Beziehungen zwischen Dausenau und Zimmerschied
von Selma Aps
1 Einleitung
Der mündlichen Überlieferung zufolge geht Zimmerschied auf eine mittelalterliche Hofgründung Dausenauer Bürger zurück. Dieser Hof, so wird vermutet, stand neben der alten Schule, wo sich ein sehr alter Brunnen befand. Tatsächlich gab es im hohen Mittelalter eine sehr verbreitete Neubesiedlung in unseren heimischen Mittelgebirgen. Die beengten Verhältnisse in den Tallagen und die wachsende Bevölkerung zwangen zu einer Art inneren Kolonisation, zur Rodung der oberhalb der alten Ortschaften gelegenen Hochflächen und zur Anlage von Einzelhöfen, Weilern und neuen Dörfern. Die historisch-genetische Siedlungsforschung hat dafür die Bezeichnung hochmittelalterliche Rodeperiode geprägt. Auch um Dausenau entstanden nach GENSICKE zahlreiche neue Siedlungen, deren Alter aber oft nur vage zu bestimmen ist, z.B.: Bruchhausen, Ködingen, Embtenrod, Zweihausen, Neuhaus, Ranzenstein, Zimmerschied. Alle genannten Ansiedlungen wurden wegen der ungünstigen Bodenverhältnisse und der abseitigen Lage ausgangs des Mittelalters oder in der frühen Neuzeit wieder aufgegeben (spätmittelalterliche Wüstungsperiode), einzig das 1398 erstmals erwähnte Zimmerschied hatte dauerhaften Bestand, es konnte sich aber erst spät zu einer eigenständigen Gemeinde entwickeln.
Nachweislich gehörte Zimmerschied 1563 und 1577 zum Kirchspiel und 1643 zum Gericht Dausenau; man kann davon ausgehen, daß diese Zugehörigkeit schon immer bestand. Dausenau war damit für alle wesentlichen Belange der kleinen Höhensiedlung zuständig.
2 Die schulischen Verhältnisse
Die Zimmerschieder Schüler mußten seit jeher den langen und beschwerlichen Fußweg zur Schule nach Dausenau auf sich nehmen. Für eine eigene Schule gab es einfach zu wenig Schüler - 1670 sollen es 10 bis 13 Kinder gewesen sein. Für die Unterrichtung ihrer Schüler mußten sich die Zimmerschieder an den Kosten des Lehrers beteiligen. Jedes Schulkind hatte dem Lehrer in Dausenau zwei sogenannte Schulscheiter zu bringen. Manche Eltern gaben statt des Holzes Bargeld. Um ihren Kindern in der Winterzeit den langen Fußmarsch nach Dausenau und zurück zu ersparen, hatten die Eltern bereits um die Mitte des 18. Jh. vorübergehend einen Lehrer namens Meyer aus Hömberg angestellt (1801). Schon vor 1748 wirkte Johann Heinrich Deusner aus Dausenau als Filialschulmeister. Der Unterricht fand abwechselnd in den Häusern der verschiedenen Schüler statt. Auch in dem 1801 abgebrannten Hirtenhaus soll nach mündlicher Überlieferung zeitweise Schule gehalten worden sein. 1813 war Fritz Elbert aus Dausenau Winterlehrer in Zimmerschied (dann wurde er Landesoberschultheißengehilfe in St. Goarshausen), ihm folgte im nächsten Jahr sein älterer Bruder. Die Schule war aber offensichtlich keine dauerhafte Einrichtung.
Aufgrund des nassauischen Gemeindeediktes von 1816 wurden alle Ortschaften eigenständige Gemeinden und erhielten einen eigenen Schultheiß. Zimmerschied erhielt den ersten Schultheiß 1818 und nutzte die neue Eigenständigkeit, um aus dem Schulverband mit Dausenau auszutreten. Das gemeinsame Schulvermögen wurde aufgeteilt. Mit dem 1.10.1818 ging Zimmerschied einen neuen Verband mit Hömberg ein. Der Schulweg nach Hömberg war für die Kinder kürzer und weniger beschwerlich. Für die Besoldung des Hömberger Lehrers waren jährlich 70 bis 80 Gulden aufzubringen. Schon bald zeigte sich aber, daß die alte Hömberger Schule durch die zusätzlichen Schüler aus Zimmerschied zu eng geworden war. Man stand vor der Alternative, sich am Neubau einer Schule in Hömberg zu beteiligen oder ein eigenes Gebäude zu errichten. Die Gemeinde entschied sich für eine eigene Schule um endlich den Schulkindern den langen Fußmarsch zu ersparen. Das entsprechende Gesuch an die Landesregierung in Wiesbaden wurde aber zunächst abgelehnt, erst auf wiederholte Bitte erhielt Zimmerschied schließlich am 19.7.1834 die Genehmigung zur Errichtung einer eigenen Schule. Auch der Schulinspektor Spiehs aus Bad Ems hatte sich eindringlich in einem Bericht vom 24.1.1836 für die Zimmerschieder Belange bei der Landesregierung in Wiesbaden eingesetzt: ... Da nun der Orts- sowie der Schulvorstand die sodannige Anstellung eines eigenen Schullehrers in Zimmerschied sehr dringend wünschen, um die Kinder dieser Gemeinde nicht noch einen Winter den beschwerlichen und gesundheitsgefährlichen Schulweg nach Hömberg gehen zu sehen, so halte ich mich verpflichtet, Hohe Landes-Regierung mit der gehorsamsten Bitte hiervon in Kenntnis zu setzen, daß hochdieselbe den Wunsch dieser Gemeinde möglichst zu willfahren und diese neue Schulstelle wenigstens mit 1. Januar 1837 zu besetzten genügen wollen... Wie vorgesehen konnte am 1.1.1837 die Einweihung der Schule gefeiert werden und mit Michael Oswald wurde der erste Lehrer in sein Amt eingeführt.
3 Die kirchlichen Verhältnisse
Noch länger als auf dem Schulsektor hielten sich die Verbindungen zur Dausenauer Kirche; sie sind auch heute noch nicht ganz abgerissen. Zimmerschied war immer zu klein, um eine eigene Kirche unterhalten zu können. Über Jahrhunderte ging man daher zum Gottesdienst nach Dausenau. Auch Trauungen, Taufen, Konfirmationen und Begräbnisse fanden hier statt. Innerhalb des Dausenauer Friedhofes hatten die Zimmerschieder ihre eigene Begräbnisstätte, wo sich heute der Kinderfriedhof befindet. Die Totenbestattung erfolgte traditionsgemäß wie folgt: Vor dem Trauerhaus wurde ein passendes Lied gesungen und im stillen gebetet. Dann hat man den Sarg auf einen Wagen geladen und unter dem Läuten der Glocke nach Dausenau gefahren. Der Lehrer mußte mit den Schülern den Leichenzug begleiten. Wenn der Zug, der im Regelfall aus allen Einwohnern bestand, die ersten Häuser Dausenaus erreichte, hielt man an und bettete den Leichnam nochmals neu, da er auf dem holprigen Weg hin und her geworfen wurde. Dann verschloß man den Sarg endgültig. Am Ortseingang sprach der Pfarrer ein Gebet, der dem Leichenzug entgegen ging. Unter Glockengeläut setzte sich der Zug in Richtung Friedhof in Bewegung. Dort wurde noch ein Begräbnislied gesungen und der Pfarrer hielt die Leichenpredigt. Nach der Beerdigung erhielten die Totengräber, die von den Angehörigen des Verstorbenen eigens bestellt wurden, in einem Wirtshaus Verpflegung (Käsebrot und Branntwein). Mehrere Wochen nach der Beerdigung backte man Kuchen und es wurde Flennes, hier Trostgelage genannt, gehalten. Starb eine unverheiratete Person, machten alle Ledigen einen Strauß, womit der Leichnam geschmückt wurde.
Da der Zimmerschieder Friedhof in Dausenau sehr beengt, und der Transport der Leiche sehr mühevoll und langwierig war, legte man 1866 einen eigenen Friedhof in der Zimmerschieder Gemarkung nördlich des Dorfes an. Am 15.6.1866 wurde er von Herrn Pfarrer Schulinspektor Cuntz feierlich eingewiehen. Als erster fand hier Philipp Deutesfeld seine letzte Ruhestätte.
In den Jahren 1956 bis 1959 errichtete die Gemeinde Hömberg eine eigene kleine Kapelle. Hömberg, das kirchlich immer Nassau zugeordnet war (außer von 1957 bis 1960), begründete jetzt mit Zimmerschied eine selbständige Kirchengemeinde. Damit endete der jahrhundertelange Kirchgang der Zimmerschieder nach Dausenau, der kürzere Weg gab dafür den Ausschlag.
Auch die alte Tradition kam damit zum Erliegen, daß die Zimmerschieder Konfirmanden nach dem gemeinsamen Besuch des Konfirmandenunterrichts die Dausenauer Kameraden am Nachmittag nach dem Vorstellungsgottesdienst in ihre Familien einluden. Bei Kaffee und Kuchen oder dem traditionellen Speck- und Eier-Essen wurde die Gemeinschaft und Freundschaft gestärkt.
Durch das gemeinsame Pfarramt von Dausenau und Hömberg/Zimmerschied bleiben aber im kirchlichen Bereich weiterhin enge Beziehungen bestehen. Noch heute werden die Zimmerschieder gelegentlich in Dausenau konfirmiert. Darüber hinaus sind verwandschaftliche und freundschaftliche Beziehungen zwischen beiden Gemeinden selbstverständlich.
Literatur:
APS, Selma: Chronik der Gemeinde Zimmerschied. 1992
BRUCHHÄUSER, Kurt: Dausenau an der Lahn. 1986
GENSICKE, H.: Kirchspiel und Gericht Dausenau, in: Nassauische Annalen 78, 1967, S. 235 - 255
Zur Geschichte des Dorfes Hömberg. 1969