Nastätten

Erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts durften sich Juden in Nastätten niederlassen. Bis 1830 war Nastätten Sitz des Bezirksrabbinates. Dazu gehörten noch die Amtsbezirke Langenschwalbach und St. Goarshausen. Als die Zahl der jüdischen Bewohner in Nastätten zurückging, verlegte der Rabbiner Samuel Wormser seine Wohnung samt dem Amtssitz nach Langenschwalbach.

1843 veränderte sich die Situation erneut. Braubach, Nassau und Wehen kamen schließlich noch zu dem Bezirksrabbinat.

Zeitweilig beschäftigte die Gemeinde einen Holländer als Lehrer für die zahlreichen Kinder. 1878 hatte die Gemeinde nur noch 14 männliche Mitglieder, die religionsmündig waren.

Eine Synagoge wurde am 29. und 30. 6. 1904 durch den Bezirksrabbiner Lasar Weingarten aus Bad Ems in der Rheinstraße, Ecke Brühlstraße eingeweiht. Sie wurde 1938 zerstört und 1939 abgerissen.

Im Gegensatz zu den Juden der umliegenden Orte waren die in Nastätten wirtschaftlich relativ gutgestellt. Deshalb waren sie auch in anderer Weise in der Lage sich in schwieriger Zeit zu orientieren.

Es gibt einen interessanten Zeitungsbericht aus der Jüdischen Wochenzeitung, Wiesbaden, vom 9.3.1928. Wenn heute manchmal gefragt wird, wie konnte das eigentlich geschehen, so wird hier deutlich, daß die Signale rechtzeitig zu erkennen waren. Natürlich frage ich mich heute, ob ich am Ende des zweiten Jahrtausends in der Lage bin meine Situation zu erkennen und zu beurteilen. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob ich schreien würde, wenn es eigentlich von mir gefordert wäre. Trotzdem.

"Am 6. März 1927 hatte der jüdische Landwirt Hermann Hennig aus Nastätten im Taunus eine Versammlung in das dortige Hotel Guntrum einberufen mit dem Thema ‘Das wahre Gesicht der Nationalsozialisten’. Als Redner waren Geistliche verschiedener Konfessionen vorgesehen. Auf die Ankündigung der Versammlung in der Zeitung waren Hakenkreuzlergruppen aus Köln, Neuwied, Koblenz, Wiesbaden und anderen Orten mit Lastautos herbeigeeilt, um gegen die Versammlung zu demonstrieren. Die Versammlung wurde aber noch vor ihrem Beginn von den anwesenden Landjägern verboten, worauf sich die Teilnehmer ins Freie begaben und der nationalsozialistische Gauleiter des Bezirks Rheinland, der bekannte Dr. Ley, von einem Auto herab eine Rede hielt, die mit den Worten schloß: ‘Nassauer Bauern verteidigt euer Eigentum, und wenn es mit der Mistgabel sein müßte’. Die Erregung, die alle Teilnehmer erfaßt hatte, führte zu Wortgefechten und schließlich zu Tätlichkeiten, in deren Verlauf sowohl der Einberufer der Versammlung, Hennig, einen Tritt vor den Bauch erhielt, als auch zwei andere Juden aus der Umgegend Nastättens verprügelt wurden. Hennig, der sich in das Hotel Guntrum begeben hatte, sah, wie ein Nationalsozialist auf einen Juden einschlug und versetzte deshalb vom Fenster aus einem Angreifer mit der Faust einen Hieb. Dieser Schlag war das Signal für einen Sturm auf das Hotel, in dessen Verlauf die bedrängten Landjäger von der Waffe Gebrauch machten und dabei einen jungen Nationalsozialisten tödlich trafen.

Wegen dieser Vorfälle hatte die Staatsanwaltschaft Wiesbaden Anklage gegen 18 Nationalsozialisten wegen Landfriedensbruch und gegen Hennig wegen gefährlicher Körperverletzung erhoben."

Der Zeitungsabschnitt schildert weiter, daß der anschließende Prozeß von den Nationalsozialisten zur öffentlichen Kundgebung mißbraucht werden sollte. Der Vorsitzende Landgerichtsdirektor Dr. Gellhorn beschränkte sich aber sachlich auf die Fakten. Er wertete dabei nicht die politischen Gesichtspunkte. Am Ende heißt es, daß das Urteil keine Märtyrer schaffen wolle, sondern eine gemeinsame Zukunft eröffnen wolle. Eine von den Nationalsozialisten am Jahrestag der Erschießung des jungen Nationalsozialisten einberufenen Kundgebung in Singhofen wurde verboten. Schließlich heißt es:

"Es steht zu hoffen, daß durch die Reinigung der Atmosphäre, die der Prozeß zweifellos gebracht hat, die politischen Gegensätze in Nastätten und Umgebung in Zukunft nicht mehr Formen annehmen werden, die das friedliche Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungsklassen beeinträchtigen."

"Das friedliche Zusammenleben" war ein frommer Wunsch. Im November 1938

wurde das friedliche Zusammenleben in sein Gegenteil pervertiert.

Paul Arnsberg nennt zwei Persönlichkeiten, die ihre Wurzeln in Nastätten hatten. Ursprünglich gehörte deren Familie zu der Gruppe der sephardischen Juden, die einst aus Spanien gekommen waren. Nach einer Zwischenstation in Oppenheim kamen sie nach Nastätten. Sir Charles Oppenheimer und Sir Francis Oppenheimer brachten es in England zu Ansehen und Reichtum. Die Familie Oppenheimer hatte mehrere Diplomaten in ihren Reihen. Sir Francis Oppenheimer widmete seine Autobiographie, die er hochbetagt noch schrieb, seinen Eltern. Er gab dem 1960 in London verlegten Buch den bezeichnenden Titel: ‘Stranger within’. Die Familie Oppenheimer hatte Nastätten nie vergessen. Karl Oppenheimer, der 1836 nach England ausgewandert war, hatte zum Beispiel Nastätten testamentatrisch 150.000 Mark vermacht. 1995 wurde May Barker geb. Oppenheimer auf eigenen Wunsch in Nastätten auf dem Friedhof ihrer Vorfahren beigesetzt.

Bereits 1664 wurde ein Friedhof angelegt. Der älteste noch erhaltene Grabstein stammt aus dem Jahre 1837. Während des zweiten Weltkrieges wurden die meisten Grabplatten entwendet.

Der Weg:

Um zu dem Friedhof zu kommen, fährt man in Richtung Diethardt bis zu dem städtischen Bauhof. Hinter der Brücke biegt man rechts in einen Weg ein, der direkt zum Friedhof führt.

Statistik:

1664 3 Familien

1693 11 Familien

1706 8 Familien

1843 67 Personen

1871 78 Personen

1880 76 Personen

1898 72 Personen

1905 76 Personen

1910 70 Personen

1925 54 Personen

1933 49 Personen

1939 10 Personen

15.11.1940 9 Personen