Der römische Limes im Rhein-Lahn-Kreis
Cliff Alexander Jost
Vor-Geschichte
Der Limes war zwischen Rhein
und Donau im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. die Grenze der römischen
Provinzen Obergermanien (Germania superior) und Raetien (Raetia) zum
freien Germanien (Germania libera). Seine Überreste sind heute das längste
und bekannteste archäologische Denkmal in Deutschland. Auf einer
Gesamtlänge von 550 km verläuft der Limes vom Rhein nördlich von Koblenz
bis zur Donau westlich von Regensburg. Entlang der ehemaligen Grenze des
Römischen Reiches standen zuletzt fast 900 Wachttürme, zahlreiche
Kleinkastelle und über 60 große Kohortenkastelle. Die Überreste des Limes
und der zugehörigen Anlagen sind bis heute auf weiten Abschnitten noch
sichtbar erhalten. Sie stellen ein herausragendes Bodendenkmal dar.
Deshalb haben im Frühjahr 2003 die vier Bundesländer Rheinland-Pfalz,
Hessen, Baden-Württemberg und Bayern, durch die der Limes verläuft, den
Antrag eingereicht, den Limes als Weltkulturerbe unter den Schutz der
UNESCO zu stellen.
Der Limes wurde in mehreren Ausbauphasen errichtet. Zunächst bestand der Limes ab 90 - 100 n. Chr. aus einer Waldschneise mit einem Patrouillenweg. Dieser wurde von Holztürmen aus überwacht, die an markanten Geländepunkten aufgestellt waren und Sichtverbindung untereinander hatten (Bauphase 1). Um 130 n. Chr. errichtete man vor dem Weg und den hölzernen Wachttürmen einen durchgehenden, etwa 3 m hohen Palisadenzaun. Er bildete erstmals eine geschlossene Grenze. Sie zu überschreiten war nur noch dort möglich, wo die Römer Durchlässe angelegt hatten, in der Regel für die Überlandwege (Bauphase 2). Ab ca. 170 n. Chr. ersetzte man die Holztürme nach und nach durch Steintürme, die Palisade blieb bestehen (Bauphase 3). Um die Wende vom 2. zum 3. Jh. n. Chr. wurde am obergermanischen Limes zwischen der Palisade und den Türmen ein etwa 2,5 bis 3 m tiefer Spitzgraben ausgehoben und der Erdaushub dahinter zu einem etwa 3 m hohen Wall aufgeschüttet (Bauphase 4) (Abb. 1). Gleichzeitig wurde am raetischen Abschnitt des Limes die Holzpalisade durch eine etwa 3 m hohe Mauer ersetzt.
Die Verteidigung der Grenze übernahmen Hilfstruppen (auxilia), rekrutiert aus der Bevölkerung der Provinzen. Ihre Einheiten umfassten zwischen 100 und 1000 Soldaten unter Führung römischer Offiziere. Meist bestand eine Truppe aus rund 500 Soldaten Infanterie (cohors) oder Kavallerie (ala), mitunter auch aus einer gemischten Einheit (cohors equitata). Sie waren in unterschiedlich großen, befestigten Kasernen untergebracht, den so genannten Kastellen. Diese waren anfangs in Holz-Erde-Technik gebaut und wurden später durch Steinkastelle ersetzt. Die Auxiliarkastelle nahmen eine Fläche von 0,6 bis 6 Hektar ein und lagen nahe am Limes oder etwas zurückversetzt im Hinterland. Sie hatten einen rechteckigen Grundriss mit abgerundeten Ecken und waren von einer Mauer und davor von einem oder mehreren Gräben umgeben. Zusätzlichen Schutz boten seitliche Tortürme sowie häufig Eck- und Zwischentürme in der Mauer. Von den vier Toren aus führten die Kastellstraßen geradlinig in den Innenraum des Kastells. In der Mitte des Kastells lag ein großer Verwaltungsbau (principia) mit den Diensträumen des Kommandanten, der Waffenkammer, der Truppenkasse und dem Raum für die kultisch verehrten Truppenstandarten. Daneben standen das Wohnhaus des Kommandanten (praetorium) und die Magazin- (horrea) und Werkstattbauten (fabricae) und manchmal ein Lazarett (valetudinarium). Im vorderen und hinteren Teil erstreckten sich die rechteckigen Mannschaftsbaracken der Soldaten (centuria), die Pferdeställe (stabula) und Schuppen. In unmittelbarer Nähe des Limes an Durchlässen wichtiger Überlandwege oder dort, wo durch zu große Entfernung zum nächsten Auxiliarkastell eine Lücke geschlossen werden sollte, wurden zudem kleinere Wehrbauten errichtet. In diesen Kleinkastellen mit nur einem Tor und einem umlaufenden Graben konnte eine Besatzung zwischen 20 und 30 Soldaten entweder dauerhaft oder nur bei Bedarf zur zusätzlichen Verstärkung der Grenze untergebracht werden. Außerhalb der großen Kastelle entstanden oft ausgedehnte zivile Kastelldörfer (vici), in denen sich die Angehörigen der Soldaten sowie Händler, Handwerker und Gastwirte, die von der Wirtschaftskraft der Soldaten lebten, angesiedelt hatten. Zu den großen Kastellplätzen gehörten fast immer auch eine Badeanlage, öffentliche Bauten, Heiligtümer und die außerhalb der Wohngebiete gelegenen Begräbnisstätten.
Die verschiedenen Anlagen des Limes dienten zusammen mit einem sorgfältig ausgebauten Straßennetz im Hinterland der Sicherung der Provinzen. Mit dem Limes legte das römische Imperium nachdrücklich seine Reichsgrenze fest. Als Signalsystem konnte der Limes wirkungsvoll Raubzüge kleiner Horden vereiteln. Massive Angriffe von Germanen wurden rechtzeitig von Turm zu Turm mit Feuer-, Rauch- und Hornsignalen bis zu den Kastellen weitergemeldet. Von hier rückten die römischen Truppen aus, um die Eindringlinge abzuwehren. Eine wesentliche Aufgabe des Limes bestand in der Überwachung des grenzüberschreitenden Handelsverkehrs. Durch zahlreiche Durchgänge im Limes führten die alten Handelswege aus den römischen Provinzen in das freie Germanien. Für etwa 150 Jahre erfüllte der Limes seine Aufgabe sehr erfolgreich, denn unter der militärischen Herrschaft der Römer entwickelte sich im Hinterland des Limes eine blühende Wirtschaft durch Ackerbau, Viehzucht, Handel und Verwaltung. Erst als im 3. Jahrhundert n. Chr. politische, wirtschaftliche und militärische Krisen im Reich die Grenzverteidigung schwächten, durchbrachen wiederholt germanische Stämme den Limes auf der Suche nach Beute und Siedlungsland. Nach den großen Germanenüberfällen des Jahres 259/60 n. Chr. mussten die Römer den Limes und damit ihr rechtsrheinisches Territorium aufgeben. Fortan bildeten Rhein, Iller und Donau die leichter zu verteidigende Flussgrenze, die ab ca. 290 n. Chr. unter Kaiser Diokletian mit neuartigen Verteidigungsanlagen gesichert wurde. Neue Kastelle mit mächtigen Mauern wurden angelegt (am Mittelrhein z. B. in Remagen und Boppard), dazwischen zum Schutz der Handelswege kleine Festungen errichtet, die so genannten burgi (Neuwied-Engers, Lahnstein), und städtische Ansiedlungen erhielten schützende Stadtmauern (Andernach, Koblenz).
Nach der Aufgabe durch die Römer verblieb der Limes weiter im Bewusstsein der Bevölkerung. Davon zeugen Orts- und Flurnamen wie „Heidengraben“, „Pfahl“, „Pohl“ oder „Alte Burg“. Einige seiner Abschnitte dienten noch in der Neuzeit als Grenzmarkierung. Die erste systematische Erforschung des Limes erfolgte am Ende des 19. Jahrhunderts durch die Reichslimeskommission, die 1892 auf Anregung des Althistorikers Th. Mommsen gegründet worden war. Mit detaillierten Aufnahmen im Gelände bestimmte sie den genauen Verlauf des Limes und führte in fast allen Limeskastellen mehr oder weniger umfangreiche Grabungen durch. Die Ergebnisse wurden 1894 bis 1937 in dem großen Limeswerk „Der obergermanisch-raetische Limes des Römerreiches“ (ORL) von E. Fabricius, F. Hettner und O. von Sarwey herausgegeben, das bis heute mit seinen 14 Bänden ein Standardwerk darstellt. Entsprechend den damals geltenden Landes- und Verwaltungsgrenzen wurde der Limes vom Rhein bis zur Donau durch die Reichslimeskommission in insgesamt 15 Strecken eingeteilt. Innerhalb der Strecken waren die Türme (Wachtposten = WP) durchnummeriert. Diese Benummerung ist bis heute beibehalten.
Eine grundlegend
neue Situation für die archäologische Erforschung des Limes trat nach dem
Zweiten Weltkrieg ein. Während des Wiederaufbaus und des Baubooms in der
Wirtschaftswunderzeit in den 50er bis 70er Jahren des 20. Jahrhunderts
wurden mehrere Limesabschnitte und vor allem ganze Kastellplätze
großflächig überbaut und oft unbeobachtet zerstört. Auf
denkmalpflegerische Belange wurde damals kaum Rücksicht genommen, und die
nur geringen Finanzmittel der Archäologischen Landesdenkmalämter für
Personal und Gerät ließen auch kaum umfangreiche Grabungen zu.
Andererseits führten aber neue Grabungsmethoden und moderne Techniken wie
die Luftbildprospektion zu wichtigen Ergebnissen. So konnten
Kastellstandorte und Zivilsiedlungen genauer erforscht und weitere
Militäranlagen und Gutshöfe im Hinterland entdeckt werden.
Seit Sommer 2000 wurden für die Vorbereitung des Antrages an die UNESCO,
den Limes als Weltkulturerbe zu erklären, umfassende Geländebegehungen am
Limes durchgeführt. Mit der neuen detaillierten Dokumentation entstand ein
Gesamtbild des Limes am Beginn des 21. Jahrhunderts, das in aller
Deutlichkeit auch die stark fortgeschrittene Zerstörung des Limes
aufzeigt. Fast drei Viertel aller archäologischen Verluste am Limes sind
dabei bedauerlicherweise erst in der Zeit nach den Untersuchungen durch
die Reichslimeskommission eingetreten. In dem Welterbe-Antrag sind deshalb
Konzepte dargestellt, die die zukünftige Pflege des Bodendenkmals Limes
und somit seinen langfristigen Bestandsschutz sicherstellen sollen, die
aber auch die weitere Erforschung und eine denkmalverträgliche
touristische Erschließung und Präsentation des Limes für die
Öffentlichkeit ermöglichen.
Mit rund 33 km befinden sich
etwa 6 Prozent des gesamten Limes im Bereich des heutigen
Rhein-Lahn-Kreises. Das entspricht einem Anteil von 44 % an dem 75 km
langen Abschnitt des Limes in Rheinland-Pfalz. Nach der Bezeichnung der Reichslimeskommission
handelt es sich um den südlichen Abschnitt der Limesstrecke 1 vom Rhein über
die Höhen am Rand des Westerwaldes bis zur Lahn mit den zugehörigen Wachtposten
1/82 bis 1/93 und um einen großen Teil der Limesstrecke 2 von der Lahn über den
Taunus bis zur Aar, einem Nebenfluss der Lahn, mit den Wachtposten 2/1 bis
2/34. Auf seiner Strecke durch den Rhein-Lahn-Kreis passiert der Limes die
Gemarkungsgrenzen von 19 Stadt- und Ortsgemeinden. Er verläuft durch Landschaften
mit unterschiedlicher Flächennutzung. So liegen heute rund 53 % der Limestrasse
im Rhein-Lahn-Kreis in Waldgebieten, 37 % in landwirtschaftlich genutztem
offenen Gelände und 10 % unter bebauten Siedlungsflächen. Dementsprechend
unterschiedlich ist der Erhaltungszustand des Limes. Nahezu vollständig
zerstört sind die Überreste des Limes in den heute bebauten Siedlungsflächen
der Städte und Dörfer. In den Acker- und Wiesenflächen ist der Limes fast
überall eingeebnet. Seine Spuren sind aber im Boden noch vorhanden, doch durch
die moderne Flurbereinigung und das Tiefpflügen schwinden sie immer mehr
(Abb.
2). Die am besten
erhaltenen Limesabschnitte finden sich naturgemäß in den alten Waldgebieten.
Hier sind Wall und Graben, die Schutthügel der Wachttürme und einige
Umwehrungen der Kastelle noch gut erkennbar erhalten. Durch Limeswanderwege
sind sie leicht zugänglich. Entlang der Wanderwege trifft man dabei nicht nur
auf die Hinterlassenschaften der römischen Grenzbefestigung, sondern auch auf
zahlreiche kulturhistorische Zeugnisse anderer Epochen wie z. B. eisenzeitliche
Grabhügelfelder, mittelalterliche und frühneuzeitliche Landwehren und
Wildbanngrenzen, Hohlwege, Kohlenmeilerplätze und alte Steinbrüche.
Der Limes erreicht, von Hillscheid
kommend, zwischen den Orten Kadenbach und Arzbach den heutigen
Rhein-Lahn-Kreis. Seine Überreste sind im offenen Gelände eingeebnet, die
Standorte der einzelnen Wachtposten konnten jedoch durch die
Reichslimeskommission festgestellt werden. Der Limes führt den steilen Hang des
Mühlbergs hinab zum Kastell Arzbach, von dem ebenfalls nichts mehr zu sehen
ist. Das Kastell lag nahe der heutigen Kirche und war mit Steinmauern, Tor- und
Ecktürmen und einem doppelten Umfassungsgraben befestigt. Die Innenfläche
betrug etwa 79 m x 93 m. Das zivile Kastelldorf (vicus) erstreckte sich
südwestlich des Kastells, das Kastellbad konnte unter der Kirche nachgewiesen
werden. Zahlreiche archäologische Befunde gingen durch die Überbauung
unbeobachtet verloren. Bei den Bauarbeiten für das Altenheim und den
Kindergarten in den 60er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts zeigten sich
vielfach noch Keller, Herdstellen und Gruben, die nur notdürftig untersucht
werden konnten.
Vom Kastell Arzbach aus verläuft der
Limes am Großen Kopf vorbei. Hier steht auf den römischen Fundamenten
von Wachtposten 1/84 der Stephansturm
(Abb. 3). Er wurde 1954 als Limesturm errichtet,
jedoch mit einem Obergeschoss in nicht römischer Holzblockbauweise. Im Juni
2003 fügte ein Brand dem Turm starken Schaden zu, sein früherer Zustand soll
jedoch wieder hergerichtet werden. Nördlich des Großen Kopfes wendet sich der
Limes nach Osten und folgt in etwa dem heutigen Wanderweg nach Welschneudorf.
Auf die ersten sichtbaren Spuren des Limes stößt man aber erst nach 600 m.
Vorher kreuzt die 1770 angelegte kurtrierische Wildbanngrenze den Limes. Der
Wildgraben ist heute vor allem noch anhand der wallartigen Aufschüttung aus dem
Grabenaushub erkennbar. Der Limes führt um den Weißen Stein herum und von dort
in südwestliche Richtung unterhalb der First durch den Kemmenauer und Bad Emser
Wald bis zur Lahn. Am nordwestlichen Ortstrand von Kemmenau und südwestlich
davon sind Limeswall und Limesgraben sehr gut zu sehen. Ein Wanderweg verläuft
zunächst im Limesgraben, später dicht an der Innenseite des Walls entlang. Gut
erkennbar sind auch die Schutthügel von Wachtposten 1/88 an der Landstraße
zwischen Welschneudorf und Kemmenau und von Wachtposten 1/92 an der
Abzweigung der Alten Kemmenauer Straße zur Bad Emser Bismarckhöhe.
Südöstlich der Bismarckhöhe steigt der Limes in einer engen Schlucht steil nach Bad Ems hinab ins Tal der Lahn, die er östlich des Bad Emser Kurhauses erreicht. 1200 m westlich davon liegt am Ausgang des Emsbachtals im Bereich der evangelischen Martinskirche das Kastell Bad Ems, ein Steinkastell mit einem Grundriss von etwa 90 m x 140 m (Abb. 4). Der Truppenname des Numerus, der das Kastell errichtet hat und als Besatzung diente, ist nicht bekannt. Das bürgerliche Kastelldorf (vicus) erstreckte sich westlich und südlich davon im Bereich der heutigen Markt- und Koblenzer Straße, wo sich auch das Kastellbad fand. Die römischen Gräber lagen vorwiegend im Osten des Kastells zu beiden Seiten der Römerstraße. Im November 2002 wurde inmitten des Kastells, südöstlich der Martinskirche, die Baugrube für das neue Pfarrhaus ausgehoben. Obwohl die Archäologische Denkmalpflege in Koblenz zu spät benachrichtigt wurde, konnten die noch rasch durchgeführten Notgrabungen die bisher nur spärlichen Erkenntnisse zur Innenbebauung des Kastells und zur allgemeinen Besiedlungsgeschichte von der Eisenzeit bis zu den Dorfbränden des 17. und 18. Jahrhunderts wesentlich ergänzen. Gruben und Grubenhäuser mit latènezeitlichen und frührömischen Funden zeigen, dass der Platz schon vor dem Bau des Kastells genutzt wurde, Mauerzüge und ein Spitzgraben weisen auf eine spätere verkleinerte Anlage hin. Östlich vom Kastell führt der Limes im Bereich der heutigen Bogenbrücke über die Lahn. Hier konnte man den Fluss durch eine Furt und vermutlich über eine römische Brücke queren. Zur Sicherung dieser wichtigen Stelle lag auf dem südlichen Lahnufer im Stadtteil Spieß ein zweites Kastell in Bad Ems, das Kleinkastell „Auf der Schanz“, dessen Überreste jedoch vollkommen überbaut sind.
Von der Lahn zum Mühlbach
Auf der linken Lahnseite beginnt die
Strecke 2 des Limes. Auf dem Wintersberg steht beim Wachtposten 2/1 die älteste
Rekonstruktion eines Limesturms, 1874 von Bad Emser Bürgern zu Ehren Kaiser
Wilhelm I. errichtet. Der verschwundene hölzerne Umgang im Obergeschoss wurde
2005 wieder angebracht.
Von hier aus hatte man einen weiten Ausblick auf die nördliche Lahnseite bis zu
den Wachtposten bei Kemmenau. In die andere Richtung bestand Blickkontakt zu
dem heute auf (Ober-)Lahnsteiner Gebiet in einem Waldstück zwischen den Höfen
Wintersberg und Neuborn liegenden Wachtposten 2/2, dessen Grundmauern noch gut
erhalten sind. Die Fundamente wurden durch die archäologische
Denkmalpflege im Jahr 2004 ausgegraben und durch ein Team des VDGL Bad Ems e.V.
die Grundmauern wieder errichtet. Südöstlich des Turmes ist der Wallgraben noch
gut sichtbar und hier konnte, ebenso von Mitgliedern des VDGL Bad Ems e.V.,
wieder ein Stück Palisade errichtet werden.
Vom Hof Neuborn steigt der Limes im
Oberlahnsteiner Wald zum Kirschenkopf und zum Wolfsbusch bei Becheln
hinauf. Wall und Graben am Hang in Richtung zum Steinbruch wie auch die
Schutthügel von Wachtposten 2/3 und 2/4 sind noch gut erkennbar. Hier legte die
Ortsgemeinde Becheln zusammen mit der archäologischen Denkmalpflege im Jahr
2004 einen Rundwanderweg an, der am Dorfgemeinschaftshaus mit einer
Hinweistafel beginnt. Der Fußweg verläuft bis zum ehemaligen Steinbruch und von
dort entlang einem gut erhaltenen Teilstück des Limes. Nach einigen hundert
Metern biegt der gut gekennzeichnete Weg wieder zum Ausgangspunkt ab.
Auf der Kuppe des Wolfsbusch macht der Limes eine Biegung nach Südosten und
führt über den Höhenrücken auf der Wasserscheide zwischen Rhein und Lahn nordöstlich
an Becheln vorbei und um Schweighausen herum bis zum Mühlbachtal zwischen
Geisig und Berg. Sein Verlauf orientiert sich an einem bereits
vorgeschichtlichen Höhenweg, der an den großen Grabhügelfeldern nordöstlich von
Becheln, östlich von Schweighausen und südwestlich von Dornholzhausen
vorbei führt. Im Wald südöstlich von Becheln sind entlang des zur Straße nach
Schweighausen führenden Waldweges die Spuren des Limes meist noch sichtbar
erhalten. Auch die Standorte der Wachtposten 2/6, 2/7, mit besonders
stattlichem Schutthügel, und 2/8 sind im Gelände noch auszumachen. Dazwischen
liegt das Kleinkastell Becheln, von dem nur noch einzelne Spuren der Ausgrabung
von 1905 zu erkennen sind. Das Kastell wurde durch eine Steinmauer und einen
Spitzgraben geschützt und hatte eine Größe von etwa 22 m x 24 m.
Auf der landwirtschaftlich genutzten
Fläche um Schweighausen und Hof Dörstheck ist der Limes allenfalls noch im
Luftbild erkennbar. Dagegen gehört die Strecke im Wald bei Dornholzhausen zu
den am besten erhaltenen Limesabschnitten überhaupt. Vom Waldeingang südöstlich
von Hof Dörstheck bis zum Waldrand an der Kreisstraße K12 von Dornholzhausen
nach Geisig passiert der Limes die heutigen Gemarkungen von Oberwies,
Dessighofen, Dornholzhausen und Geisig. Er führt durch ein ausgedehntes
vorgeschichtliches Grabhügelfeld. Sichtbar sind auch die Schutthügel der
Wachtposten 2/12, 2/13 und 2/14. Der Wachtposten 2/14, ein quadratischer
Steinturm mit 5,6 m Seitenlänge, stand in einer 17 m breiten Lücke von Wall und
Graben und sicherte einen wichtigen Durchlass des Limes
(Abb. 5). Noch heute sind im Gelände alte
Hohlwege auszumachen, die an der Turmstelle zusammentreffen und davor und
dahinter fächerartig auseinander laufen. Hinter dem Waldrand erreicht der Limes
im freien Gelände nordöstlich von Geisig das steil abfallende Tal des
Mühlbachs, wo im Bereich der Dickmühle die Bachdurchquerung vermutet wird. Palisadengraben
und Limesgraben konnten erst wieder oben am Talrand westlich von Berg gefunden
werden.
Das Kastell Marienfels liegt
etwa 1,3 km vom Limes entfernt am Mühlbach. Hier konnte die
Reichslimeskommission zwei zeitlich aufeinander folgende Holz-Erde-Kastelle
entdecken. Nördlich davon liegt das gut untersuchte Kastellbad. Das ausgedehnte
Kastelldorf (vicus) erstreckte sich in einem weiten Bogen um die Holzkastelle
herum. In der Talaue des Mühlbachs nördlich der Kastelle kamen bei Bauarbeiten
und Kanalausschachtungen in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts neben römischen
Kulturschichten und Mauerresten auch zahlreiche gut erhaltene Holzpfähle und
Balken zu Tage. Die in Reihen senkrecht in den Boden gerammten und mit Steinen
verkeilten oder in horizontalen Balkenlagern verzapften Holzpfähle stehen sicherlich
im Zusammenhang mit der Vicusbebauung und dem Kastellbad. Vermutlich handelt es
sich um Überreste eines umfangreichen römischen Wasserleitungs- und
Drainagesystems, zum Teil auch um den Unterbau von Wegen im schon in römischer
Zeit feuchten Gelände. Drei dendrochronologisch untersuchte Eichenholzproben
ergaben, dass die Holzstämme um 142±5 n. Chr. gefällt wurden. Noch im 2.
Jahrhundert n. Chr. wurde das Kastell in Marienfels aufgegeben und durch das
näher am Limes gelegene Kastell Hunzel ersetzt. Kastelldorf und
Kastellbad blieben aber, wie Keramik- und Münzfunde belegen, bis in die Mitte
des 3. Jahrhunderts n. Chr. bestehen.
Jenseits des Mühlbachtals, auf der
Strecke von Berg nach Hunzel, zieht der Limes durch die Felder und
Wiesen am Südwestabhang oberhalb des Berger Baches und, nach einer Biegung in
nordöstliche Richtung, durch den heutigen Ort Hunzel und die sich
anschließenden Felder bis zum Wald östlich davon. Die Überreste von Wall und
Graben sind meist eingeebnet. Einzig in einer schmalen, mit Bäumen bestandenen
Parzelle östlich von Berg hat sich ein sichtbares Limesstück von etwa 110 m
Länge erhalten. Das Kastell Hunzel liegt rund 750 m südwestlich des heutigen
Ortskernes im Ackerland. Oberirdisch ist vom Kastell heute nichts mehr zu
erkennen. Die Ausgrabungen der Reichslimeskommission konnten nachweisen, dass
das Kastell einen fast quadratischen Grundriss mit Seitenlängen von rund 84 m x
89 m hatte. Das Kastell umgaben eine Steinmauer mit den üblichen vier
Zugängen und zusätzlich außen herum ein Spitzgraben. Innerhalb der Mauer ist
lediglich das zentrale Hauptgebäude (principia) mit seinen wichtigsten
Gebäudeteilen nachgewiesen worden. Die Lage und Ausdehnung des zivilen Dorfes
(vicus) südwestlich vom Kastell lässt sich lediglich durch römische Lesefunde
vom Acker und einige sich im Luftbild anhand des unterschiedlichen Bewuchses
andeutende Befundstrukturen erschließen.
In den bewaldeten Abschnitten
zwischen Hunzel und Pohl sind Limeswall und Limesgraben noch sehr gut
erhalten (Abb. 6).
Auch der Wachtposten 2/21 ist im Gelände auszumachen. Der Limes, auch
Pfahlgraben genannt, gab der Gemeinde Pohl den vom Wort „Pfahl“ hergeleiteten
Namen. In den Feldfluren bei Pohl sind seine Überreste heute aber eingeebnet.
An der Stelle, wo der Limes einen großen Bogen nördlich um den Ort herum macht,
lag ein Kleinkastell mit einer Fläche von rund 30 m x 40 m, das mit
Spitzgräben, Erdwällen und Palisaden befestigt war. Es sicherte einen wichtigen
Limes-Durchgang am Kreuzungspunkt zweier alter Überlandwege. Einer führte vom
Rhein bei Braubach ostwärts über Dachsenhausen und Marienfels nach Pohl und von
hier aus weiter über Katzenelnbogen zur Aar, der andere von der unteren Lahn
bei Nassau über Singhofen, Pohl und Holzhausen in die Nähe der Mündung des
Mains in den Rhein nach Mainz-Kastel.
Von Pohl aus verläuft der Limes
östlich entlang der unter Napoleon angelegten Bäderstraße (B 260) in Richtung Holzhausen
a. d. Haide. Jeweils in den Waldabschnitten sind seine Anlagen noch sichtbar
erhalten. Im Pohler Wäldchen ist in der Nachbarschaft von Hügelgräbern
Wachtposten 2/25 mit Holz- und Steinturm vorhanden. Der Limesgraben bildet hier
zunächst die Gemarkungsgrenze von Pohl und Obertiefenbach, danach die
Gebietsgrenze zwischen Obertiefenbach und Bettendorf. Besonders ausgeprägt
erhalten und gut erforscht sind auch Limeswall und Limesgraben sowie die
verschiedenen Bauphasen des Wachtpostens 2/27 im Kohlwald südlich von Obertiefenbach.
Über einen kleinen Holzturm wurde später ein größerer errichtet. Beide Türme
waren von einem Ringgraben mit 12 bzw. 19,50 m Durchmesser umgeben. Den
Holzturm ersetzte schließlich ein Steinturm hinter einer Unterbrechung des
Walls für den Limes-Durchgang. Im Wald westlich der Bundesstraße B 260 auf der
Gemarkung von Miehlen liegen rund 180 m hinter dem Limes die Reste des
Kleinkastells Pfarrhofen mit einer fast quadratischen Grundfläche von 38 m x 40
m. Seine Mauerecken stießen rechtwinklig aufeinander und waren nicht, wie sonst
üblich, abgerundet. Einen Umfassungsgraben hatte das Kastell nicht.
Hinter dem Kohlwald zieht der Limes
durch die Felder nordwestlich von Holzhausen, danach schräg durch den Friedhof
und in den Ort hinein. Vom Waldrand südöstlich von Holzhausen an ist der Limes
wieder bis auf wenige Unterbrechungen sehr gut zu verfolgen. Nördlich vom
Kastell Holzhausen verläuft er über eine Länge von 250 m durch die Gemarkung
von Rettert. Die Wachtposten 2/33 und 2/34 sind als Schutthügel mit
Grabungsspuren gut zu erkennen. Am Nordwestabhang des Grauen Kopfes liegt im
lichten Buchenwald das Kastell Holzhausen. Es wurde unter Kaiser Commodus
(180-192 n. Chr.) errichtet. Als Kastellbesatzung diente die 2.
Treverer-Kohorte (Cohors II Treverorum). Das Kastell hatte eine Grundfläche von
135 m x 106 m und eine 3,50 m hohe und 1,50 m dicke Steinmauer. Die Außenseite
war weiß verputzt und mit einem aufgemalten roten Strich waren Quaderfugen
angedeutet. Vor der Mauer lag ein 6 m breiter Spitzgraben, innen verlief auf
einer gegen die Mauer aufgeschütteten Erdrampe der Wehrgang. Tor- und
Ecktürme sicherten die Anlage.
Das Kastell Holzhausen mit seiner
heute noch bis zu 3 m hohen wallartigen Umwehrung ist eines der am besten
erhaltenen Kastelle am Limes überhaupt
(Abb. 7). Im Innern wurden das Hauptgebäude
(principia) mit dem Heiligtum für die Truppenstandarten sowie Überreste der Mannschaftsbaracken
und ein Brunnen nachgewiesen. An der Nordostseite führte die Kastellstraße
durch das Haupttor (porta praetoria)
(Abb. 8)zum Kastelldorf und weiter zum 400 m
entfernten Limesdurchgang beim Wachtposten 2/35. Dieser liegt bereits außerhalb
des Rhein-Lahn-Kreises, jenseits der heutigen Landesgrenze zwischen
Rheinland-Pfalz und Hessen.
Ausgewählte Literatur:
- D. B a a t z, Der römische Limes.
Archäologische Ausflüge zwischen Rhein und Donau. 4. Auflage (Berlin 2000).
- Th. B e c k e r, St. B e n d e r,
M. K e m k e s, A. T h i e l, Der Limes zwischen Rhein und Donau. Ein
Bodendenkmal auf dem Weg zum UNESCO-Weltkulturerbe. Archäologische
Informationen aus Baden-Württemberg 44 (Stuttgart 2001).
- E. F a b r i c i u s, F. H e t t n
e r, O. v o n S a r v e y, Der obergermanisch-raetische Limes des Römerreiches.
Abt. A Streckenbeschreibungen, Abt. B Beschreibungen der Kastelle, 14 Bde.
(Berlin, Leipzig 1894-1937).
- C. A. J o s t, Der Römische Limes
in Rheinland-Pfalz. Archäologie an Mittelrhein und Mosel 14 (Koblenz 2003).
- M. K l e e, Der Limes zwischen
Rhein und Main (Stuttgart 1989).
- B. R
a b o l d, E. S c h a l l m a y e r, A. T h i e l, Der Limes. Die Deutsche Limes-Straße vom Rhein
bis zur Donau (Stuttgart 2000).
- Der römische Limes in Deutschland:
100 Jahre Reichs-Limeskommission. Sonderheft der Zeitschrift „Archäologie in
Deutschland“ 1992 (Stuttgart 1992).
Abbildungen:
Abb. 1: Rekonstruktion der letzten Ausbauphase des obergermanischen Limes um die Wende zum 3. Jahrhundert n. Chr.
Abb. 2: Luftbild mit eingezeichnetem Limesverlauf südöstlich von Arzbach. Auf dem bewirtschafteten Feld in der Bildmitte lassen unterschiedliche Bewuchsmerkmale noch den ehemaligen Limesgraben und parallel dazu verlaufend das schmalere Gräbchen für die Holzpalisade erkennen.
Abb. 3: Arzbach. Stephansturm auf dem Großen Kopf. In Anlehnung an die Limestürme wurde er dreigeschossig gebaut mit einem Untergeschoss aus Bruchsteinen, einem Mittelteil in nicht römischer Holzblockbauweise und einem Fachwerkobergeschoss mit umlaufender Aussichtsgalerie.
Abb. 4: Bad Ems. Luftbild mit eingezeichnetem Kastellgrundriss. Das größtenteils schon im Mittelalter überbaute Kastell grenzt mit seiner Westseite ungefähr an die heutige Marktstraße. Das Hauptgebäude (principia) ist im Bereich südlich der Pfarrkirche St. Martin zu vermuten.
Abb. 5: Geisig. Rekonstruktion des Steinturms von Wachtposten 2/14. Er stand in einer 17 m breiten Unterbrechung von Wall und Graben. Alte Handelswege kreuzten hier den Limes.
Abb. 6: Pohl. Im lichten Buchenwald nordwestlich der Ortsbebauung von Pohl sind Limeswall und Limesgraben heute noch besonders gut erkennbar.
Abb. 7: Holzhausen a. d. Haide. Das Kastell Holzhausen gehört zu den am besten erhaltenen Kastellen am Limes überhaupt. Im Innenraum sind noch einige Steinfundamente des Hauptgebäudes (principia) zu erkennen. Die übrigen Teile des Gebäudes wie auch die restlichen Bauten im Kastell bestanden aus Holz und haben keine sichtbaren Spuren hinterlassen.
Abb. 8: Holzhausen a. d. Haide. Rekonstruktion des Haupttores des Kastells. Die Außenseite der Kastellmauer war ehemals weiß verputzt und mit einem aufgemalten roten Quaderstrich waren Quaderfugen angedeutet.