Dausenauer Schnurren

von Wilhelm Bruchhäuser

1 Mir dürfe net Halleluja singe

Die kinderreichen Familien Wagner und Halle bewohnten zwei Häuschen, die friedlich nebeneinander in der sogenannten "Hintergass" eines kleinen und strebsamen Dorfes irgendwo im Gebiet entlang der alten Poststraße Ehrenbreitstein-Wiesbaden standen. Von jeher gab es eine immer hilfsbereite und gutnachbarliche Freundschaft zwischen den beiden Sippen. Das war schon so in Urgroßvaters Zeiten gewesen, und es hatte inzwischen nichts gegeben, das diese holde Eintracht einer dörflichen Zusammengehörigkeit hätte stören oder gefährden können.

Aber eines Tages trat doch ein solches Ereignis ein, das sozusagen über Nacht die bisherige Harmonie und Gemeinsamkeit beseitigte. Schuld daran war ein Huhn aus dem Stalle Halle. Es blieb nicht nur dabei, daß es an dem Hahn des nachbarlichen Hühnervolkes einen besonderen Gefallen fand, was übrigens durch das öftere Hinüberwechseln zum gegenüberliegenden Misthaufen schon äußerlich dokumentiert wurde, sondern es legte auch seine schönen und dicken Eier mehr als einmal in die Legenester des Wagnerischen Hühnerstalles. Man hätte tatsächlich stocktaub sein müssen, um diesen Vorgang, der traditionsgemäß mit lautem und stolzem Gegacker umrahmt und begleitet wird, nicht wahrzunehmen.

Bei Wagners schien indessen die Kenntnis und Beachtung dieser biologisch-musikalischen Übung einer Angehörigen fremden Federviehs keinerlei Konsequenzen in bezug auf das Gefühl, zum Schaden des Nachbarn unrechtmäßigerweise bereichert zu sein, ausgelöst zu haben. Jedenfalls tat bei ihnen jung und alt so, als ob man nichts, aber auch rein gar nichts bemerkt hätte. Und wenn man es hätte zugestehen müssen, dann hätte man sich immer noch damit helfen können, zu sagen, man könne das fremdgehende Huhn unmöglich an die Leine nehmen wie einen Hund.

Die Reaktion auf der nachbarlichen Seite war aber dafür um so deutlicher und bemerkenswerter. Sie fing an mit recht zweideutigen und spitzfindigen Hinweisen auf die Vermehrung des Wagnerischen Eierbestandes. Dann kamen etwas derbere Beschuldigungen und schließlich fiel das Wort "Spitzbubengesellschaft". Es wirkte wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Wagners blieben die Erwiderungen, die von der gleichen Art und Deutlichkeit waren, nicht schuldig. Ein Wort gab das andere, und schließlich kam es zu einer wüsten und handgreiflichen Auseinandersetzung, bei der die beiden Hausfrauen die Führungsrolle spielten. Der Ausgang des Streites mündete in einer offenen und verbissenen Feindschaft, die unerbittlich zu sein und auch für ewig bestimmt schien.

Das war also die kleine Vorgeschichte, die erzählt werden muß, um das, was sich später ereignete, begreiflich erscheinen zu lassen.

Es war an einem Freitagvormittag. Der Herr Pfarrer hielt seinen wöchentlichen Religionsunterricht. Die Buben und Mädchen hatten nicht nur das, was ihnen in der letzten Stunde aufgegeben wurde - es waren Teile aus Psalmen und Gesangbuchverse -, fleißig auswendig gelernt. Sie konnten auch die mündlich gestellten Fragen allesamt so gut und flott beantworten, daß der Herr Pfarrer seine rechte Freude daran hatte. Zum Abschluß wurde "Lobe den Herrn" gesungen. Der Geistliche gab wie immer als Vorsänger den richtigen Ton an, dann fiel der Gesang der Klasse mit einem ebenso kräftigen wie melodischen Stimmenaufwand in den Vorgesang ein. Nur am Ende des Lobgesanges, nämlich beim "Halleluja", wurde die Darbietung um einige Stimmen dünner. Der Herr Pfarrer hat es wohl wahrgenommen, und deshalb ordnete er die Wiederholung des Chorals an. Beim nächsten "Halleluja" gab es wieder den bisherigen Stimmenschwund. Dieses Mal hatte er aber besser achtgegeben, das heißt, er hatte nach den Mündern der Sängerschar geschaut, und da stellte er zu seinem Leidwesen fest, daß die Gebrüder Wagner, die immerhin mit vier Köpfen vertreten waren, sobald das erwähnte biblische Wort kam, wie Fische im Wasser verstummten. Die Klasse durfte sich setzen, und die Wagnerbuben mußten stehen bleiben. "Warum singt ihr beim Halleluja nicht mit", war seine etwas gestrenge Frage. Karl, der älteste der Angesprochenen, antwortete mit hochrotem Kopf und sichtlich sehr beleidigt: "Herr Pfarrer, mir dürfe net "Halleluja" singe, mir sind mit Halles bies (bös)."

Der Chronist berichtet, daß der Herr Pfarrer im Hinblick auf diesen hochdramatischen und durchaus überzeugenden Hindernisgrund auf eine nochmalige Wiederholung des Liedes in dieser Stunde, die einen so unerwarteten Abschluß gefunden hatte, verzichtete. Aber er sorgte als gewissenhafter und um das Seelenheil seiner Gemeinde bemühter Pastor dafür, daß das Unterlassene, nachdem durch sein Eingreifen und Einschreiten die Eierangelegenheit gütigst geregelt werden konnte, später gründlich nachgeholt wurde.

2 Der Kirmeskuchen

Jakob und Philippchen waren zwei ledig gebliebene Brüder aus der guten alten Zeit. Ihr Junggesellentum war wohl mit schuld daran, daß sie sich immer mehr zu Dorforiginalen entwickelten, die ihre eigenen Ansichten über Menschen und Dinge hatten. Jakob verfügte über eine kräftige, im Baßton gehaltene Stimme, während Philippchen sich beim Sprechen in den höheren und höchsten Tonlagen bewegte. Den Haushalt der beiden führte eine schwerhörige Schwester namens Lisbeth, deren Lebensschiff ebenfalls nicht in den Hafen der Ehe eingelaufen war. Sie war schrullenhaft, aber fleißig und konnte im übrigen recht gut kochen und backen.

Man zählte das Jahr 1912, und der September, der soeben ins Land gekommen war, brachte die ersten reifen Früchte und besonders die süßen Zwetschen, die silber-bläulich schimmernd an Bäumen und Sträuchern hingen. Es war die Zeit der traditionellen Kirmes im idyllischen Dörflein an der Lahn.

Lisbeth hatte zwei herrliche Kuchen gebacken, einen "Grimmelkuchen" und einen "Gwetschekuchen". Als die Vesperglocken an dem schönen Samstagabend die Kirmes einläuteten, stellte sie ihre beiden duftenden und Wärme ausstrahlenden Kunstwerke, die soeben aus dem Backofen gekommen waren, in die kleine Abstellkammer, die diese und noch viele andere Aufgaben zu erfüllen hatte.

Es war allmählich dunkel geworden. Jakob und Philippchen suchten ihre Lagerstätte auf, um sich der wohlverdienten Ruhe hinzugeben; denn morgen war ja Kirmes, da mußte man auf dem Posten sein. Ihre Schlafstätte war mit dem Kuchenzimmer durch eine ewig knarrende, nicht mehr schließende Tür, welche die Last eines ganzen Jahrhunderts verkrümmt und verzogen hatte, verbunden. Der Kuchenduft zog verführerisch ins Schlafgemach.

Es schlug vom Glockenturm der nahen Kirche elf. Philippchen, der nicht lesen, nicht schreiben und kaum zählen konnte, fragte seinen Bruder: "Jakob, wieviel Uhr haben wir denn?"

Dieser sagte: "Die Auer hat elf geschlagen." Philippchen wiederholte das Wort elf und seufzte. Beide kamen nicht zum Schlafen.

Als die Kirchenuhr mit zwölf Schlägen die Mitternacht verkündete, fragte Philippchen wiederum: "Jakob, wieviel Uhr ist es jetzt?" Dieser brummte im ärgerlichen Ton: "Die Glock' hat zwölf geschlagen."

Philippchen wiederholte die Zahl zwölf und seufzte abermals. So ging es weiter, als die Glocke ein Uhr, als sie zwei Uhr, als sie drei Uhr schlug.

Als sie aber die vierte Morgenstunde in den schon dämmerigen Tag hinein rief und sich Frage- und Antwortspiel der beiden Nichtschlafenden wiederholte, gab es einen unerwarteten, jedoch verständlichen Abschluß; denn als Philippchen die Zahl vier nunmehr im Zustande hoffnungsloser Traurigkeit wiederholte und die Frage stellte, wie lange es noch dauern würde, bis aufgestanden würde, sagte Jakob ganz kummervoll:

"Ja, ja, es ist ganz furchtbar - wenn 'en armer Mann mal gebacken hat, dann will es aber auch gar net Tag werden."

Und als Philippchen echote: "... will es auch net Tag werden" und außerdem noch hinzufügte: "Jakob, soll'n wer?", da geschah das Unerhörte:

Beide sprangen wie auf ein Kommando aus dem Bett und stürzten entschlossenen Sinnes zu den beiden Objekten ihrer Schlaflosigkeit, dem "Grimmelkuchen" und dem "Gwetschekuchen" im nahen Kämmerlein.

Sie kehrten erst dann zu ihren Betten zurück, als sie ganze Arbeit geleistet hatten; denn ihr Verlangen nach dem Festtagsschmaus war riesengroß gewesen.

Als Lisbeth um acht Uhr den Kaffeetisch zurecht machen wollte und die leere Speisekammer sah, rief sie gellend: "Jakob, Philippchen, kommt schnell, die Kuchen sind gestohlen worden."

Jakob sagte mit scheinheiliger Entrüstung: "So eine Unverschämtheit! Ich glaube, es war heute morgen um vier Uhr, da sind zwei Kerle drin gewesen." Da er zugleich Ortspolizist war, versprach er der unglücklichen Lisbeth, die Sache unverzüglich dienstlich in die Hand zu nehmen.

Der Fall wurde verständlicherweise nie aufgeklärt.