Flacht

1961 schreibt Jehuda Leopold Frank aus Cholon in Israel:

"Vor nunmehr fast 75 Jahren wurde ich in einem Dorfe im Herzen des nassauischen Landes geboren und dort bin ich aufgewachsen. Nassau, das ist das schöne Land zwischen Rhein, Main und Wetterau, das Gebiet des Taunus und des Westerwaldes."

"In Nassau wohnten bis zur Nazizeit, in vielen Dörfern über das ganze Land verstreut, zahlreiche Juden. In der Landschaft seit Jahrhunderten verwurzelt und zu einem Bestandteil von ihr geworden, lebten sie in mitten ihrer christlichen Mitbürger friedlich und meist freundschaftlich mit ihnen verbunden."

Der Schreiber dieser Zeilen hat nicht nur die Heimat in seinem Herzen bewahrt, sondern auch die Sprache, die die Juden in dieser Region unter einander bis in die Neuzeit sprachen. Sprache kann man, indem man sie aufschreibt, bewahren und punktuell wieder zum Leben erwecken. Das geht mit Menschen nicht. Man kann nur die Erinnerung an sie wachhalten.

Es gibt ein weiteres und ergreifendes Zeugnis menschlichen Miteinanders. Darin wird deutlich, daß es zu dem allgemeinen Antisemitismus sehr wohl Alternativen gab:

"Ich stamme aus einmal kleinen Ort in Hessen-Nassau, Flacht bei Diez an der Lahn. In meinem Elternhause war seit dem Jahre 1922/23 eine christliche Magd, Minna Ohl, aufs engste mit meiner Familie verbunden. Sie war nicht nur meiner Mutter eine treue Hilfe im Haus, Hof und Garten, sie erzog mich und meine Schwester. Sie war mit uns in Freude und Leid (ein kleiner Bruder starb als zehn Monate altes Baby); sie feierte mit uns die jüdischen Feiertage, sie lernte mit uns die Gebete sagen, das Tischgebet mitsingen; kannte sich in allen jüdischen Gebräuchen prima aus (schon ihre Mutter war bei meiner Großmutter als ‘Schabbesfrau’ tätig), kannte jedes einzelne Mitglied der weiteren Familie, ihre Geburtstage, ihre Gepflogenheiten - kurz und gut, sie war ein Teil unserer Familie, von uns geliebt und verehrt, wie sie ihrerseits nicht nur Respekt, sondern auch Verehrung, insbesondere für meinen seligen Vater hatte. Diese Beziehung änderte sich auch nicht, als mein Vater aus geschäftlichen Gründen nach Ludwigsburg und Stuttgart zog, wohin sie uns nachfolgte. Sie blieb dort vor und während der Hitlerjahre (1928 bis 1936) ein integraler Bestandteil unserer Familie und unseres Haushaltes. 1936 verabschiedete sie sich unter Tränen von uns, als wir nach Palästina auswanderten.

Sobald der Weltkrieg zu Ende war und mein Vater sich um das Schicksal seiner Familienmitglieder und der Juden Flachts und Umgebung kümmerte, schrieb er als erste in Deutschland an unsere treue Minna. Seitdem korrespondiert sie regelmäßig mit uns, gratuliert regelmäßig zu Neujahr und unseren Geburtstagen. Als ich im Jahre 1958 zum erstenmal wieder in meiner früheren Heimat war, fand ich auf ihrer Kommode sämtliche Photos unserer Familie. Seit Jahrzehnten kümmerte sie sich darum, daß der jüdische Friedhof von der Ortsverwaltung gepflegt wird, daß das Gras gemäht, die Grabsteine repariert und in Stand gehalten werden.

 

Avraham Frank, Ramat Hen, Israel

Die belegte Geschichte der Juden von Flacht ist im Vergleich zu der im benachbarten Diez relativ kurz. Fehlende Urkunden besagen aber noch nicht, daß nicht schon lange vor der ersten Erwähnung Juden hier wohnten und lebten. Nachweislich lebten jüdische Bürger seit der Mitte des 18. Jahrhunderts in Flacht. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wohnten vier Familien dort. Unter ihnen war auch Eisick, geboren 1790, der später den Namen Isaac Frank annahm. Er genoß das Ansehen der christlichen Bauern, mit denen er verkehrte, weil er lesen und schreiben konnte. Er war ihnen mit seinen Kenntnissen, die er ihnen zur Verfügung stellte, eine wertvolle Hilfe. Das Lesen und Schreiben war bei Juden nichts Ungewöhnliches. Denn um in die Gemeinde der erwachsenen Männer aufgenommen zu werden, mußte man bei der Bar Mizwa einen Abschnitt aus der hebräischen Bibel vorlesen können. Der Jahrtausende währende Umgang mit dem Buch der Bücher hinterließ auch hierin Spuren.

Wenn es um die religiösen Belange ging, schloß man sich mit den Juden von Nieder- und Oberneisen zusammen. Aber immer wieder erhob die große benachbarte Kultusgemeinde von Diez Anspruch auf die Gemeindeglieder von Flacht. 1843 wurde Flacht mit Diez und Nieder- und Oberneisen mit Hahnstätten verbunden. Man betrieb die Eigenständigkeit. Man wollte eine eigene Synagoge bauen. Ein entsprechender Antrag aber wurde mehrfach abgelehnt. Das hielt die Juden von Flacht nicht ab ihre eigenen Gottesdienste zu halten. Dazu richteten sie sich wechselnd in Privathäusern ihre ‘eigene Betstube’ ein. Die Kinder mußten aber nach wie vor zweimal in der Woche zum Religionsunterricht nach Diez wandern. Anfangs zahlten die Juden aus Flacht und Niederneisen noch ihre Steuern an die Gemeinde in Diez. Als die Gemeinde schließlich 1928 das Haus der Familie Michel Adler in der Hauptstraße 35 erbte, richtete sie im Erdgeschoß eine Synagoge ein, die der Lehrer und Kantor Simon Spier von Wesel einweihte. Danach traten die Juden von Flacht und Niederneisen aus der Kultusgemeinde in Diez aus. Es gelang ihnen aber nicht mehr die staatliche Anerkennung als eigene Gemeinde zu erlangen. Denn bald hatten die Menschen andere Sorgen.

"Die Juden von Flacht und Umgebung hielten treu an der Tradition ihrer Väter fest, jedoch übten sie keineswegs streng-orthodox alle Religionsgebote aus, wie es in Hessen-Nassau auf dem Lande in den letzten Generationen meist nicht mehr der Fall war."

"Seit altersher herrschten zwischen den christlichen und jüdischen Bürgern des Ortes gute nachbarliche Beziehungen. Der evangelische Pfarrer soll verschiedentlich bei Sonntagspredigten das musterhafte Familienleben und den moralischen Lebenswandel der jüdischen Mitbürger lobend als nachahmenswertes Beispiel dargestellt haben."

Die "Reichskristallnacht" machte auch vor der kleinen Synagoge in Flacht nicht halt. Die Innenräume wurden verwüstet Torarollen, Gebetbücher sowie Torawimpel wurden auf die Straße geworfen. Auch der Friedhof wurde nicht verschont. Am 11.11.1938 wurden die erwachsenen Männer verhaftet und in Konzentrationslager deportiert.

Der Friedhof von Flacht war erst 1921 eröffnet worden, nachdem man dazu einen Acker erworben hatte. Vorher wurden die Toten in Diez beerdigt. Leopold Frank schreibt: "1935 verstarb in Flacht mein Jugendfreund, Norbert Arfeld, der allgemein beliebt gewesen war. Kurz vor dem für die Beerdigung festgesetzten Zeitpunkt stellten sich einige Nazis in Parteiuniform in der Nähe des Sterbehauses auf. Daraufhin wagte keiner der Nachbarn, die in Trauerkleidung in ihren Häusern bereitstanden, herauszukommen und an der Beerdigung teilzunehmen."

Auf dem Friedhof steht ein Gedenkstein, der auf Anregen von Jehuda Leopold Frank 1962 errichtet worden war. Er trägt folgende Inschrift:

 

Zum Gedenken

an die in den

nationalsozialistischen

Konzentrationslagern

umgekommenen

jüdischen

Mitbürger

von Flacht und Niederneisen

Weil auch bei einer engagierten Auseinandersetzung mit der Zeit des Holocausts schnell vergessen wird, daß es sich dabei um Menschen mit Einzelschicksalen handelt, - von einer bestimmten Größe an ist Verbrechen nicht mehr in seiner Ungeheuerlichkeit erfaßbar-, sollen hier die Namen von 21 Menschen aus Flacht und Niederneisen festgehalten werden, die Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungsorgie wurden. Es waren Menschen mit Hoffnungen und Ängsten, die ihr Leben einfach leben wollten.

Arfeld, Otto 37 Jahre

Frank, Therese 78 Jahre

Grünebaum, Albert 51 Jahre

Grünebaum, Hedwig 51 Jahre

Grünebaum, Margot 21 Jahre

Grünebaum, Brunhilde 16 Jahre

Grünfeld, Arthur 49 Jahre

Grünfeld, Gertrud 45 Jahre

Grünfeld, Hans 24 Jahre

Grünfeld, Ernst 21 Jahre

Grünfeld, Edith 14 Jahre

Hahn, Elias 79 Jahre

Hahn, Ricka 83 Jahre

Hirschmann, Ida 51 Jahre

Hermann, Babette 88 Jahre

Löwenstein, Berta 59 Jahre

Löwenstein, Irma 31 Jahre

Mendel, Max 53 Jahre

Mendel, Frieda 56 Jahre

Nachman, Janchen 81 Jahre

Saalberg, Julius 58 Jahre

"Der Tod ist ein Meister aus Deutschland"

Der Weg:

Von der Hauptstraße biegt man in die Hohlbachstraße ein, später links in die Friedhofstraße. Sobald man die Höhe erreicht hat sieht man den mit einem Jägerzaun eingefriedeten Friedhof, der im freien Feld auf einer Anhöhe oberhalb des christlichen Friedhofs liegt.

Statistik:

1843 29 Personen

1871 34 Personen

1885 29 Personen

1895 34 Personen

1905 34 Personen

1910 32 Personen

1925 35 Personen

1933 29 Personen

30.9.1938 12 Personen

1939 - -