt sich, daß am 30. und 31. Mai tatsächlich eine Hitze wie im Hochsommer geherrscht hat. Ansonsten war es eher feuchtkühl. Die Eichen standen im vollen Blätterschmuck, während die Eschen nur zögernd nachkamen. Deshalb zitierte die Emser Zeitung die alte Bauernregel »Grünt die Eiche vor der Esche, hält der Sommer große Wäsche«. Am 21. Juni schrieb die Zeitung: »Sommeranfang haben wir heut. Aber unter welchen Verhältnissen! Fast tuth es noth (sic), sich mit Winterkleidern, Pelzmützen und Handschuhen zu versehen.« Am 2. Juni verzeichnete die Kurliste 1 745 Kurgäste und 1259 Passanten. Erhält die Novelle so durch das Kur- und allgemeine Lokalgeschehen ihren Rahmen, ist die eigentliche Handlung einfach, gradlinig, der Schluß einleuchtend. Lieschen, ein Emser Mädchen, hat sich mit allen Fasern und Fibern rettungslos in den Bratschisten des Kurorchesters, den »schönen Schorsch«, verliebt. Dieser heuchelt Gegenliebe, verlobt sich heimlich mit ihr, ist aber in Wahrheit ein eiskalter Spekulant. Als Lieschen die erhoffte Erbschaft ihrer reichen Tante nicht erhält, wendet sich der Musiker, den man auch den »geigenden Rattenfänger« nennt, sehr schnell einer älteren, aber vermögenden Witwe aus Lahnstein zu. Es kommt zum Höhepunkt, zur »Pointe« der Novelle. Lieschen sieht den Geliebten am Arm der anderen. Wie vom Blitz getroffen, stürzt eine Welt zusammen. Lieschen bringt sich um, man findet sie tot auf dem Pflaster. Der Vater des Mädchens, ein armer Gerichtssekretär, erfährt davon nichts mehr. Bei einem Handgemenge mit dem »schönen Schorsch« ist er mit dem Kopf auf einen Stein geschlagen. Seitdem ist er nicht nur blind, sondern auch geistig gestört und verwirrt. Beherrscht wird er nur noch von dem wahnhaften Zwang, Geld für seine Tochter beschaffen zu müssen. Dabei entwickelt er in seinem kranken Hirn eine geradezu unglaubliche Konsequenz. Er mietet bei einem Dausenauer Schuster eine winzige Kammer und steht jeden Tag, den Gott werden läßt, Sommer wie Winter, an der Straße nach Ems und bettelt. Ein alter Mann, starr, ausdruckslos, halb zerlumpt, auf einen Chausseestein gestützt, – das ist die Gestalt des »Blinden von Dausenau«, wie sie viele gesehen und der Nachwelt beschrieben haben. Die Handlung wird vom Autor nur spiegelhaft reflektiert. Erzählt wird sie von Lieschens Freundin Rikchen, die als »Brunnennymphe« ein auffallend gebildetes Deutsch spricht. Die beiden Mädchen singen ein Lied, das die Tragik vorausahnen läßt. Es ist das Leitmotiv mit den auf den naiven Volkston gestimmten Versen: »Nur Geduld! Dich trifft noch bittre Reue, Wenn ich lange, lang’ schon nicht mehr bin!« Moralisch überhöht wird die Novelle durch das wohl mit Absicht verkürzte Schillerwort »Die Treue ist kein leerer Wahn«. Es hätte dem damaligen Leserempfinden mit seiner treuherzigen Vorliebe für das Sprichwort »Alles Unrecht rächt sich hier auf Erden« widersprochen, wenn der Übeltäter ungestraft davongekommen wäre. So ereilt denn den »schönen Schorsch« sein Schicksal in Gestalt jener Witwe, die schon bald nach der Heirat zur eifersüchtigen Megäre wird und wie ein Drachen auf ihrem Geld sitzt. Wir Heutigen sind durch Katastrophen gegangen; die Ernüchterung geht bis auf den Grund. Vieles aus Heyses Werk erreicht uns nicht mehr oder klingt nur noch als ferne Elegie schwach herüber, zu sentimental, um uns noch zu rühren. Ideale, moralische Maximen, der Glaube an eine höhere Gerechtigkeit – das sind für viele nur noch abgegriffene Geldscheine, denen längst die Golddeckung fehlt. Das Nobelpreiskomitee sah das 1910 anders. In der Verleihungssurkunde heißt es: »In Anerkennung der vollendeten, von Idealismus durchleuchteten Kunst, für die er während langer fruchtbarer Jahre als Lyriker, Dramatiker, Romancier und als Verfasser von weltberühmten Novellen Beweise gegeben hat.« Sieht man von Rudolf Eucken ab, der den Preis 1908 für sein philosophisches Werk erhalten hat, so war Paul Heyse der erste deutsche Dichter, dem der Nobelpreis verliehen wurde. Einer seiner vielen Freunde, der sonst so kritische Theodor Fontane, der übrigens seine »Effi Briest« auch zur Kur nach Bad Ems fahren läßt, hatte geglaubt, Heyse würde der Epoche den Namen geben. Tatsächlich gehörte er schon zu seinen Lebzeiten zum eisernen Bestand der Lesebücher. Aber dann wurde es still um ihn. Doch mag sich der eine oder andere ältere Leser noch an ein Heyse-Gedicht erinnern, vielleicht an dieses: Vom Geben Sei zum Geben stets bereit, miß nicht kärglich deine Gaben, denk, in deinem letzten Kleid wirst du keine Taschen haben. »Ein Welfe schwingt sich bald zum Führer der neuen Partei auf. Es ist Ludwig Windthorst, der genialste Parlamentarier, den Deutschland je besaß. Ein geriebener Idealist, ein frommer Fuchs ...« Golo Mann Unter den zahlreichen berühmten Kurgästen des Bades gibt es nicht wenige, die dem Biographen seine Arbeit sauer machen. Das gilt besonders für Ludwig Windthorst. Tagebücher hat er nicht geschrieben, Memoiren nicht verfaßt. Im Gegenteil, er war mit Eifer bemüht, alles Persönliche, Private, Familiäre, ja, fast möchte man sagen alles Menschliche zu verstecken, unsichtbar und unzugänglich zu machen. Deshalb hat er seinen Briefwechsel stets vernichtet. Natürlich gibt es Literatur über sein öffentliches Wirken, allein drei Bände seiner Reichstagsreden. Aber als der Windthorst-Forscher, Hofrat Dr. Finke, ein Bild der Persönlichkeit entwerfen sollte, mußte er erkennen: »Die Quellen versagen.« Es ist merkwürdig, daß die örtliche Presse von Windthorsts Kuraufenthalten wenig oder gar keine Notiz genommen hat. Der in Ems erscheinende ›Lahn-Bote‹, der sonst wortreich über jede kleine Prinzessin und jeden Duodezfürsten berichtete, brachte höchstens, wie am 21. Juli 1885, die lapidare Meldung: »Der Reichs- und Landtagsabgeordnete Dr. Windthorst ist zum gewohnten Kurgebrauch hier angekommen.« Geht man die Kurlisten durch, so stellt man fest, daß Windthorst Ems von 1874 bis 1890 in jedem Jahr besucht hat. Er kam 1874 und 1877 schon im Juni,die übrigen Jahre im Juli und blieb meistens vier Wochen. Am »Windthorst, Exc. Hr. Staatsminister a.D. m. Gem. u. Frl. Tcht. a. Hannover« In den weiteren Jahren werden seine Frau und seine Tochter nicht mehr genannt, jedenfalls nicht unter der Gästen der ›Villa Flora‹. Als Minister gebührte ihm der Titel Exzellenz. Aber Minister oder Oberkronanwalt im Königreich Hannover war er schon lange nicht mehr. Zur Begründung genügte ein Blick über die Lahn auf den ›Kaiserflügel‹ des Kurhauses. Dort, an seinem Eckfenster, saß Wilhelm I., der 1866 Hannover okkupiert hatte. Seitdem kämpfte Windthorst zäh und mit Erfolg darum, dem vertriebenen Welfenkönig wenigstens einen Teil seines Vermögens zurückzugewinnen. Welfischer und stockantipreußischer als Windthorst konnte niemand gesonnen sein. Sein Domizil in Ems war stets die ›Villa Flora‹ in der Villenpromenade. Daran erinnert die große schwarze Marmorplakette über dem Eingang an der Straßenseite. Dieses Haus und die bergseitig, schräg gegenüberliegende ›Villa Aurora‹ waren 1870/71 von den Brüdern Jean und Heinrich Eisenbeis erbaut worden. Das Haus ›Flora‹ mit seinen sparsamen klassizistischen Stilelementen, den leicht gerundeten, z.T. säulengestützten Fensterbögen und dem unter dem Dachsims umlaufenden Ornamentfries muß Windthorst gefallen haben. Er bewohnte zwei bevorzugte Zimmer der ersten Etage im Westteil und benutzte die untere Hälfte des doppelstöckigen Balkons mit der auch heute noch schönen schmiedeeisernen Balustrade. Man ist erstaunt über die große Zahl von Hausgästen, manchmal bis zu zwanzig, die gleichzeitig mit Windthorst Quartier nahmen, zum Teil sogar mit Bedienung. Aber die Villa ist viel geräumiger, als sie von außen scheint. Sie hat 23 Zimmer und 6 Kammern. Die anderen Gäste waren, wie die Kurlisten ausweisen, häufig Kaufleute, Fabrikanten, höhere Beamte; dann ein Medizinalrat, ein Lehrer, mehrere Geistliche und auch einige Aristokraten, wie zum Beispiel im Juni 1874 de Léonarde, der Kammerherr des Zaren. Noch heute wirkt die Villenpromenade entrückt, abgesondert. Wäre nicht hier und dort der Verfall so deutlich, könnte man glauben, die Zeit sei stehengeblieben. Windthorst wird diese Lage links der Lahn mit Bedacht gewählt haben. Hier hatte er Distanz zur feudalen Kurszene mit den großen Akteuren der Politik. Mit 100 Sitzen im Reichstag konnte er sich als die große Gegenposition empfinden. Gewiß, der Kampf um einen deutschen Bundesstaat unter Einschluß Österreichs war verloren. Aber für die Herren dort drüben, die Repräsentanten der zentralen Reichsgewalt, war noch längst nicht aller Tage Abend. »Extra Centrum nulla salus« (Außerhalb des Zentrums kein Heil) – das war von Windthorst durchaus nicht ironisch gemeint. Es gibt keine Äußerungen Windthorsts über sein Verhältnis zur Landschaft. Ungewohnt mag ihm zunächst das Erlebnis des engen Tales gewesen sein. Das Mittelgebirge war ihm seit seiner Kindheit vertraut. Ostercappeln, sein Geburtsort, liegt nahe an einem Ausläufer und in Sichtweite des Wiehengebirges. Osnabrück wird umrahmt von schmalen Gebirgs- rücken und welligen Hochflächen. Und sein nächster Wohnort, Hannover, gilt zwar noch als Stadt des Tieflandes, doch erblickt man im Süden schon das Leinebergland mit dem blauen Waldrücken des Deisters. Sehen wir von Berlin ab, so waren das die Bilder, die Windthorst mitbrachte. Die Emser Landschaft kann ihm deshalb, vor allem von der Höhe aus betrachtet, so fremd nicht erschienen sein. Ja, man muß vermuten, daß dies ein Grund mit war, warum er so oft wiederkam. Auch über seinen Gesundheitszustand ist wenig in Erfahrung zu bringen. Man muß es schon einen Glücksfall nennen, daß einige seiner Briefe, die er an seinen langjährigen vertrauten Freund Onno Klopp geschrieben hat, der Vernichtung entgangen sind, und das trotz der Anweisung: »Übrigens behandeln Sie den Inhalt dieses Briefes diskret und werfen Sie ihn ins Feuer.« Sie sind 1912/13 in den ›Stimmen aus Maria Laach‹ erschienen, darunter auch ein Brief aus Bad Ems vom 26. Juli 1887. Klopp muß viele Fragen beantworten, viele Auskünfte erteilen, erhält jedoch wenig Informationen. Aber zweimal bringt es Windthorst über sich, eine ihn selbst betreffende Bemerkung zu machen. Einmal heißt es: »Die Campagnes in Berlin sind furchtbar aufreibend, und ich fange an, das kommende Alter zu fühlen.« Und zum anderen: »Ich suche mich von den Strapazen der letzten Parlamentskampagne zu erholen.« Der ständige Kampf im preußischen Landtag und im Reichstag, die Führung der Zentrumspartei, die Zerreißproben der Redeschlachten, die immer erneut zu beweisende Fähig-keit des blitzschnellen Reagierens und bis zum äußersten zugeschärften Argumentierens, die häufigen schweren Zusammenstöße mit Bismarck, vor allem im Kulturkampf, das alles muß bei Windthorst Zustände schwerer Erschöpfung verursacht haben. Sie vor allem, vielleicht auch noch sein stark strapazierter Kehlkopf, müssen ihn veranlaßt haben, regelmäßig zur Kur nach Ems zu fahren. Was übrigens Bismarck angeht, so war er im Grunde ein sensibler Mensch, aber er besaß die Fähigkeit, sich nach außen abzureagieren. So sagte er einmal grimmig nach einer Reichstagsrede: »Mein Leben erhalten und verschönern zwei Dinge: Meine Frau und – Windthorst. Die eine ist für die Liebe da, der andere für den Haß.« Im Juni und Juli 1877 war Richard Wagner mit seiner zweiten Frau Cosima in Ems. Sie wohnten im ›Schloß Balmoral‹, also in unmittelbarer Nachbarschaft der ›Villa Flora‹. Windthorst machte am 19. Juni und am 2. Juli einen Besuch. Er konnte nicht ahnen, daß Cosima auch darüber Tagebuch geführt hat. Die erste Eintragung lautet: »Auch eine Schwester Malwida’s lernen wir kennen, und R. (=Richard) auch den Abgeordneten Windthorst, Chef der ultramontanen Partei, sehr witzig sein sollend. Leider sehen wir ihn zwischen zwei Pfarrern, eifrig eine Zeitung lesend, welche diese ihm gebracht, kein hübscher Anblick.« Und an der anderen Stelle heißt es: »Abends der Reichstagsabgeordnete Windthorst, er kommt, den Band der Gesammelten Schriften, welchen R. ihm geliehen hatte, unter dem Arm, und spricht mit Schärfe und Bedeutung sowohl hierüber als über die anderen politischen Dinge. Er scheint nur als Politiker der ultramontanen Partei anzugehören und hat einen freien Blick über die Dinge, doch ist wohl die Partei zu mächtig, um ihn nicht selbst dahin zu führen, wo er nicht gehen möchte. R. wollte gern mit ihm sprechen, geriet in Heftigkeit über den russisch-türkischen Krieg, weil unsere Gäste nicht auf Seiten Rußlands standen ...« Im Sommer 1886 weilte eine Frau Becker, die Gattin eines reichen Kaufmanns aus Ostpreußen, mit ihrem 17jährigen Sohn in Ems. Sie wohnten im heutigen ›Haus Rheinstein‹ und hatten Zimmer nach Osten mit Blick auf die katholische Kapelle auf dem ›Spieß‹. Der Sohn hat Tagebuch geführt, nicht gerade fehlerfrei, aber unbekümmert. Unter Mittwoch, dem 21. Juli, lesen wir: »Zur Abwechslung ein Bad im Römerbade genommen, wo es mir doch gar nicht gefiel. Windhorst ist ja nun auch in Ems und habe ich ihn öfters gesehen. Er ist genau derselbe wie im Kladderadatsch das Fischmaul etc., meistens geht er mit Pfaffen oder jungen Mädchen. Zum Kafé nach dem Schweizerhaus.« Und unter Samstag, dem 24. Juli: »Nichts besonderes, als daß uns Fräulein Krause zum Kaffee nach Villa Bériot abholen kam. Wo wir hübsch saßen, und Windhorst ganz nahe vorübergehen sahen, natürlich mit dem ewig hämisch, überlegen lachenden Kladderadatschgesicht und in Begleitung zweier junger Damen.« Bei den Begleiterinnen kann es sich um zwei der vier Eisenbeis-Töchter gehandelt haben. Eine von ihnen, Adelheid, hat dem Minister, wie ihr Neffe Leo Funken, also der Enkel des Jean Eisenbeis, berichtet, oft aus Zeitungen und Büchern vorgelesen. Ludwig Windthorst war nämlich seit seiner Jugend stark sehbehindert. Wo sich Windthorst auch sehen ließ, auf der Promenade, im Kursaal oder in der Brunnenhalle, er konnte sicher sein, daß er erkannt wurde. Er war genau das Gegenteil dessen, was wir heute ›telegen‹ nennen. Zudem klein von Gestalt, wirkte er neben dem hünenhaften Bismarck fast wie ein Zwerg. Die hohe Stirnglatze, die starken Brillengläser mit dem Blick der kranken, überanstrengten Augen, die zu große Nase, der zu breite Mund mit den oft ironisch gekräuselten Lippen – das alles machte ihn nicht nur unverwechselbar, sondern zu einem Fressen für übertreibungslüsterne Karikaturisten. Das hier ausgewählte Zerrbild im ›Kladderadatsch‹ von 1884 spielt wie immer auf Windthorsts politischen Katholizismus und seine Papsthörigkeit an. Der Text dazu lautet: »Ludwig Windthorst, der Führer des Zentrums, sieht nur Rom; Ludwig Bamberger, der Finanzexperte,starrt auf den Geldbeutel; Eugen Richter, der Führer der Deutsch-Freisinnigen, hat die Wahlen 1890 im Auge, während Bismarck in die Zukunft blickt.« Windthorst muß in der Mainzer Straße oft am ›Mainzer Haus‹ vorbeigegangen sein. Es entbehrt nicht der Ironie, daß hier 1786 die ›Emser Punctationen‹ beschlossen wurden. Es war eine Geheimabmachung eines Erzbischofs mit drei Bischöfen, etwas gegen die Übergriffe und die Diktatur des Papstes zu unternehmen. Vom 22. Juli bis 20. August 1890 war Windthorst zum letztenmal in Ems. Es schien alles wie eh und je. Im Kurgarten spielte das Kurorchester und an den ›Vier Türmen‹ eine Militärkapelle. Das Theater brachte Erbauliches und Heiteres, diesmal etwas von Fritz Reuter. Es sangen die Bergleute des Gesangvereins ›Glück auf‹. Am 27. Juli fand bei herrlichem Wetter die alljährliche ›Monstre-Beleuchtung‹ der Kuranlagen statt. Seit zwei Jahren war der Kaiser tot. Aber der mit dem Flor der Damen schön dekorierte Wanderfries der Komparsen mit den reichen Müßiggängern, Flaneuren, Dandies, Kranken und Hypochondern bewegte sich weiter. Die Kurlisten strotzten nur so von Adelsprädikaten, doch – das konnte einem so scharfen Betrachter der Zeit wie Windthorst nicht entgehen – es war nur noch zweite Besetzung. Ems hatte aufgehört, die ›Sommerhauptstadt Europas‹ zu sein. Am 7. März 1891 hielt Ludwig Windthorst seine letzte Reichstagsrede. Er starb am 14. März an einer Lungenentzündung, 79 Jahre alt. Nun brachte auch der ›Lahn-Bote‹ einen Gedenkartikel auf der ersten Seite und war des Ruhmes und Lobes voll. Worüber nichts in der Zeitung stand, was aber der Graf Waldersee seinem Tagebuch anvertraute, war die Reaktion des Kaisers. Wilhelm II. mußte davon zurückgehalten werden, sich in groß- und hohltönenden Trauerbekundungen zu ergehen. Es war gerade ein Jahr her, daß er gedroht hatte: »Wenn Windthorst ins Schloß kommt, so lasse ich ihn durch einen Gefreiten und drei Mann arretieren.« Es ist tragisch, daß die beiden Kurgäste, die der deutschen Geschichte einen anderen Verlauf hätten geben können, vorzeitig von der politischen Bühne geholt wurden. Bei Friedrich, dem 99-Tage-Kaiser, war es eine falsche Diagnose; Ferdinand Lassalle wurde in einem Duell tödlich verwundet. Er, der ideenreiche Revolutionär, der Wegbereiter der Sozialdemokratischen Partei, wäre im Reichstag ein ebenbürtiger Gegner Bismarcks gewesen. »Er war sein eigenes Gesetz, sein eigener Gott. Eine Überheblichkeit ohnegleichen, sowohl nach christlichen wie nach mosaisch-jüdischen Maßstäben, aber eine Überheblichkeit prometheischen Formats.« Gösta von Uexküll über Lassalle Politiker, Philosoph, Jurist, Schriftsteller, Dichter, Journalist – das alles war Ferdinand Lassalle. Sein vielbändiges Werk ist durch seine Ideenfülle, seinen Gedankenreichtum und seine philosophische Konsequenz überwältigend. Aber wenn Heinrich Heine, der einstige Freund, ihn einen ›Gladiator‹ nannte, so meinte er damit den Redner, den Agitator, den revolutionären Volkstribun und den virtuosen Strafverteidiger. Bevor Lassalle 1864 nach Bad Ems fuhr, feierte er in Solingen, Barmen, Köln, Duisburg, Wermelskirchen, Ronsdorf und Düsseldorf seine größten rhetorischen Triumphe. Überall Tausende von Arbeitern. Man spannt ihm die Pferde aus, überhäuft ihn mit Ehrengaben und Blumen. Genau ein Jahr zuvor, am 23. Mai 1863, hatte sich in Leipzig der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein konstituiert und Lassalle zu seinem Präsidenten gewählt. 100 Jahre später werden die Sozialdemokraten – wenn auch nach langem Streit – dieses Datum als den Gründungstag ihrer Partei begehen. Die Menschen im Rheinland, die ihm zujubeln, wissen nicht, daß er nur noch durch ärztliche Hilfe seine Heiserkeit bekämpfen kann. Sie wissen auch nicht, daß diese Stimme, die so saalfüllend und tragfähig ist, im alltäglichen Umgang zu schrill wirkt und daß Satzanfänge oft nur stotternd herausgebracht werden. Wenn Lassalle vor der Masse steht, fällt das alles schlagartig von ihm ab. Seine Beredsamkeit ist hinreißend, ohne hohle Phrasen und leere Versprechungen. Er ist der Meister der eingängigen Parolen. Viele glaubten, ein Naturtalent zu erleben, das aus der Sekunde heraus zündend zu formulieren versteht. In Wahrheit hatte Lassalle jede Rede sorgfältig vorbereitet und konnte sie dank seines phänomenalen Gedächtnisses auswendig wiederholen. Dazu seine Schauspielkunst, vor allem in Geste und Mimik, und natürlich auch ein Schuß Demagogie – das machte diesen Mann hochgefährlich und rief überall die Polizei auf den Plan. Doch dann versagten ihm die Stimmbänder den Dienst. Am 26. Mai trafen Ferdinand Lassalle und seine ständige Begleiterin, die Gräfin Sophie von Hatzfeld, in Bad Ems ein. Ihre Mittel hätten ihnen jederzeit gestattet, in einem feudalen Hotel abzusteigen. Aber sie zogen es vor, in einer verhältnismäßig bescheidenen, doch komfortablen Pension links der Lahn, also jenseits der eigentlichen Kurszene, Quartier zu nehmen, und zwar im Haus ›Bavaria‹ in der Braubacher Straße 10 (heute Nr. 5). Das Haus war erst vier Jahre alt und beherbergte nur wenige Gäste. In der amtlichen Kurliste vom 28. Mai 1864 sind verzeichnet: Berthot, Mr. a. Paris 553-55 Hatzfeld, Fr. Gräfin m. Bed. a. Berlin Lassalle, Hr. a. Berlin Wenn auch noch nicht ›Kaiserbad‹, war Ems 1864, also zwei Jahre vor der Okkupation durch Preußen, doch keineswegs ein verschlafenes nassauisches Provinznest. Ein Jahr zuvor, 1863, hatte das bekannte Pariser Magazin »Moniteur de la Mode« die Heilwirkung der Quellen gerühmt. Der Verfasser wird auch an die Spielbank und an die prickelnde, pikant-erotische Musik Jaques Offenbachs gedacht haben. ›Der Mozart der-Champs-Elysées‹, wie ihn Rossini nannte, war auch im Sommer 1864 wieder in Ems. Lassalle wird ihm begegnet sein. Es wurden in diesen Wochen 19 mal Werke von Offenbach aufgeführt, auch die Einakter ›Fortunios Lied‹, ›Une Demoiselle en Loterie‹ und ›Lieschen und Fritzchen‹. Durch die Spielbank mag diese oder jene Existenz ruiniert worden sein, aber ein ›Vergnügungsbabel‹ war Ems sicher nicht. Dafür sorgte auch eine Verfügung des Direktors des ›Herzogl. Nass. Hof- und Polizei-Commissariats‹, Graf von Bismark (nicht Bismarck), vom 27. Mai, worin es-heißt: ›Sämtliche Wirtschaften in Dorf Ems und Bad Ems werden abends 11 Uhr geschlossen.‹ Bei Zuwiderhandlungen wurden dem Gast wie dem Wirt Strafen bis zu drei Gulden angedroht. Damals also ein teurer Spaß. Sieht man sich den Fahrplan der ›Herzogl. Nassauischen Staats-Eisenbahn‹ vom 1. Juni an, so stellt man fest, daß für die ›Rhein- und Lahn-Bahn zwar täglich 26 Züge vorgesehen waren, jedoch keine Nachtzüge. Wenn auch keine Lokalzeitung darüber berichtet hat, so dürfte doch das Erscheinen Ferdinand Lassalles mit der Gräfin Sophie von Hatzfeld auf der Kurpromenade in Ems die Sensation des Jahres gewesen sein. Man kannte die beiden, ihre Bilder, mehr noch ihre Karikaturen, aus der Presse und vor allem die zahlreichen Berichte in der ›Neuen Rheinischen Zeitung‹ über die Ehescheidung, die sich acht Jahre hinzog. 36 Prozesse hatte ihr Anwalt Lassalle deshalb führen müssen, um nicht nur ihre Scheidung, sondern auch die Herausgabe eines riesigen Vermögens zu erzwin- gen. Das hatte ihm die Gräfin mit einer Jahresrente von 4 000 Talern honoriert.Unvergessen war dabei die ›Kassettenaffaire‹, ein Strafprozeß gegen Lassalle wegen Anstiftung zum Diebstahl. Seine virtuose Verteidigungsrede war es dann, die den Gerichtssaal zum politischen Tribunal und den jungen Anwalt mit einem Schlage in ganz Deutschland berühmt machte. Es gab kaum ein Schimpfwort, mit dem Sophie von Hatzfeld nicht bedacht worden war. Hinzu kam, daß sie Bier trank, die qualmende Zigarre als Signal der Frauenbefreiung schwenkte und – noch unglaublicher für eine Aristokratin! – Sozialistin war. Dafür wurde von Edmund von Hatzfeld, ihrem Mann, dem Wüstling mit seinen zahlreichen Maitressen, schon weitaus weniger gesprochen. Natürlich wurde auch in Ems darüber spekuliert, ob die Beziehungen der Gräfin zu ihrem 20 Jahre jüngeren Anwalt nicht auch sexueller Natur seien. Eine Frage, die bis heute immer wieder gestellt wird. Und man möchte mit Nachdruck antworten: Na, wenn schon! Sophie von Hatzfeld war, als sie 1864 wieder nach Ems kam, 59 Jahre alt. Sie war eine wirkliche aristokratische Erscheinung von sehr ebenmäßiger Gestalt und ebensolchem Gesicht, das lange Zeit mädchenhafte Züge bewahrt hatte. Aber man konnte sie auch so sehen: »Ich fand ihre Haare so ›blond‹ und ihre Augen so blau wie früher, aber in ihrem übrigen Gesicht las ich die Worte eingeprägt: zwanzig und zwanzig macht siebenundfünfzig ..., daß sie die Kunst vollkommen versteht, sich herzurichten und in ihrer Schminkdose die Farbtöne zu finden, die ihr Blut nicht mehr hergibt.« Der das schrieb, war kein anderer als Karl Marx, der an der Gräfin wie an ihrem Freund mehr und mehr die Linientreue vermißte. Es war derselbe Marx, der zu sagen pflegte, »was mich angeht, so bin ich kein Marxist.« Wie überall in Deutschland gab es auch in Ems Leute, die ihre Freiheitsideale und ihre Hoffnungen aus dem Revolutionsjahr von 1848 nicht begraben hatten. Nimmt man dazu die Besitzlosen in der Kurstadt, die Bergleute, die Tagelöhner, die Dienstboten, so konnte Lassalle bei einigen von ihnen auf Zustimmung, einer stillschweigenden allerdings, rechnen. Ein Blick in die Kurlisten belehrte ihn jedoch, daß genau die Klassen und Repräsentanten versammelt waren, denen er in tiefster Seele verhaßt war. Für die Aristokraten, die Konservativen und nicht zuletzt das liberale Bürgertum war Lassalle der Schreckensmann, der weder die Monarchie noch die bürgerlich-parlamentarische Republik wollte, sondern den sozialistischen Staat. Zugegeben, der Mann war Patriot, er forderte leidenschaftlich ein großes, vereinigtes Deutschland. Aber was sollte es schon bedeuten, wenn sich dieser Volksverhetzer, dieser Teufelsadvokat, angeklagt wegen Hochverrats, hinstellte und mit infamer Treuherzigkeit erklärte: »Nur Staatsanwälte denken bei Revolution gleich an geschwungene Heugabeln.« Das war kein Reformer, das war ein Revolutionär mit der Jakobinermütze (die er tatsächlich besaß). Da traf es sich gut, daß 1864 ein Jahrhundert-Bestseller erschien, nämlich Wilhelm Raabes Roman ›Der Hungerpastor‹. Für Moses Freudenstein, den Antihelden des Buches, die negative Kontrastfigur, den Erzbösewicht, hatte der Dichter Ferdinand Lassalle als Modell benutzt. Später, allerdings sehr viel später, wird Raabe sein eigenes Werk als ›Jugendquark‹ bezeichnen. Den Neugierigen in Bad Ems wird kaum entgangen sein, daß Lassalle stets einen Spazierstock mit sich führte, aus dessen goldenem Knopf das Bild der Bastille plastisch herausgetrieben war. Der Stock Robbespierres! Er war es tatsächlich. Das mag vielen schon Beweis genug gewesen sein. Der Kurgast Lassalle, erst 39 Jahre alt, dürfte auf seine Betrachter nicht unsympathisch gewirkt haben. Auffallend waren sein volles, dunkelblondes, sehr krauses Haar, die hohe Gelehrtenstirn und die großen blauen Augen. Der Eindruck eines geradezu klassischen Profils wurde durch die blasse, fast marmorweiße Haut noch verstärkt. Nicht zu übersehen waren der müde Zug um die Augen mit den Falten in den Winkeln und der Ansatz von Tränensäcken. Der engbrüstige Oberkörper wirkte etwas zu steif, doch war die Haltung sonst tadellos. Diese Persönlichkeit, so ist oft berichtet worden, hatte eine starke Ausstrahlung, etwas Gewinnendes, Bezwingendes. Ferdinand Lassalle hatte Macht über Menschen. Macht! Mit diesem Phänomen hatte sich vor Lassalle so ausgiebig nur Niccolo Machiavelli beschäftigt. Nietzsche sprach übrigens von Lassalle mit beinahe fassungsloser Hochachtung als ›irrationaler Größe‹. Ein späterer Besucher der Kurstadt hatte am 28. Januar 1864 sein fünftes und letztes Geheimgespräch mit Lassalle. Es war Bismarck, der im Kampf um die Macht ein untrügliches Gespür für das Kongeniale besaß und von seinem Gesprächspartner sagte: »Er war einer der geistreichsten und liebenswürdigsten Menschen, denen ich je begegnet bin, durchaus nicht Republikaner.« Lassalle war in Ems gekleidet wie immer, nämlich elegant, nach letztem Schnitt und Chic der Mode und sehr teuer. Dazu gehörten feinste Oberhemden und blitzende Lackstiefel. So hatte man sich den Führer der Proletarier nicht vorgestellt. Auch sonst paßte vieles nicht ins Bild: die Wohnung in der feudalen Bellevuestraße in Berlin mit der Dienerwohnung, dem Speisesaal für 30 Personen, den vier Salons, der großen Bibliothek und dem Weinkeller. Karl Marx nannte das alles verächtlich ›Bourgeoisen Luxus‹. Lassalle, den Bonvivant, den Kavalier mit den aristokratischen Allüren, den Bohemien mit seinen literarischen Gesellschaften und Champagner-Soupers – den gab es also, wie nicht wenige hämisch bemerkten, wirklich. Daß der normale Arbeitstag dieses Mannes noch bis vor kurzem morgens um vier Uhr begann und 15 Stunden dauerte, sah man dem Kurgast nicht an. Lassalle betrieb alles mit ungeheurer Intensität und mit einer, wie Heinrich Heine sagte, »an Irrsinn grenzenden Willenszähigkeit«. Dr. Gerhardy, von dem sich Lassalle während seiner Reise durch das Rheinland wegen seiner Heiserkeit behandeln ließ, hat später behauptet, sein Patient habe ohnehin nicht mehr lange zu leben gehabt. Um die völlig überstrapazierten Stimmbänder zu kurieren, war Ems genau der richtige Ort. Bei Erkrankungen des Kehlkopfes und der Luftwege war die Heilwirkung der Quellen lange erprobt und ihr Ruhm berechtigt. Hinzu kam, daß der bekannte Badearzt und Verfasser des Werkes ›Der Kurgast in Ems‹ (1860), der Hofrat Dr. Ludwig Spengler, ein sehr wirkungsvolles Atemgerät konstruiert hatte, nämlich einen Inhalier-Apparat. Schon 1858 war dafür direkt über der Augenquelle eigens ein Pavillon errichtet worden. Lassalle war also nicht nur auf Trink- und Badekuren angewiesen. Am Erfolg kann nicht gezweifelt werden, denn am 6. Juli war der Agitator in der Lage, vor einer großen Versammlung in Frankfurt zu sprechen. Das war sein letzter öffentlicher Auftritt. Der berühmte Kurarzt Dryander (eigentlich Johannes Eichmann), nach dem eine der drei neuen Kliniken auf der Bismarckhöhe in Bad Ems benannt ist, hat eine große Zahl zum Teil sehr unterschiedlicher Krankheiten aufgelistet, die angeblich in Ems geheilt werden können.Wenn schon ein Allheilmittel, so konnte man den Katalog auch noch durch eine andere Krankheit erweitern: die Syphilis, auch ›Franzose‹ genannt. Lassalle hat sie sich tatsächlich in Frankreich geholt, wahrscheinlich 1847 in Paris. Er selbst sprach lieber von der ›Gicht‹. Radikalkuren mit Schwefel, Quecksilber und Jod-Kali hatten keinen durchschlagenden Erfolg. Lassalle dürfte sich im ›tertiären Stadium‹ befunden haben, von dem man seltsamerweise glaubte, es sei, wie wir heute sagen, nicht mehr virulent. Natürlich konnte das Baden im Thermalwasser nicht helfen, aber es milderte die Schmerzen in den Knochen und Gelenken. Versucht man mit Hilfe der Literatur, vor allem der Biographien und Briefe, die letzten Lebenswochen zu rekonstruieren, so stößt man auf Hinweise dafür, daß sich Lassalle in Ems in einer depressiven Gemütsverfassung befand. Bei seiner großen Rede in Ronsdorf, der größten überhaupt, hatte er sich in rauschhafter Hochstimmung für einen Augenblick als ›Religionsstifter‹ gefühlt. Aber der Nachhall dauerte nur wenige Tage. Dann kamen die Fragen, die Zweifel. Hatte es sich gelohnt, so oft vor dem Richter zu stehen und die Gefängnisstrafen abzusitzen? Waren seine Ideen überhaupt zu verwirklichen? Und wenn ja, wann? Erst in einer sehr fernen Zukunft? In den letzten Wochen und Monaten hatte er die Grenzen seiner Kräfte erkannt. Spaziergänge an der Lahn werden Lassalle an den stillen Strom seiner schlesischen Heimat, an die Oder, erinnert haben. Dort lag an vielen blinkenden Flußarmen sein Geburtsort, die alte Hansestadt Breslau mit ihrer angedunkelten Backsteingotik, vor allem des Rathauses und des Domes, und ihren wunderschönen Renaissance-Häusern und Parks. Immer dann standen ihm auch die mit Holzgängen verschalten Häuser an der alten Ohle, das Ladengeschäft des Vaters mit dem Wohnhaus an der Ecke Roßmarkt und Schloßstraße in der Altstadt vor Augen. Doch das war nicht mehr zu denken ohne die ständigen bitteren Vorwürfe des Vaters, des gottesfürchtigen Juden, und die letzten Zeilen vor seinem Tod: »Mein armes Herz, welches, wie Du weißt, ohnehin krank ist, bricht unter diesem geistigen Kummer, und wohl kann ich mit Vater Jakob ausrufen, ich werde mit Traurigkeit in die Grube steigen. Ich schäme mich, jemandem unter die Augen zu treten. Alles sieht mich mit sonderbaren Blicken an, weil jeden Tag etwas anderes von Dir in der Zeitung steht.« Ob in Berlin, Bad Ems oder wo auch immer – das ging dem Sohn nach; das wurde er nie mehr los; dafür gab es keinen Freispruch. Man kann mitten im Trubel der Zeit stehen, ein gefeierter Redner, ein bekannter Schriftsteller, ein glänzender Gastgeber sein, sich vor Einladungen kaum retten können und dabei doch vereinsamen. Dieses Gefühl verstärkte sich jetzt. Erst war die Freundschaft mit Heinrich Heine in die Brüche gegangen, an dessen Tod in seiner Pariser ›Matratzengruft‹ Lassalle nur mit Schaudern denken konnte. Dann – noch keine zwei Jahre war es her – starb der Vater, und Ferdinand schrieb an die Schwester: »Der einzige, der mich wirklich liebte und verstand, ist dahin.« Und jetzt, gerade in diesen Wochen, wurde deutlich, daß die enge Freundschaft mit Karl Marx und Friedrich Engels in Gegnerschaft umschlagen würde. Blieb nur ein wirklicher Lebensgefährte, ein Mensch, der ihm die Treue hielt: Sophie. Fast auf den Tag genau 10 Jahre später kam der geniale Debattenredner Ludwig Windthorst zum erstenmal als Kurgast nach Bad Ems. Lassalle hätte im Reichstag nicht nur mit ihm und Bismarck die Klingen gekreuzt, sondern auch alle anderen gegen sich gehabt, ob Rudolf von Bennigsen, Rudolf Virchow, Eduard Lasker oder August Reichensperger. In den Kurlisten sind Ferdinand Lassalle und die Gräfin von Hatzfeld zum letztenmal am Samstag, dem 2. Juli, verzeichnet. Doch wäre es wohl für den Leser unbefriedigend, wenn der Autor hier abbrechen würde. Es folgt nämlich jene letzte, ebenso kurze wie absurde Lebensphase, über die bis heute so viel geschrieben, spekuliert und gerätselt wird. Zu einer weiteren Kur fährt Lassalle am 15. Juli nach Kaltbad auf dem Rigi in der Schweiz. Der Zufall will es daß er dort am 25. Juli eine Bekannte aus Berlin trifft. Es ist Helene von Dönniges, 21 Jahre alt, rothaarig, lebenshungrig, hemmungslos, verlobt, entlobt, wieder verlobt mit dem schwindsüchtigen Yanko von Racowitza, Sohn eines rumänischen Großgrundbesitzers. Lassalle, hell entflammt, macht Helene, die seine Liebe heftig erwidert, einen Heiratsantrag. Sie gibt bedingungslos ihr Jawort. Ihre Familie leistet energischen Widerstand, schließt eine solche Verbindung kategorisch aus. Helene schätzt die Lage richtig ein. Es gibt nur eine Möglichkeit, fortgehen mit dem Geliebten, irgendwohin, und vollendete Tatsachen schaffen. Lassalles Handlungsweise ist dagegen völlig unverständlich. Mit Pathos erklärt er: »Ich will sie schon dazu zwingen. Nur aus den Händen deiner Eltern will ich dich in mein Haus führen.« Er schickt die Widerstrebende und von ihm Enttäuschte zurück zu ihren Eltern, die sie sofort einsperren und entsprechend bearbeiten. Schon bald zieht Helene ihr Jawort zurück. Hier hätte das Spiel zu Ende sein müssen, denn es war endgültig verloren. Doch Lassalle fühlt sich maßlos provoziert und zutiefst beleidigt. Er, der das Duellieren aus grundsätzlicher Überzeugung immer abgelehnt hat, schickt dem Vater, Wilhelm von Dönniges, eine Forderung. Lassalle folgt nicht dem Rat seiner Sekundanten, hier den Schlußpunkt zu setzen, sondern er akzeptiert den ihm völlig gleichgültigen Yanko von Racowitza als Ersatz-Kontrahenten. Oberst Wilhelm Rüstow, der Freund und Sekundant, weiß, daß Lassalle ein sehr guter Pistolenschütze ist, aber oft zu lange zielt. Deshalb ermahnt Rüstow ihn dringend, so schnell wie möglich zum Schuß zu kommen. Doch Lassalle hört ihm gar nicht zu. Am 28. August findet das makabre Schauspiel im Wäldchen von Carrouge bei Genf statt. Nach dem Kommando ›Eins‹ vergehen fünf Sekunden. Rakowitz schießt zuerst und trifft Lassalle in den Unterleib. Dieser feuert einen Wimpernschlag später, verfehlt aber seinen Gegner – und das auf fünfzehn Schritt Entfernung. Ferdinand Lassalle starb nach drei qualvollen Tagen am 31. August 1864. 4000 Personen kamen zur Trauerfeier nach Genf. War es nun ein fingierter, ein maskierter Selbstmord? Helene von Dönniges hat später manches behauptet. So soll Lassalle ihr gegenüber mehrfach Selbstmordabsichten geäußert haben. Das mag man nun glauben oder auch nicht. In Bad Ems erinnert heute nichts mehr an Lassalle, keine Gedenktafel, kein Straßenname. Als Lavater in Ems weilte, war sein Verhältnis zu Goethe noch ungetrübt. Der Dichter arbeitete zunächst sogar an den »Physiognomischen Fragmenten zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe« mit. (4 Bände, 1775-78). Es kam zum Bruch, weil Lavater den Boden der Wissenschaft verließ, sich in mystische Wahnvorstellungen verrannte und die Französische Revolution mit Beifall bedachte. Als Lavater 1801 von einer Kugel getroffen wurde, die man nicht entfernen konnte, und einen qualvollen Tod starb, nahm Goethe das mit Bedauern zur Kenntnis. »Er ist der beste, größte, weiseste, innigste aller sterblichen und unsterblichen Menschen.« Goethe über Lavater in einem Brief an Charlotte von Stein Am späten Nachmittag des 29. Juni 1774, einem Mittwoch, bildeten sich in Ems Gruppen von Neugierigen, um die beiden Ankömmlinge aus Frankfurt zu sehen: Goethe, dessen »Götz« die Bühnen im Sturm erobert, und Lavater, den großen Kanzelredner, der in seinen »Schweizerliedern« so unmittelbar den Volkston getroffen hatte. Seine Physiognomik, seine Lehre vom Ausdruck des Kopfes, des Gesichtes und der Gestalt wurde überall diskutiert, war zu einer internationalen Modeerscheinung geworden. Um möglichst viele Porträts zu erhalten, hatte Lavater den Maler Georg Friedrich Schmoll mitgenommen, einen sehr präzisen Zeichner. Wie die »37. Liste der Brunnengäste zu Embs« beweist, sind Goethe, der als Doctor Goeddee verzeichnet ist, und Lavater in dem »Fürstl.-Oranien-Nassauischen Badhause« abgestiegen. Lavater notierte im Tagebuch: »Welch ein Leben! Hier ein Billard – dort ein Tischgen – dort wieder eins – Officiers, Generals, Grafen, Baronen und des weiblichen vornehmen Geschlechts viel.« Die Kur war sehr gut besucht, wenn nicht überlaufen, denn die beiden Neuankömmlinge mußten mit den beiden kleinen, zur Bergseite gelegenen, dunklen Zimmern 48 und 49 vorliebnehmen. Lavater beschrieb das Kurhaus als »ein schönes, hohes, weites halbfürstliches Gebäude«. Hier empfing er drei Wochen lang die Scharen der Besucher, deren Namen eine sehr lange Liste ergeben. Goethe fuhr am nächsten Tag nach Frankfurt zurück, kam aber am 15. Juli wieder. Von seinem Fenster aus sah Lavater nur den Ausschnitt der steilen Felswand. Um so mehr erfreute ihn der Blick von der Bäderlei, so daß er gleich an Ort und Stelle ins Journal schrieb: »Hier seht ihr mit mir auf die bleiche, trübe, matte, mit Badequellen angefüllte Lahne herab – dort zur rechten im schwülen Morgenschatten das Dorf Ems ... Nun – ha, ein kühler Wind, der mir meinen Reishut zu rauben droht. – Seht doch die nahen Oberflächen von Felsen mit Gesträuch bewachsen ...« Die Landschaftsschilderung war nicht seine Stärke. Er stand auch zu sehr unter dem Einfluß Rousseaus und hatte eine Vorliebe für das Alpine, vor allem für die verschneite, zackige Gipfelflur der Glarner Alpen, den großartigen Hintergrund seiner Heimatstadt Zürich. Goethe hat zwar angenehme Stunden im warmen Bade genossen, aber er war kein Kurgast. Wichtig waren ihm die vielen gewinnreichen Gespräche und Erörterungen mit Lavater. Ansonsten praktizierte der Dichter seine typische Lebensart, nämlich das eine zu tun, ohne das andere zu lassen. Er schlug sich die Nächte um die Ohren, tanzte bis in den Morgen, trieb allerhand Allotria und Schnickschnack mit den Damen. Besonders auf eine hatte er ein Auge geworfen, die mit ihrem Mann im »Fürstl. Hessen-Darmstädtischen Badhause« wohnte. Die Personenangaben in der Kurliste sind ebenso sinnig wie erheiternd: »Herr Kammer-Secretarius Meyer, nebst dessen Frau Eheliebsten, aus Hannover«. Lavater war mit dem Ehepaar eng befreundet. Lavater nahm die Kur sehr ernst; er hatte, wie es heißt, »ein Brustleiden mit Blutspeien«, also vermutlich eine offene Lungentuberkulose. Sein Badearzt war Dr. Johann Kaempf, für den der Umgang mit seinem berühmten Patienten ein außerordentlicher geistiger Gewinn war. Kaempf lehnte es kategorisch ab, ein Honorar zu nehmen. Lavater stand um sechs Uhr auf und trank bis sieben Uhr sechs Gläser Wasser mit Milch, manchmal auch mit einem Schnitzel Zitrone. Von acht Uhr ab badete er eine Viertelstunde in lauem Wasser. Dasselbe wiederholte er nachmittags. Schon nach einigen Tagen fühlte er sich »so gesund und frey, wie niemals.« Ebenso wie hundert Jahre später Dostojewski ist er erstaunt darüber, daß die Brunnenfrau das Glas eines jeden Kurgastes kennt. Was ihn belustigt, ist das bunte Treiben, »wo Schlafröcke von allen Farben und Negligés aller Arten herumwandeln! Mit und ohne Papilloten (= Haarwickler), männliche und weibliche Gestalten aus allen Winden der Erde!« – so die Beschreibung im Tagebuch. Angezogen durch Lavater und Goethe, kam am 12. Juli der ideenreiche Pädagoge Johann Bernhard Basedow nach Ems. Auch er wohnte im Nassauischen Hause und ließ sich ebenfalls von Dr. Kaempf eine Kur verordnen. Das 18. Jahrhundert war erziehungsgläubig, und so kam es dann bis in die Nächte hinein zu zahlreichen Gesprächen und Disputen, aber nicht selten auch zu Mißtönen. Gegenüber dem feinsinnigen, sehr reinlichen Lavater wirkte Basedow grobschlächtig und durch seinen starken Schweißgeruch und seinen verschmutzten braunen Übermantel ungepflegt. Wie Goethe, der fanatische Nichtraucher, noch viele Jahre später in »Dichtung und Wahrheit« beschrieben hat, störte ihn besonders Basedows ständig qualmende Tabakspfeife und der »Stinkschwamm«, mit dem er den Knaster anzündete. Oft saß Basedow, blaue Wolken paffend, ungeniert auf der Treppe des Kurhauses. So hatten sich die Badegäste den berühmten Schulmann allerdings nicht vorgestellt. Es wurde nicht nur Hochgeistiges abgehandelt, auch die Plagen des Alltags in Ems kamen zur Sprache: die vielen Mäuse, Flöhe und Wanzen. Lavater berichtet in seinem Tagebuch, daß unter seinen zahlreichen Besuchern auch der Schultheiß von Dausenau war. Es wird um theologische Fragen gegangen sein, auf die der Schultheiß bei einem Glas Wein die Antworten erhielt. In Dausenau kam es dann am Dienstag, dem 12. Juli, zu einer weiteren Begegnung, worüber es im Journal heißt: »Zu Tusenau ward ich vom Schulz, einem armen Hösi, aufgefangen u. mußte ein Caffe mit ihm trinken. Seine 3 Schwägern waren da, sein Kreuz tragendes dehmüthiges Weibchen zog meine ganze Aufmerksamkeit an.« Den Ort nennt er »ein erbärmlich schiefes leimhüttenes Städtchen« und fügt hinzu: »Herr Jesus, in welche Armuth blickt ich durch offene Thüren u. zerbrochene Fenster hinein!« Es war noch das unversehrte altertümliche Bild, das Lavater sah. Zwei Jahre später, 1776, wurden durch einen großen Brand 38 Häuser, 25 Scheunen und 32 Ställe zerstört. Der Züricher legte wohl überall Schweizer Maßstäbe an. Nassau nannte er »ein elendes Nest.« Den Namen des Dausenauer Schultheißen nennt Lavater nicht. Es kann sich nur um Johann Heinrich Ebenau gehandelt haben, der von 1740 bis 1785 amtierte, und dem es finanziell tatsächlich so schlecht ging, daß er seine Ölmühle an Johann Adam Diez verkaufen mußte. Henriette Caroline vom Stein, in zweiter Ehe mit ihrem 13 Jahre älteren Vetter Carl Philipp verheiratet, war eine außerordentliche Frau, sie steht aber zu sehr im Schatten ihres Sohnes Karl, des großen Reformers. Vielseitig gebildet und sehr belesen, besaß Henriette Caroline andererseits eine erstaunliche Geschäftstüchtigkeit, wie sie bei der Verwaltung der großen Güter bewies. Sie ist ein Beispiel dafür, daß man tief in der Provinz und zugleich weltverbunden auf der Höhe der Zeit leben kann. Es hätte die Baronin sehr enttäuscht, wenn Basedow, Goethe und Lavater sie nicht besucht hätten. Lavater war fünfmal bei den Steins. Seine Physiognomik, Basedows Schulreform und der Selbstmord in Goethes im Manuskript fertigen Briefroman »Werthers Leiden« waren die Hauptthemen. Auch hier kam es zu Zusammenstößen mit Basedow, der im Beisein von Bediensteten antichristliche Bemerkungen machte. Am Nachmittag des 8. Juli stiegen Lavater, die Baronin und ihr Sohn Gottfried auf den Burgberg. Dabei kam das Widersprüchliche, Abseitige, ja, man darf sagen partiell Verrückte in Lavaters Wesen und Denken zum Ausdruck. Angesichts der Burgruine begann er ernsthaft, über Gespenster zu sprechen. Lavater war Spiritist, in einem obskuren Wunderglauben befangen und dem Exorzismus und Magnetismus zugeneigt. Das und sein missionarischer Eifer haben später zum Bruch mit Goethe geführt. Lavater hat in Ems drei Predigten gehalten. Zwei davon sind gedruckt worden. Eine trägt den Titel »Erweckung zu frommen Empfindungen bey dem Gebrauche des Gesundbrunnens.« Ihr vorangestellt ist der Psalm 104, Vers 10: »Gott ists, der die Brunnen fließen läßt durch die Täler; sie fließen zwischen den Bergen hin.« Vor allem in dieser Predigt erweist sich Lavater durch die psychologisch geschickte Gegenüberstellung von Armut mit Hunger und Elend und Reichtum mit blitzenden Edelsteinen, Samt und Seide und Überfluß als Meister der Antithesen und der theologischen Dialektik. Die reichen Kollekten gingen an das Armenbad. Am 18. Juli 1774 brachen die Drei mit einem Boot zu ihrer Rheinreise auf. Das Wetter war schlecht. Bald kam das romantische Engtal mit dem Mäander von der Nieverner Hütte bis zum Allerheiligenberg und auf hohem, steil abfallendem Felssporn die Ruine der Burg Lahneck. Das war für Goethe der Funke des Augenblicks, der sofort den schöpferischen Akt auslöste. Die Verse strömten ihm zu; Lavater schrieb sie sogleich auf. So entstand das Gedicht »Geistesgruß«, das mit den Versen endet: »Und Du, Du Menschen Schifflein dort, Fahr immer, immer zu! –« Das ist die geniale Unmittelbarkeit der Erlebnis- und Landschaftslyrik, die kein anderer Dichter erreicht hat, auch nicht Schiller, auch nicht Hölderlin. Das »Diné zu Coblenz« – so lautet der Titel eines Gedichtes, – das Goethe später aus der Erinnerung über ein gemeinsames »Hahnen«-Essen auf der Rückreise von Koblenz schrieb. Es war am 26. Juli im Gasthof »Zu den drei Reichskronen« am Entenpfuhl. Goethe saß in der Mitte. Lavater und Basedow waren wie üblich in einem Disput, an dem sich bald auch andere Gäste des riesigen Hauses (76 Zimmer) beteiligten. Daran erinnern die Schlußverse: »Und, wie nach Emmaus, weiter gings Mit Sturm- und Feuerschritten: Prophete rechts, Prophete links Das Weltkind in der Mitten.« Mit Emmaus ist nicht etwa der biblische Ort, sondern ohne Zweifel Ems gemeint. Friedrich von Bodelschwingh entstammt einem uralten Adel aus der westfälischen Grafschaft Mark. Seine Vorfahren waren Landwirte, hohe Beamte und Offiziere. Der Beruf des Pfarrers war in der Tradition nicht vorgesehen. Sein Werk ist einzigartig in der Welt und wird zum Vorbild genommen. Es umfaßt nicht nur die Bielefelder Anstalten, sondern auch die Mission in Ostafrika und die Moorkolonie Freistadt. Noch mit 75 Jahren ließ sich Bodelschwingh bewegen, ein Mandat im preußischen Landtag anzunehmen. Es liegt Tragik darin, daß dieser große Kanzel- und Debattenredner, der unermüdliche Helfer, Planer und Organisator am Ende seines Lebens, durch Schlaganfälle verursacht, nicht mehr sprechen konnte und im Rollstuhl gefahren werden mußte. »Bodelschwingh hat einen starken Blick für jene menschliche Not gehabt, die sich dem Blickfeld der normalen bürgerlichen Ordnung entzieht oder die vom sozialen Bewußtsein der Gesellschaft ver-drängt wird, weil sie schwer und hoffnungslos erscheint.« Bischof Hanns Lilje in »Die großen Deutschen« In der Nr. 67 des 52. Jahrganges der Kurlisten finden wir für Freitag, den 4. August 1893 u.a. die Meldung: »Hotel Schloß Johannisberg, Bodelschwingh, Hr. Pastor m. Gem. a. Bielefeld«. Zum letztenmal wird das Ehepaar in der Liste Nr. 88 vom Dienstag, dem 29. August genannt. Am 24. Juni war ein Fräulein von Bodelschwingh aus Berlin für einen Monat in der Villa »Bella Riva« abgestiegen, also auch auf der linken Lahnseite. Der Glanz des Kaiserbades strahlte nicht mehr ganz so hell, aber immerhin verzeichnete der »Lahn-Bote« für den 4. August 6 972 Kurgäste und 6 829 Passanten. Friedrich von Bodelschwingh litt an einer Schwäche der oberen Luftwege und der Lunge. Seit einigen Jahren waren Atmen und Sprechen oft erschwert. Schon 1851, als Einjährig-Freiwilliger im Kaiser-Franz-Grenadierregiment, wäre er an einer schweren, noch dazu falsch behandelten Lungenentzündung um ein Haar gestorben. Mehrmals hatte er Heilung in der Seeluft der ostfriesischen Inseln gesucht. Die Grippe im letzten Winter hatte ihn sehr geschwächt. Hinzu kam eine auch jetzt noch andauernde Erkrankung der Stimmbänder. Als seine beiden Ärzte in Bethel an seinem Bett standen und ihm ganz energisch das Arbeiten verbieten wollten, sagte er: »Meine Herren, die Arbeit können Sie mir wohl verbieten, aber die Heiterkeit meines Gemütes, die sie mir bringt, können Sie mir dafür nicht geben.« Wie sollte er auch anders reagieren, gerade er, der Begründer der Arbeitstherapie. Friedrich von Bodelschwingh kam nicht nur krank, sondern auch völlig erschöpft nach Ems. Ein Wunder, daß er unter der Arbeitslast nicht schon längst zusammengebrochen war. Aus der 1867 gegründeten Anstalt für Fallsüchtige war eine ganze Stadt geworden, mit über 40 Gebäuden, eigenen Krankenhäusern und Schulen, einem Warenhaus und Leinengeschäft, einer Mühle und Bäckerei, einem Schlachthof und Handwerksbetrieben, der Landwirtschaft und Energiezentrale. Hinzu kamen das Diakonissen-Mutterhaus, das Haus »Sarepta« zur Ausbildung von Pflegekräften, die Diakonenanstalt »Nazareth« und das zehn Kilometer von Bielefeld gelegene Wilhelmsdorf für die »Brüder der Landstraße«. Ein Gang durch die Kurstadt weckt viele Erinnerungen. Der Benedettistein beschwört die schrecklichen Bilder der Schlachten, die Bodelschwingh als Feldprediger bei der kämpfenden Truppe miterlebt hat: Metz, Gravelotte, St. Privat, wo er die vielen Toten beerdigt hat, die entsetzlichen Tage bei Ligny und das unbeschreibliche Elend in den Lazaretten. Vor dem weißen Marmordenkmal Kaiser Wilhelms I. im Kurgarten bleibt er stehen. Immer wieder ist er mit den Hohenzollern in enge Berührung gekommen. Als sein Vater Oberpräsident der Rheinprovinz in Koblenz war, kamen der spätere König von Preußen, Friedrich Wilhelm IV., und seine Schwester Charlotte, die als Zarin Alexandra Feodorowna hieß. Das war die glücklichste Zeit seiner Kindheit. Dann wurde der Vater Finanzminister in Berlin. Geblieben ist das Heimweh nach Koblenz mit dem wunderschönen Terrassengarten an der Stadtmauer und der Geißblattlaube. Dazu gehören auch die Schiffsfahrten auf dem Rhein, der Lahn und mit der »Eiljacht« auf der Mosel von Trier bis Koblenz. In Berlin ging er in Wilhelms Palais und danach im Schloß ein und aus, gehörte fast schon zur Familie. Er war im Babelsberger Park der Spielkamerad des Kronprinzen Friedrich Wilhelm, der die Freundschaft nie abreißen ließ und seine Briefe immer mit der Wendung schloß: »Dein alter Freund Friedrich Wilhelm« Als ihr Nervenleiden noch nicht so weit fortgeschritten war, konnte Ida von Bodelschwingh gut Klavier spielen. Sie hatte eine Vorliebe für Bach. Klassische Musik wird allerdings in diesen Augustwochen in Ems nicht geboten, wohl aber die Einakter-Operette »Fritzchen und Lieschen oder: Französishe Schwaben« von Jacques Offenbach. Ansonsten werden Lustspiele und Schwänke offeriert, wie »Die berühmte Frau«, »Romeo auf dem Bureau« und »Kleine Mißverständnisse«. Der »Lahn-Bote« bringt in Fortsetzungen die Novelle von Leo Werner »Der Fluch des Mammons«. Und in der politischen Übersicht wird berichtet: »Breslau, 1. August. Der Centrumsabgeordnete für Ratibor Pfarrer Frank erklärt, er werde sein Mandat nicht niederlegen. Der patriotische Wahlverein, mit dessen Hilfe Herr Frank gewählt war, hatte ihm bekanntlich seine Entrüstung ausgesprochen, weil Herr Frank gegen die Militärvorlage gestimmt hat.« Für den Abend des 6. August wird ein großes Feuerwerk während des Kurkonzertes angekündigt. Das Königliche Kurhaus bietet an: »Table d’hôte um 1 Uhr per Couvert 3 Mk. Dinners à part zu 4 Mk«. Permanent wird in den Kurlisten für das Restaurant »Zum Nassauer Hof« in Dausenau geworben. Es heißt vielversprechend: »Schöner großer schattiger Garten mit prachtvoller Aussicht in das Lahntal und Gebirge. Restauration zu jeder Tageszeit. Selbstgezogene Roth Weine, garantiert reine Rhein- und Moselweine. Gutes Nassauer Exportbier. Specialität: Forellen und feinere Lahnfische stets lebend im Bassin. Prompte Bedienung, mässige Preise. Klavier steht den geehrten Gästen zur Verfügung. F. Siering« Eine Lokalnachricht, die Bodelschwingh als bedrückend empfindet, besagt, daß im Juli 200 Emser Bergleute entlassen wurden, weil der Erzhandel rückläufig ist. Der Pastor steht immer auf der Seite der sozial Schwachen und verkündet vor allem den jungen Theologen seine Erkenntnis: »Es ist ein schweres Unrecht, wenn man den kleinen Mann, der doch wie wir mit beiden Beinen auf der Erde steht und stehen muß, nur immer auf das Jenseits vertröstet.« Der Weg zur evangelischen Martinskirche ist weit. Das Ehepaar Bodelschwingh muß auf halber Strecke auf einer Bank im Kurgarten ausruhen. Der Blick fällt auf das große Haus zu den »Vier Türmen«. Dort hat 1887 der Kronprinz Friedrich Wilhelm gewohnt, in der festen Hoffnung, in Ems von seiner Kehlkopferkrankung zu genesen. Als der Kronprinz dann in San Remo weilte, kam Friedrich von Bodelschwingh, um den Freund zu besuchen. Aber Viktoria wies ihn zweimal ab. Ihr Mann sollte von der Wirklichkeit isoliert werden. Währenddessen flaniert ein buntes Publikum vorbei. Nachdem Bodelschwingh das Treiben eine Weile beobachtet hat, wiederholt er, was er schon oft gesagt hat: »Halbe Narren sind wir alle, Ganze Narren sperrt man ein, Aber die Dreiviertelnarren Machen uns die größte Pein.« Der Pfarrer Georg Vömel ist nicht nur ein guter Kanzelredner und Seelsorger, er ist auch ein Mann der Tat. Zusammen mit seinem Kollegen Rudolf Heydemann hat er gegen viele Widerstände in der Lindenstraße den Bau eines Krankenhauses durchgefochten und erreicht, daß vom Diakonissenhaus in Bern vier Schwestern abgeordnet werden. Aber ein anderes Projekt kommt nicht weiter, der Bau einer zweiten evangelischen Kirche, einer Badekirche, wie man sagt. Sonntag für Sonntag nehmen die Kurgäste in der im alten Dorf Ems gelegenen Martinskirche den Einheimischen die Plätze weg. Für viele aus dem Ostteil der Stadt, dem eigentlichen Bad, ist auch der Weg zu weit. Es sind zwar ein Anfangskapital und ein Bauplatz neben dem Parkhotel vorhanden, aber seit dem Tode des unglücklichen 99-Tage-Kaisers Friedrich geschieht nichts mehr. Das alles trägt Georg Vömel nach dem Gottesdienst Friedrich von Bodelschwingh vor. Der kämpft zunächst einmal mit sich, denn er hat ja die Kur und die Erholung dringend nötig. Doch dann verspricht er Hilfe, wohl auch, weil es ein Vermächtnis des toten Freundes ist. »Den genialsten Bettler, den Deutschland wohl je gesehen hat«, nannte Theodor Heuß von Bodelschwingh. Er läßt aus vielen Jahrgängen der Kurlisten die Adressaten seiner Bittbriefe herausschreiben und mahnt sie zur Dankbarkeit für die Heilung durch die Emser Quellen. Es wird ein Hilfs-Komitee gegründet, das die eingehenden Spenden verwaltet. Bodelschwingh kümmert sich aber auch um alles andere. Sein Sohn Gustav schreibt darüber in der Biographie: »Auch an die Pläne der Kirche wandte Vater ganz besondere Sorgfalt. Die Ruinen des Klosters Paulinzella, die er mit uns von Oberhof aus besuchte, hatten ihn in hohem Maße angezogen. Er zeichnete ihre Motive ab, die dann vom Baumeister Siebold dem Plan zu Grunde gelegt wurden. 1897 konnte endlich der Grundstein gelegt und zwei Jahre später die Einweihung gehalten werden. Sechs Jahre zähester Arbeit hatten damit ihren Abschluß gefunden.« Kaiser Wilhelm II. fand nie Beziehungen zu Bad Ems. Er hatte die Pläne von Bodelschwinghs Betheler Architekten, dem Regierungsbaumeister Karl Siebold, gut geheißen, erschien aber nicht zur Einweihung. Da er mit 50.000 Mark an der Finanzierung beteiligt war, mag er wohl des Glaubens gewesen sein, das Gotteshaus sei nach ihm benannt. Die Emser sind aber auch noch heute der Meinung, daß die Kirche nicht nach dem Enkel, sondern nach dem Großvater ihren Namen trägt, also nach Wilhelm I., dem treuesten Gast des Bades. Man mag einwenden, die Kaiser-Wilhelm-Kirche sei eine Nachahmung, noch dazu im romanisch-gotischen Übergangsstil. Aber man muß anerkennen, daß Siebold durchaus eigene Gestaltungselemente eingebracht hat. Das gilt vor allem für das Innere der Basilika mit dem Querschiff, dem offenen Raum der Holzkonstruktion des Daches und besonders für den Altarbereich. Was die Kaiser-Wilhelm-Kirche unverwechselbar macht, ist ihr herausgehobener Standort auf einer Talterrasse des Lahntaunus’ vor der Kulisse des Malberges. Alfred Krupp nannte sich gern einen Patrioten, aber wenn es um die »Prosperität« ging, hörte die Vaterlandsliebe auf. Von den 25 000 von ihm produzierten Kanonen hat er 14 000 im Ausland verkauft. Seine Erben hatten noch weniger Skru- »Es ist eine höchstpersönliche Leistung, die mit den üblichen Zeitfarben gar nicht gemalt werden kann.« Theodor Heuss über Alfred Krupp Der Name Krupp ist ein Reizwort, das sehr unterschiedliche Vorstellungen und Reaktionen auslöst. Vor allem jüngere Leser werden an jenen letzten Sproß denken, der eigentlich gar kein Krupp mehr war, sondern nur noch Arndt von Bohlen und Halbach, mit einer jährlichen Apanage von zwei Millionen Mark Deutschlands teuerster Rentner. Der schlagzeilenträchtige Ästhet und Müßiggänger starb, zum Leidwesen der Regenbogenpresse erst 48 Jahre alt, allen phantasievollen Vermutungen zum Trotz in einer Münchener Klinik an Lymphdrüsenkrebs, und das mit Sicherheit. An seinem Leben ist einmal bemerkenswert, daß er durch Erbverzicht die Umwandlung des Krupp-Konzerns in eine Kapitalgesellschaft ermöglichte und zum andern, daß er seiner Witwe, der geborenen Prinzessin Hetty von Auersperg, 30 Millionen Mark Schulden hinterließ. Andere mögen an Arndts Vater Alfried denken, der vom Tribunal der Sieger in Nürnberg stellvertretend für seinen in seniler Gehirnerweichung dahindämmernden Vater Gustav nachträglich auf die Liste der Hauptangeklagten gesetzt wurde. 1951 gab es für Alfried noch einmal Schlagzeilen in der Weltpresse, weil der amerikanische Hochkommissar Mc Cloy das vorzeitige Ende der Sippenhaft und strafrechtlichen Erbfolge verfügt hatte. Gustav und Alfried waren auch schon keine echten Krupps mehr. Dem einen war der Name von Kaiser Wilhelm II., dem anderen von Hitler als Titel verliehen worden. Folglich nannten sie sich Krupp von Bohlen und Halbach. Am 10. April 1884 meldete der »Lahn-Bote«: »Herr Krupp aus Essen ist gestern zum Kurgebrauch hier eingetroffen und hat in der ›Villa Reale‹ Wohnung genommen.« Gemeint ist der einzige Krupp von Bedeutung, der alleinige Schöpfer des riesigen Industrie-Imperiums, den man schon zu Lebzeiten »Alfred den Großen«, den »Kanonenkönig« und später den »grollenden Alten vom Hügel« nannte. An ihn, an Alfred Krupp, denken die »Kruppianer«, wie sich die Werksangehörigen noch heute nicht ohne Stolz nennen, zuerst und vor allem. Er war, wie im Archiv der Firma in Essen ermittelt werden konnte, von 1871 bis 1884 mindestens neunmal in Bad Ems. Für diese Auskunft sowie wertvolle andere Informationen und Bildmaterial ist der Autor den Archivaren in der »Villa Hügel« zu besonderem Dank verpflichtet. Die Emser kannten Krupp nur als alten Mann. Sie wußten, daß er keine Jugend hatte, weil er schon 1826 mit 14 Jahren die Fabrik seines verstorbenen Vaters Friedrich übernehmen mußte. Was sie nicht wußten, daß Friedrich Krupp, nach dem das Unternehmen noch heute firmiert, ein Bankerotteur, ein Versager war, der nichts hinterließ als einen kleinen verschuldeten Betrieb mit fünf Arbeitern, die Alfred häufig nicht bezahlen konnte. Unter den Kurgästen fiel der alte Herr schon durch seine übergroße, magere Gestalt mit den spindeldürren Beinen und die stocksteife Haltung auf. Der lange Kopf wirkte durch die zahllosen Runzeln und Falten der Haut wie mumifiziert. Der Mann hielt sehr auf Distanz. Sein Blick war prüfend und von einem stets wachen Mißtrauen. Die Kleidung war elegant, entsprach aber schon längst nicht mehr der Mode. Die Krupps waren seit mindestens zehn Generationen in Westfalen ansässig, aber dem angestammten Typus dieser Landschaft entsprach Alfred weder vom inneren und schon gar nicht vom äußeren Habitus her. In eine Erzählung seiner Landsmännin Droste-Hülshoff, der größten Dichterin der Weltliteratur, paßte er nicht. Einer seiner Ärzte, Dr. Küster, hat tatsächlich ausgesprochen, was er dachte: »Hypochondrie, die an Geisteskrankheit grenzt.« Natürlich war das seine letzte Visite in der »Villa Hügel«. Die Diagnose war treffend, so sehr Alfred Krupp auch über schlechte Gesundheit, über »Rheuma und Nervotismus« klagte. Verrücktheiten gab es genug, so die neurotischen Ängste vor Feuer, Dunkelheit und seinen eigenen Körperausdünstungen, die er für giftig hielt, und sein schon manischer Geruchstick, der ihn süchtig nach frischem Pferdedung machte, von dessen Heilwirkung und inspirierender Kraft er fest überzeugt war. Da denkt man unwillkürlich an Schillers faule Äpfel in der Schreibtischschublade. Zweifellos litt Krupp oft unter Erkältungskrankheiten. Insofern war Ems für ihn der richtige Ort, vorzuziehen den vielen anderen Bädern, die der Patient sonst noch besuchte. Am unteren Hang des Malberges wurde 1864/65 auf einer künstlich verbreiterten Terrasse die »Villa Reale« errichtet, das heutige »Parkhotel«. Flankiert von vier Türmen, zur Lahn hin mit einer feudalen Schauseite aus klassizistischen und englisch-neugotischen Stilelementen, entsprach das Haus – eigentlich mehr ein Palast – dem Geschmack Alfred Krupps. Wichtig war ihm auch der von der »Villa Hügel« gewohnte erhöhte Standort mit dem Überblick. Einen Sinn für Landschaft besaß er, ganz im Gegensatz zu seinem ihm äußerlich so ähnlichen Urenkel Alfried, nicht. Beeindruckt war er nur von der Umwelt, die er selbst geschaffen hatte, dem Kraftfeld aus Zechen, rauchenden Schloten, Hochofenfeuern, dröhnenden Hammerwerken, Fördertürmen, Schachtköpfen, Kohlen- und Schlackenhügeln und Arbeitersiedlungen. Am Fuße des Malbergs führt die Lahntalbahn entlang. Krupp hat sie oft benutzt, nicht nur, um nach Ems zu fahren, sondern auch um seine Berg- und Hüttenwerke in Wetzlar, Weilburg, Runkel, Limburg und Diez zu inspizieren. Auf der Hin- oder Rückreise nach Essen sah er auch oft in der Sayner Hütte in Bendorf nach dem Rechten. Er hatte den Betrieb, heute eines der bedeutendsten Industriedenkmäler Europas, 1865 gekauft und wie so viele andere seinem Konzern einverleibt. Für Krupp war der Schienentakt der rollenden Eisenbahnräder mit dem Nachhall durch die Talwände reine Musik. Die nahtlosen Radkränze, bei denen es keine Brüche mehr gab: das war seine Erfindung, sein Patent, das hatte ihn zum Multimillionär gemacht. Deshalb die drei Ringe als Firmenzeichen, als Symbol für drei Radkränze. Sonst war für ihn Musik, und mochte die Kurkapelle auch noch so gut spielen, reine Zeitverschwendung. Daß ein Verwandter seiner Frau Bertha Komponist geworden war, mochte verstehen, wer wollte. Es war immerhin kein geringerer als Max Bruch. Ebensowenig interessierten ihn Literatur und Theater. »Was mich allein bewegen kann, sind Ehre und Prosperität« – das war seine Devise. Auf seinen Bildern wirkt er blutleer, amusisch und gemütsarm. Einmal, kurz bevor er Bertha heiratete, stellte er mit Erstaunen fest: »Wo ich glaubte, ein Stück Gußstahl sitzen zu haben, ist ein Herz.« Die Ehe scheiterte. Ihr entsproß Friedrich Alfred, genannt Fritz, der letzte männliche Alleinerbe, dem seine homoerotischen Neigungen zum Verhängnis wurden. Aber es gab ja andere Dinge, auf die der Kurgast Alfred Krupp seine Aufmerksamkeit richten konnte: die Technik der Aufbereitung und Verhüttung des Emser Blei- und Silbererzes sowie die unweit gelegene Nieverner Hütte. Die Planung für die Malbergbahn war 1884 fertig. Der Auftrag ging dann allerdings nicht an die Firma Krupp, sondern an die Eßlinger Maschinenfabrik. In Ems gab es seit 1849 einen Knappschaftsverein mit einer Kranken- und Sterbekasse und seit 1875 einen »Consumverein Emserhütte e.G.«. 1882 legte der Generaldirektor Max Freudenberg seinen ausführlichen Bericht vor, betitelt »Die von der Gesellschaft des Emser Blei- und Silberwerkes im Interesse der Arbeiter getroffenen Einrichtungen«. Das waren in der Tat Fortschritte; sie reichten aber an Alfred Krupps soziale Werke und Leistungen nicht heran. Er hatte ganze Stadtteile für seine Arbeiter gebaut und ihnen die höchten Löhne gezahlt. So billig wie in Krupps Konsumläden konnte man sonst nirgendwo einkaufen. Ein Projekt beschäftigte ihn in seinen letzten Lebensjahren besonders, der Bau »von ordentlichen Wohnungen«. Seine Schwiegertochter hat seine bis in die letzten Einzelheiten festgelegten Pläne verwirklicht. Die ihr zu Ehren genannte »Margarethenhöhe« in Essen ist gerade heute ein Vorbild für viele Architekten. Natürlich kann man einwenden, Krupp habe dadurch, ähnlich wie die Unternehmerfamilie Remy in Ems, nur einen zuverlässigen Stamm von Arbeitern an das Werk binden wollen. Aber das mindert nicht den sozialen Wert. Alfred Krupp konnte mit einer Blauäugigkeit, die einem geradezu die Sprache verschlägt, behaupten, Politik kümmere ihn nicht, gehe ihn nichts an, kurzum, er sei ganz und gar unpolitisch. In Wahrheit war er keineswegs nur der Fabrikant, der Kaufmann, der väterliche Prinzipal, sondern ein pedantischer Tyrann, der in alle Lebensbereiche seiner Arbeiter und ihrer Familien hineinregierte. Während seiner Kuraufenthalte geschah das schriftlich. Die Zimmermädchen in den Hotels mögen sich gewundert haben, wenn sie morgens ganze Stöße beschriebenen Papiers auf dem Nachttisch des Gastes fanden. Krupp litt unter chronischer Schlaflosigkeit und manischem Schreibzwang. Welche der 30.000 Briefe, Notizen und Anweisungen in Bad Ems geschrieben wurden, läßt sich allerdings nur sehr schwer feststellen, weil das Archiv in dem protzigen 160-Zimmer-Schloß auf dem Hügel nicht chronologisch, sondern nach sachlichen Gesichtspunkten geordnet ist. Aus der Ferne kamen auch immer wieder die moralischen Imperative der Treue, Disziplin, Ordnung, Pflichterfüllung und des Gehorsams. Dafür ist der hier abgebildete Ausschnitt eines Briefes von 1872 ein Beispiel (siehe S. 197). Er war an die »Procura« gerichtet, wie Krupp seine Direktoren nannte, die schließlich so mächtig wurden, daß sie für die Appelle des längst überflüssig gewordenen Alten nur noch ein ironisches Lächeln übrig hatten. Ein Gast der Kurstadt, der Generalmajor und Philisoph Carl von Clausewitz, hatte in seinem Werk »Vom Kriege«, das noch immer zum eisernen Bestand der Militärakademien gehört, geschrieben: »Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.« Solche Mittel hatte Krupp geliefert, zunächst 160 Kanonen an Preußen, das 1866 Österreich besiegt und das Herzogtum Nassau okkupiert hat. 1870 waren die 500 Krupp-Gußstahlgeschütze den veralteten französischen bronzenen Vorderladern weit überlegen und hatten vor allem am 1. September bei Sedan eine verheerende Wirkung. Das Weltbad Ems war ein magnetischer Punkt; es zog die Geister auf den Plan, auch und gerade die gegensätzlichen. Geht man von der »Villa Reale« den kurzen steilen Stich hinunter, steht man in der Braubacher Straße. Hier, im Haus Nr. 5, hat Ferdinand Lassalle gewohnt, der, wie Krupp sagte, »mit seiner Philosophie eine teuflische Saat gesät hat.« Deshalb führte Alfred Krupp einen brutalen Kampf gegen die Sozialdemokraten. Dabei war ihm ein wichtiges Instrument sein »Generalregulativ«, eine sehr in die Einzelheiten gehende Renten- und Krankenversicherung, die später wegweisend für Bismarcks Sozialgesetzgebung wurde. Weiter unten und zur Lahn hin gelegen, steht in der Villenpromenade die »Villa Flora«, wo Ludwig Windthorst,der Fraktionsführer der Zentrumspartei im Reichstag, während seiner vielen Kuren Quartier nahm. Krupp war ein erklärter Gegner des politischen Katholizismus und der Konfessionsschulen. Alle von ihm finanzierten Schulen waren deshalb Simultanschulen und dem kirchlichen Einfluß entzogen. Natürlich war seine Weltanschauung rein kapitalistisch. Seine Neider pflegte er zynisch zu fragen: »Hat Ihnen jemand verboten, viel Geld zu verdienen?« Alfred Krupp konnte nicht über die Lahn zum Kurhaus blicken, ohne an Kaiser Wilhelm, seinen Freund und Gönner, zu denken. 1859 hatte der nachmalige Kaiser Wilhelm I. Krupp durch einen großen Auftrag und eine Vorauszahlung von 100.000 Talern vor dem finanziellen Zusammenbruch gerettet. Nur Wilhelm I. war zu verdanken. daß eine Verlängerung des Patents zur Herstellung von nahtlosen Radkränzen verfügt wurde, eine für die Firma lebenswichtige Entscheidung. 1872 hatte sich Alfred durch seinen Risikoübermut wieder einmal völlig übernommen und suchte Hilfe in Bad Ems. Der Kaiser hatte gerade sein »Kränchen« getrunken, war freundschaftlich, wohlwollend wie immer. Aber ein Darlehen von fünf Millionen Talern konnte auch er nicht eigenmächtig gewähren. Alfred mußte die Banken in Anspruch nehmen, wurde aber bald von einer riesigen Woge der Konjunktur ganz nach oben getragen. »In ewiger Dankbarkeit« lautet die Widmung auf seinem lebensgroßen Bild, das der Kaiser Krupp geschenkt hat. Dankbarkeit empfand umgekehrt auch Alfred, mehr wohl kaum. »Von Preußen allein können wir nicht leben« – hatte er früher schon kurz und bündig erklärt. Krupp war kein Patriot, wenn er sich auch oft als solcher ausgab. Wer Kanonen bestellte, wurde beliefert, so z. B. auch Rußland, was Wilhelm I. denn doch sehr befremdete. Napoleon III. verlieh Krupp nicht nur das Kreuz der Ehrenlegion, sondern bot ihm auch 30 Millionen Goldfranken, wenn er seine Fabrik von Essen nach Frankreich verlegen würde. Ein Angebot, das Alfred sehr in Versuchung brachte. Entsetzt wäre Wilhelm I. wohl gewesen, wenn er gewußt hätte, daß Krupp, Eugène Schneider-Creusot (zugleich französischer Kammenpräsident) und der englische Waffenfabrikant William George Armstrong insgeheim eine Internationale bildeten, ein verschleiertes Rüstungskartell, und sich gegenseitig Lizenzen und Vorteile zuschoben. Als Alfred Krupp am 9. April 1884 nach Ems kam, wahrscheinlich zum letztenmal, hatte er einen Katarrh. Das Wetter war zunächst sehr gut. Die Birn- und Steinobstbäume standen in voller Blüte, und die Weinstöcke zeigten bereits, wie es im »Lahn-Boten« heißt, »Gescheine«. Weiter wird berichtet: »Gegen seine Gewohnheit hat sich der Kuckuck am 3. April statt am 13. und 14. April hören lassen.« Kurlisten erschienen noch nicht; die Saison begann erst am 7. Mai. Doch dann kam mit einem Kälteeinbruch der Winter zurück, und der »Lahn-Bote« zitierte den überaus geistvollen Spruch: »Der April ist nicht gut, Er schneit dem Bauer auf den Hut.« Das könnte der Grund gewesen sein, warum Krupp die Kur gar nicht erst begonnen oder vorzeitig abgebrochen hat. Er war allein in Ems, auch ohne seinen Kammerdiener Ludger, in dessen Armen er drei Jahre später »Bewundert viel und viel gescholten« – gestorben ist, in der verkrampften Hand noch den Bleistift. »So vergeht der Ruhm der Welt.« – Im Kurgarten steht noch immer das weiße Marmordenkmal des Kaisers, doch sein Enkel, Wilhelm der II. starb 1941 im Exil, ruhmlos und mit dem Schicksal hadernd. Auch die russische Kirche der Heiligen Alexandra auf der linken Lahnseite hat die Zeit überdauert. Eben wurden die sterblichen Überreste der ermordeten Zarenfamilie in die Peter-und-Pauls-Festung nach Leningrad überführt, das nun wieder Petersburg heißt. Als in Europa die Lichter ausgingen, verlor auch das Weltbad Ems seine Leuchtkraft und seine Magnetwirkung. Seit 1914, dem Beginn des 1. Weltkrieges kommt kein Blut- und Geldadel mehr. Auch nach anderen Namen von Rang und Bedeutung sucht man vergebens. Dostojewski und Delacroix brauchten sich heute nicht mehr zu ärgern, denn es geht niemand mehr in Samt und Seide, eher in Jeans, T-Shirts und Turnschuhen. Das Gesundheitswesen ist kaum noch bezahlbar: Kuren werden nur noch spärlich verschrieben. Bürgermeister, Stadtrat und Kurdirektor bemühen sich nach Kräften, Ems wenigstens als »Sozialbad« zu erhalten. Der größte Feind der Kur ist der Verkehr, die Hoffnung, die im Bau befindliche Umgehungsstraße. Der Leser kann dieses Buch als eine Art Baedeker benutzen. Er mag in der Brunnenhalle beginnen und dann auf beiden Lahnseiten Punkt für Punkt die feudalen oder bescheidenen Häuser besichtigen, in denen die berühmten Gäste Quartier genommen hatten. Vielleicht wirft er einen Blick in die Spielbank. Das »Rien-ne-vas-plus« gilt nur für den Augenblick. Ähnlich möge es Bad Ems ergehen: neues Spiel, neues Glück! |
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