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Pfingsteierkrone - Ein untergegangener religiöser Brauch in Lahnstein von Herbert Roth Neben dem am Mittelrhein und im Westerwald üblichen Brauch, am Kirchweihfest eine Eierkrone oder ein anderes Gebilde aus ausgeblasenen Eiern am Kirmesbaum aufzuhängen, konnte in Lahnstein, und nur in Oberlahnstein, der Brauch der Pfingsteierkrone als christlicher Brauch bis in unsere Zeit beobachtet werden. Der Eierkronen- und Eierkettenbrauch ist im Grunde ein Frühjahrsbrauch, Symbol für das Erwachen der Natur. Das Ei selbst ist ein besonders sinnfälliges Fruchtbarkeitssymbol. Dieser Fruchtbarkeitsbrauch wurde wie viele andere in einen christlichen Brauch umgewandelt, die Eierkrone wurde zum Symbol für einen "neuen Anfang", ein "neues Leben" für die ganze Welt. Der Ursprung soll ins 14. Jahrhundert zurückreichen. Der älteste im Stadtarchiv erhaltene Hinweis stammt allerdings aus dem Jahre 1903. Im Lahnsteiner Tageblatt wird dort unter dem 28. Mai auf diesen Brauch hingewiesen, mit der Hoffnung, daß sich doch wieder so viele Eierkronen in den Straßen der Stadt finden möchten wie in den 70er und 80er Jahren. Als christliches Symbol ist die Eierkrone Zeugnis des Pfingstwunders. Sie ist ein komplexes Sinnbild, denn alle Teile haben symbolische Bedeutung. Die Krone wird gebildet aus einem Eisengestell - früher Holz, Weide oder Draht -, das mit Buchsbaumzweigen umwickelt wird. Die Kugel mit dem Kreuz über der Krone und die hölzerne Taube in ihrer Mitte symbolisieren die Dreifaltigkeit. Aus der Mitte hängt eine lange Kette herab, gebildet aus ausgeblasenen Eiern mit blauen Papierblättchen dazwischen und mit einer bunten Papierquaste als Abschluß. Sie ist Symbol für Maria, die Gottesmutter, während die zwölf kürzeren Eierstränge mit bunten Papierblättchen, die am Kronenrand befestigt sind, die zwölf Apostel versinnbildlichen. Vier davon sind durch alte Schulhefte als Hinweis auf die Evangelienbücher gekennzeichnet. Diese Schulhefte tragen als Aufschrift die Namen der Evangelisten. Der langjährige Stadtrat und Ehrenbürger Johannes Knauf, der sich sehr für die Wiederbelebung dieses Brauches nach dem Zweiten Weltkrieges eingesetzt hatte, erzählte: Es konnte schon einmal geschehen, daß sich die Hefte nach einem Regenguß aufrollten und bei Lukas dann zu lesen stand: Markus hat seine Schulaufgaben nicht gemacht. Johannes Knauf berichtete weiter: In meiner Jugendzeit hingen noch viele Eierkronen in den Straßen und Gassen unserer Stadt. Denn dieser Brauch hat eine wechselvolle Geschichte. Es gab Zeiten, da geriet er fast in Vergessenheit. Aber immer wieder fanden sich Bürger, einzelne und Gruppen, die ihn wieder belebten. Berichte und Fotografien aus den zwanziger und dreißiger Jahren zeigen, wie sehr der Eierkronenbrauch in dieser Zeit lebendig war. Selbst in der Zeit des 3. Reiches wurde dieser christliche Brauch gepflegt. Die Eierkronen in der Stadt wurden von Straßen- oder Nachbarschaftsgemeinschaften angefertigt und aufgehängt. So bei Peter Junker in der Frühmesserstraße, der den Brauch in den 20er Jahren förderte. Johannes Knauf berichtete: Auf Wunsch des Landschaftsbundes 'Volkstum und Heimat' wurde die Pfingstkrone des Herrn Peter Junker in der Frühmesserstraße nach Darmstadt gesandt und dem dortigen Volkskundemuseum überwiesen. Weitere Kronen hingen u.a. vor der Drogerie Trennheuser oder beim Fuhrunternehmen Jäger in der Adolfstraße, vor dem Lebensmittelgeschäft Sauerwein in der Burgstraße, über der Kreuzung Adolfstraße/Schulstraße, am Martinsplatz, in der Langwiesergasse und nach dem Zweiten Weltkrieg am "Ölberg" bei Malermeister Hermann Schmidt. In diesen Jahren fand der alte Brauch ein reges Interesse in der Bevölkerung; bald gab es etwa ein halbes Dutzend Eierkronen in der Stadt. Die Jugend durfte wieder tanzen, man sang die alten Lieder, wie sie früher unter den Eierkronen erklungen waren. Mit dem Wohlstand der 50er Jahre schwand das Interesse, bis Herr Knauf auf seinem Anwesen vor der Stadt wieder eine Eierkrone aufhängte und zum Tanzen und Singen einlud. Doch diese Eierkrone blieb die einzige; sie fand dann später in der Burgstraße vor dem Modegeschäft des Herrn Knauf einen neuen Platz. Nach zeitweiser Vernachlässigung führte zu Beginn der 80er Jahre die Kolpingfamilie die alte Tradition fort. Josef Junker ist es zu verdanken, daß in diesen Jahren eine große Eierkrone vor dem Pfarrzentrum am Europaplatz aufgehängt werden konnte. Da der Brauch in der herkömmlichen Form den vermeintlichen Ansprüchen nicht mehr zu genügen schien, mußte "das Angebot erweitert" und ein umfangreiches Festprogramm geboten werden, eingeschlossen der Tanz unter der Eierkrone. Das zeigt, daß altüberkommene Bräuche häufig nur noch als Teil eines Festprogramms oder als touristische Attraktion überleben können. Die Eierkrone als Sinnbild des Pfingstwunders begleitete die Menschen in der Zeit von Pfingstsamstag bis am Sonntag nach Fronleichnam. Früher spielten, sangen und tanzten die Kinder unter den Eierkronen, am Abend auch die Jugend und die Erwachsenen. Die Kinder vor allem - aber gelegentlich auch die Jugendlichen - sangen die tradierten Kinderlieder wie: "Der Plumpsack geht herum", "Laurentia, liebe Laurentia mein", "Wer im Januar geboren ist", "Eierkranz, wat gilt der Tanz", aber auch: Für en Grosche sechs Äppel, / die Hälft', die sein faul. / Die Lohnschdener Waiwer (Bowe) / hon all e fresch Maul ... Gern und immer wieder gesungen wurde die Kinderballade "Die Anna saß auf einem Stein". Dieses Kinderlied geht zurück auf einen uralten Volksgesang, eine alte nordische Ballade, die vielfältige Umgestaltungen erfahren hat. Dieser Balladenstoff gehört zur unheimlichen Sage vom Ulinger oder - wie er in Frankreich heißt - vom Ritter Blaubart. Daraus hat sich das Kinderlied entwickelt, das in verschiedenen Ausgestaltungen, aber immer mit dem gleichen Kern, gesungen wird: Die Anna saß auf einem Stein. / Sie kämmte sich ihr gold'nes Haar ... / Ach Anna, warum weinest du? / Ach, weil ich heute sterben muß ... / Da kam der böse Fähnerich. / Der stach der Anna in das Herz ... Da dieser tragische Schluß dem Kindergemüt unerträglich ist, ließ der Märchenglaube die Ermordete einfach wieder auferstehen. So heißt es im hessischen Kinderlied: Da stand Mariechen fröhlich auf / Mariechen war ein Engelein ... Im Lahnsteiner Kinderlied steht am Ende der Gedanke an die strafende Gerechtigkeit, denn der "Fähnerich" erhält seine gerechte Strafe: Sie legten Anna in das Grab / Der Fähnrich kam in die Eierkist'. Das Wort "Eierkist'" bedeutet Sarg. Es handelt sich dabei jedoch um eine grob zusammengenagelte Kiste aus einfachen, rohen Brettern, in der früher hingerichtete Mörder vor der Stadtmauer begraben wurden. Während des Singens faßten sich die Kinder an den Händen und tanzten einen Reigen. Alte Spielformen des "epischen Tanzes" haben sich in diesem Kindertanz erhalten. Nach der letzten Strophe liefen alle zur Mitte und schlugen auf den "bösen Fähnrich" ein. Solche Formen des Schlagens weisen im Brauchtum in die Sphäre des Rechtlichen. Den Abschluß des abendlichen Eierkronentanzes, wenn um 22.00 Uhr die Glocke der St. Martinskirche läutete, bildete die letzte Strophe des Volksliedes "Kein schöner Land": Nun, Brüder eine gute Nacht ... Trotz der Umwandlung in christliche Symbolik sind der Tanz und die weltlichen Lieder sozusagen als alter Rest aus vorchristlichem Brauchtum erhalten geblieben. Damit ist ein schöner alter Volksbrauch beschrieben. Aber Volksbräuche dieser Art können heute wohl nur noch dann überleben, wenn interessierte und engagierte Gruppen sie pflegen, weil sie noch die gemeinschaftsbildende Kraft der Symbolik spüren, die in den Brauchhandlungen zum Ausdruck kommt. Der heute in allen Lebensformen - selbst im Rechtswesen - dominierende Trend zur Individualisierung mag ein nicht zu unterschätzender Faktor für den Rückgang der Bräuche und Brauchhandlungen sein, denn es gibt kein "individuelles" Brauchtum. Das ist immer nur dort möglich, wo der einzelne sich noch "als Glied in der Kette" empfindet, wo er Teil eines größeren Verbandes ist, in dem man sich kennt und anerkennt. Aber selbst wenn solche Bräuche in Veranstaltungen mit einem "attraktiven Angebot" eingebunden werden sollen, ist oft nicht zu verhindern, daß ein schöner, gemeinschaftsbildender Brauch, wie der der Pfingsteierkrone in Lahnstein, nicht mehr in der tradierten Form gepflegt wird. Was du ererbt von deinen Vätern hast/ Erwirb es, um es zu besitzen. (Goethe, Faust I). Besitz, der nicht stets neu erworben wird, zerfällt. Bräuche und Feste, die nicht eingeübt und gepflegt werden, fallen dem Vergessen anheim. Daß mit dem Verlust der Pfingsteierkrone ein schönes und bedeutsames Stück heimischer Tradition verloren gegangen ist, steht außer Frage. s. Heimatjahrbuch des Rhein-Lahn-Kreises 1997
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