Bornich
Einer der schönsten jüdischen Friedhöfe, wenn man das von einem Friedhof sagen darf, ist der von Bornich. Er ist zugleich auch einer der verborgensten. Der Friedhof, der im Haushecker Wald liegt, ungefähr 8 km von St. Goarshausen entfernt, enthält eine Vielzahl von Grabsteinen. Die Größe der Anlage ergibt sich aus der Zahl der ehemals angeschlossen Dörfer. Die Inschriften geben Hinweise auf die Orte Bogel, Bornich, St. Goarshausen, Welterod sowie die linksrheinischen Orte St. Goar und Werlau.
Bornich und Kaub waren vor 1822 einmal zu einer Kultusgemeinde zusammengefaßt. Als es aber keine Juden mehr in Kaub gab, haben die von Bornich und Niederwallmenach in Bornich ihre Gottesdienste abgehalten. Für einen gültigen Gottesdienst waren und sind aber mindestens zehn Männer, die Bar Mizwa gefeiert haben, erforderlich. In kleinen Landgemeinden war es oft schwierig diese Zahl zu erreichen. Deshalb war es mitunter notwendig lange Wege in Kauf zu nehmen.
Ab Mitte des vorigen Jahrhunderts gehörte Bornich dann zur Synagogengemeinde St. Goarshausen.
Der Weg:
Wenn man von Niederwallmenach in Richtung Bornich fährt, biegt man rechter Hand ein. An einer Wegegabel muß man rechts dem Feldweg folgen bis man in den Wald kommt. Dort biegt man links in die sogenannte "Römerstraße" ein. Der Friedhof liegt dann nach einigen hundert Metern links im Wald verborgen. Den Friedhof umgibt ein tiefer Graben. Über eine kleine Brücke gelangt man zu dem Tor, das von zwei Sandsteinpfosten flankiert wird.
Statistik:
1628 Erwähnung von Juden im Bornicher Bußregister
1635 drei jüdische Familien
erste Hälfte des 19. Jahrh. fünf jüdische Familien
1841-1842 drei jüdische Familien
1843 15 Personen
1865 vier jüdische Familien mit 4 Schulkindern
1895 12 Personen
1932-1933 eine Witwe mit Kind, später über England nach Amerika ausgewandert
Der Ehemalige Pfarrer von Bornich, Christian Becker, der von 1960 bis 1978 in Bornich tätig war, hat in einem kleinen Aufsatz "ein vergessenes Kapitel Heimat- und Kulturgeschichte" geschrieben. Es trägt den Titel: Die Geschichte der Juden im Amt Rheinfels in Bornich und der jüdische Friedhof im Haushecker Wald.
Auszüge des Aufsatzes sind in der Ortschronik der Gemeinde Bornich zur 850-Jahrfeier erschienen. Der Aufsatz als ganzer existiert leider nur in Abschriften.
Es ist nicht die große Weltgeschichte, die hier beschrieben wird. Es ist die kleine Geschichte von Menschen, die in einer Gemeinschaft leben mußten, die ihnen oft wenig Raum zum Leben ließ. Uralte Vorurteile wurden auf der Ebene eines kleinen Dorfes in den Alltag von Juden und Christen übertragen. Ein einziges Zitat mag das belegen. "1635 muß Ruben jud 12 alb straff geben, weil er uff H. Oster-tag des morgens Fleisch nach Weßell zu verkaufen getragen hat." Für den Juden Ruben war das Pessachfest vorbei. Zu dem christlichen Osterfest hatte er keine Beziehung. Für ihn war der erste Tag der Woche ein Arbeitstag. Für die Christen aber entheiligte er ihr Osterfest. Damit aber kamen die ganzen Ressentiments zum Schwingen. Einst hatten die Juden den Sohn Gottes gekreuzigt, resümierte man. Was historisch gesehen nicht stimmte. Aber Vorurteile lassen sich durch solche Kleinigkeiten nie aufhalten. Jetzt entweihte der Jude Ruben das heilige Osterfest und damit das Gedenken an den Gekreuzigten und Auferstandenen, indem er Fleisch nach Weisel bringt, um es zu verkaufen. Wegen dieses Verstoßes wird er mit 12 Albus Strafe belegt. Vielleicht hatte er es nur getan, um mit dem Erlös einen Teil der Summe die Kosten für seinen Schutzbrief abzutragen. Die Juden in und um Bornich waren kleine Leute, Hausierer und Viehhändler, die immer abhängig waren von der Gnade und Barmherzigkeit derer, die ihnen angeblich Schutz gewährten. Leicht wurde die Beziehung von Neid und Mißgunst bestimmt.
Die sogenannten Judenverordnungen schützten die Juden nur in seltenen Fällen vor Übergriffen. In aller Regel schränkten sie sie in elementaren Lebensmöglichkeiten ein. Da ist es auch nicht hilfreich, darauf hinzuweisen, daß es den christlichen Untertanen deutschen Geblütes oft nicht sehr viel besser erging.
Erst die nassauischen und später die preußischen Gesetzgebungen schufen Freiräume, in denen auch die Juden als normale Menschen leben konnten. Diese Gleichberechtigung sollte allerdings, wie wir wissen, nur von kurzer Dauer sein.